7/2002 | |
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Leitartikel |
Im August 1980 verabschiedete die Generalversammlung der Unesco ein Dokument, dessen Titel die kirchlichen Hilfswerke für die diesjährige Aktion als Motto übernommen haben: «Viele Stimmen Eine Welt». Das als MacBride-Bericht bekannt gewordene Dokument hat den Untertitel: «Zu einer gerechteren und wirksameren Weltordnung der Information und Kommunikation». Dieser geschichtliche Hinweis ist wichtig aus folgenden Gründen:
Die Schweiz ist ein kleines Land; sie wird die Europa- oder Weltpolitik
nicht bestimmen, und auch die Probleme der kulturellen Selbständigkeit
nicht lösen, bei denen die Massenmedien eine entscheidende Rolle spielen.
Aber unser Land könnte in internationalen Gremien für einen partnerschaftlichen
Informations- und Kommunikationsaustausch zugunsten der Dritten Welt ihre
Stimme erheben. Dabei geht es allerdings um grosse und langfristige Aufgaben.
Denn für die Länder und Firmen, welche die internationale Kommunikation
und die Unterhaltungsindustrie beherrschen, stehen jährlich Milliarden
von Dollars auf dem Spiel.
Auch die Schweizer Kirchen sind weitgehend machtlos. Aber sie können
Zeichen setzen wie zum Beispiel die diesjährige Fastenopfer-Aktion
wichtige Zeichen in einer Zeit, in der die Globalisierung der Massenmedien
(fälschlicherweise) als unaufhaltsam gilt. Eine der Grundfragen jeder
Kommunikation ist: Wer kommt zum Wort, und wer wird ausgeschlossen? Wer
hört hin und horcht, und wer hört weg? Die Kirchen haben da eine
einzigartige Gelegenheit, den Totgeschwiegenen eine Stimme zu leihen.
Die Kirchen und Theologen der Dritten Welt sind zwar nicht stumm. Sie reden,
schreiben und handeln mit viel Überzeugungskraft. Aber ihre Äusserungen
werden im Westen kaum wahrgenommen, es sei denn, dass sich ein Skandal oder
eine Sensation dahinter verbergen. Die Kirchen und Theologen der Dritten
Welt werden schlechthin überhört und dadurch mundtot gemacht.
Zeichen setzen heisst, die vielen Stimmen der Weltkirche zum Klingen zu
bringen. Und dabei geht es nicht nur um die der Amtsträger und Theologen,
sondern auch um die Frauen der Kirche Afrikas, Asiens und Südamerikas,
die sich in so selbstbewusster und selbstverständlicher Weise zum Wort
melden. Es sind gerade diese Frauen, Männer und Kinder, die ihren Glauben
nicht nur in Worten zum Ausdruck bringen, sondern auch in Gesang und Tanz,
in Zeichnungen und Bilder, wovon uns das Hungertuch jährlich ein Beispiel
liefert.
Das diesjährige Thema des Fastenopfers setzt ein brennendes und weltbewegendes
Thema von neuem auf unsere Traktandenliste. Nur wenn wir bereit sind, die
unterschiedlichen und vielfältigen Stimmen der Kleinen und Machtlosen
zu hören, besteht die Möglichkeit, unsere Kirche in eine echte
Weltkirche zu verwandeln. Und nur wenn wir unsere Gedanken, Wünsche
und Vorstellungen miteinander teilen (mit-teilen), kann unsere zerklüftete
und friedlose Welt zu einer neuen, friedvollen und einigen Welt werden,
der einen Welt mit vielen Stimmen.
Der Immenseer Missionar Michael Traber arbeitete nach der Promotion in Kommunikationswissenschaft an der New York University in Afrika, Europa und Asien als Journalist, Verleger, Buchautor und Dozent seit seiner Pensionierung am Union Theological College in Bangalore (Indien); deshalb ist er auch Gast der diesjährigen Fastenaktion.