12/2002

INHALT

Leitartikel

Für den Tag des Sabbat

von Vitus Huonder

 

Selten erhalten wir über die Verwendung der Psalmen Auskunft.<1> Im Titel von Ps 92 wird uns gesagt, er sei ein Gesang für den Sabbat. Offen bleibt, ob er eigens dazu verfasst oder ob er später dafür eingesetzt wurde. Offen bleibt an und für sich auch, ob er im Tempel, in der Synagoge oder bei der Familienfeier Verwendung fand. Vers 14 spricht eigentlich für die Tempelliturgie. Heute finden wir ihn als Sabbatpsalm in der Feier der Synagoge. Nach Auskunft der Mischna, der ältesten rabbinischen Schrift des Judentums pharisäischer Richtung (Teile davon gehen auf die Zeit vor Christus zurück), sang der Levitenchor Ps 92 im Anschluss an das Tamidopfer bei der Weinlibation im Tempel, und dies am Sabbatmorgen und -abend. (Entsprechend wurden am ersten Tag Ps 24, am zweiten Ps 48, am dritten Ps 82, am vierten Ps 94, am fünften Ps 81 und am sechsten, also am Freitag, Ps 98 vorgetragen; vgl. Mischna, Traktat Tamid VII, 4.)
Einige wenige Psalmen des hebräischen Psalters werden bestimmten Feiern und Anlässen zugewiesen. Ps 30 ist ein Tempelweihpsalm. Was das heisst, ist schwer festzustellen. Wohl wird er beim entsprechenden Jahresgedächtnis Verwendung gefunden haben. Nicht für einen bestimmten Tag, aber für eine eigene liturgische Handlung ist Ps 38 vorgemerkt, nämlich als Begleitgebet zum Weihrauchopfer. Er ging morgens und abends dem Weihrauchopfer ­ so jedenfalls um die Zeitenwende ­ voraus. Dasselbe gilt für Ps 70. Für den Dank, möglicherweise das Dankopfer ist Ps 100 vorgesehen. Der griechische Psalter kennt noch einige weitere Zuweisungen (vgl. Ps 28 [29]; 92 [93]; 95 [96]; 110 [111] und 111 [112]).
Es ist gut möglich, dass Psalm 92 aus levitischen Kreisen stammt. Sind doch eben sie «im Hause des Herrn gepflanzt», sind doch sie in den Vorhöfen angesiedelt, indes nur die Priester aaronitischer Abstammung den eigentlichen Tempelbereich, das Tempelhaus betreten durften.
Welche Bedeutung kommt nun diesem levitischen Sängerstand zu? Auskunft darüber gibt vor allem das Werk des Chronisten (1 Chr und 2 Chr, hat auch Esra und Neh bearbeitet und in seine Redaktion aufgenommen; schreibt um 300 vor Chr.). Das zeigt, dass sich der Stand der levitischen Tempelsänger erst in der Zeit nach dem Exil etabliert hat. Das Vorbild und der Vater dieses Standes ist David. Deshalb schreibt der Chronist die Berufung des Sängerstandes David zu (vgl. 1 Chr 16,4; in diesem Zusammenhang steht auch die Erwähnung von Ps 105,1­11). So erscheint David, wie wir schon feststellen konnten, als wichtige Gestalt neben Mose und den Propheten. Mose hat Israel die Tora gegeben, die Propheten haben Gottes Absicht und Willen kundgetan, David aber hat Israel das Gebet und den Gesang geschenkt.
Weiter ist zu bemerken, dass David im chronistischen Geschichtswerk mit grossen prophetischen Gestalten zusammen genannt wird (vgl. 1 Chr 29,29), mit Samuel, Natan und Gad. Anderseits wird der levitische Dienst mit dem gleichen Wort wie der prophetische umschrieben (vgl. 1 Chr 25,1­3: «Sie spielten auf Zithern, Harfen und Zimbeln», lesen wir in der Einheitsübersetzung. Genau müsste es heissen: Sie übten das Prophetenamt aus, oder sie prophezeiten. Asaf, das Haupt des levitischen Sängerstandes, wird Seher genannt (vgl. 2 Chr 29,30). Der Sänger Jahásiel wird wie ein Prophet vom Geist des Herrn ergriffen und spricht als Prophet (2 Chr 20,15). Alles weist darauf hin, dass aus der theologischen Sicht des Chronisten die Gabe der Prophetie gleichsam auf die levitischen Tempelsänger übergegangen ist. Sie tragen das Erbe der Propheten, die eben in der Zeit des Chronisten selten werden, weiter. (Die letzten prophetischen Schriften sind aus dem 4. Jahrhundert v. Chr.)
Der Psalmengesang als levitischer Gesang, das heisst dann auch als inspirierter Gesang, erhält damit die Würde und die Autorität der Schriften des Mose oder der Schriften der Propheten. Als inspirierter Gesang vermag er auch jene zu inspirieren, also gleichsam in die Sphäre von Gottes Geist hineinzuholen, welche sie betend und singend nachvollziehen. Ja, der Psalter wird mehr und mehr als Prophetie im Sinne der Zukunftsvision verehrt. Er spricht über den Messias und über das messianische Gottesvolk (vgl. die Davidisierung des Psalters). Deshalb wird der Psalter im Neuen Testament gerne im Zusammenhang mit messianischen Themen zitiert (vgl. etwa Lk 24,44).
Zusammenfassend lässt sich sagen: Das Psalmenbuch steht in einer beachtlichen Gesangstradition drin und braucht, soll es in seiner ganzen Tiefe ausgelotet werden, die Pflege dieser Tradition. Es soll, ja es muss als Gesangbuch ausgestaltet und als Gesang in der Liturgie seine Vitalität ausgedrückt finden.
Anderseits ist die Gesangstradition, aus der viele Psalmen hervorgegangen sind, stark pneumatologisch geprägt. Sie weiss sich unter dem Einfluss von Gottes offenbarendem Geist, als Organ dieses Geistes. Im Psalmengesang geschieht einerseits Geistmitteilung, anderseits «Begeisterung», das heisst, der Psalmengesang nimmt uns gleichsam in den Raum, ins Wirken des Geistes Gottes hinein.
Das führt uns zur ekklesiologischen Dimension des Psalmengebetes. Die wohl bedeutendste Wirkweise des Geistes Gottes ist die Sammlung der Menschen zur Gemeinde Gottes, zum Volk Gottes, zum singenden Volk Gottes, das heisst schliesslich zum Volk Gottes als Festversammlung, als feiernde Gemeinde. Damit lässt das Psalmengebet ­ der Psalmengesang jeden Gottesdienst zum Pfingstereignis werden beziehungsweise indem die Kirche die Psalmen betend und singend durch diese Zeit schreitet, weist sie sich als die «pfingstliche» Kirche aus, als Gemeinde der Gläubigen, die sich dem Pfingstfest, dem Wirken des Heiligen Geistes, verdankt.

 

Vitus Huonder, Generalvikar des Bistums Chur für den Kanton Graubünden, wurde von der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg für das Fach Liturgiewissenschaft habilitiert (Vitus Huonder, Die Psalmen in der Liturgia Horarum, [Studia Friburgensia, Neue Folge 74], Freiburg Schweiz 1991).


Anmerkung

1 Der vorliegende Beitrag schliesst an die Beiträge «So sollt ihr beten» (SKZ 169 [2001] Nr. 46, S. 645f.), «Vertrauensvoll beten» (SKZ 169 [2001] Nr. 50, S. 709­711) und «Lobgesang» (SKZ 170 [2002] Nr. 10, S. 133f., an.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2002