11/2002

INHALT

Leitartikel

Viele Stimmen - eine Welt

von Antonio Hautle

 

In der Kakophonie der Meldungen, Bilder und Ereignisse unserer Medienwelt ist echte Kommunikation oft ein schwieriges Unterfangen. Die stillen, sensiblen Töne finden in der Kurzlebigkeit der auf Einschaltquoten und Auflagenstärken getrimmten Medienindustrie kaum Gehör. Dabei verbessern weder die reisserischen Katastrophenberichte noch die voyeuristischen Schicksalsberichte die menschlichen Lebensgrundlagen. Wir Menschen sind auf Mitteilung und Kommunikation angewiesen. Das Wesen unseres Menschseins an sich ist auf Kommunikation angelegt. Kommunikation und Kommunikationsmittel können dem Leben dienen, sie können es aber auch behindern und zerstören.
Auf diese Problematik des Umgangs mit den Medien und der Kommunikation wollen die beiden Hilfswerke Fastenopfer und Brot für alle mit der diesjährigen Fastenaktion aufmerksam machen. Während in vielen Ländern immer mehr und immer oberflächlichere Informationen produziert und verbreitet werden, bleiben ganze Regionen und Bevölkerungsgruppen von den Kommunikationsmitteln und damit von vitalen Grundlagen ausgeschlossen. Trotz grossen technischen Fortschritten, trotz weltumspannender Kommunikation im Sekundentakt ist es noch nicht gelungen, allen Menschen ein einigermassen würdiges Leben zu ermöglichen. Im Gegenteil, je mehr sich dieser «digitale Graben» öffnet, desto mehr Menschen werden von der modernen Marktwirtschaft abgekoppelt und der Armut und der sozialen Gewalt überlassen.
Was aber hat das mit der Fastenzeit, der vorösterlichen Zeit der Besinnung und Umkehr zu tun?
Eine Antwort darauf gibt Jesaja: «Das ist ein Fasten wie ich es liebe: die Fesseln des Unrechts zu lösen, jedes Joch zu zerbrechen. Wenn du der Unterdrückung ein Ende machst, keinen verleumdest, den Darbenden satt machst, dann wird deine Finsternis hell wie der Mittag» (Jes 58). Besinnung, Fasten und Busse gehören seit Jahrhunderten zur christlichen Tradition. Die Fastenwochen, Einkehrtage und gemeinsamen Aktionen in Pfarreien und Gruppen zeigen, dass dieser Brauch in traditionellen und neuen Formen immer noch aktuell und sinnvoll ist. Die persönliche Einkehr, allenfalls der Verzicht auf Medienkonsum, mehr Dialog mit Gott, mehr Dialog mit den Mitmenschen und mit sich selber können uns auf dem Weg zu einem sinnvollen Leben, auf dem Weg zu Gott helfen.
Der Jesajatext macht aber auch bewusst, dass wir dort nicht stehen bleiben dürfen. Fasten, Beten und Feiern entfalten ihre eigentliche Kraft in der tätigen Nächstenliebe, im Einsatz für mehr Gerechtigkeit, Versöhnung und bessere Lebensbedingungen für alle Menschen. Auch wenn es uns nicht gelingen wird, das Paradies auf Erden zu schaffen, so gehört es dennoch zum Auftrag der Kirche und der Hilfswerke, am Reich Gottes auf Erden mitzubauen. Diese Arbeit ist getragen von der österlichen Hoffnung und Zuversicht, dass Gott selber das verheissene Reich vollenden wird.
In diesem Sinne versucht das Fastenopfer mit der Kampagne den Stimmlosen in der Dritten Welt eine Stimme zu geben und die Aufmerksamkeit der schweizerischen Öffentlichkeit auf die Bedeutung der modernen Kommunikationsmittel für die Länder des Südens zu lenken. Der Aufbau und die Unterstützung katholischer und christlicher Medien in diesen Ländern hat für das Fastenopfer seit Jahren eine grosse Bedeutung.
Um diese Arbeit auch in Zukunft weiterführen zu können, bittet das Fastenopfer alle Seelsorgerinnen und Seelsorger, alle Katholikinnen und Katholiken herzlich um ihre grosszügigen Spenden. So kann das Hilfswerk seinem Grundsatz «wir teilen» als «Hilfe zur Selbsthilfe» auch in diesem Jahr treu bleiben und seine Mission im Dienste der Kirche Schweiz und für die Benachteiligten in den Ländern des Südens erfüllen. Herzlichen Dank!

Antonio Hautle


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2002