6/2002

INHALT

Leitartikel

Freiwillige in der Entwicklungszusammenarbeit

von Elisabeth Aeberli

 

Das «Internationale Jahr der Freiwilligen» wurde mit dem Jahresende 2001 abgeschlossen. In Aktionen, Vorträgen, Zeitschriften, Tagungen und festlichen Ereignissen wurde uns in den vergangenen Monaten in Erinnerung gerufen, was Freiwillige leisten. Die ehrenamtliche, unbezahlte Arbeit wurde in ihren verschiedensten Formen und Facetten dargestellt. Zum Abschluss dieses internationalen Jahres möchte ich die Personengruppe in Erinnerung rufen, die einen Freiwilligeneinsatz in der Entwicklungszusammenarbeit leisten. Für die Bethlehem Mission Immensee sind es zurzeit rund fünfzig Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in elf Ländern.
Die Freiwilligen sind Fachleute mit abgeschlossener Ausbildung und beruflicher Erfahrung. Diese Freiwilligenarbeit ist nicht Gratis-Arbeit. Die Freiwilligen beziehen ein Salär, das im Einsatzgebiet ihre Grundkosten deckt. In der Zeit des Einsatzes werden in der Schweiz die Zahlungen an die Sozialversicherungen sichergestellt. Bei der Rückkehr erhalten die Freiwilligen eine Rückkehrersumme, die vertraglich geregelt ist. Luc Bigler, Geschäftsleiter von «Interteam» und Präsident der Unité, des Dachverbandes der Entwicklungsorganisationen mit Personaleinsätzen, beschreibt die typische Freiwillige (Frauen sind in der Mehrzahl) als Person, die eine oder mehrere Fachausbildungen hat und über Berufs- und Auslanderfahrung verfügt. «Ihre Rolle ist die einer Ausbildnerin. Beratung und Motivation stehen im Vordergrund.» Luc Bigler sieht die Stärke des Freiwilligeneinsatzes, im Vergleich zum Experten, in der Nähe zur Basis und der Beziehung zur lokalen Bevölkerung.<1>

Ein weltweites Lernfeld...

Schon lange hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass die, die Freiwilligeneinsätze leisten, Gebende und Nehmende sind. Die Freiwilligeneinsätze sind ein wichtiges Lernfeld sowohl für die Personen, die ihn leisten, wie auch für die Institutionen, die dahinter stehen. Das betrifft die Entsendeorganisation wie auch die Partner am Einsatzort, seien dies Kirchen oder Nichtregierungsorganisationen.
UNO-Generalsekretär Kofi Annan würdigt die Arbeit der Freiwilligen, die sich weltweit für die anderen einsetzen. «Damit bringen sie Hoffnung. Ihr Mut ist ein Beispiel für andere ­ für alle von uns ­ zu handeln. Freiwillige können unsere Gesellschaft verändern, zum Wohl der Bevölkerung.»<2>

...in Zeiten der Globalisierung

Die britische Ökonomin und Entwicklungsexpertin Susan George gibt demgegenüber zu bedenken, dass dieses System der Freiwilligeneinsätze das Gegenteil von dem auslösen kann, was wir im Westen eigentlich erhofften. An einer Tagung der Unité provozierte Susan George mit folgender Aussage: «In den Dokumenten zur Vorbereitung dieses Seminars habe ich gelesen, dass 750000 der Afrikaner, die ein Diplom besitzen, im Ausland arbeiten. Zu sechzig Prozent gehen die, die an der Universität von Lagon in Ghana Medizin studiert haben, nachher in die USA, nach Kanada oder nach Australien. Sie haben wenigstens begriffen, was ÐGlobalisierungð bedeutet. Du hast ein Diplom und verkaufst dich damit dem Meistbietenden, egal, was dein Herkunftsland für deine Schule und die Universität ausgegeben hat, egal, wie es der Bevölkerung geht. Schliesslich kannst du durch freundliche Freiwillige aus dem Westen ersetzt werden.»<3>
So war es natürlich nicht gedacht. Auch Susan George sieht noch andere Möglichkeiten. Zum Beispiel die, dass die Freiwilligen ihre Kenntnisse so einsetzen, dass sie mit den Leuten am Ort des Einsatzes politische und soziale Zusammenhänge analysieren und nach Veränderungen suchen. Sie plädiert aber auch dafür, dass die Freiwilligen das doppelte der Zeit, die sie im Einsatzgebiet waren, in ihrem Herkunftsland dafür einsetzen und dort Lobbying machen. Sie nennt als konkrete Beispiele die politischen Fragen von Entwicklungszusammenarbeit, Entschuldung, internationaler Handel und Verträge.

Einsatz und Rückkehr

Die Forderungen von Susan George, dass sich die Freiwilligen in ihrem Herkunftsland für gerechte Strukturen einsetzen, deckt sich in etwa mit den Erwartungen an die Rückkehrenden aus Einsätzen. Wie oben beschrieben, sind die, die einen Einsatz leisten, sowohl Gebende und Nehmende. Für viele ist es nicht einfach, sich in den Strukturen, in der Arbeitswelt und ­ für die Kinder ­ im heimischen Schulbetrieb wieder zurechtzufinden. Ein Freiwilligeneinsatz verändert vielleicht wenig am Einsatzort ­ er verändert aber die Menschen, die ihn tun. Das ist eine wichtige Voraussetzung und gibt den Freiwilligen Mut, sich im Herkunftsland für Veränderungen einzusetzen.


Anmerkungen

1 Luc Bigler, Wendekreis 2/2001, S. 13ff.

2 Kofi Annan, Homesite des internationalen Freiwilligenjahres iyv-forum.ch

3 Susan George, Mondialisation et solidarité: Chances et limites. Unité-Tagung in Dulliken, Dezember 1998.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2002