1-2/2002

INHALT

Leitartikel

Die Botschaft der Gnade

von Bischof Kurt Koch

 

Liebe Mitbrüder im diakonalen und priesterlichen Dienst,
Liebe Seelsorger und Seelsorgerinnen,

Zum Jahreswechsel entbieten wir Bischöfe in der deutschsprachigen Schweiz Ihnen unsere besten Segenswünsche. Gerne nehmen wir die Gelegenheit wahr, Ihnen für Ihr pastorales Wirken, für Ihre Verbundenheit im Gebet und im kirchlichen Dienst und für Ihr Glaubenszeugnis, das Sie durch Ihr Leben geben, herzlich zu danken. Ein neues Jahr steht wie ein offenes Meer vor uns, und niemand weiss, was es bringen wird. Doch gerade in dieser Neuheit wird uns auch in neuer Weise bewusst, dass unser von Gott geschenktes Leben unserem Tun und unser verdanktes Sein unserem anspruchsvollen Handeln vorangeht und das Fundament von allem ist. Wir hoffen deshalb, dass Sie sich immer wieder in jenem jungen Mann wiederfinden können, der in Felix Timmermanns Roman «Pallieter» im Mittelpunkt ist. Dieser junge Mann steht unter einem Baum und freut sich an den Sonnenstrahlen, die in den Blättern spielen. Da kommt jemand vorbei und fragt ihn: «Was machst Du?» Auf diese Frage antwortet Pallieter knapp und präzis zugleich: «Ich bin.»
In diesem Roman ist die Grundstimmung in der heutigen gesellschaftlichen Lebenswelt gut wiedergegeben. Weil die Menschen offenbar immer etwas machen müssen und machen wollen, heisst die im Vordergrund stehende chronische Frage: «Was machst Du?» Wir Menschen heute verstehen uns jedenfalls sehr gut aufs Machen. Diese nervöse Konzentration auf das Machen hat heute weithin auch Einzug in die Kirche gehalten. Wie man etwas macht, ist auch im kirchlichen Leben beinahe zur alles entscheidenden Frage geworden. Und sobald man weiss, wie man es macht, kann einem niemand und nichts daran hindern, es eben zu machen. So kann der Eindruck entstehen, dass das Christliche und Kirchliche heute fast nur noch Aktivismus ist. Oder verrät uns manchmal nicht die Sprache, wenn wir fast inflationär von Seelsorgeplänen und Pastoralstrategien reden?
Müssten wir heute aber nicht umgekehrt wieder neu lernen, auf die Frage «Was machst Du?» zunächst zu antworten: «Ich bin»? Am Beginn eines neuen Jahres, das noch offen vor uns liegt, dürfte diese Antwort erst recht einleuchten. Sie wird uns in der heutigen kirchlichen Situation zudem in besonders zugespitzter Weise zugemutet. Denn unsere im Alltag manchmal vorherrschende Mentalität, dass wir die Kirche aus eigener Kraft aufbauen und leiten und nach unserem Belieben ordnen können, wird durch die Realität immer mehr in Frage gestellt. Wir müssen stets deutlicher feststellen und dabei auch mühsam lernen, dass wir nicht (mehr) in der Lage sind, mit unseren Kräften, mit unseren finanziellen Mitteln, mit unserem Personal, mit unserer Kreativität und unserem Prestige allein die Kirche aufzubauen.
Stets deutlicher drängt sich von daher die Frage auf, was uns Gott damit sagen will. Denn als glaubende Menschen sind wir verpflichtet, nach dem tieferen Sinn zu fragen, der hinter der schwierigen Situation der Kirche heute steht. In diesem Suchen kann man stets deutlicher zur Überzeugung kommen, dass uns heute vieles aus der Hand genommen wird, von dem wir in den letzten Jahren und Jahrzehnten gemeint haben, wir hätten es geschaffen und wir hätten es dabei geschafft. Vieles von dem aber ist in der Zwischenzeit brüchig geworden. Wir befinden uns inzwischen auch in unseren Breitengraden in einer neuen missionarischen Situation, und in mancherlei Hinsicht finden wir uns wieder in einer Situation vor, die der Lage der Kirche vor Kaiser Konstantin sehr ähnlich ist.
Die Zeichen der Zeit deuten jedenfalls darauf hin, dass mit den gravierenden Veränderungen und einschneidenden Entwicklungen in unserer Kirche sich uns Gott neu ins Bewusstsein bringen will. Er will uns vor allem in die Erinnerung rufen, dass nicht wir die Schöpfer der Kirche sind, sondern dass er der Herr seiner Kirche ist. Denn die Kirche gibt es nur um Gottes willen, und zwar im buchstäblichen Sinn. Wie Kardinal Godfried Danneels, dem Erzbischof von Mecheln-Brüssel, kann sich auch uns die Überzeugung nahelegen, dass uns Gott heute vor allem vom «Mythos der spirituellen und kirchlichen Selbstgenügsamkeit» und von der «Illusion des Erfolgsmythos» auch und gerade in der Kirche befreien und uns die schöne «Notwendigkeit der Gnade» wieder neu ans Herz legen will.
Die Botschaft der Gnade ruft uns in die Erinnerung, dass im kirchlichen Leben an erster Stelle nicht unser menschliches Handeln steht, sondern das Handeln Gottes an uns. Denn der auferstandene Christus ist der eine Pastor seiner Kirche; und alle menschlichen «pastores» haben letztlich nur den Sinn, auf den einen Pastor der Kirche hinzuweisen. Unser pastorales Handeln ist deshalb in erster Linie nicht her-stellendes Handeln, dessen Hauptkriterium in der Effizienz liegt. Unser Wirken ist vielmehr dar-stellendes Handeln, das sichtbar macht, was vor-gegeben ist, nämlich das pastorale Wirken des einen Pastors Jesus Christus in seiner Kirche. Mit unserem Handeln lassen wir vor allem sichtbar werden, dass das Entscheidende in der Kirche nicht von uns Menschen her geschieht, sondern von Christus her, der das Haupt der Kirche ist. Diesen elementaren Geschenkcharakter im kirchlichen Leben dürfen wir repräsentieren und so glaubwürdig bezeugen, dass die Kirche nicht in sich selbst gründet, sondern ihren wahren Grund jenseits ihrer selbst im auferstandenen Christus hat.
Im Vertrauen auf diese Botschaft der Gnade Gottes sind wir ganz gewiss zum Handeln und auch zum Machen berufen. In der Glaubensüberzeugung vom gnädigen Vorrang des kategorischen Indikativs des Handelns Gottes an uns vor dem kategorischen Imperativ unseres Handelns dürfen wir aber auf die notorische Frage von heute «Was machst Du?» gelassen antworten: «Ich bin.» Diese Antwort Pallieters könnte eine moderne Übersetzung dessen sein, was Jesus bereits seinen Jüngern zugemutet hat: «Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen wurde, sollt ihr sagen: ÐWir sind unnütze Sklaven, wir haben nur unsere Schuldigkeit getanð» (Lk 17,10). In diesem biblischen Sinn wünschen wir Ihnen, liebe Seelsorger und Seelsorgerinnen, dass auch das Jahr 2002 für Ihr pastorales Wirken und zunächst für Sie persönlich zum Gnadenjahr des Herrn werden möge.

Für die Bischöfe in der deutschsprachigen Schweiz:
+ Kurt Koch, Bischof von Basel


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2002