9/2002

INHALT

Leitartikel

Wir teilen - auch die Kommunikation

von Rolf Weibel

 

Während das deutsche Leitwort der ökumenischen Kampagne von «Fastenopfer» und «Brot für alle» (mit «Partner sein») ­ «Viele Stimmen ­ eine Welt» ­ den Titel des 1980 erschienenen MacBride-Berichts aufnimmt und so an seine Forderung nach einer gerechten Weltinformationsordnung erinnert, bringt die französische (und italienische) Fassung das Anliegen der Hilfswerke unmittelbarer zum Ausdruck: «Partager la communication ­ Die Kommunikation teilen». Wie das Brot besser ist, wenn es geteilt wird, so auch die Kommunikation, erklärte Charles Ridoré als Vertreter des «Fastenopfers» in seiner Begrüssung den Teilnehmenden am Seminar für Medienschaffende, zu dem die Hilfswerke zur Eröffnung ihrer Aktion letzte Woche nach Freiburg eingeladen hatten. Die Medien bilden für Christoph Stückelberger, Zentralsekretär von «Brot für alle», denn auch einen der vier Akteure, die zur Überwindung des Kommunikationsgrabens zwischen «dem Norden» und «dem Süden» beizutragen haben und an die sich deshalb ein Teil der Unterschriftenaktion der ökumenischen Kampagne richtet.
Wird Kommunikation geteilt, trägt dies zur wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung «des Südens», zur Beseitigung von Armut, Hunger, Krankheiten und Seuchen in den Entwicklungsländern bei. Dabei mitzuhelfen haben die Politik, die Wirtschaft und die Medien, aber auch die Hilfswerke und weitere Nichtregierungsorganisationen. Die Unterschriftenaktion richtet sich deshalb an den Bundesrat, der mit dem Parlament für die Aussen-, Entwicklungs- und Medienpolitik verantwortlich ist; sie richtet sich sodann an die privaten Firmen der Fernmeldedienste, weil diese die Infrastruktur der Kommunikation anbieten, und sie richtet sich an die Medien ­ eine Tageszeitung bzw. eine Radio- oder Fernsehgesellschaft ­, weil diese die Inhalte dessen prägen, was kommuniziert wird, und das Bild schaffen, das wir über die Lage in den Entwicklungsländern haben. Weil sie auf dem freien Markt bestehen müssen, die Marktmechanismen die Informationsfreiheit aber nicht nur ermöglichen, sondern auch bedrohen, empfiehlt Christoph Stückelberger ihnen bzw. ihrer Arbeit eine Entwicklungsverträglichkeitsprüfung.
Als Einstieg in Workshops zu Lateinamerika, Afrika und Asien antworteten aus der Sicht der deutschen Schweiz die Journalistin Esther Girsberger und aus der Sicht der Romandie Chefredaktor Daniel Pillard auf die Frage: «Hat die Südberichterstattung überhaupt noch einen Marktwert?». Esther Hirsberger erinnerte vor allem an die Probleme der Informationsbeschaffung. Medien, die ihren Informationsauftrag ernst nehmen, müssen internationale Zusammenhänge und interkulturelles Verständnis vermitteln. Das bestehende Nachrichtenmonopol auf internationaler Ebene dient einseitig amerikanischen Interessen und erschwert eine differenzierte Berichterstattung. Erschwerend komme hinzu, dass das Radio und die Printmedien kaum Informationen liefern, wenn es keine Fernsehbilder und Fotos gibt.
Ihre Thesen illustrierte Esther Girsberger mit Gegebenheiten um den 11. September 2001. In den grossen amerikanischen Zeitungen erschienen in den ersten Monaten nach diesem Tag mehr Artikel über Afghanistan, das lange Zeit als Hinterindien abgetan wurde, als in all den Jahrzehnten seit dem Zweiten Weltkrieg. Der Nachrichtensender CNN verschob praktisch über Nacht gegen 80 Mitarbeiter nach Zentralasien und in den nahen Osten, die Nachrichtenagentur AP mehrere Dutzend. Und trotzdem wissen wir bestenfalls ansatzweise, wie es in Afghanistan ausserhalb der Hauptstadt Kabul aussieht...
Daniel Pillard ging mehr auf die Frage nach dem Marktwert ein (obwohl die französische Fassung der Frage schärfer formuliert war: «Vaut-il encore la peine de parler du Sud? ­ Lohnt sich die Mühe noch, vom Süden zu sprechen?»), und seine Antwort war kalt und klar: die Informationen aus dem Süden sind objektiv schwierig zu verkaufen. Um dies zu ändern, braucht es keine Unterschriftenaktion, sondern die Kreativität einer Strategie, die sich auf das berufliche Können und die Kenntnis des Marktes stützt. Wer über den Süden schreibe, müsse sich dem Stil des jeweiligen Mediums anpassen, müsse auf die Aktualität setzen und neue Trends wie den sanften Tourismus ausnützen; auf dieser Linie seien auch Journalisten und Journalistinnen aus dem Süden als Stagiaires in den Medien des Nordens auszubilden.
Mit diesen Impulsen wurden anschliessend in Workshops mit Fachleuten aus und für Lateinamerika, Afrika und Asien einzelne Fragen andiskutiert und Anregungen zur Verbesserung der Südberichterstattung ausgetauscht. Über Schwerpunkte dieser Gruppenarbeiten wurde dann im Plenum berichtet. So erinnerten die Teilnehmenden aus dem Süden nachdrücklich an die Grösse und Vielfalt seiner Kontinente und Länder.
Als dringend geboten konnte die Nutzung komplementärer oder alternativer Informationsquellen dargestellt werden, zumal einerseits amerikanische Quellen auch gezielt Fehlinformationen in Umlauf bringen und anderseits in manchen Ländern des Südens die Informationsfreiheit eingeschränkt oder überhaupt nicht gegeben ist. Alternative Informationsquellen im Norden können Nichtregierungsorganisationen sein; aber auch im Süden gibt es im Medienbereich viele Alternativen.<1> In der Schweiz lebende Afrikaner vermissen in den hiesigen Medien ihre Stimme zu afrikanischen Themen. Ein Austausch von Stagiaires könnte das gegenseitige Verständnis fördern; in diesem Zusammenhang wurde im Bezug auf die Qualität des Journalismus aber auch nachdrücklich zu Bescheidenheit gemahnt. Schon jetzt ermöglicht übrigens die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit des EDA Stages in Schwerpunktländern; die Möglichkeit für Stages in der Schweiz für junge Journalistinnen und Journalisten aus diesen Ländern wird vorbereitet.
Im das Seminar abschliessenden Plenum, in dem «Südbeobachter» auf den Tag zurückblickten, plädierte P. Robert Astorino, Leiter der Nachrichtenagentur UCAN (Union of Catholic Asian News) für Partnerschaften im Medienbereich: Nachrichten würde eine virtuelle Realität vermittelt, ein Austausch mit Medienschaffenden könnte die Realität besser übersetzen.
Der «Norden» wurde nicht nur zu Bescheidenheit ermahnt, sondern auch zu Selbstkritik. So sei auf die versteckten Interessen («hidden agenda») wie auf die subtilen Formen des Ethnozentrismus (wenn nicht Rassismus) zu achten; so machte Mutombo Kanyana, Redaktor einer afrikanischen Immigrantenzeitschrift, auf den Sachverhalt aufmerksam, dass bei Bildern von Katastrophen in Europa wie beim Attentat von Zug pietätvoll keine Leichen gezeigt würden, sehr wohl hingegen auf Katastrophenbildern aus Afrika. Wenn die Hilfswerke Medienarbeit im Süden unterstützen, geht es ihnen erklärtermassen um Ermächtigung («empowerment»), um Hilfe zur Selbsthilfe.<2> Gerade im Bereich der Medien sind sie besonders herausgefordert, diese Hilfe aus dem Norden nicht als einseitige Hilfe zu leisten und darzustellen, sondern als Austausch, im Medienbereich vor allem als interkulturellen Austausch ­ so wie anderseits das Informiertsein über den «Süden» eine Voraussetzung der Solidarität zwischen «Nord» und «Süd» ist, worauf der lateinamerikanische «Südbeobachter» Sergio Ferrari hinwies.
Die vielfältigen und komplexen Fragen, die mit dem Thema «Südberichterstattung» aufgeworfen wurden, erlauben keine einfache und rasche Lösung. Gefragt ist deshalb, wie Charles Ridoré betonte, eine systemische und langfristige Arbeit.<3> Die Hilfswerke selber sind so gefordert, für ihre Anliegen langfristige Strategien zu entwickeln.


Anmerkungen

1 Einer der vertiefenden Workshops des Nachmittags war denn auch dem Internet gewidmet; unter fachkundiger Leitung wurden die Zugänge zu anderen Informationsquellen aufgezeigt.

2 In einem vertiefenden Workshop ging es um die Rolle der Medien in der Projektarbeit im «Süden» und in der Kampagnenarbeit im «Norden».

3 Dazu gehört auch die Arbeit an den Rahmenbedingungen; ein vertiefender Workshop befasste sich denn auch mit dem 2003 nach Genf einberufenen Welt-Kommunikationsgipfel («World Summit on Information»).


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2002