26/2002

INHALT

Leitartikel

Das Hymnenbuch der Kirche

von Vitus Huonder

 

Der Psalter ist für die Kirche zum eigentlichen Hymnenbuch geworden.<1> Der Begriff Hymnus hat in der Liturgie zwar eine bestimmte Bedeutung. Er ist ein religiöser Gesang, ein dichterisches Werk aus der Zeit der Kirche. In diesem Sinn ist er ein Gattungselement, welches neben den Psalmen und Cantica und weiteren Elementen eine eigene Grösse darstellt.
Doch ursprünglich war dieser Begriff nicht so eng gefasst. Daher konnten auch die Psalmen als Hymnen bezeichnet werden. Ja, die Psalmen werden in einer bestimmten Entwicklungsphase die Hymnen der Kirche. Um das zu illustrieren, müssen wir einige geschichtliche Daten aufgreifen.
Die Hymnendichtung brachte schon im zweiten/dritten Jahrhundert eine beträchtliche Anzahl christlicher Gesänge hervor (vgl. die Oden Salomos; die Dichtungen von Clemens von Alexandria u.a.m.). Um die Wende des dritten zum vierten Jahrhundert werden aber immer mehr Vorbehalte dieser Kunst gegenüber laut. Der Grund sind die häufig falschen Aussagen über den Glauben, vor allem über Jesus Christus in verschiedenen Hymnen. Gerne benutzen auch Theologen, welche als unzuverlässig gelten, den literarischen Ausdruck des Hymnus, um ihre Lehren zu verbreiten (vgl. Arius). Das führt dazu, dass die Verwendung von Hymnen in der Liturgie untersagt wird. So verbietet die Synode von Laodicaea (zwischen 343 und 381 anzusetzen) den Einbezug von psalmi idiotici (selbst gedichtete, zeitgenössische Gesänge) in die Liturgie.
Diese Entwicklung führt zu einer neuen Wertschätzung der Psalmen. Wohl hatten sie in der Liturgie als biblische Texte immer ihren Platz, sei es als Lesungen, sei es als Liedgut (vgl. die Traditio apostolica von Hippolyt). Nun werden sie als die lehrmässig zuverlässigen Lieder und Gebete betrachtet. Es wächst die Überzeugung, dass sie den Glauben, vor allem die Christologie, irrtumsfrei weitergeben.
Nebenbei sei erwähnt, dass sich nur wenige alte Hymnen halten konnten: zum Beispiel Heiteres Licht, Ehre sei Gott in der Höhe. Anderseits geben anerkannte Hymnendichter wie Ephräm der Syrer (Ý 373), Ambrosius von Mailand (Ý 397), Prudentius (Ý nach 405) und Sedulius (Ý um 450) dem Hymnus seine Glaubwürdigkeit zurück. Immerhin verbietet noch das Konzil von Braga 561 die Verwendung jedes nichtbiblischen Gesanges in der Liturgie. Interessant ist auch die Forderung des Konzils von Toledo 589, das christliche Begräbnis dürfe nur vom Gesang der Psalmen begleitet sein. Das dürfte eine Reaktion gegen heidnische Klagegesänge und Totenlieder darstellen. Eben der Gesang bestimmter Bestattungspsalmen soll den österlichen Charakter des christlichen Begräbnisses hervorheben.
Wie wir schon früher feststellen konnten, bekommen die Psalmen eine herausragende messianische Bedeutung: Sie werden als Gesänge Davids betrachtet und daher auch für den kommenden David verwahrt. Mit ihnen betet David, mit ihnen wird auch der kommende David beten. In ihnen ist die Rede vom Schicksal Davids, in ihnen ist auch die Rede vom Schicksal des kommenden Davids. Entsprechend ist die Verwendung der Psalmen im Neuen Testament. Sie werden dort sehr oft auf Christus, den Messias, und auf das messianische Gottesvolk, die Kirche gedeutet. Wir sprechen von der Relektüre der Psalmen, von einer Wiederlesung dieser biblischen Texte im Licht des Christusereignisses. Von da ist der Schritt zur christologischen Deutung der Psalmen bei vielen Kirchenvätern nicht mehr weit. Die Psalmen gelten als Gebete, in denen wir uns an Christus wenden. Christus ist der Gott und Herr der Psalmen. Die Psalmen erhalten anderseits auch den Sinn von Gebeten im Munde Christi. Der Beter der Psalmen ist Christus. Die Psalmen beten heisst dann, mit Christus zum Vater im Himmel rufen.
Dabei unterscheiden die betreffenden Väter zwischen Haupt und Leib. In den Psalmen betet Christus sowohl als Haupt wie als Leib, das heisst in der Gestalt der Kirche, in der Gestalt der Gläubigen. In diesem Sinn sagt der heilige Augustinus bei seiner Darlegung von Ps 63 (62): «Dieser Psalm wird von der Person unseres Herrn Jesus Christus gesprochen, sowohl vom Haupt als auch von den Gliedern ... Er ist unser Haupt. Wenn er das Haupt ist, dann sind wir die Glieder ... Hören wir also hin auf den Psalm und erkennen wir in ihm den sprechenden Christus» (Enar. in Ps LXII, 2). Wir dürfen daher sagen, dass der Psalter für die Kirche zum einzigartigen Christusbuch neben den Evangelien geworden ist.
Zusammenfassend halten wir fest: Die Psalmen sind die eigentlichen Hymnen der Kirche. Sie sind jene vorbildlichen Gesänge über Christus und die Kirche, an denen sich jede andere religiöse Dichtung, jeder andere Hymnus messen muss, um liturgische Akzeptanz zu gewinnen.

 

Vitus Huonder, Generalvikar des Bistum Chur für den Kanton Graubünden, wurde von der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg für das Fach Liturgiewissenschaft habilitiert (Vitus Huonder, Die Psalmen in der Liturgia Horarum, [Studia Friburgensia, Neue Folge 74], Freiburg Schweiz 1991).


Anmerkung

1 Der vorliegende Beitrag schliesst an die Beiträge «So sollt ihr beten» (SKZ 169 [2001] Nr. 46, S. 645f.), «Vertrauensvoll beten» (SKZ 169 [2001] Nr. 50, S. 709­711), «Lobgesang» (SKZ 170 [2002] Nr. 10, S. 133f.) und «Für den Tag des Sabbat» (SKZ 170 [2002] Nr. 12, S. 173f.) an.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2002