6/2002 | |
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Leitartikel |
Das «Internationale Jahr der Freiwilligen» wurde mit dem
Jahresende 2001 abgeschlossen. In Aktionen, Vorträgen, Zeitschriften,
Tagungen und festlichen Ereignissen wurde uns in den vergangenen Monaten
in Erinnerung gerufen, was Freiwillige leisten. Die ehrenamtliche, unbezahlte
Arbeit wurde in ihren verschiedensten Formen und Facetten dargestellt. Zum
Abschluss dieses internationalen Jahres möchte ich die Personengruppe
in Erinnerung rufen, die einen Freiwilligeneinsatz in der Entwicklungszusammenarbeit
leisten. Für die Bethlehem Mission Immensee sind es zurzeit rund fünfzig
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in elf Ländern.
Die Freiwilligen sind Fachleute mit abgeschlossener Ausbildung und beruflicher
Erfahrung. Diese Freiwilligenarbeit ist nicht Gratis-Arbeit. Die Freiwilligen
beziehen ein Salär, das im Einsatzgebiet ihre Grundkosten deckt. In
der Zeit des Einsatzes werden in der Schweiz die Zahlungen an die Sozialversicherungen
sichergestellt. Bei der Rückkehr erhalten die Freiwilligen eine Rückkehrersumme,
die vertraglich geregelt ist. Luc Bigler, Geschäftsleiter von «Interteam»
und Präsident der Unité, des Dachverbandes der Entwicklungsorganisationen
mit Personaleinsätzen, beschreibt die typische Freiwillige (Frauen
sind in der Mehrzahl) als Person, die eine oder mehrere Fachausbildungen
hat und über Berufs- und Auslanderfahrung verfügt. «Ihre
Rolle ist die einer Ausbildnerin. Beratung und Motivation stehen im Vordergrund.»
Luc Bigler sieht die Stärke des Freiwilligeneinsatzes, im Vergleich
zum Experten, in der Nähe zur Basis und der Beziehung zur lokalen Bevölkerung.<1>
Schon lange hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass die, die Freiwilligeneinsätze
leisten, Gebende und Nehmende sind. Die Freiwilligeneinsätze sind ein
wichtiges Lernfeld sowohl für die Personen, die ihn leisten, wie auch
für die Institutionen, die dahinter stehen. Das betrifft die Entsendeorganisation
wie auch die Partner am Einsatzort, seien dies Kirchen oder Nichtregierungsorganisationen.
UNO-Generalsekretär Kofi Annan würdigt die Arbeit der Freiwilligen,
die sich weltweit für die anderen einsetzen. «Damit bringen sie
Hoffnung. Ihr Mut ist ein Beispiel für andere für alle von
uns zu handeln. Freiwillige können unsere Gesellschaft verändern,
zum Wohl der Bevölkerung.»<2>
Die britische Ökonomin und Entwicklungsexpertin Susan George gibt
demgegenüber zu bedenken, dass dieses System der Freiwilligeneinsätze
das Gegenteil von dem auslösen kann, was wir im Westen eigentlich erhofften.
An einer Tagung der Unité provozierte Susan George mit folgender
Aussage: «In den Dokumenten zur Vorbereitung dieses Seminars habe
ich gelesen, dass 750000 der Afrikaner, die ein Diplom besitzen, im Ausland
arbeiten. Zu sechzig Prozent gehen die, die an der Universität von
Lagon in Ghana Medizin studiert haben, nachher in die USA, nach Kanada oder
nach Australien. Sie haben wenigstens begriffen, was ÐGlobalisierungð
bedeutet. Du hast ein Diplom und verkaufst dich damit dem Meistbietenden,
egal, was dein Herkunftsland für deine Schule und die Universität
ausgegeben hat, egal, wie es der Bevölkerung geht. Schliesslich kannst
du durch freundliche Freiwillige aus dem Westen ersetzt werden.»<3>
So war es natürlich nicht gedacht. Auch Susan George sieht noch andere
Möglichkeiten. Zum Beispiel die, dass die Freiwilligen ihre Kenntnisse
so einsetzen, dass sie mit den Leuten am Ort des Einsatzes politische und
soziale Zusammenhänge analysieren und nach Veränderungen suchen.
Sie plädiert aber auch dafür, dass die Freiwilligen das doppelte
der Zeit, die sie im Einsatzgebiet waren, in ihrem Herkunftsland dafür
einsetzen und dort Lobbying machen. Sie nennt als konkrete Beispiele die
politischen Fragen von Entwicklungszusammenarbeit, Entschuldung, internationaler
Handel und Verträge.
Die Forderungen von Susan George, dass sich die Freiwilligen in ihrem Herkunftsland für gerechte Strukturen einsetzen, deckt sich in etwa mit den Erwartungen an die Rückkehrenden aus Einsätzen. Wie oben beschrieben, sind die, die einen Einsatz leisten, sowohl Gebende und Nehmende. Für viele ist es nicht einfach, sich in den Strukturen, in der Arbeitswelt und für die Kinder im heimischen Schulbetrieb wieder zurechtzufinden. Ein Freiwilligeneinsatz verändert vielleicht wenig am Einsatzort er verändert aber die Menschen, die ihn tun. Das ist eine wichtige Voraussetzung und gibt den Freiwilligen Mut, sich im Herkunftsland für Veränderungen einzusetzen.
1 Luc Bigler, Wendekreis 2/2001, S. 13ff.
2 Kofi Annan, Homesite des internationalen Freiwilligenjahres iyv-forum.ch
3 Susan George, Mondialisation et solidarité: Chances et limites. Unité-Tagung in Dulliken, Dezember 1998.