13-14/2002

INHALT

Leitartikel

"... ungeheuer ist der Vorsprung Leben"

von Christoph Gellner

 

Die glocken läuteten,
als überschlügen sie sich vor freude
über das leere grab

Darüber, dass einmal
etwas so tröstliches gelang,

und dass das staunen währt
seit zweitausend jahren

Doch obwohl die glocken
so heftig gegen die mitternacht hämmerten ­
nichts an finsternis sprang ab<1>

 

Weithin losgelöst aus dem Kontext christlich-kirchlicher Dogmatik begegnet das Thema Ostern und Auferstehung in Texten der Gegenwartsliteratur als ein anthropologisches Grundthema, das mit dem Rückgang der kirchlichen Identität der Autoren nicht an literarischer Bedeutung verloren hat. Dass zeitgenössische Schriftsteller weniger überkommene Theologumena bebildern, als vielmehr Fragen und Vorbehalte formulieren, entspricht ganz ihrer literarischen Natur, die glattgestrichene Traditionen aufbricht, allzu Geläufiges gegen den Strich bürstet, Festgefügt-Festgeglaubtem ein «kleines peut-être» beigesellt oder auch eine irritierende Erschütterung. Dass aber Schriftsteller unserer Zeit nicht nur den Mann aus Nazaret als einzigartig-faszinierende sozialprophetische Identifikations- und Solidaritätsgestalt neu verlebendigen<2>, sondern sich an die Ungeheuerlichkeit des Ostergeheimnisses heranschreiben, das macht das spirituell Bedeutsame dieser Texte aus. «Dass einmal etwas so Tröstliches gelang»: Wie viel Unausgesprochenes schwingt in dieser Wendung mit, wie viel Vibration löst allein dieser Vers aus, wie viele Schwingen zwischen Schmerz und Sehnsucht, für die der Lyriker allererst eine Schwingungssphäre öffnet, die auf das jenseits aller Sprache liegende Geheimnis verweist? Bei aller sich geradezu überschlagenden Osterfreude rückt Reiner Kunzes (*1933) Gedicht denn auch ­ gegen allen unbedachten heilsgeschichtlichen Ostertriumphalismus ­ das bleibende Dunkle mit ins Bild. Schafft so Raum für die Fragen, Vorbehalte und Zweifel nicht erst heutiger nachaufklärerischer Zeitgenossen, für die Goethes Faust, der das mirakelhaft verstandene Auferstehungswunder als Widerspruch zur Vernunft ablehnt («Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.»), der literarische Archetyp des modernen Skeptikers darstellt. Dabei ist das Motiv des Zweifels bereits in allen neutestamentlichen Ostererzählungen überaus konstant und in der Thomasperikope des Johannes-Evangeliums eigens ausgestaltet. Dieser Zweifel macht Glauben ja erst zum Glauben. Und gerade der Glaube an die Auferweckung Jesu Christi ist ohne solche Anfechtung, ohne Verdacht auf Illusion und Vertröstung nicht zu haben.

Die grössere Hoffnung

Die dunkle Nacht des Glaubens, der nichts hat als das Wort von der «Hoffnung wider alle Hoffnung», evoziert auch das 1961 entstandene Ostergedicht von Johannes Bobrowski (1917­1965), das in Anlehnung an die orthodoxe Osterliturgie den aus der Grabesnacht aufbrechenden Auferstehungsjubel beschwört<3>:

Dort noch Hügel,
die Finsternis, aber
die Steige sind recht, aus der Ferne
die Ebenen nahn, mit dem Wind
herüber ihr Schrei.

Über den Wald. Der Fluss
kommt, die Birkenschläge
gehen an die Mauer, Türme,
Gestirn um die Kuppeln, das goldne
Dach hebt an Ketten ein Kreuz.

Da
in die finstere Stille
Licht, Gesang, wie unter
der Erde erst, Glocken, Schläge,
der Stimmen Hähnegeschrei
und Umarmung der Lüfte,
schallender Lüfte, auf weisser
Mauer Türme, die hohen
Türme des Lichts, ich hab
deine Augen, ich hab deine Wange,
ich hab deinen Mund, es ist
erstanden der Herr, so ruft,
Augen, ruft, Wange, ruft, Mund,
ruf Hosianna.

Aus der winddurchwehten Nacht taucht eine der goldenen Kuppelkirchen auf, wie sie Bobrowski aus seiner osteuropäischen Heimat kannte, «wo Polen, Litauer, Russen, Deutsche miteinander lebten, unter ihnen allen die Judenheit. Eine lange Geschichte aus Unglück und Verschuldung...». In die Finsternis bricht plötzlich das Licht der Morgenfrühe, Glockenschlag und Hahnschrei künden den Anbruch eines neuen Tags, zugleich den Höhepunkt und das Ende des orthodoxen Auferstehungsgottesdienstes, an dem sich die Gläubigen umarmen und den Ostergruss zurufen, das russische «Christos woskres», Christus ist auferstanden. Und doch verlängert Bobrowski diesen österlichen Jubelruf nicht einfach zu einem harmonischen Osterhymnus. Endet dieses Ostergedicht doch statt dem eher zu erwartenden und liturgisch hierher gehörenden Halleluja mit einem hier nicht ganz passenden, dissonanten «Hosianna», dem Willkommensgruss des Palmsonntags, dem Jubelruf zur Begrüssung des Messiaskönigs in Jerusalem. Mit dem höchst zweideutigen Auftakt zur Passionsgeschichte also, wie ihn der Volksmund festhält: «Heute Hosianna, morgen kreuziget ihn.» Nimmt man noch die anspie-lungsreichen Schlussworte der beiden vorangegangenen Strophen hinzu ­ Schrei, Kreuz, Hosianna ­, wird die spannungsreiche Kontrapunktik vollends sichtbar, mit der Bobrowski dem Osterthema kunstvoll die leise Unterstimme der Passionsgeschichte unterlegt<4>. Der Widerpart dieser bis ins 20. Jahrhundert fortbestehenden, ja, in unermessliche Barbarei gesteigerten menschlichen Leidensgeschichte ist mitzuhören bei Ostern, auch wenn sie die Hauptstimme nicht dementiert. So gewiss sich Gott durch die Auferweckung des Gekreuzigten eindeutig auf die Seite des Lebens gestellt und so ­ aller Empirie zum Trotz ­ die Hoffnung auf die endgültige Überwindung aller Mächte des Todes begründet hat, so wenig ist gerade für Bobrowski, der sich sowohl im Hitlerreich als auch in der DDR risikoreich als Christ bekannte, der Schmerz, die unabgegoltene Sehnsucht nach Erlösung zu überhören. Das Gespür dafür, wie viel an Heil und Versöhnung in der Welt noch aussteht, bildet in der Tat so etwas wie den schmerzlichen Stachel im Fleisch christlicher Osterfreude über das leere Grab als dem Sinn- und Hoffnungsbild, ja, als Versprechen, dass das Leben, allem Anschein zum Trotz, letztlich stärker ist als der Tod, die Liebe stärker ist als alle Gewalt, die in Jesus verkörperte Idee des Menschen einfach nicht tot zu kriegen. Niemand im Raum der Literatur verkörpert ja wie er die Dialektik von Macht und Ohnmacht, Scheitern und Sieg. Kommt es doch nur in seiner Geschichte zu jener einzigartigen
Verbindung von Utopie, Untergang und neuer Utopie, von Liebesbotschaft, Hinrichtung und Aufrichtung, von Güte, Ausrottung und unausrottbarer Hoffnung<5>.
In seinen als lyrische Notizen, Erwägungen und Meditationen parallel zu seiner Predigtarbeit entstandenen «Gedichten am Rand» der Evangelien hat der Berner Pfarrerdichter Kurt Marti (*1921) die auch durch den Glauben nicht zu überspielende, gar spiritualisierend zu verharmlosende Bitterkeit und Ungeheuerlichkeit des Todes festgehalten, um in nochmaliger Steigerung vom leeren Grab Jesu her die noch grössere Ungeheuerlichkeit christlicher Osterhoffnung zum Leuchten zu bringen:

ein grab greift
tiefer
als die gräber
gruben

denn ungeheuer
ist der vorsprung tod

am tiefsten
greift
das grab das selbst
den tod begrub

denn ungeheuer
ist der vorsprung leben<6>

 

Der Skandal des Christentums

Kein anderer Autor hat indes die Ungeheuerlichkeit des Osterglaubens literarisch aufstörender herausgestellt als Friedrich Dürrenmatt (1921­1990) mit seiner 1966 erstmals im Zürcher Schauspielhaus aufgeführten grotesk-verrückten Komödie «Der Meteor». Wie so oft im uvre des Berner Pfarrersohns basiert auch dieser makabre Totentanz auf einem überraschenden Einbruch des Neuen, auf einer jeder Erfahrung spottenden Durchbrechung der geordnet und gesichert scheinenden Welt<7>. Ausgerechnet einem ästhetisch-erotischen Sinnenmenschen mit nihilistisch- existentialistischer Attitüde, der alle Metaphysik längst als Vertröstung durchschaut und verabschiedet hat, lässt Dürrenmatt etwas zustossen, was diesen einzig noch aus der Fassung zu bringen vermag: ein religiöses «Wunder». Schwitters schier unbegreifliche «Auferstehung», an die er selber nicht glauben kann, schlägt denn auch in eine überraschungsfrei abgedichtete und zu Ende gedeutete Welt buchstäblich ein wie ein Meteorit, stellt die religiös wie gesellschaftlich eingespielte Scheinsicherheit verstörend in Frage. Gerade darauf zielt die Strategie von Dürrenmatts theologischer Komödie: auf die Brechung antireligiöser Tabus und die Auslotung der Zumutung des christlichen Glaubens gegen seine bürgerliche Entschärfung, ja, Vergemütlichung, die Ostern zum Happy End des Karfreitags verniedlicht. Während für die beiden Vertreter des Christlichen in diesem Stück, Spitalpfarrer Lutz und Heilsarmeemajor Friedli, deren Religiosität Dürrenmatt als Ausdruck naiver Weltfremdheit und Lebensangst entlarvt, die Auferstehung eines Toten keine Beunruhigung, sondern pure Selbstbestätigung und Selbstberuhigung des ohnehin im Glauben Feststehenden darstellt, sie durch das dunkle Geheimnis von Tod und Auferstehung daher nicht zu erschüttern sind, geht es Dürrenmatt gerade um den Ärgernischarakter der Auferstehung allen Fleisches: «die Auferstehung ist in meinem Stück als das genommen, was sie eigentlich ist, als ein Skandalon, als eine anstössige Geschichte», kommentiert er sein «persönlichstes Stück», das «eigentlich seine Auseinandersetzung mit der Welt seines Vaters» sei. «Wir haben die Religion zu einer Art Trost-Bild gemacht, in Wirklichkeit handelt es sich um eine unangenehme und skandalöse Angelegenheit.»<8>

Auferweckung als Befreiung

Die «ungeheuerste Auferstehungsgeschichte» (Paul Konrad Kurz) jedoch der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur legte 1996 der in Los Angeles lebende Freiburger Schriftsteller Patrick Roth (*1953) mit dem Mittel- und Schlussbild seines Christustriptychons «Corpus Christi» vor. Dabei entzieht sich dieser unverkennbar gnostisch-esoterisch, mystisch und tiefenpsychologisch grundierte Bibelkrimi bewusst üblichen Lesegewohnheiten, sucht er doch mit einer höchst eigenwillig verlangsamten Sprache einen Zugang zu dem zu bahnen, was sich direktem Zugriff gerade entzieht<9>. Drei Tage nach der Kreuzigung Jesu macht sich Thomas Didymos, der auch den Namen seines Zwillingsbruders Judas trägt, auf die Suche nach seinem Leichnam. Die anderen Jünger wollen den Auferstandenen gesehen haben, für ihn war ihr Sehen nur Reue, ihr Glaube Wunsch. Um Gewissheit zu gewinnen, will Judas Thomas ihn sehen, berühren und fassen, bevor er anfangen könne, das Unfassbare zu fassen. Roths erzählerischer Einfall: Ein Wächter findet erwachend das Grab leer, sieht aber zuhinterst in der offenen Grabeshöhle eine Frau. Sie heisst Tirza und wird des Leichendiebstahls verdächtigt, verhört und gefoltert, damit sie das Versteck verrate. Unterdessen wird der Leichnam Jesu gefunden und soll in den nächsten Tagen auf einem Scheiterhaufen verbrannt werden, um allen Gerüchten um seine Auferstehung ein Ende zu setzen.
Im Fiebertraum kreisen Tirza und Thomas immer dichter an das Geheimnis von Ostern heran. Immer tiefer zieht der Strudel fantastischer Geschichten, fieberhafter Traumreden und allegorischer Traumbilder von Tirzas eigener Auferweckung durch Jesus, ihrer Begegnung mit dem Totgefolterten in der Grabkammer bis hin zu einer Allversöhnungsvision, in der sich Christus und Satan beim Grossen Fest am Ende der Zeiten umarmen. Thomas' Frage, was mit Jesu Körper passiert sei, wird denn auch von Tirza auf eine ganz andere Ebene jenseits der «harten Facts» gelenkt: «du hast recht, auf diesem Sehen, dem Fassen seiner Male müssen wir bestehen. Nur ist das Tauchen in die Spur nicht schon das Ziel. Dahinter musst du, in sie hinein, durch sie hindurch. Hinter die Schrift ... nicht in den Staben hängenbleiben.»<10> Je mehr Judas Thomas das Greifbare und Beweisbare ihrer Aussage zu fassen sucht, um «die Wahrheit zu wissen», desto vehementer entzieht sich ihm der Kern von Tirzas Erfahrung. Erst als Thomas loslässt und sich selbst ins Feuer der Sache wirft, wird er fündig. Ein Leben lang von Schuldgefühlen gegenüber seinem im Mutterschoss mit der Nabelschnur erwürgten Zwillingsbruder geplagt, erlebt er an sich selber die befreiende Bedeutung von Ostern. Ganz auf der Linie von Leo Tolstois berühmtem Roman «Auferstehung» (1899) erfährt Judas Thomas, als er auf dem brennenden Holzstoss das Gesicht des Gekreuzigten küssen will, eine geistige Wandlung, eine Neugeburt «mitten im Leben»: «Hier war der Körper meines Herrn der meines Bruders. Und der verdeckt gewesen war, war eins mit ihm und mir ... Im Körper Gottes sahen wir uns. Einander ohne Schuld. Und ich berührte seine Seite und küsste ihn, den ich gefunden», kann er wie der biblische Thomas sagen. «Der mir zuvor gekommen war und mir entgegen. Geboren war ich. Frei. Ich sprang vom Feuerhaufen in die Menge. Und halt die Hand in Deine Seite, mein Bruder, Herr und Gott. Ich halt sie in den Anfang.»<11>

 

Der promovierte Theologe Christoph Gellner ist Leiter des Instituts für kirchliche Weiterbildung an der Theologischen Fakultät der Universität Luzern (IFOK).


Anmerkungen

1 R. Kunze, ostern, in: eines jeden einziges leben. Gedichte, Frankfurt a.M. 1986, 56.

2 Vgl. C. Gellner, «Nur seinen Schrei nehmen wir ihm noch ab...». Poesie und Spiritualität unter dem Kreuz, in: SKZ 169 (2001) 205­208; Religiöse Sprachlehrer, in: SKZ (169) 639f.

3 J. Bobrowski, Ostern, in: Gesammelte Werke, Bd. I, Stuttgart 1987, 136.

4 Vgl. A. Stock, Warten, ein wenig. Zu Gedichten und Geschichten von Johannes Bobrowski, Würzburg 1991, 14­20.

5 Vgl. K.-J. Kuschel, Jesus im Spiegel der Weltliteratur. Eine Jahrhundertbilanz in Texten und Einführungen, Düsseldorf 1999.

6 K. Marti, das leere grab, in: Namenszug mit Mond. Gedichte, Zürich/Frauenfeld 1996, 49.

7 Vgl. K.-J. Kuschel, Im Spiegel der Dichter. Mensch, Gott und Jesus in der Literatur des 20. Jahrhunderts, Düsseldorf 1998, 424­442.

8 F. Dürrenmatt, Der Klassiker auf der Bühne (Gespräche 1961­1970), Bd. I, Zürich 1996, 195.212.

9 Vgl. G. Langenhorst, Jesus ging nach Hollywood. Die Wiederentdeckung Jesu in Literatur und Film der Gegenwart, Düsseldorf 1998, 158­162.

10 P. Roth, Corpus Christi. Frankfurt a.M. 1996, 132.

11 AaO., 179f.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2002