24/2002 | |
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Leitartikel |
In den «Opuscules de piété»<1>
von Pierre de Bérulle (15751629) lesen wir: «Puisque Dieu
cherche la terre, aime la terre, je veux me convertir maintenant non au
ciel, mais à la terre, et y chercher Jésus-Christ. Da Gott
die Erde aufsucht, die Erde liebt, will ich mich jetzt nicht dem Himmel,
sondern der Erde zuwenden und hier Jesus Christus suchen.» In der
strengen und gleichzeitig schlichten Frömmigkeit seiner Mutter, Louise
Séguier, erzogen, die die letzten 22 Jahre ihres Lebens im Pariser
Karmel verbringen wird, fällt er bereits als Kind durch seinen grossen
Ernst auf. Mit sieben Jahren verliert er den Vater, Claude de Bérulle,
Ratsherr im Parlament von Paris. Wie sein Zeitgenosse Franz von Sales (15671622)
besucht Pierre de Bérulle das renommierte Jesuitenkollegium Clermont.
Gemäss der Aussage seiner Lehrer sollen dieses «nie einen Schüler
von solcher Festigkeit, Auffassungsgabe, Urteilsfähigkeit, einem solchen
Gedächtnis, einer derart schlichten Frömmigkeit und Hingabe»
wie er es war, gekannt haben. Als 17-Jähriger soll er über ein
erstaunlich grosses Wissen nebst der nötigen Sachkenntnis in der Heilslehre
verfügt haben. Tatsächlich verfasst er auf Wunsch seines geistlichen
Leiters, Dom Beaucousin, Provinzialoberer der Kartäuser von Paris,
mit 22 Jahren die Schrift «Bref discours de l'abnégation intérieure».
Bérulle kehrt zu seiner Mutter zurück mit dem unerschütterlichen
Vorsatz, ein heiligmässiges Leben zu führen, indem er sich selber
die Regel auferlegt: «Ich werde niemals von einer Handlung zur andern
schreiten ohne die Gewissheit, dass mich Gott dazu drängt, und ich
werde stets das wählen, was mich zur Vollkommenheit führt.»
Seine Familie sähe es gerne, dass er als Jurist in der Magistratur
arbeiten würde, doch interessiert er sich nur für religiöse
Fragen. Zwar pflegt er weiterhin Kontakt mit Jesuiten, die sein Denken geprägt
haben, doch müssen sie als Folge des Edikts vom 29. Dezember 1594 Frankreich
verlassen. Im Übrigen übt auch Augustinus Einfluss auf ihn aus,
liest er die Schriften von Tertullian, lässt er sich von Cyrill von
Alexandrien, Gregor von Nazianz und Klemens von Alexandrien inspirieren.
So beginnt und beendet er sein Theologiestudium an der Sorbonne, wo als
Wirkung des Konzils von Trient (15451563) im Zuge der Reform der theologischen
Ausbildung auch Thomas von Aquin wieder grössere Beachtung geschenkt
wird. Am 5. Juni 1599 wird Bérulle zum Priester geweiht.
Wir sehen Bérulle als einen Menschen und Geistlichen, dessen hauptsächliches
Interesse der Lektüre religiöser Werke und der Meditation gilt.
Seine frühe Schrift «Bref discours de l'abnégation intérieure»
haben wir schon erwähnt, in der er den Lesern eine Anleitung zur Selbstverleugnung
erteilt, die drei Grade vorsieht und zur vollständigen Passivität
der Seele führen soll. Gemäss dem mystischen Konzept der Teresa
von Avila, des Johannes vom Kreuz, Franz von Sales, aber schon der frühen
niederländischen und flämischen Mystiker wie Ruysbroek und Beatrice
von Nazaret ermöglichen sie allein, dass Gott in der Seele aktiv wird.
Allerdings handelt es sich bei diesem «Bref discours» nicht
um ein Werk, dem Originalität zuerkannt werden kann. Vielmehr adaptiert
und transkribiert Bérulle zwei Drittel seiner «Anleitung zur
Selbstverleugnung» aus dem «Breve compendio intorno alla perfezione
cristiana» der Isabella Cristina Bellinzaga<2>,
einer Dame aus Mailand, der Karl Borromäus (15381584) stellvertretend
die Verwaltung von Spitälern und Klöstern übertragen hat.
Bérulle, dessen «Bref discours» im 16. bis 17. Jahrhundert
in Frankreich neun Auflagen sowie zahlreiche Übersetzungen erlebte,
ging es wohl auch gar nicht um wesentlich neue Erkenntnisse. Stets ist er
bestrebt, den Personen, die das Gespräch mit ihm suchen, den Weg der
Kontemplation zu weisen, eine Lebenshaltung und Lebensausrichtung aufzuzeigen,
wie sie Teresa von Avila (15151582) beschreibt, deren Werke Jean Quintanadoine
oder Quintanadueñas de Brétigny, ein Spanier, der in Rouen
lebt, ins Französische übersetzt und 1601 in Paris auflegt.
Mit Mme Acarie, Franz von Sales, Quintanadoine de Brétigny ist Bérulle
entschlossen, in Paris einen Karmel im Sinne der Reformerin Teresa von Avila
zu errichten. Mit Brétigny und weiteren Personen reist er daher nach
Spanien und kehrt mit den ersten sechs Karmelitinnen zurück, die am
17. Oktober 1604 in Faubourg Saint-Jacques in ihre erste französische
Niederlassung einziehen. Schwester Ana de Jesús, die Oberin, sagt
von Bérulle: «Dieser kleine Priester verfügt über
mehr Kraft und Stärke als alle übrigen.» Mit Gallemant und
du Val übernimmt er die Leitung dieses Karmels.
Im Jahr 1611 gründet er nach dem Vorbild von Filippo Neri (15151595)
in Paris den «Oratoire de Jésus et Marie», eine Ausbildungsstätte
für Weltpriester. Zwei Jahre vor seinem Tod empfängt er die Kardinalswürde.
Pierre de Bérulle bleibt jedoch derjenige, der sich zeitlebens um
echte, schlichte Frömmigkeit und aufrichtige Verehrung und Liebe zum
dreieinigen Gott bemüht. Franz von Sales schreibt in einem Brief vom
3. Juni 1603: «Das ist ein Mensch, dem Gott viel geschenkt hat und
dem man nicht begegnen kann, ohne reichen Gewinn daraus zu ziehen.»
C. Taveau erinnert in seinem Buch: «Le cardinal de Bérulle,
maître de vie spirituelle»<3>,
an den oft von ihm getanen Ausspruch: «Der Abglanz und das Antlitz
Gottes sollen aus allen Dingen hervorleuchten... Wir sollen zu Gott aufschauen
und ihn überall finden. Wir sollen nichts gering achten, was irgendeinen
Bezug zu dieser überragenden Majestät hat.»
Die promovierte Romanistin Rosmarie Tscheer ist als Schriftstellerin und Übersetzerin tätig und erschliesst auch in Vorträgen und Kursen das spirituelle Erbe des romanischen Kulturraumes.
1 49, § 4, 1015, in: uvres complètes, éd. Migne, Paris 1856, zitiert nach Stéphane-Marie Morgain, Pierre de Bérulle et les Carmélites de France, Les Editions du Cerf, Paris 1995, S. 15.
2 Stéphane-Marie Morgain, ebd., S. 73ff., und DSp. 1, Sp. 15431547.
3 Paris 1933, S. 37.