27-28/2002

INHALT

Leitartikel

Afrika in der Schweiz

von Rolf Weibel

 

Der Luxemburger Weisse Vater Jean Flies, der einige Jahre in der Schweiz gelebt hat, berichtet von widersprüchlichen Reaktionen auf das Türschild «Afrikamissionare» der Niederlassung Luzern, von der aus er gewirkt hat. Für viele Hiesige schrecke dieser Name genau so ab wie ein Schildchen mit der Aufschrift «Bissiger Hund». Ganz anders für die afrikanischen Immigranten, welche die Weissen Väter in Afrika gekannt haben. «Sie fühlen sich wohl in unserer Gemeinschaft, so wie früher daheim.» Weil die Kirche in der Schweiz nichts unternommen hätte, um ihnen zu einer besseren Integration behilflich zu sein, hat er sich aus eigener Initiative um diese Immigranten zu kümmern begonnen. Nachdem er nach Luxemburg zurückgekehrt ist, führt der Weisse Vater Fridolin Zimmermann mit der Unterstützung seiner Gemeinschaft und der Gutheissung der Schweizer Bischöfe diese Arbeit weiter. Er nennt sein Werk «VoCAS» (Volontaires Chrétiens Africains Suisse) ­ Vocas, Domine: Tu appelles, Seigneur/Du rufst, Herr.
Christliche afrikanische Immigranten und Immigrantinnen, die in Afrika nicht katholischen Kirchen und Gemeinschaften angehört hatten, sammeln sich zunehmend in «afrikanisch initiierten Kirchen», in Niederlassungen afrikanischer Kirchen oder in Neugründungen.<1> Sie ermöglichen ihnen auch in Europa und Amerika die Entwicklung einer afrikanischen christlichen Kultur und einer darauf gründenden Identität.<2> Um den katholischen afrikanischen Immigrantinnen und Immigranten eine katholisch kirchliche Identität vorzuschlagen, hat «VoCAS» Mitte Juni 2002 gemeinsam mit «Parole et Mission» ­ Groupe de Coopération Missionnaire de Suisse Romande ­ eine afrikanische Wallfahrt nach St-Maurice durchgeführt.
Als eine Antwort auf die verstärkte Suche christlicher Immigranten und Immigrantinnen aus Afrika nach einem europäischen Weg der afrikanischen Identität könnte St-Maurice zur Identitätsfindung afrikanischer Katholiken und Katholikinnen in der Schweiz in der Tat beitragen. In St-Maurice werden nämlich nicht nur afrikanische Heilige aus der Spätantike verehrt ­ neben Mauritius und seinen Glaubensgeschwistern der thebäischen Legion auch Augustinus ­, besonders verehrt werden neuerdings auch die ugandischen und kongolesischen Martyrer des 19. Jahrhunderts. Bereits haben die Weissen Väter Reliquien des heiligen Charles Lwanga und seiner Gefährten nach St-Maurice überführt. So soll St-Maurice zum Ort in der Schweiz werden, zu dem die katholischen Afrikaner und Afrikanerinnen alljährlich hinpilgern und an dem sich Gläubige afrikanischer und schweizerischer Herkunft begegnen können. Um die spirituellen und liturgischen afrikanischen Kulturen zu pflegen und der kulturellen Entfremdung entgegenzuwirken, möchte P. Fridolin Zimmermann zudem einmal im Monat zu einem afrikanisch animierten Gottesdienst im Afrikazentrum der Weissen Väter in Freiburg und alle zwei bis drei Monate in verschiedene Schweizer Städte einladen können. Um den Zusammenhalt unter den afrikanischen Katholikinnen und Katholiken zu fördern, plant er einen Rundbrief, zunächst mit französisch-, später auch mit englisch- und deutschsprachigen Beiträgen. Dieser Zusammenhalt ist nicht nur deshalb schwierig, weil die Afrikaner und Afrikanerinnen in der ganzen Schweiz zerstreut sind, sondern auch und vor allem, weil die afrikanische Gemeinschaft in der Schweiz international zusammengesetzt ist, aus vielen verschiedenen Ethnien besteht, von denen sich manche in Afrika befehden und blutig bekämpfen.
«VoCAS» will also die in der Schweiz bestehenden nationalen afrikanischen Gruppierungen nicht konkurrenzieren, sondern zusätzlich einen internationalen Ort der Begegnung und des Austauschs («partage de vie») anbieten und so auch «ein Forum und ein Laboratorium für den Frieden» werden. So soll die Aktualität der Migration zur Sprache kommen und sich auf die Situation in der Schweiz auswirken ­ als ein Beitrag zum einen gegen die Gefährdungen der Migration (Sekten, Drogen, Prostitution) und zum andern für eine vermehrte Partizipation vor Ort, so dass die katholischen Afrikanerinnen und Afrikaner in der Schweiz zu einem dynamischen Element in der hiesigen Ortskirche werden können. Zum andern soll auch die afrikanische Aktualität zur Sprache kommen, was Rückwirkungen auf Afrika haben und namentlich zur Überwindung des Ethnozentrismus beitragen können sollte.
Weil die Weissen Väter als Afrikamissionare Afrikanern und Afrikanerinnen nahe sein wollen, gehen sie ihnen auch in der Migration nach. Nicht ausgeschlossen ist, dass schon bald einmal afrikanische Weisse Väter ihren europäischen Mitbrüdern in Europa dabei zu Hilfe kommen. Vorläufig hoffen sie auf eine Unterstützung ihrer Arbeit auch durch die afrikanischen Priester und Theologen, die in der Schweiz einen pastoralen Dienst leisten. Vor allem aber hoffen sie, mit möglichst vielen afrikanischen Katholikinnen und Katholiken in Kontakt kommen zu können.<3>


Anmerkungen

1 In Afrika haben sich diese Kirchen bereits 1978 zur Organization of African Instituted Churches (OAIC, P.O.Box 21736, Nairobi, Kenya) zusanmmengeschlossen.

2 Siehe dazu den Tagungsbericht «Afrikanisch initiierte Kirchen», in: SKZ 169 (2001) Nr. 43, S. 597f.

3 Mitteilungen und Hinweise sind erbeten an P. Fridolin Zimmermann WV, Africanum, Vignettaz 57, Postfach 134, 1703 Freiburg, Telefon 0264254264, Fax 0264240363, E-Mail animafri@worldcom.ch


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2002