7/2002

INHALT

Leitartikel

"Viele Stimmen - eine Welt"

von Michael Traber

 

Im August 1980 verabschiedete die Generalversammlung der Unesco ein Dokument, dessen Titel die kirchlichen Hilfswerke für die diesjährige Aktion als Motto übernommen haben: «Viele Stimmen ­ Eine Welt». Das als MacBride-Bericht bekannt gewordene Dokument hat den Untertitel: «Zu einer gerechteren und wirksameren Weltordnung der Information und Kommunikation». Dieser geschichtliche Hinweis ist wichtig ­ aus folgenden Gründen:

Die Schweiz ist ein kleines Land; sie wird die Europa- oder Weltpolitik nicht bestimmen, und auch die Probleme der kulturellen Selbständigkeit nicht lösen, bei denen die Massenmedien eine entscheidende Rolle spielen. Aber unser Land könnte in internationalen Gremien für einen partnerschaftlichen Informations- und Kommunikationsaustausch zugunsten der Dritten Welt ihre Stimme erheben. Dabei geht es allerdings um grosse und langfristige Aufgaben. Denn für die Länder und Firmen, welche die internationale Kommunikation und die Unterhaltungsindustrie beherrschen, stehen jährlich Milliarden von Dollars auf dem Spiel.
Auch die Schweizer Kirchen sind weitgehend machtlos. Aber sie können Zeichen setzen ­ wie zum Beispiel die diesjährige Fastenopfer-Aktion ­ wichtige Zeichen in einer Zeit, in der die Globalisierung der Massenmedien (fälschlicherweise) als unaufhaltsam gilt. Eine der Grundfragen jeder Kommunikation ist: Wer kommt zum Wort, und wer wird ausgeschlossen? Wer hört hin und horcht, und wer hört weg? Die Kirchen haben da eine einzigartige Gelegenheit, den Totgeschwiegenen eine Stimme zu leihen.
Die Kirchen und Theologen der Dritten Welt sind zwar nicht stumm. Sie reden, schreiben und handeln mit viel Überzeugungskraft. Aber ihre Äusserungen werden im Westen kaum wahrgenommen, es sei denn, dass sich ein Skandal oder eine Sensation dahinter verbergen. Die Kirchen und Theologen der Dritten Welt werden schlechthin überhört und dadurch mundtot gemacht.
Zeichen setzen heisst, die vielen Stimmen der Weltkirche zum Klingen zu bringen. Und dabei geht es nicht nur um die der Amtsträger und Theologen, sondern auch um die Frauen der Kirche Afrikas, Asiens und Südamerikas, die sich in so selbstbewusster und selbstverständlicher Weise zum Wort melden. Es sind gerade diese Frauen, Männer und Kinder, die ihren Glauben nicht nur in Worten zum Ausdruck bringen, sondern auch in Gesang und Tanz, in Zeichnungen und Bilder, wovon uns das Hungertuch jährlich ein Beispiel liefert.
Das diesjährige Thema des Fastenopfers setzt ein brennendes und weltbewegendes Thema von neuem auf unsere Traktandenliste. Nur wenn wir bereit sind, die unterschiedlichen und vielfältigen Stimmen der Kleinen und Machtlosen zu hören, besteht die Möglichkeit, unsere Kirche in eine echte Weltkirche zu verwandeln. Und nur wenn wir unsere Gedanken, Wünsche und Vorstellungen miteinander teilen (mit-teilen), kann unsere zerklüftete und friedlose Welt zu einer neuen, friedvollen und einigen Welt werden, der einen Welt mit vielen Stimmen.

 

Der Immenseer Missionar Michael Traber arbeitete nach der Promotion in Kommunikationswissenschaft an der New York University in Afrika, Europa und Asien als Journalist, Verleger, Buchautor und Dozent ­ seit seiner Pensionierung am Union Theological College in Bangalore (Indien); deshalb ist er auch Gast der diesjährigen Fastenaktion.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2002