3/2002

INHALT

Leitartikel

Für ein "differenziertes voneinander Lernen"

von Rolf Weibel

 

Im Januar stellen jeweils zwei Gebetswochen die spirituelle Dimension des ökumenischen Gedankens heraus: Die «Weltweite Gebetswoche» der Evangelischen Allianz und die «Gebetswoche für die Einheit der Christen» der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in der Schweiz. Die Allianz will die Zusammenarbeit «engagierter Christen und Christinnen aus evangelischen Landes- und Freikirchen sowie christlicher Organisationen» fördern und sich als christliche Stimme zu aktuellen Fragen in die Gesellschaft einbringen. Ihre dieses Jahr vom 6.­13. Januar begangene Gebetswoche lud unter dem Leitwort «Aus guten Gründen glauben, denn Gott ist...» dazu ein, über die Glaubensbasis der Allianz nachzudenken. Die Allianzgebetswoche ist so ­ wie schon 1846, als sie zum ersten Mal durchgeführt wurde ­ ein Anlass der «evangelischen Ökumene»; mit ihrem Gedanken, dass durch persönliche Begegnungen, vor allem durch das gemeinsame Gebet, Vorurteile abgebaut und Missverständnisse korrigiert werden können, bleibt sie dennoch eine Herausforderung für die grössere Ökumene.
Mit ihrem Leitwort «Bei dir ist die Quelle des Lebens» (Ps 36,6­10) lädt dieses Jahr auch die ökumenische Gebetswoche vom 18.­25. Januar ausdrücklich dazu ein, sich auf die Wurzeln des Glaubens zu besinnen und zu ihnen zurückzukehren. Die von ihr angesprochene Zusammenarbeit bleibt indes nicht bei den einzelnen Christinnen und Christen und christlichen Organisationen stehen, mit ihrer Bezugnahme auf die «Charta Oecumenica» kommen die europäischen Kirchen in den Blick, die sich diese Charta als Leitlinie für ihre ökumenische Gemeinschaft und ihr gemeinsames Zeugnis gegeben haben.<1>
Mit dieser Charta verpflichten sich die Kirchen unter anderem, den Dialog «auf den verschiedenen kirchlichen Ebenen gewissenhaft und intensiv fortzusetzen sowie zu prüfen, was zu den Dialogergebnissen kirchenamtlich verbindlich erklärt werden kann und soll». Das bisher bedeutsamste Beispiel einer solchen Erklärung ist die «Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre», die am 31. Oktober 1999 von der Katholischen Kirche und dem Lutherischen Weltbund unterzeichnet worden ist.<2> Diese Erklärung hält einen Konsens in den «Grundwahrheiten der Rechtfertigungslehre» fest; in einem Anhang werden Punkte benannt, an denen es während der Konsensgespräche zu divergierenden bzw. missverständlichen Äusserungen gekommen war; diese werden aber nur als unterschiedliche Akzente betrachtet, durch die der Konsens nicht in Frage gestellt wird.
Im Verlauf dieses Dialogprozesses wurde diese Art von Konsens, diese Art von Übereinstimmung als «differenzierter Konsens» bezeichnet, erstmals 1987 von Harding Meyer, dem damaligen Direktor des Instituts für Ökumenische Forschung in Strassburg. Unter der ökumenischen Formel vom «differenzierten Konsens» ist also ein grundsätzlicher Konsens zu verstehen, der sich in unterschiedlichen (differenzierten) Formulierungen äussern kann. Diese Formel unterscheidet zwischen der Grundaussage des Glaubens und deren differenzierender theologischer Auslegung. Diese Unterscheidung beruht «auf der Überzeugung, dass die eine Wahrheit des Glaubens ­ je nach Anliegen und Perspektive ­ in unterschiedlichen Lehrgestalten ausgesagt werden kann. Und diese Lehrgestalten sind dann kompatibel und können nebeneinander bestehen bleiben, ja einander ergänzen und bereichern, wenn sich zeigen lässt, dass sie die Grundaussage des Glaubens nicht aufheben, sondern als nur unterschiedliche theologische Entfaltungen ein und derselben Grundaussage verstanden werden können.»<3>
In der Folge gab und gibt es einen theologische Disput um die Tragfähigkeit dieser Formel, und ein wichtiger Sammelband zu dieser Frage ist denn auch in der Reihe «Quaestiones disputatae» veröffentlicht worden.<4> Darin geht es um die Vorgeschichte der Formel (Harald Wagner), die Formel im ökumenischen Dialog (Harding Meyer), die Bedeutung von Denkformen für die Glaubensweitergabe (Magnus Striet), den Ort von Häresie und Schisma (Hans Jörg Urban) und um mögliche Wege zur Einheit in Verschiedenheit (Lothar Ullrich). In seinen Schlussgedanken betont Harald Wagner, dass der «differenzierte Konsens», dass das ökumenische Gespräch überhaupt von einer «Hermeneutik des Vertrauens» getragen sein muss.
Diese zieht Konsequenzen aus der Erkenntnis, dass viele Abgrenzungen und dann auch Ablehnungen auf Zerr- oder gar Feindbilder des anderen zurückzuführen sind. «Wenn folglich Zerrbilder des anderen Verzerrungen im Eigenen erzeugen, die wiederum zu einem Fehlbild beim anderen führen, dann kann nicht differenzierend genug vorgegangen werden beim Einbringen des Eigenen in den ökumenischen Prozess, und zwar dahingehend, dass man immer wieder das Bild, das man vom anderen hat, nach neuester Erkenntnis korrigiert im Wissen, dass diese Korrektur dann aber auch Auswirkungen auf die Definition und das Ordnungsgefüge des Eigenen hat.»<5> Diese Differenzierung, die schliesslich zu einem «differenzierten Konsens» führen kann, zieht so von selbst eine Überwindung von Vereinseitigungen nach sich.
Wenn Eigenständigkeit und Offenheit füreinander zugleich zum Tragen kommen, können wir von Komplementarität sprechen: Dann können konfessionelle Unterschiede so vermittelt werden, «dass ihre Andersartigkeit nicht aufgehoben wird, sondern als bereichernd und sich ergänzend»<6> erfahren wird und als miteinander verträglich gelten gelassen wird.
So ist der Dialogprozess, der zu einem «differenzierten Konsens» führen kann, ein «differenziertes voneinander Lernen». Dieses Lernen bezeichnet Hans Jörg Urban, Direktor am Johann-Adam-Möhler-Institut für Ökumenik in Paderborn, als Prinzip der Ökumene. Als Prinzip der Ökumene ist dieses Lernen für ihn «ein Wachstumsprozess, in dem es um Bereicherung und Vertiefung im christlichen Glauben geht»<7>. Ökumenisches Lernen ist also kein Schrumpfungsprozess auf den kleinsten gemeinsamen Nenner hin, sondern ein Wachstumsprozess, eine Entfaltung des gemeinsamen christlichen Glaubens. Denn das gegenseitige Fragen, Erklären und Verstehen ist in seinem Ergebnis eine gegenseitige Bereicherung.


Anmerkungen

1 SKZ 169 (2001) Nr. 18, S. 261­265.

2 Dazu führte die Evangelisch-Römisch-katholische Gesprächskommission eine Tagung durch (SKZ 169 [2001] Nr. 45, S. 632­635).

3 Georg Hintzen, Verwirklichungen kirchlicher Einheit unter reformatorischen Kirchen, in: Georg Hintzen/Wolfgang Thönissen, Kirchengemeinschaft möglich? Einheitsverständnis und Einheitskonzepte in der Diskussion, (Thema Ökumene. Herausgegeben vom Johann-Adam-Möhler-Institut, Bd. 1), Paderborn 2001, 38.

4 Harald Wagner (Hrsg.), Einheit ­ aber wie? Zur Tragfähigkeit der ökumenischen Formel vom «differenzierten Konsens», (Quaestiones disputatae, 184), Freiburg i.Br. 2000, 139 Seiten.

5 Hans Jörg Urban, Jenseits von Häresie und Schisma, oder: Differenziertes voneinander Lernen als Prinzip der Ökumene, in: Harald Wagner aaO. 86.

6 Lothar Ullrich, Differenzierter Konsens und Komplementarität. Mögliche Wege zur Einheit in Verschiedenheit, in: Harald Wagner aaO. 115.

7 Hans Jörg Urban, aaO., 81.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2002