20-21/2002 | |
INHALT | |
Leitartikel |
Nach dem Turmbau
in Einzelzellen gesperrt,
warten wir
vergeblich
auf das tröstende
Gespräch der Wände.Pfingsten
ist weit.<1>
Babel als Sinnbild für die paradoxe Sprachvielfalt und Sprechisolation moderner Massengesellschaften, in der Menschen von verständnisstiftender Sprache weithin abgeschnitten sind. Nicht von ungefähr schlägt der österreichische Lyriker Georg Bydlinski (*1956) von der babylonischen Sprachverwirrung unserer Gegenwart einen Bogen zum Sprachwunder von Pfingsten. Verbindet sich damit doch die Vision eines überraschenden gegenseitigen Verstehens, einer unableitbaren, selber nicht machbaren Sprachfindung, die alle Distanz, ja, alle Sprachbarrieren überwindet. Die Pfingstsehnsucht also nach einer betroffenen, lebendig-kommunikativen Sprache, die neue Betroffenheit auslöst und berührt:
Eine Stimme für alle, jeder
verstehbar jedem, auch dir,
wärst du dabei gewesen(Die Muttersprache
der Kinder des Vaters.)<2>
Gerade die Sprache der Liebenden lebt von dieser Sehnsucht, die durch Babel gesetzten Grenzen sprachlichen Austauschs und Verstehens transzendieren zu können. So evoziert Ingeborg Bachmann (19261973) in Anspielung auf das Pfingstwunder eine im Einklang, ja, in Übereinstimmung von Ich und Du stehende Welt der Liebenden einen jener «seltenen ekstatischen Fälle, für die es», so Ingeborg Bachmann, «tatsächlich keinen Platz in der Welt gibt und nie gegeben hat»<3>:
Wer weiss, was sie auf Grat und Gipfel suchten?
Ein Wort? Wir haben's gut im Mund verwahrt;
Es spricht sich schöner aus in beiden Sprachen
und wird, wenn wir verstummen, noch gepaart (...)Wenn sich in Babel auch die Welt verwirrte,
man deine Zunge dehnte, meine bog
die Hauch- und Lippenlaute, die uns narren,
sprach auch der Geist, der durch Judäa zog (...)Wir aber wollen über Grenzen sprechen
und gehn auch Grenzen noch durch jedes Wort:
wir werden sie vor Heimweh überschreiten
und dann im Einklang stehn mit jedem Ort.
Leiden und Arbeiten an der Sprache...
Eine besondere Sprach- und Verstehensbarriere stellt heute indes die oft nur schwer verständliche religiöse Glaubens- und Symbolsprache selber dar, die kaum mehr betroffen macht oder berührt. Vielen Zeitgenossen sind die überkommenen Theologumena kirchlicher Verkündigung, der Predigt, Liturgie und des Gebets in der Tat eine Fremdsprache geworden, mit der sie allenfalls sonntäglichen Umgang pflegen, in der ihr Alltagsleben aber kaum mehr unterzubringen ist. Traditionelle Glaubenssprache scheint sich allzu sehr von der lebendigen Erfahrung abgekoppelt und sich damit um ihre lebensprägende Kraft gebracht zu haben. «Von der Last geheiligter Verwendung gebeugt, scheinen Wörter abzusterben», beschreibt George Steiners Essay «Nach Babel» diesen Erstarrungsprozess lebendigen Wahrnehmungs- und Sprachvermögens, «die sklerotische Verhärtung und Anhäufung von Klischees ... nimmt dann ständig zu. Statt als lebendiges Membran zu wirken, werden Grammatik und Vokabular zu Barrieren für neues Empfinden.»<4>
Angesichts des Zusammenbruchs überlieferter Gottesvorstellungen und altvertrauter Gottesrede schrieb Marie Luise Kaschnitz (19011974) bereits Anfang der 50er Jahre in ihrem «Tutzinger Gedichtkreis», benannt nach dem Ort der evangelischen Akademie am Starnberger See, wo eine Tagung die Möglichkeit heutigen religiösen Sprechens thematisierte:
Die Sprache, die einmal ausschwang, Dich zu loben,
Zieht sich zusammen, singt nicht mehr
In unserem Essigmund (...)
Irgendwo anders hinter sieben Siegeln
Stehn Deine Psalmen neuerdings aufgeschrieben (...)
Mit denen, die Dich auf alte Weise
Erkennen wollen, gehst Du unsanft um.
Vor Deinen Altären lässt Du ihr Herz veröden,
In Deinen schönen Tälern schlägst Du sie
Mit Blindheit. Denen, die Dich zu loben versuchen,
Spülst Du vor die Füsse den aufgetriebenen Leichnam.
Denen die anheben von Deiner Liebe zu reden,
Kehrst Du das Wort im Mund um, lässt sie heulen
Wie Hunde in der Nacht.Du willst vielleicht gar nicht, dass von Dir die Rede sei.
Einmal nährtest Du Dich von Fleisch und Blut,
Einmal vom Lobspruch. Einmal vom Gesang
Der Räder. Aber jetzt vom Schweigen.
Unsere blinden Augen sammelst Du ein
Und formst daraus den Mondsee des Vergessens.
Unsere gelähmten Zungen sind Dir lieber
Als die tanzenden Flammen Deines Pfingstwunders,
Sicherer wohnst Du als im Gotteshause
Im Liebesschatten der verzagten Stirn.<5>
Ein Gebet als Antigebet haben wir hier vor uns, eine in der betroffenen Sprache der Klagepsalmen vorgetragene poetische Reflexion über das Vertriebenwerden aus Gewöhnungen und Selbstverständlichkeiten hergebrachter religiöser Bilder und traditioneller Gotteserkenntnis<6>, die noch in der Auflehnung gläubig ist. So erkunden die Verse von Marie Luise Kaschnitz bisher unerhört andere, ja, fremde und befremdliche Gottespräsenzen, die ganz neue Gespräche über und mit Gott erforderlich machen<7>. Meldet er sich jetzt doch an gänzlich unerwarteten Orten, ja, unter den Signalen seines Gegenteils:
Dein Fernsein Deine Nähe,
Dein Zuendesein Dein Anfang,
Deine Kälte Dein Feuer,
Deine Gleichgültigkeit Dein Zorn.<8>
... als Herabkunft pfingstlicher Feuerzungen?
«Wenn die Prediger doch Sprache hätten (Sprache: Autorität)»,
hält Peter Handke (*1942) in seinen Aufzeichnungen den Wunsch nach
einer anderen Sprache fest, die mit der Autorität von Feuerzungen spricht:
«Ich will die andere Sprache! Erst durch das Leiden an der Form gewinnt
die Seele Geist. Dies gibt jener die Autorität: die Feuerzunge.»<9> Nur wo das Leiden an der Sprache und die
Anstrengung um die von jeder Generation neu zu leistende Sprachfindung zusammenkommen,
ereignet sich für Handke auch heute noch die Herabkunft pfingstlicher
Feuerzungen<10>. Das literarische uvre
des in Kärnten (zeitweise im katholischen Internat) aufgewachsenen
Schriftstellers ist für diese Fragestellung selber theologisch beispielhaft.
So unterzieht Handkes Erzählung «Wunschloses Unglück»
(1972) die Lebens- und Sterbensgeschichte seiner Mutter, die wunschlos geworden
ihr Leben erst in die Hand nahm, als sie Hand an sich legte, den Wirklichkeitsverlust
kirchlich-religiöser Sprache einer überaus scharfen Kritik. Verhalfen
doch deren Gesetze, Riten und Formeln dem Einzelnen gerade nicht zu einer
authentischen Sprache: «Es gab nichts von einem selber zu erzählen;
in der Kirche bei der Osterbeichte, wo wenigstens einmal im Jahr etwas von
einem selbst zu Wort kommen konnte, wurden nur die Stichworte aus dem Katechismus
hingemurmelt, in denen das Ich einem wahrhaftig fremder als ein Stück
vom Mond erschien ... Das persönliche Schicksal, wenn es sich überhaupt
jemals als etwas Eigenes entwickelt hatte, wurde bis auf Traumreste entpersönlicht
und ausgezehrt in den Riten der Religion, des Brauchtums und der guten Sitten,
so dass von den Individuen kaum etwas übrig blieb; ÐIndividuumð
war auch nur bekannt als Schimpfwort ... Die Fragen waren alle zu Floskeln
geworden, und die Antworten darauf waren so stereotyp, dass man dazu keine
Menschen mehr brauchte, Gegenstände genügten: das süsse Grab,
das süsse Herz Jesu, die süsse schmerzensreiche Madonna verklärten
sich zu Fetischen für die eigene, die täglichen Nöte versüssende
Todessehnsucht.»<11> Immerhin eröffneten
die wenigen Glücksmomente der Lektüre grosser Romane der Weltliteratur
zusammen mit dem Sohn der Mutter die Möglichkeit, «von sich zu
reden; mit jedem Buch fiel ihr mehr dazu ein»<12>.
Erzogen in den Tugenden der Bedürfnislosigkeit, der Ordnung und des
Duldens verstärkten sie für die Mutter am Ende jedoch nur die
Gewissheit des Verfehlten, Versäumten und Uneinholbaren: «Das
Begräbnisritual entpersönlichte sie endgültig und erleichterte
alle. In den religiösen Formeln brauchte nur ihr Name eingesetzt zu
werden. ÐUnsere Mitschwester...ð»<13>
Handke ist bei dieser Sprach-, Religions- und Kirchenkritik nicht stehen
geblieben. Im Gegenteil bezieht sich sein neues Schreiben seit Anfang der
achtziger Jahre, zeit- und kulturdiagnostisch höchst aufschlussreich,
bewusst auf die Sprache der religiösen Tradition. «Die Religion
war mir seit langem zuwider, und trotzdem spürte ich auf einmal eine
Sehnsucht, mich auf etwas beziehen zu können», heisst es anlässlich
eines Kirchenbesuchs bereits im «Kurzen Brief zum langen Abschied»
(1972). «Es war unerträglich, einzeln und mit sich allein zu
sein. Es musste eine Beziehung zu jemand anderem geben, die nicht nur persönlich,
zufällig und einmalig war, in der man nicht durch eine immer wieder
erpresste und erlogene Liebe zueinandergehörte, sondern durch einen
notwendigen unpersönlichen Zusammenhang.»<14>
Auf der Suche nach diesem verlorenen Weltzusammenhang, nach einer diesseits-
und alltagsbezogenen Weltfrömmigkeit jenseits des kirchlich verfassten
Gottesglaubens sucht Handke die bloss informatorische Alltagssprache durch
die Wiederverlebendigung biblisch-religiöser Sprachformen auf eine
«andere» Dimension hin aufzubrechen. Der allseits ins Wort gesetzten
Gesellschaftskritik durch eine Sprache des Heiligen die Ahnung von der Geheimnishaftigkeit,
der formgebenden Ordnung und Einheit der Dinge entgegenzusetzen. Unüberhörbar
durchzieht denn auch seine provozierend-umstrittenen Schreibexperimente
ein poetisch beschwörender biblischer Verkündigungston, ja, eine
Art Ekstasen-Sprache oder Zungenreden, die von fern an eine irgendwie «pfingstliche»
Situation erinnert<15>. Nirgendwo wird
Handkes Wiederannäherung an vergessene, offensichtlich aber unersetzbare
religiöse Urworte vielleicht deutlicher als in seiner autobiographischen
«Kindergeschichte» (1981): «Dem Umgang mit dem Kind hatte
der Erwachsene es ... zu verdanken, dass ihm die vielgeschmähten grossen
Wörter von Tag zu Tag fasslicher wurden.» Gab das Kind doch dem
Erwachsenen «das Wahrheitsmass an; für ein Leben, wie es sein
sollte ... und dabei durften einem zuweilen auch jene Wörter über
die Lippen kommen, welche man bisher, im Kino, als Pathos überhört
und in den alten Schriften als ungebräuchlich überlesen hatte,
und die sich jetzt als die wirklichsten der Welt zeigten.»<16> Jene von Handke beschworenen «grossen
Wörter» (Glück, Heil, Weltvertrauen, Glauben) sind in der
Tat unverzichtbar, um die Tiefe der Wirklichkeit zu benennen, sollen menschliche
Tiefenerfahrungen nicht stumm bleiben. Ja, sie bedürfen gerade darum
der je neuen Verlebendigung, weil «sein Leben verliert, wer nicht
lernt, in solchen Sprachformen zu sagen, was ihm zustösst»<17>.
Theologie und Poesie
Kaum ein anderer im Raum der christlichen Kirchen hat sich so intensiv um eine unverbrauchte Neuvergegenwärtigung der grossen religiösen Urworte biblisch-christlicher Erfahrungstradition bemüht wie der Berner reformierte Pfarrer und grosse Poet Kurt Marti (*1921). Gleichermassen der Entsinnlichung der Theologie wie der Poesie seine zärtlich-genaue Anschauung entgegensetzend, stellt er in immer neuen Sprachbildern der platonisch-metaphysischen Vergeistigung des Gottesgeistes dessen ursprünglich biblische Weltleidenschaft entgegen, Gottes dynamisch-antreibende Lebensmacht, wie in dem folgenden poetisch-meditativen Trinitätsgedicht<18>:
jahwe
---
du: mit diesem bekannten namen
der nicht bekanntes bedeutet
du: mit diesem namen
der den namen verweigertJAHWE von je zu je:
«ich bin der ich bin»
JAHWE von jetzt zu jetzt:
«ich werde sein wie ich da sein werde»du: der da kommt
jesus
---
und gekommen
geburtlich
sterblich
wie alle wie ich:
bruder du
in entbrüderter Weltjetzt
---
und geist jetzt: denn lieber
als einsam herr oder herrin zu sein
fliessest du über
in menschen hineingeist jetzt: und agent
der heilig auf erden
nur danach brennt
sozial und sinnlich zu werden
Das theologisch Besondere dieses gebetsartigen Textes ist gerade seine Form, das heisst die Art und Weise, wie hier kunstvoll mit Leerzeilen, Selbstzurücknahmen und Aussparungen geredet wird. Folgt doch dem vertrauten Du, dem bekannten Namen Jahwe, Jesus unmittelbar die Zurücknahme. Aussprechen und Schweigen, Anruf und Verstummen gehen ineinander über, sichern die bleibende Entzogen-, ja, Nichtvereinnahmbarkeit Gottes. Theologischem Sprechen muss man es in der Tat anmerken, dass es seine Form stets dem Schweigen abzuringen hat, ja, dass es dieses Du nicht «hat», von dem es spricht und woraufhin es die Menschen in Bewegung glaubt. Bloss das eine ist gewiss: Gott, «der da kommt», uns je zukünftig ist, ist in Jesus gekommen. Im Leben dieses konkreten Menschen, ausgespannt zwischen Geburt und Tod, ist er ein Bruder der Menschen geworden, «Bruder in einer entbrüderten Welt». Bewusst wird denn auch zu Beginn der dritten Strophe der traditionelle Formelvorrat verfremdend durchbrochen: Statt dem erwarteten «Geist» folgt das Wort «jetzt», das ebenfalls in eine Leerzeile ausschwingt. Dann erst fällt das dritte vertraute Urwort «Geist». Als Herr oder Herrin (das hebräische ruach ist ein Femininum!) steht es für die strömende, fliessende Lebenskraft Gottes, die die Menschen verbindet, Gottes Jetzt-Lebendig-Gegenwärtigsein gemeinschaftlich und sinnlich-konkret werden lässt, gleichsam die «Entfaltung der Dreifaltigkeit zur Allfaltigkeit»<19>. Die weissen Flecken, mitkomponierten Pausen sind dabei Ausdruck eines komplexen theologischen Sprachbewusstseins, das dazu auffordert, die aus Scheu und Respekt sprachlich unbesetzt gebliebenen Leerräume nicht gleich wieder wortinflationär aufzufüllen. Vielmehr in sie hineinzuhören, das Schweigen auszuhalten, um dann den (durch das alliterierende «J» evozierten) Dreiklang dieser Urworte neu zu hören: Jahwe, Jesus, Jetzt...
Der promovierte Theologe Christoph Gellner ist Leiter des Instituts für kirchliche Weiterbildung an der Theologischen Fakultät der Universität Luzern (IFOK).
1 G. Bydlinski, Babel, in: Distelblüte. Gedichte, Freiburg/Basel/Wien 1981, 11.
2 P. H. Neumann, Pfingsten in Babylon. Gedichte, Salzburg/Wien 1996, 61.
3 Ingeborg Bachmann, Von einem Land, einem Fluss und den Seen, Werke, München 1978, Bd. I, 88f.; Wir müssen wahre Sätze finden. Gespräche und Interviews, München/Zürich 1983, 86.
4 G. Steiner, Nach Babel. Aspekte der Sprache und des Übersetzens, Frankfurt/M. 1994, 12.
5 M. L. Kaschnitz, Gesammelte Werke Bd. V, Frankfurt/M. 1985, 248f.
6 Vgl. C. Gellner, «Geheiligt werde dein zugefrorener Name...» Moderne Psalmgedichte spirituell gelesen, in: Bibel und Kirche 56 (2001) 4651.
7 K.-J. Kuschel, Im Spiegel der Dichter. Mensch, Gott und Jesus in der Literatur des 20. Jahrhunderts, Düsseldorf 1997, 218f.
8 M. L. Kaschnitz, aaO., 253.
9 P. Handke, Die Geschichte des Bleistifts. Frankfurt/M. 1985, 248.
10 Vgl. E. Garhammer, Am Tropf der Worte. Literarisch predigen, Paderborn 2000, 53.
11 P. Handke, Wunschloses Unglück. Frankfurt/M. 1984, 49ff.
12 AaO., 65.
13 AaO., 93f.
14 P. Handke, Der kurze Brief zum langen Abschied. Frankfurt/M. 1979, 165.
15 Vgl. P. K. Kurz, Apokalyptische Zeit. Zur Literatur der mittleren 80er Jahre, Frankfurt/M. 1987, 319350.
16 P. Handke, Kindergeschichte. Frankfurt/M. 1984, 49f.
17 P. Goergen, SeitenSprünge. Literaten als religiöse Querdenker, Zürich 1995, 164.
18 K. Marti, Abendland. Gedichte, Darmstadt 1980, 54f. Zur Interpretation: K.-J. Kuschel, Über die Unverzichtbarkeit der Theologie in den geistigen Auseinandersetzungen der Zeit, in: J.-P. Wils (Hrsg.), Warum denn Theologie? Versuche wider die Resignation, Tübingen 1996, 6569.
19 K. Marti, Zärtlichkeit und Schmerz. Notizen, Darmstadt 1983, 119.