8/2002 | |
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Leitartikel |
Dick, schwarz und heilig.» So soll ein Kind in der Schule auf die
Frage geantwortet haben, was die Bibel sei. Das mag zwar nicht unbedingt
falsch sein; denn dick ist dieses Buch zweifelsohne, und schwarz sind manche
Bibelausgaben immer noch, und auch gegen das Wort heilig ist nicht wirklich
etwas einzuwenden.
Aber, Augenzwinkern beiseite, die Antwort jenes Kindes trifft auch einen
gewissen Geruch, mit mit dem die Bibel heute und nicht erst heute
behaftet ist: ein verstaubtes, etwas altmodisches Buch, das man bestenfalls
im Bücherregal stehen hat vielleicht sogar in einer gar nicht
schwarzen, sondern künstlerisch wertvollen Geschenkausgabe , das
man aber nicht wirklich gelesen hat und schon gar nicht versteht. Ein Buch
mit sieben Siegeln eben.
Die Bibelpastorale Arbeitsstelle des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks
(SKB) und die Schweizerische Bibelgesellschaft sind angetreten, das Gegenteil
zu beweisen. In ökumenischer Trägerschaft, unterstützt von
der Arbeitsgemeinschaft der christlichen Kirchen in der Schweiz (AGCK-CH),
soll 2003 in der Schweiz, wie auch in Deutschland und Österreich, ein
«Jahr der Bibel» stattfinden. Ein ökumenisch besetztes
Komitee, in dem die katholische Seite von Herrn Weihbischof Denis Theurillat
als Vertreter der Bischofskonferenz, Frau Denise Roth vom Schweizerischen
Katholischen Frauenbund, einem Vertreter der Bethlehem Mission Immensee
sowie Detlef Hecking von der Bibelpastoralen Arbeitsstelle Zürich repräsentiert
wird, hat das Patronat für die Aktion übernommen.
Bei diesem Bibeljahr soll es nicht in erster Linie darum gehen, noch mehr
und noch schönere Bibelausgaben herauszugeben. Die soll und wird es
zwar auch geben. Wichtiger ist es den Initiatoren jedoch, die Lust am «Buch
der Bücher» wieder zu wecken, die Bibel ins Gespräch
zu bringen, ihre versteckten Seiten sichtbar und ihre lebensvolle und manchmal
auch irritierende Stimme für möglichst viele Menschen hörbar
zu machen.
Um dieses Ziel zu erreichen, wird es Projekte und Aktionen geben, die
auf drei verschiedenen Ebenen ansetzen. So sollen medienwirksame Grossveranstaltungen
die Bibel öffentlich ins Gespräch bringen. Bislang geplant sind
zum Beispiel künstlerische Auseinandersetzungen mit der Bibel und ihrer
Wirkungsgeschichte, eine Wanderausstellung, ein schweizweites und vielsprachiges
Bibel-Abschreiben, bei dem auch die Heiligen Schriften anderer Religionen
nicht fehlen dürfen, sowie ein buntes Bibelfest, um die handgeschriebene
Bibel zusammenzusetzen und der Öffentlichkeit zu übergeben.
Ein zweiter Schwerpunkt der Projekte liegt auf der Ebene der Pfarreien und
Kirchgemeinden. Speziell für sie sind Materialien geplant, die es ganzen
Gemeinden oder interessierten Gruppen erleichtern sollen, biblische Akzente
in ihren Jahresprogrammen zu setzen. Dafür haben bereits viel versprechende
Kooperationen mit den Hilfswerken begonnen, damit es über das Jahr
verteilt begleitende Bibelhefte zu den laufenden Kampagnen geben kann. Aber
auch spezifische Zielgruppen wie Männer, Frauen, Kinder
sollen nicht zu kurz kommen. Für Kindergruppen ist zum Beispiel eine
«Bibel-Entdecker-Tour» gedacht, mit deren Hilfe sich Acht- bis
Dreizehnjährige erlebnisorientiert mit zentralen Lebensthemen auseinander
setzen können.
Dabei muss nicht alles neu erfunden werden. Viele gute und hilfreiche Materialien
existieren bereits und warten nur darauf, bekannt gemacht zu werden. Und
an vielen Orten wird bereits hervorragende biblische Arbeit gemacht. Für
all das ist ein Ideenheft am Entstehen, für das im Moment Projektvorschläge
gesammelt werden und das ab Sommer 2002 bei der Bibelpastoralen Arbeitsstelle
in Zürich erhältlich sein wird.
Ein dritter Akzent des Bibeljahres soll schliesslich auf Hilfestellungen
für die private Bibellektüre zu liegen kommen. Einzelpersonen
sollen ermutigt werden, die Bibel wieder einmal oder überhaupt
einmal aufzuschlagen. Einfache Verstehenshilfen und Anleitungen zur
persönlichen Bibellektüre sollen helfen, das Buch nach und nach
von seinen sieben Siegeln zu befreien und ihre Weisheit und Kraft für
das eigene Leben zu entdecken.
Denn es lohnt sich, sich näher auf die biblischen Bücher und Lieder und Geschichten einzulassen. In ihnen kommt Leben zur Sprache, wie es ist. Da erzählen Menschen von befreienden und niederschmetternden Erfahrungen, da ist Platz für Jubel und Zorn und Klage und Hoffnung. Psalmen finden Worte für Ungesagtes und lassen Raum für Unsagbares. Die Lyrik des Hohenliedes besingt die Höhen und Tiefen einer Liebe. Prophetinnen und Propheten klagen Unrecht an. Wundergeschichten und Gleichnisse formulieren die Hoffnung auf gelingendes Leben für alle Menschen. Viele Stimmen, sich ergänzend, einander widersprechend, in lauten und in leisen Tönen, bringen Leben in allen seinen Dimensionen ins Wort, und das ist heute so aktuell und brisant wie eh und je.
Dabei ist es ein Anliegen des Bibeljahres, auch die dunklen Seiten biblischer Texte und kirchlicher Auslegungsgeschichte nicht zu verschweigen. Denn da gibt es nichts zu beschönigen: Mit Hilfe biblischer Texte wurden Menschen unter Druck gesetzt, biblische Texte wurden missbraucht zur Rechtfertigung von Krieg, Sklaverei, Antijudaismus, Rassismus, Frauenunterdrückung und vielem mehr. Dies gilt es zu benennen und aufzuarbeiten. Und es gilt, einen Umgang mit den Texten zu finden, der diese Unrechtsgeschichte nicht fortschreibt.
Und schliesslich sind sich die Initiatoren bewusst, dass die Bibel nicht nur die Heilige Schrift der Christinnen und Christen ist. Das christliche Erste oder Alte Testament ist auch die Heilige Schrift des Judentums, und auch der Islam schöpft aus biblischen Überlieferungen. Da gilt es, einen respektvollen Dialog miteinander zu pflegen, aus den gemeinsamen Traditionen zu lernen und an einer tragfähigen Zukunft zu bauen.
Das Schweizerische Katholische Bibelwerk und die Bibelgesellschaft haben
einen Stein ins Rollen gebracht. Sie können ein Netzwerk für biblische
Projekte und Ideen bieten, Hilfestellungen geben, Initiativen ergreifen.
Aber sie haben nur begrenzte materielle und personelle Ressourcen zur Verfügung.
Deshalb kann das Jahr der Bibel nur gelingen, wenn sich möglichst viele
Gruppen und Institutionen beteiligen und in ihren Programmen und Angeboten
biblische Akzente setzen, so dass die Bibel an vielen Orten und auf originelle
und vielfältige Weise zur Sprache kommt: Biblisch inspirierte Konzerte,
künstlerische Auseinandersetzungen mit biblischen Themen und Gestalten,
Ausstellungen, ein Bibelfest, biblisches Kochen, ein Bibeltag, Gottesdienste,
ein biblischer Stadtspaziergang das sind nur einige Stichworte, die
mir persönlich im Moment im Kopf herumspuken. Der Phantasie sind hier
sicher keine Grenzen gesetzt.
Die Bibelpastorale Arbeitsstelle und die Projektstelle des Bibeljahres geben
Hilfestellungen, soweit es in ihren Kräften liegt. Aber sie sind darauf
angewiesen, dass andere den Ball aufgreifen oder den Faden weiter spinnen,
und dass die Bibel in ihren vielen Facetten zum Thema in Pfarreien und Gruppen,
Bildungshäusern und Zeitschriften, Theologischen Fakultäten und
vielen anderen Orten wird. Denn nicht zuletzt ist die Bibel nicht «nur»
Heilige Schrift, sondern auch ein Kulturgut, das unser Leben bis in den
Alltag hinein prägt.
Sabine Bieberstein, Autorin unserer Reihe zum Lesejahr, leitet auf der Bibelpastoralen Arbeitsstelle Zürich das Projekt «Jahr der Bibel 2003» in der Schweiz; info@bibelwerk.ch