10/2002

INHALT

Leitartikel

Lobgesang

von Vitus Huonder

 

Der Psalter1 ist nicht nur ein Gebetbuch, vor allem nicht nur «Bittbuch». Der Psalter ist insbesondere auch ein Gesangbuch und diesbezüglich durchaus mit einem Antiphonar oder einem Antiphonale zu vergleichen. Viele Psalmen sind als Gesänge gekennzeichnet. Die Psalmensammlung als solche versteht sich in erster Linie als eine Sammlung von tehillim, das heisst von Lobliedern. Sie ist, trotz grossem Bestandteil an Bitt- und Klagepsalmen, eine Hinführung zum Gotteslob, zum gesungenen Gotteslob. Deshalb endet der Psalter mit dem ausladenden Hallel, welches von den Ps 146 (145)­150 gebildet wird. Die Psalmen beten heisst daher immer, sich auf dieses umfassende Lob des Gottes Israels, des Herrn der ganzen Welt hinbewegen.

Gesang

Der Gesang verdichtet das Gebet. Er verstärkt seine Aussagekraft. Er trägt zur Feierlichkeit bei. Er beschwingt, erhebt, reisst mit. Er ist als kunstvoller Ausdruck immer auch lobenswerte Pflege menschlicher Fähigkeiten und Gaben, und dadurch in hohem Masse eine echt menschliche und menschenwürdige Bereicherung. Vor allem im Zusammenklang mit Instrumenten wird er zum ausdrucksvollen Spiel vor Gott. Gott soll gleichsam erfreut werden. Gott soll die Freude, die der Mensch an ihm und seinem Werk empfindet, «anschaulich» erfahren. Ein eindrückliches Beispiel solcher Freude vor Gott ist uns im Prozessionsgesang Davids erhalten geblieben, 2 Sam 6,5.14­15.21.
Gott soll anderseits durch den Gesang, durch dessen Schönheit und Eindringlichkeit, stärker zum gnädigen Handeln am Menschen bewegt werden. Die «Gemütslage» Gottes soll gleichsam beeinflusst werden. Natürlich ist das im Sinne des Vergleiches zu verstehen. Die Melodie soll den Gebetsinhalt, das bittende und lobende Wort, eindringlicher werden lassen und die Erhörung in einem höheren Mass «gewährleisten». Dabei spielt auch das Instrument eine bedeutende Rolle. In 1 Sam 16,14­23 erfahren wir, wie das Instrumentalspiel ­ möglicherweise mit Gesangsbegleitung ­ den seelischen Zustand Sauls verändert.
Doch der Gesang hat nicht nur eine «objektive» Tragweite im Sinne der Einflussnahme auf den Hörer, sondern er hat auch eine «subjektive» Bedeutung: Der Sänger, der Beter oder die betende Gemeinde sollen durch den Gesang selber Ermutigung und Ermunterung finden. Ihre seelische Kraft soll dadurch gewinnen, ihr Mitgehen und Ergriffensein verstärkt werden. Das kann natürlich bis zu den fragwürdigen Auswirkungen wie Trance-Zuständen (hypnotische Zustände) gehen. Im positiven Sinn wird aber die Erfahrung des Mysteriums Gottes durch den Gesang erhöht. Gilt doch der Gesang und das musikalische Spiel in den alten Kulturen als Teilhabe am Göttlichen.
Die altorientalische Welt, die Welt, in der die Psalmen entstanden sind, kennt einen grossen Reichtum an Instrumenten. Im Psalm 92 (91) ist die Rede von Laute, Harfe (Standleier) und Leier (Trag- oder Handleier in der Form der Kasten- oder Schrägleier). Diese Instrumente werden vor allem in den Dankgottesdiensten verwendet. Ps 92 ist möglicherweise ein Gesang, der einen solchen Gottesdienst widerspiegelt.
Andere Instrumente sind Hörner. Ihre Töne sind Signallaute und künden Festtage und Festzeiten an. Im Tempelgottesdienst machen sie auf bestimmte Handlungen aufmerksam. In etwa entsprechen sie unseren Glocken. Später werden sie durch Trompeten ersetzt (vgl. den Titusbogen auf dem Forum Romanum).
Zur Begleitung von Umzügen, Prozessionen und Triumphmärschen dienen Handtrommeln (Pauken) und Zimbeln. Dazu eignen sich auch Handleiern. Die Gesamtheit der Instrumente, wobei auch die Flöte beziehungsweise Langflöte dazu kommt, unterstreicht die Feierlichkeit des Anlasses. Ein Beispiel dafür ist Ps 150.
Ps 92 lässt uns die vielfältige Wirkung beziehungsweise Absicht des Gesangs und des Spieles erkennen: Darin soll das Gotteslob zum Ausdruck kommen (V. 2). Damit verbindet sich aber auch die Kunde von Gottes Heilstaten. Die Welt soll das Gotteslob hören und auf diese Weise Gott kennen lernen (V. 3 und 16). Sie soll erfahren, wer der Gott Israels ist. Schliesslich soll darin die Freude des Glaubenden, des Getreuen zur Sprache kommen (V. 5). Dies alles dürfen wir sodann auf das Psalmengebet ganz allgemein ausweiten: Es ist Gotteslob, Kunde von Gottes Weg mit uns Menschen, Ausdruck der Freude und Geborgenheit in Gott.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2002