33-34/2002

INHALT

Leitartikel

Maria, Tochter der Erde, Königin des Alls

von Hildegard Schmittful

 

Dieses Buch ist bahnbrechend. Hinter einem fast traditionell frommen Titel verbergen sich tiefgreifende Reflexionen zur Herausforderung durch die Postmoderne und durch ein neues, kosmo-ökologisches Paradigma.» Mit diesen Worten charakterisiert der bekannte brasilianische Befreiungstheologe Leonardo Boff das eben erschienene Buch von Pia Gyger<1>. Boff meint weiterhin, dass Pia Gyger in diesem Buch aufzeigt, dass Maria von Nazareth die Sehnsucht des postmodernen Menschen stillen kann. In der Tat, greift es doch uralte christliche Themen auf und erschliesst deren Sinn auf neue und zeitgemässe Art. Im Mittelpunkt der Ausführungen stehen die Mariendogmen. Die Autorin erkennt in ihnen ein Leitbild für die Entwicklung des menschlichen Potentials:

Theotokos

Maria Theotokos ­ die Gottesgebärerin ist Urbild des Weiblichen. «Wissenschaftler der verschiedensten Disziplinen sagen uns, dass wir in einer Zeit leben, in der sich der schnellste und tiefgreifendste Wandel in der bisherigen Menschheitsgeschichte vollzieht... Und er passiert um und an uns, innerhalb von Jahrzehnten... Die Geschwindigkeit, mit der das postmoderne Zeitalter über uns hereingebrochen ist, liess uns keine Zeit, die für diese Komplexität notwendenden, neuen Antworten zu finden. Das heisst, wir haben eine neue Art des ÐSchwimmensð zu erlernen... Ist der menschliche Organismus auch jetzt wieder lernfähig? Können wir, indem wir uns eins mit der Welle erfahren, im Ozean der uns umgebenden Komplexität schwimmen, surfen, ohne unsere Mitte zu verlieren... Und was hat diese lebenswichtige Frage mit dem Mariendogma... zu tun?»
Frauen wie Männer sind herausgefordert, das, was wir mit «weiblich» umschreiben, in sich zu entfalten. «Das Weibliche im Menschen ist jener Aspekt, der am offensten und empfänglichsten ist für die Gottesgeburt... Das wesenhaft Weibliche ist der in allem, auch in jedem Menschen wirkende Drang nach Selbsttranszendenz. Dieser Drang... treibt uns..., das zu werden, was wir sind» und «unsere tiefste Sehnsucht erkennen,... Mitschöpferin und Mitschöpfer Gottes zu sein... Maria Theotokos... ist von Seiten der Erde her der erste zur Himmelspforte gewordene Mensch. Die Gottesgeburt in uns ist ein Geschenk der Gnade. Diese in uns lebende Gnade aber fordert die Ausrichtung all unserer Kräfte, damit sie Gestalt annehmen kann.»

Aeiparthenos

Maria Aeiparthenos ­ Ewig Jungfrau ist Urbild des Wesensgehorsams. Dieser Gehorsam «verwirklicht sich in dem Masse, wie wir bereit sind, die aus unserer Tiefe aufsteigenden Impulse zu hören, ihnen zu ge-horchen, sie im Hier und Jetzt zu verwirklichen. In all den Zeugnissen jener Menschen, die sich auf das grosse Abenteuer der Gotteserfahrung einliessen, ist das freie JA Voraussetzung, dass der Prozess der Wandlung beginnt.» Das Stichwort hierfür ist die «Aszese der Entfaltung». «Unser menschliches Potential... wird von uns oft irregeleitet durch vorwiegend triebhaft-sinnliche Bedürfnisbefriedigung. Weil aber diese Bedürfnisbefriedigung unsere Sehnsucht nach Sein nicht stillt, werden wir immer hungriger. Studien im Bereich der transpersonalen Psychologie zeigen, dass sich die Themen in den therapeutischen Prozessen wesentlich verändert haben. Nicht mehr die verdrängten Triebkonflikte, die Ðnormalen Neurosenð sind die häufigsten Ursachen von psychischen Leiden. Die Hauptursache ist die Angst vor der Entfaltung des eigenen Potentials.»

Immaculata Concepta

Maria Immaculata Concepta ­ die Unbefleckt Empfangene ist Urbild der neuen Schöpfung. Als «Voll- und Ersterlöste» (Rahner) wird Maria «Symbol der neuen Menschheit» (Boff), das heisst in ihr ist die tief reichende Spaltung der Welt aufgehoben. «In ihr kommt das Ursprüngliche des göttlichen Planes zum Vorschein... Maria Immaculata Concepta sagt uns: ÐDu trägst die Samen der neuen Schöpfung in Dir! Öffne Dich der in Dir schlummernden Wirklichkeit. So wie Du über Dich selber denkst, so verhältst Du Dich.ð... Die Unbefleckt Empfangene als Leitbild ist das Heilmittel für die in uns noch immer wirkenden Programmierungen, die uns als Ðvon Natur aus schlechtð und unwürdig charakterisieren.»

Assumpta

Maria Assumpta ­ mit Leib und Seele zum Himmel Erhobene ist das Urbild des neuen Menschen. «Nicht Auflösung der Materie ist Ziel der christlichen Fülle, sondern Transformation der Materie. Die Auferstehung Christi und Marias zeigen, dass die Materie berufen ist, ins trinitarische Geheimnis aufgenommen zu werden.» In der Auseinandersetzung mit der Frage um die «letzten Dinge» setzt sich Pia Gyger intensiv mit der christlichen Zielgestalt der «Verwandlung der Materie» und der buddhistischen Zielgestalt «der Leere» auseinander.
In der weiteren Entwicklung des Gedankens der Entfaltung des menschlichen Potentials nimmt die Autorin einen schon früher formulierten Gedanken aus der christlichen Mystik auf: Maria als Braut Christi, geschmückt mit dem Kleid der neuen Schöpfung. Es geht hier um ein geistiges Phänomen, nicht um ein inzestuöses Geschehen. Vielmehr geht es darum, dass das Weibliche, die Vertreterin der Schöpfung, zur Partnerin Gottes wird. Gott kann unsere Probleme nicht lösen, es sei denn, wir sind seine Hände und damit Marias Hände, Mund und Herz. Im letzten sind das alles Bilder, ebenso wenn Pia Gyger von der Hochzeit zwischen Geist und Materie spricht, zwischen Gott und seiner Schöpfung, für die Christus und Maria stehen, in deren Vereinigung eine Versöhnung stattfindet.

Eine Berufung, die jedem Menschen gilt

Immer geht es in diesen Ausführungen darum, dass auf Maria hin eine Berufung formuliert ist, die für jeden Menschen gilt. In den weiteren Kapiteln entfaltet die Autorin Maria in ihren kosmischen Dimensionen. Als Königin der sichtbaren und unsichtbaren Schöpfung wird dem historischen Menschen Maria eine Würde zugesprochen, die sie nicht nur der sichtbaren Schöpfung, sondern auch der geistigen Welten überstellt. Aber nicht genug: «In Maria wird erlöst die alte Schlange.» Pia Gyger ist überzeugt, dass durch die mütterliche und barmherzige Liebe alle Schattenreiche erlöst werden und nicht in der ewigen Verdammnis bleiben. Es geht um einen neuen Umgang mit dem Dunklen in der Welt. Nur in der Kraft unseres Herzens werden wir fähig, die Probleme unserer Zeit zu lösen. Und darin kann und soll uns «Maria Lehrerin einer neuen Macht sein, die geboren wird in der Stille des Herzens, vor allem Tun und getränkt von der Ohnmacht der Liebe». In einem Kreuzweg, der die Leiden im heutigen Leib Christi entlang der Leidensstationen Jesu anspricht, wird Maria als Miterlöserin der Menschheit angerufen.
Die Autorin, die 12 Jahre lang Leiterin des St. Katharinawerkes war, geht in diesem Buch in eine dialogische Auseinandersetzung mit der kirchlichen Tradition, mit der christlichen Mystik, mit Erkenntnissen aus der Naturwissenschaft und der Psychologie. Ihre Erfahrungen als spirituelle Lehrerin und als Zen-Meisterin fliessen ebenso ein wie viele pädagogische Hinweise für einen spirituellen Weg.
Die einzelnen Themen sind wirkungsvoll ergänzt durch Bilder der Künstlerin Susan Herrmann-Csomor aus Ballwil, die mit grosser Einfühlsamkeit und Kreativität die Themen von innen her erschlossen und in Farbe und Form gebracht hat.

 

Hildegard Schmittfull ist Sozialarbeiterin und Theologin, Mitglied des St. Katharinawerkes (1994­2000 dessen Leiterin), Kontemplationslehrerin, zurzeit besonders engagiert im Projekt «Hoffnung braucht neue Wege», ein Projekt in der Kirche auf dem Weg ihrer Erneuerung.


Anmerkungen

1 Pia Gyger, Maria, Tochter der Erde ­ Königin des Alls. Vision der neuen Schöpfung, Kösel Verlag, München 2002.

2 Vorgängig erschienen: Mensch verbinde Erde und Himmel, Rex Verlag, Luzern 1993; Die Erde ruft, Rex Verlag, Luzern 1996.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2002