29-30/2002 | |
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Leitartikel |
Zur Mobilität der heutigen Menschen gehört auch der Tourismus.
Deshalb gibt es in den meisten Touristikzentren kirchliche Angebote der
Pfarreien, welche sich an die Touristen wenden: mehrsprachige Gottesdienste,
Gesprächsangebote, Meditationen usw. Aber es genügt nicht mehr,
nur die Touristen pastoral zu betreuen. Die Freizeit, die in den letzten
Jahren einen neuen Stellenwert erhalten hat, muss in die pastoralen Überlegungen
einbezogen werden.
Freizeit und Freizeitgestaltung haben in den letzten Jahren einen neuen
Stellenwert erhalten. Sie nehmen im Leben eines jeden Menschen einen immer
breiteren Raum ein, der nach eigenen Bedürfnissen gestaltet wird.
Freizeit gibt in erster Linie mehr Zeit und Raum für das Familienleben.
Sie dient der Pflege von Kontakten in Freundeskreisen. Sie gibt Gelegenheit
zur Musse und zur Erholung von den beruflichen Anforderungen. Sie soll aber
auch Gelegenheit geben zur persönlichen und beruflichen Weiterbildung.
Sie kann aber auch Anlass sein zur Stille und zur Einkehr als Gegensatz
zum oft hektischen Arbeitsalltag. Sie kann helfen, sich neu auf die wesentlichen
Werte zu besinnen, nach denen sich das Leben jedes Einzelnen ausrichtet.
Immer häufiger wird Freizeit als «Reisezeit» genutzt an
Wochenenden, über die Feiertage und insbesondere in den Ferien. Es
ist bekannt, dass in einzelnen Stadtquartieren beinahe ein Drittel der Bewohnerinnen
und Bewohner am Freitagabend ins Weekend verreist, um am Sonntagabend wieder
zurückzukehren. Es ist auch bekannt, dass die verlängerten Wochenenden
über die Feiertage von einer steigenden Zahl von Reiselustigen für
einen «Kurztrip» ins Ausland benutzt werden. Es ist auch bekannt,
dass Ferien zu Hause nicht mehr «in» sind; die Reiseangebote
vor allem für Familien sind in den letzten Jahren zu einem «Renner»
geworden, den zu nutzen jeder und jede beinahe verpflichtet ist, wenn sie
dem Zeitgeist entsprechen wollen.
Dies hat vor allem Auswirkungen auf das Leben der Pfarreien: Kirchliche
Gemeinschaft in der Pfarrei erleben immer weniger Menschen, weil einerseits
Wohnort und Arbeitsort vielfach nicht mehr identisch sind und weil andererseits
gerade die wichtigen Momente des kirchlichen Lebens von einem steigenden
Anteil von Gläubigen ausserhalb der Pfarrei verbracht wird. Dies gilt
nicht mehr nur für die Pfarreien in den Städten, sondern ist auch
in den Dörfern zur «Tagesordnung» geworden.
Kirchliche Gemeinschaft wird von vielen nicht mehr erfahren. Sie nehmen
wohl die Dienste der Kirche bei besonderen persönlichen und familiären
Anlässen in Anspruch, die meist nicht mehr in den Rahmen der Gemeinschaft
eingebaut sind: Hochzeiten werden an Orten mit einer bestimmten ansprechenden
Ambiance gefeiert, Taufen werden ausserhalb der Gemeinschaft in besonderen
Gottesdiensten gespendet, an Firmgottesdiensten nehmen meist nur die Angehörigen
der Firmlinge teil. Die bestbesuchten Gottesdienste sind zudem, vor allem
in ländlichen Gegenden, jene Messen, in denen es gilt, von einem Verwandten
oder Bekannten Abschied zu nehmen und ihn auf seinem letzten Weg zu begleiten.
Die Pfarrei ist kein «sozialer Ort» mehr, in dem persönliche
Beziehungen aufgebaut und gepflegt werden.
Es ist heute ein gewohntes Bild, dass während der Ferienzeit die Zahl
der Kirchenbesucher in den Pfarreien auf ein Minimum absinkt und deshalb
in diesen Wochen ein «reduziertes Angebot von kirchlichen Diensten»
besteht. Hingegen sind in den Tourismuszentren eine grosse Zahl von «Fremden»
anzutreffen, die keine engeren Beziehungen zu den Bewohnern der Gemeinde
oder zu den eingesessenen Pfarreiangehörigen haben.
Somit bedeutet Freizeit eine Chance und eine Herausforderung an die Kirche,
wie mit diesem Bereich, der immer bedeutsamer wird, auch in der Seelsorge
umgegangen werden kann. Neue Überlegungen sind deshalb vonnöten,
wie die sozialen Beziehungen neu aufgebaut werden können. Insbesondere
Pfarreien in den Tourismusorten erwarten Hilfe und Unterstützung in
ihren pastoralen Aufgaben. Sie haben neben der ordentlichen Pfarreiseelsorge
eine zusätzliche Aufgabe wahrzunehmen, wenn sie auch auf die Anfragen
und Anliegen der Touristen eingehen wollen.
Eine Stabsstelle der Schweizer Bischofskonferenz ist die Kommission «Kirche
im Tourismus». Sie hat sich bisher ausschliesslich mit der Frage der
pastoralen Betreuung der Touristen in den Touristikzentren befasst, indem
sie Texte für Gottesdienste in verschiedenen Sprachen verfasste, Aushilfen
durch Seelsorger während der bekannten Reisezeiten organisierte und
die Pfarreien sensibilisierte, auf die Anliegen der Touristen, vor allem
der ausländischen, einzugehen.
Die Kommission der Schweizer Bischofskonferenz für Migration, migratio,
hat den Bischöfen den Antrag unterbreitet, nicht nur den Bereich Tourismus
in die Seelsorge einzubeziehen, sondern den Auftrag auszuweiten und vor
allem der Freizeit und dem Freizeitverhalten der Gläubigen ein besonderes
Augenmerk zu schenken. Denn gerade ausserhalb der alltäglichen Anforderungen,
wie sie der berufliche und private Alltag stellen, sind Menschen vermehrt
offen für spirituelle und geistige Werte. Auf diese Situationen hat
die Kirche heute einzugehen, sei es für jene, die ihre Freizeit in
den Pfarreien verbringen, sei es für jene, welche die Freizeit benutzen,
ausserhalb der Pfarrei neue Erfahrungen und Begegnungen zu wagen. Deshalb
sind neue Wege der Seelsorge zu suchen, welche diese Bereiche neu erfassen
(siehe dazu den nachstehenden Beitrag).
Mobilität ist eine neue Lebensform der heutigen Menschen. An dieser
Lebensform kommt die Kirche nicht vorbei, wenn sie ihrem Auftrag der Sendung
zu allen Menschen gerecht werden will. Dazu braucht es neue, vielleicht
unkonventionelle Formen der Seelsorge, die über die engen Grenzen der
Pfarreien hinausgehen und die Menschen dort abholen, wo sie sind.