15/2002

INHALT

Leitartikel

"befreit - berufen"

von Robert Knüsel-Glanzmann

 

Ich verbinde meine Gedanken zum Weltgebetstag für geistliche Berufe (Guthirtsonntag, 21. April 2002) mit dem Motto «befreit ­ berufen», welches die Fachstelle Information Kirchliche Berufe IKB1<1> für 2002/2003 geprägt hat. Ich konzentriere sie auf zwei Themenkreise: 1. Die Freude von Seelsorgerinnen, Seelsorgern und Ordensleuten an der befreienden Dimension ihrer Berufung. Ich bin überzeugt: Wir können Menschen in ihrer Suche nach Freiheit nur begleiten, wenn wir selber je neu befreit werden. Und zudem: wer Freude ausstrahlt, hat die bessere Chance, andere für ein kirchliches Engagement zu motivieren. 2. Die vielfältigen Stufen und Dimensionen im Berufungsgeschehen. Sie sollen vermehrt ins Blickfeld kommen, so dass Seelsorgende ihren Beitrag im weiten Feld der Berufungspastoral sehen und gezielt einbringen können.

Befreit werden

In Ikonen leuchtet etwas von dem auf, wonach wir uns alle sehnen: Schönheit, Achtsamkeit, Vertrauen ins Leben. Die Ikone «Der Seiltänzer» von Josua Boesch<2> lädt ein, in der Begegnung mit Christus befreit zu werden zu sich selber, zu seiner Gottebenbildlichkeit. Was Gott in uns gelegt hat, soll in unserem Leben und Arbeiten, im kirchlichen Dienst aufscheinen. Wir alle wissen: Die Vision einer solch grundlegenden Befreiung kann in unserem Leben nur Fuss fassen, wenn wir ihr achtsam Raum geben. «Nur wenn die Metalle durchs Feuer gehen, können sie in so schönen Farben und so wunderbarem Glanz aufleuchten», sagt Josua Boesch zu Ikonen. Gilt das auch für Seelsorgende? Befreit und gewandelt werden in der Begegnung mit dem Auferstandenen ist unsere erste Berufung. Wer andere auf einem spirituellen Weg begleiten will, muss diesen Weg selber gehen und vertiefen. Der Guthirtsonntag erinnert daran. Im Evangelium (Joh 10,1­10) werden wichtige Schritte zu einem solchen Weg aufgezeigt. Wir finden im Text Bilder für eine lebendige und nährende Beziehung mit Gott, mit Jesus Christus. Es sind Wegstationen, durch die wir unser Leben aus innerer Freiheit gestalten und unsere Berufung vertiefen können:
Die Türe schliessen, die Türe öffnen. Wer das übt, tut einen wesentlichen Schritt zu sich selber. Er/Sie findet Raum für Stille, Raum für Sammlung. Sie/Er entscheidet: Wann schütze ich die Stille? Wo öffne ich die Türe, um aus innerer Sammlung die Wirklichkeit der Welt wahrzunehmen? Wie will ich Sorge tragen zu dem, was in meinem bisherigen Leben an Kostbarem gewachsen ist? Wofür öffne ich mich neu, damit ich die Weite über mir sehen und sich mir eine neue Perspektive für mein Leben eröffnen kann?
Beim Namen gerufen. Es geht um mich, mein ganz persönliches Wesen. Es geht nicht darum, einem Ideal(-bild) nachzurennen und dabei sich selber zu verlieren. Was durch das Wort Jesu in mir Resonanz findet, soll ertönen. Der Ton meines Lebens soll erklingen. Ich soll befreit werden zu mir selber und so frei werden für meinen Weg.
Den Weg gehen. Wo das Eigentliche aus mir herauskommen darf, beginnt mein Weg. Ich kann aus mir herausgehen. Ich kann mich auf das Wort Jesu einlassen, mich von ihm leiten lassen. Meinen Gaben entsprechend werden sich mir Aufgaben stellen. Ich werde sie erfüllen, ohne mich von ihnen auffressen zu lassen. Im Gegenteil: Das Erfüllen dieser Aufgaben wird auch mich erfüllen.

Berufen werden

Berufung ist ein lebendiges Geschehen zwischen Gott und den Menschen. Ein Geschehen in der Tiefe der menschlichen Seele, das seine Wirkung bis hinein in die ganz konkrete Gestalt unseres Lebens entfaltet. Ähnlich dem Wachsen eines Baumes in Jahrringen vollzieht sich die Berufung des Menschen in Stufen/Dimensionen. Berufung will Stufe um Stufe gefördert werden. Alles gleichzeitig erreichen zu wollen, führt in Sackgassen und wird zur Überforderung. Es ist gut, wenn verschiedene Lebenskreise wie Familie ­ Schule ­ Kirche ­ Arbeitsplatz ­ Freizeit usw. sich sinnvoll ergänzen.
Die fünf Stufen/Dimensionen von Berufung (im Bild des Baumes) in der hier gebotenen Kürze:<3>
Berufung ins Leben (Wurzeln): Es gilt, im Menschen ein Urvertrauen anzulegen, in dem er sich genährt, getragen und geborgen weiss und erfährt, dass das Leben im Grunde gut ist.
Berufung als Tochter/Sohn Gottes (Wurzelstock): Es geht um das Bewusstsein, dass ich mich zeigen, meinen Standpunkt einnehmen darf, ich, der von Gott geliebte Mensch, so wie ich bin.
Berufung in die Nachfolge (Stamm): Als Christin/als Christ mich aufrichten aus dunkler Erfahrung; mich ausrichten auf Jesus Christus, Licht der Welt werden und das Reich Gottes in seinen Anfängen sehen, mitten unter uns.
Berufung zum Beruf (Krone): Jeder Beruf meint in einem tieferen Sinn die Berufung, seine Begabung zu entfalten und dadurch sich schöpferisch ins Leben einzubringen.
Berufung zum Leben im Geist (Blüte): Sich vom Geist Jesu in den Dienst nehmen lassen. Ihm mein Leben zur Verfügung stellen. In diesem Geist mein Leben gestalten, einem Orden beitreten, Priester, Katechetin/Katechet, Seelsorger/Seelsorgerin werden.
So vielschichtig ist Berufung. Und entsprechend vielfältig sind die Aufgaben von Seelsorgenden im Dienst an der Berufung von Menschen! Ich betrachte es als eine der schönsten und wichtigsten Aufgaben jeder kirchlichen Gemeinschaft, den Menschen ihrer Lebensphase entsprechend die persönliche Berufung finden zu helfen. Eingebettet in diese grosse Aufgabe und als spezieller Dienst an ihr versteht sich die Fachstelle Information Kirchliche Berufe IKB. Möge es uns gelingen, mit innerer Freiheit und einem «feu sacré» auf die Menschen zuzugehen und sie auf dem Weg des Berufenwerdens zu fördern.
Im Anschluss an das «Jahr der Freiwilligen» möchte ich an die Chance und Aufgabe erinnern, die Grund-Berufung zu engagiertem Christsein bei Frauen, Männern, Kindern und Jugendlichen zu fördern, indem wir ihren Einsatz im Licht des Evangeliums anerkennen und wohlwollend begleiten. Aufgrund der Erfahrung einer solchen Wertschätzung kann das Interesse an einem kirchlichen Beruf wachsen. Damit sind wir ganz in der Nähe dessen, was Papst Johannes Paul II. in seiner Botschaft zum Weltgebetstag für geistliche Berufe «Die Berufung zur Heiligkeit»<4> formuliert: «Vorrangige Aufgabe der Kirche ist es, die Christen auf den Wegen der Heiligkeit zu begleiten, damit sie ­ erleuchtet durch die Erkenntnis aus dem Glauben ­ lernen, auf das Antlitz Christi zu schauen, es kennen zu lernen und so in Ihm die persönliche Identität und Sendung neu zu entdecken, die der Herr einem jedem anvertraut.»

Zu befreiendem Wirken berufen

Es geht tatsächlich um beides: um die Identität der eigenen Berufung und um die Sendung zu befreiendem Wirken. Inspirieren sollen uns dabei die Worte, die bei Lukas am Anfang des Wirkens Jesu stehen: «Der Geist des Herrn ruht auf mir, denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe» (Lk 4,18f.). Die Sendung zu den Menschen ist die notwendige Folge aus der Berufung. Das Wort und das Beispiel Jesu nehmen uns hinein in eine Berufung, die der Befreiung dient. Mit ihm gehen wir zu den Menschen, denen zugesagt ist, dass sie zu einem Leben in Fülle befreit werden.
«befreit ­ berufen» steckt hohe Ziele. Sie sind eine Herausforderung inmitten stürmischer Zeit, wie es das Plakat zum Jahresthema andeutet. Sie sind aber auch eine Ermutigung, Jesu Zuspruch des Vertrauens (Mt 14,27)<5> zu hören und in kreativem Wirken für die Menschen und die Kirche umzusetzen. Ermutigen und stärken wir uns dabei auch gegenseitig!

 

Der Theologe Robert Knüsel-Glanzmann ist Leiter der Fachstelle IKB.


Anmerkungen

1 Die Information Kirchliche Berufe IKB arbeitet im Auftrag der Bischöfe und der Ordensgemeinschaften in der Deutschschweiz. Informieren, animieren, beraten und vernetzen von Einzelnen und Gruppen sind wichtige Anliegen. 2002 neu erschienene Hilfsmittel: Fundgrube 7 ­ «Beim Namen gerufen» ­ Eine Sammlung von Texten, Gebeten und Impulsen, welche Mut macht, die eigene Berufung zu erkennen und in Zeiten persönlichen Stillwerdens, in der Begegnung mit Menschen und im Gottesdienst zu vertiefen. Impulsmappe «befreit ­ berufen» mit Plakat, Gebetsbild und Buchzeichen zur Ikone von Josua Boesch sowie einer Fülle von Anregungen, wie Pfarreien und Gemeinschaften Raum schaffen können für die befreiende Erfahrungen von Berufung.
Diese Hilfsmittel und weitere Materialien sind erhältlich bei: IKB, Abendweg 1, Postfach 6178, 6000 Luzern 6, Telefon 0414194839, Telefax 0414194831, E-Mail ikb@kath.ch, Internet www.kath.ch/berufe/berufe.htm

2 Siehe dazu das reich illustrierte Buch: Simon Peng, auferstehungsleicht. Der ikonografische Weg von Josua Boesch, Oberegg 1999.

3 Das Bild für die Entwicklung von Berufung in fünf Dimensionen stammt von Dr. Rainer Birkenmaier, Leiter des Informationszentrums Berufe der Kirche, Freiburg i.Br.

4 Wegen Raumschwierigkeiten wurde diese Botschaft bereits in der letzten Ausgabe der SKZ (Nr. 13­14, S. 203­205) veröffentlicht; im Gegenzug veröffentlichen wir in der vorliegenden Ausgabe den Brief von Papst Johannes Paul II. an die Priester zum Gründonnerstag.

5 Siehe dazu das Gebetsbild und die Fürbitten zum Jahresthema «befreit ­ berufen».


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2002