20-21/2002 | |
INHALT | |
Kirchengeschichte |
Im territorial vielgestaltigen Alten Reich zwischen 1650 und 1800 gab
es kein einheitliches Bildungs- und Wissenschaftssystem, sondern zwei konkurrierende
Bildungssysteme der katholischen und protestantischen Tradition. Eine deutsche
Einheitskultur hat es in der Tat nie gegeben, und wo dennoch eine solche
propagiert wurde, geschah es um den Preis der konfessionell-ideologisch
bedingten Ausgrenzung der Kultur des katholischen Teils des Alten Reiches.»
Diese These stellte der Historiker Anton Schindling in seinem Buch «Bildung
und Wissenschaft in der Frühen Neuzeit 16501800»<1> auf.
Basis des Konstrukts «Nationalliteratur» war Luthers Kirchenreform
und seine das Reich polarisierende Spracharbeit an der Bibel. Nachdem die
reformierte Partei 1618/1620 im offenen Machtkampf um die Vorherrschaft
im Reiche unterlegen war, blieb der protestantischen Seite immer noch der
Kampf um die Durchsetzung ihrer Eigenkultur; diese sollte das Ganze der
deutschen Nationalkultur repräsentieren. Als 1740/1750 die Umkehrung
der Machtverhältnisse im Reich gelang, wurde auch die zweihundertjährige
ideologische Auseinandersetzung um die richtige Sprache und Schriftkultur
gegen das katholische Deutschland entschieden. Als überlieferungswürdig
galten nur mehr Werke, die sich der nationalen, das heisst protestantisch-preussisch
dominierten Geschichtsbetrachtung einfügten. Wie stets schrieben die
Sieger die Geschichte. Die angeblich rückständige barock-schwülstige
Kultur der «Obskuranten» und «Römlinge» im
Westen und Süden des Reiches wurde diskreditiert und Schritt für
Schritt beseitigt, bis zur Zerstörung der zahlreichen grossen und kleineren
gelehrten Bibliotheken zwischen 1773 und 1803. Auch die romantischen Restaurationsbemühungen
konnten die zerstörte Buchkultur des katholischen Deutschlands nicht
mehr bibliographisch erfassen und dem Gedächtnis der Nachwelt erhalten.
Langsam scheint sich eine Neubesinnung anzubahnen. Je mehr bibliographische Quellenwerke zur Buchproduktion der katholischen deutschsprachigen Länder vorgelegt werden, umso mehr bestätigt sich die These von den beiden konkurrierenden Bildungssystemen und Buchkulturen der Frühen Neuzeit. Insbesondere muss der Begriff der Katholischen Aufklärung stärker berücksichtig werden als bisher. Die Vorurteile über die gelehrten Bibliotheken in geistlicher Hand sind immer noch gross; verlässliche Informationen gibt es allenfalls über die prächtigen Bibliothekssäle; über den Inhalt der Bibliotheken weiss man nicht viel. Der Traditionsbruch, der mit der Zerstörung der Bibliotheken, erst der Jesuitenniederlassungen 1773, 30 Jahre später dann der Klosterbibliotheken, einsetzte, wurde von den aufgeklärten Gegnern des geistlich dominierten Bildungswesens mit der Nutzlosigkeit der Buchbestände infolge des Übergewichts der theologischen Fächer und mit generellem Misstrauen gegenüber dem Mönchtum als Hort des «finsteren Mittelalters» begründet.
Um hier Abhilfe zu schaffen und eine gerechte Würdigung des katholischen Bildungsanteils zu erreichen, wurde ein Forschungsprojekt unter der Leitung von Prof. Dr. Dieter Breuer (Aachen) unter dem Titel «Kulturelle Ausgleichsprozesse im Spiegel gelehrter Bibliotheken der deutschsprachigen katholischen Länder 17501800» gestartet.<2> Unter dem Patronat der Deutschen Forschungsgemeinschaft, des Schweizerischen Nationalfonds und des Österreichischen Fonds zur Förderung der Wissenschaftlichen Forschung versucht eine trilaterale Studie, die Entwicklung von drei gelehrten Bibliotheken im katholischen Süddeutschland, in Österreich und in der katholischen Schweiz zu erfassen. Ziel der Projektarbeit war eine Überprüfung der in der Literaturgeschichtsschreibung geltenden Auffassung, dass in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts im Zeichen der Aufklärung ein Ausgleich der konfessionellen Kultur in Richtung auf die als fortschrittlich angesehene Kulturentwicklung in den protestantischen Territorien stattgefunden habe. Ausgewählt wurden Bibliotheken mit grösseren geschlossenen Altbeständen, die möglichst das ganze Spektrum der Gelehrsamkeit abdecken sollten: für Deutschland die Altbestände der heutigen Universitätsbibliotheken Eichstätt, für Österreich die Bibliothek der Augustinerchorherren von Klosterneuburg und für die Schweiz die umfangreiche Bibliothek der Kapuziner im Kloster Wesemlin zu Luzern. Leider unterblieb eine parallele Untersuchung an drei protestantisch ausgerichteten Bibliotheken aus Mangel an Finanzen, da die Förderinstitutionen die Laufzeit der Projekte auf das Jahresende 1995 begrenzten.
Hanspeter Marti, einer der Autoren, widmet seine Untersuchung der Kapuzinerbibliothek
des Klosters Wesemlin, da diese Bibliothek die Zeit von der Helvetik an
ohne schwerwiegende Beeinträchtigung überstanden hat. Ihre Bedeutung
entspricht der wichtigen Stellung des Luzerner Klosters als dem Sitz der
Leitung der bereits 1589 geschaffenen Schweizer Kapuzinerprovinz. In der
zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts war die Kapuzinerbibliothek für
Aussenstehende ein Begriff, was selbst Zürcher Gelehrte wie Fäsi,
Holzhalb und Heidegger bestätigten. Auch der aufgeklärte Bernhard
Ludwig Göldlin bestätigte 1760 die Attraktivität dieser Bibliothek
und hob hervor, dass sie öffentlich zugänglich sei.
Den Franzoseneinfall im Jahre 1798 und die Zeit der Helvetik überstand
das Luzerner Kapuzinerkloster samt seiner Bibliothek recht gut, ohne grössere
Einbussen zu erleiden. Es gibt Bibliothekskataloge von 1761 und 1839, die
eine genaue Zuteilung der Bücher in Sachklassen ordnen. Gewiss dominieren
im 18. Jahrhundert die Anschaffungen theologischer Werke wie Predigtsammlungen,
aszetische Literatur, Kirchengeschichte, Kontroverstheologie, Kirchenrecht,
Moraltheologie, Dogmatik und Pastoral. Aber es finden sich auch Bestände
von Profangeschichte, Politik, Mathematik usw. Augsburg dominiert als Verlagsort,
gefolgt von Rom, Ingolstadt, Venedig und Paris. Deutschsprachige Anschaffungen
bilden gut 40%, lateinische Bücher machen etwa gut einen Drittel aus,
gefolgt von italienischen und französischen Büchern. Die Jesuiten
(bzw. seit 1773 Exjesuiten) dominieren unter den Verfassern und zeigen deutlich
die führende wissenschaftliche und literarische Stellung dieses Ordens
in der römischen Kirche.
Die Kapuziner waren im Allgemeinen Antiaufklärer. Es werden jedoch
in verschiedenen Publikationen des 18. Jahrhunderts die Kräfte der
Erneuerung in der katholischen Kirche hervorgehoben. Im Gegensatz dazu wird
besonders Voltaire als «Erzvater der Religionsspötter, der Vorläufer
der Französischen Revolution und der Apostel des Unglaubens»
abgelehnt.
Im Verlaufe des 18. Jahrhunderts ergaben sich auf dem Gebiete der Eidgenossenschaft
interkonfessionelle Kontakte. Von 1780 an nehmen die Patres des Kapuzinerklosters
Olten an den in dieser Stadt gehaltenen Versammlungen der Helvetischen Gesellschaft
meistens als Gäste teil. Die Werke des Zürcher Naturforschers
Johann Jakob Scheuchzer waren in der Zentralschweiz recht gefragt. Seine
«Physica sacra» war im Kapuzinerkloster Luzern vorhanden. Der
interkonfessionelle Wissenstransfer innerhalb der Eidgenossenschaft ging
im Bereich der vaterländischen Lexikographie zwar von den protestantischen
Städten aus, verdankte aber einen Teil der Informationen der tatkräftigen
Hilfe katholischer Gelehrter und Ordensleute. Sie allein waren die profundesten
Kenner ihrer Heimatregionen und deshalb die zuverlässigsten Lieferanten
beglaubigter landeskundlicher Kenntnisse. So stand P. Anton Maria Keller
(16841756), Provinzial der Schweizer Kapuziner, mit J. J. Leu in brieflichem
Kontakt und setzte sich nach Kräften für den erfolgreichen Fortgang
der Arbeiten an dessen Schweizer Lexikon ein, einem heute noch unentbehrlichen
Nachschlagewerk.
Nach 1800 zeigte man sich in der Luzerner Kapuzinerbibliothek aufgeschlossener
für den Erwerb protestantischer Literatur als im 18. Jahrhundert. Vermehrt
wurden Werke über angewandte Naturforschung, Technik und Medizin sowie
über volksaufklärerische, ökonomische und landwirtschaftliche
Themen angeschafft. Entscheidend für die Anschaffung solcher Literatur
war die Person des Bibliotheksverantwortlichen. P. Clemens Purtschert von
Pfaffnau aus der bekannten Luzerner Baumeisterfamilie war ein Naturwissenschafter
mit weit reichenden Interessen. Ihm ist es zu verdanken, dass sich vermehrt
naturwissenschaftliche Literatur im Luzerner Kapuzinerkloster vorfindet.
So sind langsam aber sicher die Kenntnisse des aufklärerischen Gedankengutes
bis ins Innere der Kapuzinerklöster vorgedrungen.
Die Paralleluntersuchung über die Fürstbischöfliche Bibliothek
in Eichstätt zeigt zwar eine eher konservativ-beharrende Institution;
trotzdem öffnete man sich auch in der bischöflichen Residenzstadt
aufgeklärtem Denken und gewährte dem Gedankengut einer massvollen
Aufklärung Eingang in das Hochstift. Ralf Georg Bogner untersuchte
die kulturellen Ausgleichsprozesse in Österreich 17501800 am Beispiel
der Stiftsbibliothek Klosterneuburg. Auch hier wurde eine ähnliche
Tendenz festgestellt.
Mit solch fundierten Untersuchungen kann längerfristig eine Neubewertung
der Literaturgeschichtsschreibung vorgenommen werden.
1 Enzyklopädie deutscher Geschichte, Bd. 30, München 1994, S. 3.
2 Dieter Breuer (Hrsg.), Die Aufklärung in den deutschsprachigen katholischen Ländern 17501800. Kulturelle Ausgleichsprozesse im Spiegel von Bibliotheken in Luzern, Eichstätt und Klosterneuburg, Ferdinand Schöningh, Paderborn 2001, 619 S.