13-14/2002 | |
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Verehrte Mitbrüder im Bischofsamt,
liebe Brüder und Schwestern!
An alle, «die von Gott geliebt sind, die berufenen Heiligen: Gnade
sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus»
(Röm 1,7). Diese Worte des Apostels Paulus an die Christen von Rom
führen uns hin zum Thema des kommenden Weltgebetstags für geistliche
Berufe: «Die Berufung zur Heiligkeit». Die Heiligkeit: die Gnade
und das Ziel jedes Gläubigen, wie uns das Buch Levitikus in Erinnerung
ruft: «Seid heilig, denn ich, der Herr, euer Gott, bin heilig»
(19,2).
Im Apostolischen Schreiben «Novo millennio ineunte» habe ich
dazu aufgerufen, «die seelsorgliche Planung unter das Zeichen der
Heiligkeit» zu stellen. «Damit wird die Überzeugung ausgedrückt,
dass es widersinnig wäre, sich mit einem mittelmässigen Leben
zufriedenzugeben, das im Zeichen einer minimalistischen Ethik und einer
oberflächlichen Religiosität geführt wird, wenn die Taufe
durch die Einverleibung in Christus und die Einwohnung des Heiligen Geistes
ein wahrer Eintritt in die Heiligkeit Gottes ist. ... Es ist jetzt an der
Zeit, allen mit Überzeugungskraft diesen Ðhohen Massstabð des
gewöhnlichen christlichen Lebens neu vor Augen zu stellen. Das ganze
Leben der kirchlichen Gemeinschaft und der christlichen Familien muss in
diese Richtung führen» (Nr. 31).
Vorrangige Aufgabe der Kirche ist es, die Christen auf den Wegen der Heiligkeit
zu begleiten, damit sie erleuchtet durch die Erkenntnis aus dem Glauben
lernen, auf das Antlitz Christi zu schauen und es kennen zu lernen
und so in Ihm die persönliche, authentische Identität und Sendung
neu zu entdecken, die der Herr einem jedem anvertraut. Auf diese Weise werden
sie «auf das Fundament der Apostel und Propheten gebaut; der Schlussstein
ist Christus Jesus selbst. Durch ihn wird der ganze Bau zusammengehalten
und wächst zu einem heiligen Tempel im Herrn» (Eph 2,2021).
Die Kirche sammelt in sich alle Berufungen, die Gott in seinen Kindern weckt,
und sie selbst gestaltet sich als leuchtendes Abbild des Geheimnisses der
Heiligsten Dreifaltigkeit. Als «Volk, das von der Einheit des Vaters,
des Sohnes und des Heiligen Geistes geeint ist», trägt sie selbst
in sich das Geheimnis des Vaters, der alle ruft, seinen Namen zu heiligen
und seinen Willen zu tun. Sie bewahrt in sich das Geheimnis des Sohnes,
der vom Vater zur Verkündigung des Reiches Gottes gesandt ist und alle
in seine Nachfolge ruft. Sie ist Hüterin des Geheimnisses des Heiligen
Geistes, der jene zu ihrer Sendung heiligt, die der Vater durch seinen Sohn
Jesus Christus erwählt hat.
Gerade weil die kirchliche Gemeinschaft der Ort ist, wo all die verschiedenen,
von Gott erweckten Berufungen ihren Ausdruck finden, wird im Zusammenhang
des Weltgebetstags am kommenden 21. April, dem vierten Ostersonntag, der
dritte Kontinentalkongress für die Berufungen zum geweihten Amt und
zum geweihten Leben in Nordamerika stattfinden. Gerne spreche ich den Veranstaltern
und Teilnehmern meine Grüsse und Segenswünsche für diese
Inititative aus, die sich ein Kernproblem der Kirche in Amerika und der
Neuevangelisierung des Kontinents zum Thema gemacht hat. Ich lade alle ein
zum Gebet, dass diese Begegnung den anstrengenden Dienst für die Berufungen
neu belebt und zu einem selbstlosen, frohen Einsatz dafür unter den
Christen der «Neuen Welt» führt.
Die Kirche ist das «Haus der Heiligkeit», und die Liebe Christi,
ausgegossen durch den Heiligen Geist, ist die Seele darin. In diesem Zuhause
helfen sich alle Christen gegenseitig, die eigene Berufung zu entdecken
und zu verwirklichen: im Hören auf das Wort Gottes, im Gebet, im häufigen
Empfang der Sakramente und in der beständigen Suche nach dem Antlitz
Christi in jedem Mitmenschen. Auf diese Weise schreitet jeder je nach
den eigenen Begabungen auf dem Weg des Glaubens voran, hält fest
an der Hoffnung und ist tätig in der Liebe (vgl. Lumen gentium, 41),
während die Kirche «den unendlichen Reichtum des Geheimnisses
Jesu Christi» enthüllt und erlebt (Christifideles laici, 55)
und sicherstellt, dass Gottes Heiligkeit jeden Lebensstand und jede Lebenslage
durchdringt, damit alle Christen Arbeiter im Weinberg des Herrn werden und
den Leib Christi aufbauen.
Wenn auch alle Berufungen in der Kirche im Dienst der Heiligkeit stehen,
so tun dies doch bestimmte, wie die Berufung zum geweihten Dienstamt und
zum geweihten Leben, auf ganz einzigartige Weise. Auf diese Berufungen bitte
ich Euch alle, heute Eure besondere Aufmerksamkeit zu richten und für
sie umso inniger zu beten.
Die Berufung zum geweihten Dienstamt «ist im Wesentlichen eine Berufung
zur Heiligkeit in der Form, die aus dem Sakrament der Priesterweihe entspringt.
Die Heiligkeit ist Vertrautheit mit Gott, sie ist Nachahmung des armen,
keuschen und demütigen Christus; sie ist vorbehaltlose Liebe zu den
Seelen und Hingabe an ihr wahres Wohl; sie ist Liebe zur Kirche, die heilig
ist und uns heiligen will, weil das die Sendung ist, die Christus ihr anvertraut
hat» (Pastores dabo vobis, 33). Jesus beruft die Apostel, weil er
sie in bevorzugter Nähe (vgl. Lk 8,12; 22,28) «bei sich
haben» wollte (Mk 3,14). Er lässt sie nicht nur die Geheimnisse
des Himmelsreiches erkennen (vgl. Mt 13,11.1618), sondern erwartet
sich von ihnen auch eine grössere Treue, die dem apostolischen Dienst
entspricht, zu dem er sie beruft. Er fordert von ihnen eine radikalere Armut
(vgl. Mt 19,2223), die Demut des Knechtes, der sich zum Letzten aller
macht (vgl. Mt 20,2527). Er verlangt von ihnen den Glauben an die verliehenen
Vollmachten (vgl. Mt 17,1921), Gebet und Fasten als wirksame Mittel
der Verkündigung (vgl. Mk 9,29) sowie Uneigennützigkeit: «Umsonst
habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben» (Mt 10,8). Er erwartet
von ihnen Klugheit gepaart mit Einfalt und sittlicher Festigkeit (vgl. Mt
10,2628) sowie die Hingabe an die Vorsehung (vgl. Lk 9,13; 19,2223).
Ebenso wenig darf ihnen das Verantwortungsbewusstsein für die übertragenen
Aufgaben fehlen, insofern sie die Verwalter der vom Herrn eingesetzten Sakramente
und Arbeiter in seinem Weinberg sind (vgl. Lk 12,4348).
Das geweihte Leben offenbart das innerste Wesen jeder christlichen Berufung
zur Heiligkeit und die Beziehung der ganzen Kirche als Braut zu Christus,
«ihrem einzigen Bräutigam». «Das Bekenntnis zu den
evangelischen Räten [ist] zutiefst mit dem Geheimnis Christi verbunden
..., da es die Aufgabe hat, so gut wie möglich die Lebensform darzustellen,
die er für sich wählte, und sie als absoluten und eschatologischen
Wert aufzuzeigen» (Vita consecrata, 29). Die Berufungen zu diesen
Lebensständen sind wertvolle und notwendige Geschenke, die bezeugen,
wie auch heute die Nachfolge des keuschen, armen und gehorsamen Christus,
das Zeugnis des absoluten Vorrangs Gottes und der Dienst an der Menschheit
nach Art des Erlösers bevorzugte Wege hin zur Fülle geistlichen
Lebens darstellen.
Der Mangel an Kandidaten für das Priestertum und für das geweihte
Leben, der sich in manchen Gebieten heute abzeichnet, muss weit davon
entfernt, dazu zu verleiten, weniger zu fordern und sich mit einer mittelmässigen
Ausbildung und Spiritualität zufrieden zu geben vielmehr Anlass
sein, die Aufmerksamkeit stärker auf die Auswahl und Ausbildung derer
zu richten, die zu Dienern und Zeugen Christi bestellt berufen
sein werden, durch die Heiligkeit ihres Lebens das zu bestätigen, was
sie verkünden und feiern.
Es ist notwendig, alle Mittel dafür einzusetzen, dass die Berufungen
zum Priestertum und Ordensleben, die unerlässlich sind für das
Leben und die Heiligkeit des Volkes Gottes, dauerhaft in den Mittelpunkt
der Spiritualität, des pastoralen Handelns und des Gebets der Gläubigen
gerückt werden.
Die Bischöfe und Priester seien an vorderster Stelle Zeugen der Heiligkeit
des als Geschenk empfangenen Dienstamts. Durch ihr Leben und ihre Verkündigung
sollen sie ihre Freude, Christus, dem guten Hirten nachzufolgen, und die
erneuernde und erlösende Kraft seines Ostergeheimnisses zeigen. Durch
ihr Beispiel sollen sie vor allem den jungen Generationen sichtbar machen,
welch froh machendes Abenteuer demjenigen vorbehalten ist, der sich auf
den Spuren des göttlichen Lehrers dafür entscheidet, ganz Gott
zu gehören, und sich selbst hingibt, damit jeder Mensch das Leben in
Fülle haben kann (vgl. Joh 10,10).
Die Ordensmänner und -frauen, die «als entscheidendes Element
für die Sendung der Kirche in deren Herz und Mitte» stehen (Vita
consecrata, 3), sollen zeigen, dass ihr Leben fest in Christus verwurzelt
ist, dass das Ordensleben «Haus» und «Schule der Gemeinschaft»
ist (Novo millennio ineunte, 43), dass in ihrem demütigen und gläubigen
Dienst am Menschen jene «Phantasie der Liebe» pulsiert (ebd.,
50), die der Heilige Geist immer in der Kirche lebendig hält. Sie sollen
nicht vergessen, dass in der Liebe zur Betrachtung, in der Freude, den Mitmenschen
zu dienen, in der für das Himmelreich gelebten Keuschheit, in der selbstlosen
Hingabe an den eigenen Dienst der eigentliche Anruf und Appell für
neue Berufungen liegt!
Eine entscheidende Rolle für die Zukunft der Berufungen in der Kirche
kommt dabei den Familien zu. Die Heiligkeit der ehelichen Liebe, die Harmonie
des Familienlebens, der Glaubensgeist, aus dem heraus die alltäglichen
Probleme des Lebens angegangen werden, die Offenheit für andere, vor
allem die Ärmeren, die Teilnahme am Leben der christlichen Gemeinschaft
stellen das geeignete Umfeld dafür dar, dass der göttliche Ruf
vernommen wird und zu einer selbstlosen Antwort seitens der Kinder führt.
«Bittet also den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden» (Mt 9,38; Lk 10,2). In Gehorsam gegenüber dem Auftrag Christi zeichnet sich jeder Weltgebetstag als Moment intensiven Gebets dadurch aus, dass er die gesamte christliche Gemeinschaft zusammenführt zu einem inständigen und eindringlichen Anruf an Gott um Berufungen. Wie wichtig ist es, dass die christlichen Gemeinden «echte Schulen des Gebets» werden (vgl. Novo millennio ineunte, 33), die imstande sind, zum Dialog mit Gott zu erziehen und die Gläubigen dazu anzuhalten, sich immer mehr jener Liebe zu öffnen, mit der der Vater «die Welt so sehr geliebt» hat, «dass er seinen einzigen Sohn hingab» (Joh 3,16)! Gepflegtes und gelebtes Gebet hilft, sich vom Geist Christi leiten zu lassen, um am Aufbau der Kirche in der Liebe mitzuarbeiten. In diesem Zusammenhang wächst im Jünger das brennende Verlangen, dass jeder Mensch Christus begegne und die wahre Freiheit der Kinder Gottes erlange. Diese Sehnsucht wird den Gläubigen nach dem Vorbild Mariens dahin führen, sich dem Herrn mit einem vollen und selbstlosen «Ja» zur Verfügung zu stellen. Der Herr ist es, der dazu beruft, Diener des Wortes, der Sakramente und der Liebe zu sein, beziehungsweise lebendiges Zeichen des keuschen, armen und gehorsamen Lebens Christi unter den Menschen unserer Zeit.
Der Herr der Ernte lasse es seiner Kirche nicht an zahlreichen und heiligen Priester- und Ordensberufungen fehlen!
Heiliger Vater, schau auf diese unsere Menschheit, die ihre ersten Schritte auf dem Weg des dritten Jahrtausends unternimmt.
Ihr Leben ist noch stark gezeichnet vom Hass, von der Gewalt, von der Unterdrückung.
Doch der Hunger nach Gerechtigkeit, Wahrheit und Gnade findet noch immer Raum im Herzen von so vielen, die auf den warten, der das Heil bringt, das du bereitet hast durch deinen Sohn Jesus.
Es braucht mutige Verkünder des Evangeliums, selbstlose Diener der leidenden Menschheit.
Wir bitten dich, sende deiner Kirche heilige Priester, die dein Volk heiligen durch die Mittel deiner Gnade.
Sende zahlreiche Ordensmänner und Ordensfrauen, die deine Heiligkeit inmitten der Welt sichtbar machen.
Sende in deinen Weinberg heilige Arbeiter, die arbeiten mit dem Feuer der Liebe und die, getrieben vom Heiligen Geist, das Heil Christi bringen bis an die äussersten Enden der Erde. Amen.