41/2002

INHALT

Kultur

Ordensspiritualität und Unternehmenskultur

von Pius Bischofberger

 

Mit den Begriffen «Ordensspiritualität» und «Unternehmenskultur» begegnen sich zwei Welten, die sich scheinbar diametral gegenüberstehen; dies vor allem, wenn die «Bayerischen Motoren Werke AG» (BMW) mit der «Bayerischen Benediktinerkongregation» (BBK) konfrontiert wird. Lässt sich an einem Vergleich zwischen einem Wirtschaftsunternehmen und einer Ordensgemeinschaft überhaupt ein gemeinsames Interesse ausmachen? Innovation und Mobilität auf der einen, Stabilität und eine 1500-jährige Tradition auf der andern Seite.
Die konkrete Begegnung zwischen BMW und BBK hängt «zutiefst mit der Biographie des Autors» zusammen, wie er in der Einleitung zu der hier vorgestellten Studie betont.<1> In einem zweimonatigen Betriebspraktikum lernte er 1993 die BMW-Unternehmenskultur kennen. Im Herbst desselben Jahres trat er in die Benediktinerabtei St. Bonifaz, München/Andechs, ein, wo er mit der entsprechenden Spiritualität vertraut wurde.
Dabei entdeckte er zahlreiche Berührungspunkte. Auch wenn bei einem Blick über die Betriebszäune und Klostermauern die Eigenprofile deutlich zu erkennen sind, ist der Verfasser zugleich bemüht, Gemeinsamkeiten beider Institutionen herauszuarbeiten. Beides, das Verbindende und das Trennende, lässt sich am besten anhand bestimmter Begriffspaare aufzeigen.

Stabilität und Wandel

Die Regel Benedikts benennt die wesentlichen Aspekte des monastischen Lebens. Über Jahrhunderte hinweg steht sie unverändert für Stabilität und Kontinuität. Neben den Vorzügen eines durch feste Formen geprägten Tagesablaufs erkannte der Ordensgründer aber auch die Risiken eines rituellen Lebens, indem die Mönche zu Hütern ihrer eigenen Tradition zu erstarren drohen. Im Blick auf gesellschaftliche Veränderungen legt Benedikt deshalb Wert darauf, dass die Regel im klösterlichen Alltag wie auch den gesellschaftlichen Herausforderungen entsprechend gedeutet wird. Nach Ansicht des Autors bekundet er dabei grosse Flexibilität; er lasse zeit-, orts- und situationsspezifische Auslegungen zu. Wie für die Gesamtkirche gilt für die Benediktinerklöster der Grundsatz der «ecclesia semper reformanda». Damit aber standen und stehen sie ständig in der Spannung zwischen Tradition und Innovation, was an die Führung entsprechende Anforderungen stellt.
Wie verhält es sich diesbezüglich bei der BMW-AG? Als Weltkonzern unterliegt sie dem internationalen Wettbewerb. In diesem Konkurrenzkampf gilt es, den Markt laufend mit neuen Produkten zu überraschen. Neben Innovation gehört ein hoher Qualitätsanspruch zu den strategischen Erfolgspositionen. Die Markt- und Kundenorientierung entscheidet über Sein oder Nichtsein eines Unternehmens.
Demgegenüber darf eine glaubwürdige Unternehmenskultur nicht alles dauernd in Frage stellen und damit im Strudel der Bewegung das Proprium der Unternehmung letztlich gefährden oder gar aufgeben. Für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter muss die Führung trotz der geforderten Mobilität zugleich Sicherheit und Gewissheit geben. Wie die benediktinische Regel muss das Unternehmensleitbild eine stabile Grundordnung schaffen, die zugleich freie Räume für Anpassungen an sich ändernde Verhältnisse offen hält. Daraus lässt sich schliessen, dass Ordensspiritualität und Unternehmenskultur gleichermassen auf ein ausgewogenes Verhältnis von Stabilität und Mobilität angewiesen sind.

Individuum und Gemeinschaft

Der Mönch (monachus) ist ein Mensch, der einsam lebt (monos = einzeln, allein), ohne Ablenkung durch äussere Einflüsse, was in der Wüste (eremos) am besten möglich ist. Hier sucht er Gott. Im Eremitentum hat die monastische Bewegung denn auch ihren Ursprung. Benedikt erwartet in seiner Regel vom Abt deshalb, dass er «dem Charakter und der Fassungskraft jedes einzelnen zu entsprechen» suche<2>. Jeder soll seinen Weg zu Gott und zu einem erfüllten Leben finden. Gleichzeitig warnt Benedikt im 1. Kapitel seiner Regel vor Alleingängen ohne Gemeinschaft und Regel. Dem Eremiten fehlt das soziale Umfeld. Damit unterliegt er nach Eckerts Ansicht der Gefahr, «dass es zu einer einseitigen und selbstgefälligen oder auch skrupulösen Ausprägung der Originalität kommen kann» (S. 191). Eine analoge Entwicklung sehen Religionssoziologen im heutigen Trend der Individualisierung. Sie entspricht einer Situation, «in der die christlichen Institutionen ihre normgebende Kraft und die Macht zur sozialen Kontrolle religiöser Orientierungen eingebüsst haben»<3>. Auf diesem Hintergrund erblickt Eckert in der klösterlichen Gemeinschaft als Hilfe und Korrektiv eine aktuelle Chance benediktinischer Spiritualität.
Wie ein Kloster lebt auch das Wirtschaftsunternehmen in der Spannung zwischen Individuum und Gemeinschaft. Neben der persönlichen Leistung fordert BMW soziale Kompetenz. Die Mitarbeitenden sollen in der Lage sein, je nach Organisationsstruktur zusammenzuarbeiten. In Nr. 4 des Mitarbeiterleitbildes<4> heisst es, «ich bin bereit, manchmal als Solist, manchmal als Gruppenspieler, aber immer als Teil des ganzen ÐOrchestersð zu handeln» (S. 415). In der Produktion übernehmen Arbeitsgruppen die Verantwortung für einen Prozessabschnitt. Diese Art von Teamarbeit bezeichnet der Autor als ersten Schritt zu mehr Gemeinschaft. Überdies wirken Rituale wie Gruppenbesprechung oder Feiern gemeinschaftsbildend; Vorgesetzte sollen ein Gespür für Gemeinschaft entwickeln. Somit dient die soziale Institution Kloster bzw. Unternehmung gleicherweise als Korrektiv, wenn zum Beispiel ein Mitbruder durch übertriebene Frömmigkeitsübungen über die Stränge schlägt oder ein Mitarbeiter mit einer utopischen Innovation den Produktionsprozess hindert. Dabei ist nicht zu übersehen, dass das Kloster als Lebensgemeinschaft für seine Mitglieder eine wesentlich höhere Identifikation fordert als ein Wirtschaftsunternehmen, das für seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter primär dem Lebensunterhalt gilt.

Zielsetzung ­ Zielerreichung

Am stärksten unterscheiden sich BMW und BBK in ihrer Zielsetzung. Wie jedes andere Unternehmen strebt die BMW AG den wirtschaftlichen Erfolg an, das heisst die Erzielung eines möglichst hohen Gewinns. Über diesen Erfolg entscheidet letztlich der Markt. Dort wird das BMW-Produkt, nämlich qualitativ hoch stehende Automobile, zu einem bestimmten Preis angeboten. Das Unternehmensziel ist erreicht, wenn sich die gewünschte Anzahl Käufer einstellt. Am Verkaufserlös lässt sich das Geschäftsergebnis messen: positiv als Gewinn, negativ als Verlust.
Das Ziel des monastischen Lebens ist gemäss Benedikt die «Suche nach Gott»<5>. Die Erreichung dieses Zieles ist nur schwer überprüfbar. Von messbarem Erfolg kann jedenfalls keine Rede sein; er ist ideeller Art, im Gegensatz zur materiellen Wertschöpfung der BMW AG<6>.
Neben dem genannten Unterschied weist Eckert zu Recht auf einen gemeinsamen Aspekt hin. Ein Unternehmen ist an den fachlichen und führungsmässigen Fähigkeiten seiner Mitarbeitenden interessiert, will diese zur Zielerreichung nutzen. Eckert betont nun, dass auch von den Mönchen eine Leistungsbereitschaft für die Gemeinschaft erwartet wird, die nur durch die Einhaltung der festen Tagesordnung der einzelnen Mitglieder ermöglicht wird. Überdies ist ein Kloster neben der Lebensgemeinschaft immer auch eine arbeitsteilige Organisation, indem den einzelnen Mitgliedern konkrete Aufgaben zugewiesen werden. Auf diese Weise werden alle Mitglieder für die je eigene Zielerreichung in die Pflicht und Verantwortung genommen.
Schliesslich wurde auf den permanenten Innovationsdruck der BMW AG hingewiesen, soll sie im Markt bestehen können. Dies setzt die Bereitschaft der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter voraus, sich ständig weiterzubilden<7>. Mönche stehen in der Nachfolge ihres Meisters. Als dessen Schüler<8> kommt der spirituellen Erneuerung für die Zielerreichung ein hoher Stellenwert zu. Somit können Klöster wie die BMW AG als «lebenslang lernende Organisationen» bezeichnet werden (S. 245). Nur so zeigen sie sich den gesellschaftlichen Herausforderungen gewachsen, indem rechtzeitig not-wendige Neuerungen auch durchgesetzt werden. Für BBK und BMW können erfolgreiche Wege in die Zukunft nur durch Offenheit ­ hier gegenüber dem Anruf Gottes, dort gegenüber den Wünschen der Kunden ­ gesucht und gefunden werden.

Führung als Dienst

Aufgrund der bisherigen Darlegungen erweisen sich Unternehmenskultur wie Ordensspiritualität als hoher Anspruch, den die Führung einzulösen hat. Die Anforderungskriterien für Leitungspersonen sind in der Regel Benedikts bzw. im Führungsleitbild der BMW AG umschrieben. Die beiden Dokumente haben zwar nicht die selbe Autorität. Es erstaunt deshalb nicht wenig, dass sich einzelne gleich lautende Grundsätze feststellen lassen. So bestimmt etwa Kapitel 64,8, für den Abt sei es wichtiger, «vorzusehen als vorzustehen» bzw. mehr fördern oder helfen als herrschen, wie sich das «magis prodesse quam praeesse» auch übersetzen lässt. Mit diesem Merksatz wird jedenfalls der dienende Charakter des Amtes eines Abtes deutlich herausgestellt.
Wie in der Benediktsregel heisst es auch in den Grundsätzen der BMW-Führungskultur: «Führen heisst dienen und Vorbild für andere sein.» Die Berührungspunkte bei den Anforderungsprofilen erläutert Eckert anhand der drei Stichworte Verantwortung, Fachkompetenz und Integration. Er kommt zum Schluss, dass BMW und BBK gleichermassen an einem ausgeglichenen Führungsstil interessiert sind. Führung bedeutet für beide Dienst an der Zielerreichung und damit Dienst an der Institution und an den Mitgliedern/Mitarbeitenden. Auch hier zeigt sich ­ dies kann nicht genug betont werden ­ ein wesentlicher Unterschied aufgrund der verschiedenartigen Organisationstypen. Das Kloster ist auch als Arbeitsorganisation primär eine geistliche Gemeinschaft. Das klösterliche Leben fordert zwar vom Mönch sowohl im spirituellen Bereich wie auch in seiner konkreten Arbeitsaufgabe eine bestimmte Leistungsbereitschaft. Zugleich soll aber der Abt auf seine Schwächen Rücksicht nehmen.
Eckert stellt fest, dass dieser Aspekt in den BMW-Leitbildern nirgendwo berücksichtigt werde; vielmehr könne es zur Kündigung kommen, wenn ein Mitarbeiter den Leistungserwartungen nicht entspricht. Wie realistisch allerdings die Anregung ist, wonach sich die BMW-Führung in dieser Beziehung von der benediktinischen Spiritualität inspirieren lassen und sich um eine echte Fehlerkultur bemühen sollte, muss offen bleiben. Privatwirtschaftliche Führungsgrundsätze haben sich am Ziel der Unternehmung zu orientieren. Konkret heisst dies gemäss Ziffer 9 des BMW-Führungsleitbildes, Führungspersonen hätten effiziente Teams zu entwickeln, damit «Mitarbeiter zu ihrer höchsten Leistung im Team geführt werden». Leistungs- und Ergebnisorientierung sind denn auch die beiden Pole des Führungsleitbildes und stehen folgerichtig an dessen Anfang und Ende.
Demgegenüber zielt die Benediktsregel in eine andere Richtung. Norm und Orientierungspunkt für das menschliche und insbesondere für das monastische Leben ist letztlich das Evangelium. Im Vorwort wie im Schlusskapitel seiner Regel verweist Benedikt ausdrücklich auf die Schrift<9>. So verstanden wird Führung zur Nachfolge dessen, «der uns in sein Reich gerufen hat» (Vorwort, Ziffer 21). Dieses Führungsverständnis lässt sich für Eckert nur aus der Perspektive des christlichen Glaubens ableiten. Daraus ergibt sich, dass Führung in der BMW AG und in der BBK ­ auch bei gleich lautender begrifflicher Umschreibung ­ unterschiedliche Dimensionen aufweisen, was in Praxis und Lehre eines kirchlichen Managements nicht unbeachtet bleiben darf. Trotzdem gehört es zu den Vorzügen dieses Werkes, dass erstmals ein Autor aufgrund eigener Einsicht und Erfahrung versucht, das Grundstatut einer religiösen Gemeinschaft mit einem Unternehmensleitbild in Beziehung zu setzen und gleichzeitig Anregungen zu geben, wie beide Institutionen für die Erreichung ihrer Ziele voneinander lernen könnten.


Anmerkungen

1 Johannes Claudius Eckert, Dienen statt Herrschen ­ Unternehmenskultur und Ordensspiritualität: Begegnungen ­ Herausforderungen ­ Anregungen, Schäffer-Poeschel Verlag, Stuttgart 2000.

2 Kap. 2,32. Die Zitate in dieser Besprechung sind entnommen der Benediktsregel ­ Eine Anleitung zu christlichem Leben, vollständiger Text der Regel übersetzt und erklärt von Georg Holzherr, Abt von Einsiedeln, Benziger Verlag, Zürich, Einsiedeln, Köln 1980.

3 Jede(r) ein Sonderfall? Religion in der Schweiz, hrsg. von A. Dubach und R. J. Campiche, Zürich/Basel 1993, S. 108.

4 Mitarbeiter- und Führungsleitbild mit Erläuterungen liegen der Arbeit von Eckert als Anhang bei.

5 Vgl. dazu den Kommentar Holzherrs zu Kap. 33,4, wonach der Mönch nicht sich selber oder einen andern Menschen sucht; «die innere Erfüllung erwartet er von Gott». Eng damit zusammen hängt die Verherrlichung Gottes im Gemeinschaftsgebet, vgl. dazu Kommentar zu Kap. 16,5.

6 Vgl. Kommentar zu Kap. 33,4: «Benedikt hält konsequent am Primat des Spirituellen vor dem Materiellen fest.»

7 Vgl. Mitarbeiterleitbild, Präambel und Ziffer 6.

8 Vgl. z.B. Kap. 2,5; Holzherr übersetzt «discipulus» mit Jünger.

9 Vgl. Ziff. 21 des Vorwortes und Kap. 73,3 mit dem entsprechenden Kommentar.


Neue Professorin in Luzern

 

Ruth Scoralick heisst die neue Professorin für Altes Testament. Seit 1. Oktober lehrt sie an der Theologischen Fakultät der Universität Luzern. Scoralick wurde 1960 in Frankfurt am Main geboren. Sie war zuletzt Privatdozentin an der Universität Münster/Westfalen. Sie hat in Frankfurt und München Theologie und Philosophie studiert sowie ein Studienjahr in Jerusalem verbracht. Bereits ihre Diplomarbeit über Psalm 99 wurde 1989 als Buch veröffentlicht. Ihre Dissertation über die Kapitel 10­15 im Buch der Sprichwörter stellt einen bedeutenden Neuansatz in der Auslegung dar. Ihre Habilitationsschrift trägt den Titel «Gottes Güte und Gottes Zorn». Das Werk erschien 2002. Es behandelt das in sich spannungsvolle Bekenntnis zum gnädigen Gott im Exodusbuch und seine Beziehungen in das Zwölfprophetenbuch. Ruth Scoralick arbeitet am Projekt «Septuaginta Deutsch» mit, einer Übersetzung und Kommentierung der griechischen Fassung des Alten Testaments ins Deutsche. Gemeinsam mit ihrem Doktorvater verfasst sie derzeit einen Kommentar zum Sprichwörterbuch für die renommierte Reihe «Herders Theologischer Kommentar». Von 2004 an wird Scoralick Herausgeberin der in Fachkreisen hoch geschätzten «Biblischen Zeitschrift».

Edmund Arens, Dekan


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2002