1-2/2002 | |
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Dieses Jahr wird der Weltfriedenstag vor dem Hintergrund der dramatischen
Ereignisse vom vergangenen 11. September begangen. An jenem Tag ist ein
Verbrechen schrecklichen Ausmasses verübt worden: Innerhalb weniger
Minuten wurden Tausende unschuldiger Menschen verschiedener ethnischer Herkunft
auf grauenvolle Weise getötet. Seither haben die Menschen auf der ganzen
Welt mit neuer Intensität das Bewusstsein der persönlichen Verwundbarkeit
erfahren; sie haben begonnen, mit einem tiefen, bis dahin nicht gekannten
Angstgefühl in die Zukunft zu schauen. Angesichts solcher seelischer
Zustände möchte die Kirche ein Zeugnis ihrer Hoffnung geben, in
der Überzeugung, dass das Böse, das mysterium iniquitatis, in
den Wechselfällen des menschlichen Lebens nicht das letzte Wort hat.
Die in der Heiligen Schrift umrissene Heilsgeschichte wirft helles Licht
auf die gesamte Geschichte der Welt, indem sie aufzeigt, wie diese immer
von Gottes barmherziger und weiser Sorge begleitet wird, welcher die Wege
kennt, um selbst die verhärtetsten Herzen zu berühren und von
trockenem, unfruchtbarem Boden gute Früchte zu ernten.
Das ist die Hoffnung, an der die Kirche zu Beginn des Jahres 2002 festhält:
Durch die Gnade Gottes wird die Welt, in der die Macht des Bösen wieder
einmal die Oberhand zu haben scheint, tatsächlich in eine Welt verwandelt
werden, in der die edelsten Bestrebungen des menschlichen Herzens befriedigt
werden können, eine Welt, in der sich der wahre Friede durchsetzen
wird.
2. Die blutigen Geschehnisse der jüngsten Vergangenheit haben mich
dazu bewegt, einen Gedanken wieder aufzunehmen, der mir in der Erinnerung
an die geschichtlichen Ereignisse, die mein Leben, besonders in meinen Jugendjahren,
gezeichnet haben, aus tiefstem Herzen kommt.
Die unermesslichen Leiden der Völker und der Einzelnen, darunter auch
nicht wenige meiner Freunde und Bekannten, verursacht durch die totalitären
Regime des Nationalsozialismus und des Kommunismus, haben stets meine Seele
bedrängt und mich zum Gebet angeregt. Oftmals habe ich innegehalten,
um über die Frage nachzudenken: Welcher Weg führt zur vollen Wiederherstellung
der so grausam verletzten sittlichen und sozialen Ordnung? Durch Nachdenken
und in der persönlichen Beschäftigung mit der biblischen Offenbarung
bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass sich die zerbrochene Ordnung
nicht voll wiederherstellen lässt, ausser indem man Gerechtigkeit und
Vergebung miteinder verbindet. Die Stützpfeiler des wahren Friedens
sind die Gerechtigkeit und jene besondere Form der Liebe, wie sie die Vergebung
darstellt.
3. Aber wie kann man unter den aktuellen Umständen von Gerechtigkeit
und zugleich von Vergebung als Quellen und Bedingungen des Friedens reden?
Meine Antwort lautet, man kann und man muss davon reden, ungeachtet der
Schwierigkeiten, die solches Reden in sich birgt, auch deshalb, weil man
gewöhnlich an Gerechtigkeit und Vergebung als alternative Begriffe
denkt. Die Vergebung steht im Gegensatz zum Groll und zur Rache, nicht zur
Gerechtigkeit. Der wahre Friede ist in Wirklichkeit ein «Werk der
Gerechtigkeit» (Jes 32,17). Der Friede ist, wie das II. Vatikanische
Konzil erklärt hat, «die Frucht der Ordnung, die ihr göttlicher
Gründer selbst in die menschliche Gesellschaft eingestiftet hat und
die von den Menschen durch stetes Streben nach immer vollkommenerer Gerechtigkeit
verwirklicht werden muss» (Pastoralkonstitution Gaudium et spes, Nr.
78). Seit über fünfzehn Jahrhunderten erklingt in der katholischen
Kirche die Lehre des Augustinus von Hippo, der uns daran erinnert, dass
der Friede, der mit dem Zutun aller anzustreben ist, in der tranquillitas
ordinis, in der Ruhe der Ordnung besteht (vgl. De civitate Dei, 19,13).
Der wahre Friede ist daher Frucht der Gerechtigkeit, sittliche Tugend und
rechtliche Garantie, die über die volle Achtung der Rechte und Pflichten
und über die gerechte Aufteilung von Nutzen und Lasten wacht. Da aber
die menschliche Gerechtigkeit, die nun einmal den Grenzen und Egoismen von
Personen und Gruppen ausgesetzt ist, immer zerbrechlich und unvollkommen
ist, muss sie in der Vergebung, die die Wunden heilt und die tief gehende
Wiederherstellung der gestörten menschlichen Beziehungen bewirkt, praktiziert
und gewissermassen vervollständigt werden. Das gilt sowohl in den Spannungen,
die Einzelpersonen betreffen, wie in jenen von übergeordneter und auch
internationaler Tragweite. Die Vergebung widersetzt sich in keiner Weise
der Gerechtigkeit, weil sie nicht auf einer Aufhebung der berechtigten Wiedergutmachungsansprüche
für die verletzte Ordnung besteht. Die Vergebung strebt vielmehr jene
Fülle von Gerechtigkeit an, welche die Ruhe der Ordnung herbeiführt;
diese bedeutet weit mehr als eine zerbrechliche und vorübergehende
Einstellung von Feindseligkeiten, nämlich eine tief greifende Heilung
der in den Herzen blutenden Wunden. Wesentlich für eine solche Heilung
sind beide, die Gerechtigkeit und die Vergebung.
Das sind die beiden Dimensionen des Friedens, die ich in dieser Botschaft
aufzeigen möchte. Der Weltfriedenstag bietet in diesem Jahr der ganzen
Menschheit und besonders den Staatsoberhäuptern Gelegenheit, über
die Anforderungen der Gerechtigkeit und über den Aufruf zur Vergebung
angesichts der schwerwiegenden Probleme nachzudenken, welche die Welt weiterhin
quälen, darunter nicht zuletzt die vom organisierten Terrorismus herbeigeführte
neue Stufe der Gewalt.
4. Gerade der auf Gerechtigkeit und Vergebung gegründete Friede
ist es, der heute vom internationalen Terrorismus angegriffen wird. In den
letzten Jahren, besonders nach dem Ende des Kalten Krieges, ist der Terrorismus
zu einem hoch entwickelten Netz des politischen, technischen und wirtschaftlichen
Zusammenwirkens geworden, das die nationalen Grenzen überschreitet
und sich anschickt, die ganze Welt zu umgarnen. Es handelt sich um Organisationen
im wahrsten Sinn des Wortes, die oft mit beachtlichen Geldmitteln ausgestattet
sind und Strategien auf breiter Ebene ausarbeiten, wobei sie unschuldige
Personen treffen, die mit den von den Terroristen verfolgten Zielen überhaupt
nichts zu tun haben.
Wenn diese Terrororganisationen ihre eigenen Anhänger als Waffen benutzen,
um sie gegen unbewaffnete, ahnungslose Menschen loszuschicken, machen sie
damit auf erschütternde Weise den Todesdrang offenkundig, der sie speist.
Der Terrorismus entspringt dem Hass und erzeugt Isolierung, Misstrauen und
Abschottung. Gewalt gesellt sich zu Gewalt in einer tragischen Spirale,
die auch die jungen Generationen mithineinzieht, die so den Hass erben,
der schon frühere Generationen entzweit hat. Der Terrorismus basiert
auf der Verachtung des Lebens des Menschen. Deshalb bildet er nicht allein
den Grund für unerträgliche Verbrechen, sondern stellt selbst
ein wirkliches Verbrechen gegen die Menschheit dar, insofern er auf den
Terror als politische und wirtschaftliche Strategie zurückgreift.
5. Es besteht daher ein Recht auf Verteidigung gegen den Terrorismus.
Es ist ein Recht, das sich wie jedes andere bei der Wahl sowohl der Ziele
wie der Mittel an moralische und rechtliche Regeln halten muss. Die Identifikation
der Schuldigen muss entsprechend bewiesen werden, weil die strafrechtliche
Verantwortung immer personal ist und daher nicht auf die Nationen, Ethnien
und Religionen, denen die Terroristen angehören, ausgedehnt werden
kann. Die internationale Zusammenarbeit im Kampf gegen das terroristische
Treiben muss auch einen besonderen Einsatz auf politischer, diplomatischer
und wirtschaftlicher Ebene beinhalten, um mutig und entschlossen etwaige
Situationen von Unterdrückung und Ausgrenzung aufzulösen, die
den Ursprung für Terrorpläne bilden könnten. Denn die Anwerbung
von Terroristen wird in einem sozialen Umfeld erleichtert, wo Rechte verletzt
und Ungerechtigkeiten allzu lange geduldet werden.
Es muss jedoch mit aller Klarheit festgestellt werden, dass die in der Welt
bestehenden Ungerechtigkeiten niemals als Entschuldigung zur Rechtfertigung
von Terroranschlägen gebraucht werden können. Ausserdem ist darauf
hinzuweisen, dass zu den Opfern des radikalen Zusammenbruchs der Ordnung,
wie er von den Terroristen bezweckt wird, in erster Linie die Millionen
Männer und Frauen gehören, die am wenigsten dagegen gewappnet
sind, den Zusammenbruch der internationalen Solidarität auszuhalten.
Ich spiele im Besonderen auf die Völker der Entwicklungsländer
an, die ohnehin schon in Randsituationen leben, in denen es um das blosse
Überleben geht; sie wären von einem globalen wirtschaftlichen
und politischen Chaos am schmerzlichsten betroffen. Der Anspruch des Terrorismus,
im Namen der Armen zu handeln, ist eine offenkundige Unwahrheit.
6. Wer durch die Ausführung von Terroranschlägen tötet, hegt Gefühle der Verachtung für die Menschheit und manifestiert Hoffnungslosigkeit gegenüber dem Leben und der Zukunft: Alles kann aus dieser Sicht gehasst und zerstört werden. Der Terrorist meint, der von ihm geglaubten Wahrheit bzw. dem erlittenen Leid komme eine derart absolute Bedeutung zu, dass sie ihn dazu berechtigen, mit der Zerstörung auch unschuldiger Menschenleben zu reagieren. Bisweilen ist der Terrorismus das Kind eines fanatischen Fundamentalismus, der aus der Überzeugung entsteht, allen die Annahme der eigenen Sichtweise der Wahrheit auferlegen zu können. Die Wahrheit kann jedoch auch dann, wenn sie erlangt wird und das geschieht immer auf eine begrenzte und vervollkommnungsfähige Weise , niemals aufgezwungen werden. Die Achtung vor dem Gewissen des anderen, in dem sich das Abbild Gottes selbst widerspiegelt (vgl. Gen 1,2627), gestattet nur, die Wahrheit dem anderen vorzulegen; an ihm liegt es dann, sie verantwortungsvoll anzunehmen. Die Anmassung, das, was man selbst für die Wahrheit hält, anderen gewaltsam aufzuzwingen, bedeutet, dass dadurch die Würde des Menschen verletzt und schliesslich Gott, dessen Abbild er ist, beleidigt wird. Darum ist der fundamentalistische Fanatismus eine Haltung, die in radikalem Gegensatz zum Glauben an Gott steht. Wenn wir genau hinschauen, instrumentalisiert der Terrorismus nicht nur den Menschen, sondern auch Gott, indem er ihn schliesslich zu einem Götzen macht, dessen er sich für seine Zwecke bedient.
7. Kein Verantwortlicher der Religionen kann daher dem Terrorismus gegenüber Nachsicht üben, und noch weniger kann er ihn predigen. Es ist eine Profanierung der Religion, sich als Terroristen im Namen Gottes zu bezeichnen, dem Menschen im Namen Gottes Gewalt anzutun. Die terroristische Gewalt steht im Gegensatz zum Glauben an Gott, den Schöpfer des Menschen, an Gott, der sich um den Menschen kümmert und ihn liebt. Insbesondere steht er völlig im Gegensatz zum Glauben an Christus den Herrn, der seine Jünger zu beten gelehrt hat: «Erlass uns unsere Schulden, wie auch wir sie unseren Schuldnern erlassen haben» (Mt 6,12). In der Nachfolge der Lehre und des Beispiels Jesu sind die Christen davon überzeugt, dass Barmherzigkeit üben bedeutet, die Wahrheit unseres Lebens voll zu leben: Wir können und müssen barmherzig sein, weil uns von einem Gott, der die erbarmende Liebe ist, Barmherzigkeit erwiesen worden ist (vgl. 1 Joh 4,712). Der Gott, der uns durch seinen Eintritt in die Geschichte erlöst und im Drama des Karfreitags den Sieg des Ostertages vorbereitet, ist ein Gott des Erbarmens und der Vergebung (vgl. Ps 103,34.1013). Gegenüber denen, die ihn angriffen, weil er mit den Sündern zusammen ass, hat sich Jesus so ausgedrückt: «Darum lernt, was es heisst: Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer. Denn ich bin gekommen, die Sünder zu rufen, nicht die Gerechten» (Mt 9,13). Die Jünger Christi, getauft auf seinen Tod und seine Auferstehung, müssen immer Männer und Frauen der Barmherzigkeit und der Vergebung sein.
8. Was aber bedeutet das Vergeben konkret? Und warum müssen wir
vergeben? Das Sprechen über die Vergebung kann diesen Fragestellungen
nicht ausweichen. Indem ich eine Überlegung aus meiner Botschaft zum
Weltfriedenstag 1997 («Biete die Vergebung an, empfange den Frieden»)
wieder aufgreife, möchte ich daran erinnern, dass die Vergebung, noch
bevor sie ein gesellschaftliches Faktum wird, ihren Sitz im Herzen eines
jeden hat. Nur in dem Masse, in dem sich eine Ethik und eine Kultur des
Vergebens herausbildet, kann man eine «Politik der Versöhnung»
erhoffen, die ihren Niederschlag in sozialen Verhaltensweisen und rechtsstaatlichen
Einrichtungen findet, in denen die Gerechtigkeit selbst ein menschliches
Antlitz annimmt.
In Wirklichkeit ist die Vergebung eine persönliche Entscheidung, eine
Option des Herzens, die sich gegen den spontanen Instinkt richtet, das Böse
mit dem Bösen zu beantworten. Diese Option findet ihr Richtmass in
der Liebe Gottes, die uns trotz unserer Sünde annimmt. Ihr höchstes
Vorbild ist die Vergebung Christi, der am Kreuz gebetet hat: «Vater,
vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun» (Lk 23,34).
Die Vergebung gestaltet sich daher nach göttlichem Ursprung und Mass.
Dies schliesst allerdings nicht aus, dass man ihren Wert auch im Licht vernünftiger
menschlicher Überlegungen erfassen kann. Als erste von allen jene,
die mit der Erfahrung zusammenhängt, dass der Mensch, der Böses
begeht, in sich selbst verschlossen lebt. Er wird sich seiner Zerbrechlichkeit
bewusst und hofft auf die Nachsicht der anderen. Warum also sollte man sich
den anderen gegenüber nicht so verhalten, wie man selbst behandelt
zu werden wünscht? Jeder Mensch hegt in sich die Hoffnung, das Leben
in seinem Verlauf von neuem beginnen zu können und nicht für immer
Gefangener der eigenen Irrtümer und Schuld zu bleiben. Er träumt
davon, den Blick wieder zu erheben und in die Zukunft zu richten, um noch
Perspektiven des Vertrauens und des Einsatzes entdecken zu können.
9. Als menschliche Handlung ist die Vergebung zunächst eine Initiative
des Einzelnen in seiner Beziehung zu den anderen, ihm ähnlichen Geschöpfen.
Der Mensch hat jedoch eine wesentliche soziale Dimension, kraft welcher
er ein Netz von Beziehungen knüpft, in denen er sich selbst zum Ausdruck
bringt leider nicht nur im Guten, sondern auch im Bösen. Die
Folge davon ist, dass sich die Vergebung auch auf sozialer Ebene als notwendig
erweist. Die Familien, die Gruppen, die Staaten, die Völkergemeinschaft
selbst müssen sich der Vergebung öffnen, um unterbrochene Verbindungen
wieder aufzunehmen, um Situationen einer fruchtlosen gegenseitigen Verurteilung
zu überwinden, um über die Versuchung zu siegen, die anderen auszuschliessen,
indem man ihnen die Berufungsmöglichkeit verwehrt. Die Fähigkeit
zur Vergebung liegt jedem Plan für eine gerechtere und solidarischere
Gesellschaft in der Zukunft zugrunde.
Umgekehrt kommt die versäumte Vergebung, besonders wenn dadurch die
Fortdauer von Konflikten geschürt wird, der Entwicklung der Völker
sehr teuer zu stehen. Die Ressourcen werden verwendet, um den Rüstungswettlauf,
die Kriegskosten und die Folgen wirtschaftlicher Repressalien zu tragen.
Damit fehlen die notwendigen Geldmittel, um Entwicklung, Frieden und Gerechtigkeit
voranzubringen. Unter wie vielen Schmerzen leidet die Menschheit, weil sie
sich nicht zu versöhnen weiss, wie oft wird sie zurückgeworfen,
weil sie nicht zu vergeben weiss! Der Friede ist die Voraussetzung für
die Entwicklung, aber ein wirklicher Friede wird nur durch die Vergebung
ermöglicht.
10. Das Angebot der Vergebung ist weder unmittelbar zu verstehen noch
mühelos anzunehmen; es ist eine in gewisser Hinsicht paradoxe Botschaft.
Tatsächlich schliesst die Vergebung immer kurzfristig einen scheinbaren
Verlust ein, während sie langfristig einen tatsächlichen Gewinn
sicherstellt. Die Gewalt ist das genaue Gegenteil; sie entscheidet sich
für einen kurzfristigen Gewinn, bereitet aber auf lange Sicht einen
tatsächlichen, anhaltenden Verlust vor. Die Vergebung könnte als
eine Schwäche erscheinen; in Wirklichkeit setzt sie, sowohl um gewährt
wie um angenommen zu werden, eine grosse geistige Kraft und einen bewährten
moralischen Mut voraus. Weit davon entfernt, die Person herabzusetzen, führt
die Vergebung sie zu einem erfüllten und reicheren Menschsein, das
fähig ist, in sich einen Strahl des Glanzes des Schöpfers widerzuspiegeln.
Das Amt, das ich im Dienst des Evangeliums ausübe, lässt mich
nachdrücklich die Pflicht spüren und verleiht mir zugleich die
Kraft, auf der Notwendigkeit der Vergebung zu bestehen. Das tue ich auch
heute, getragen von der Hoffnung, ruhige und reife Überlegungen im
Hinblick auf eine allgemeine Erneuerung in den Herzen der Menschen und in
den Beziehungen zwischen den Völkern der Erde wecken zu können.
11. Beim Nachdenken über das Thema Vergebung kann man nicht umhin, an einige tragische Konfliktsituationen zu erinnern, die schon seit allzu langer Zeit tiefe und quälende Hassgefühle schüren, was wiederum eine unaufhaltsame Spirale persönlicher und kollektiver Tragödien zur Folge hat. Ich nehme im Besonderen auf die Geschehnisse im Heiligen Land Bezug, dem gesegneten und heiligen Ort der Begegnung Gottes mit den Menschen, dem Ort des Lebens, des Todes und der Auferstehung Jesu, des Friedensfürsten. Die heikle weltpolitische Situation macht es erforderlich, mit Nachdruck erneut die Dringlichkeit einer Lösung des arabisch-israelischen Konflikts hervorzuheben, der mit sich abwechselnden mehr oder weniger heissen Phasen nun seit über fünfzig Jahren andauert. Der ständige Rückgriff auf Terrorakte oder Krieg, der die Lage aller erschwert und in die Aussichtslosigkeit führt, muss endlich entschlossenen Verhandlungen Platz machen. Die Rechte und Ansprüche jeder Seite werden in gerechtem Ausgleich gebührend Berücksichtigung finden können, wenn und sobald bei allen der Wille zu Gerechtigkeit und Versöhnung vorherrscht. An jene geliebten Völker richte ich erneut die deutliche Aufforderung, sich um eine neue Ära gegenseitiger Achtung und konstruktiven Einvernehmens zu bemühen.
12. Eine besondere Verantwortung bei dieser gross angelegten Bemühung
tragen die religiösen Führer. Die christlichen Konfessionen und
die grossen Religionen der Menschheit müssen zusammenarbeiten, um die
sozialen und kulturellen Ursachen des Terrorismus zu beseitigen; sie müssen
die Grösse und Würde der menschlichen Person lehren und eine grössere
Bewusstheit von der Einheit des Menschengeschlechts verbreiten. Es handelt
sich um einen klar bestimmten Bereich des Dialogs und der ökumenischen
und interreligiösen Zusammenarbeit, um einen dringend erforderlichen
Dienst der Religionen am Frieden zwischen den Völkern.
Im Besonderen bin ich davon überzeugt, dass die religiösen Führer
der Juden, der Christen und der Muslime durch die öffentliche Verurteilung
des Terrorismus die Initiative ergreifen sollen, indem sie denjenigen, die
sich an ihm beteiligen, jede Form religiöser oder moralischer Legitimation
verweigern.
13. Wenn die Führer der Religionen der Welt gemeinsam die sittliche
Wahrheit bezeugen, nach welcher der vorsätzliche Mord des Unschuldigen
immer, überall und ohne Ausnahme, eine schwere Sünde ist, werden
sie damit das sich Heranbilden einer moralisch richtigen öffentlichen
Meinung fördern. Das ist die unerlässliche Voraussetzung für
den Aufbau einer internationalen Gesellschaft, die imstande ist, als Ziel
die Ruhe der Ordnung in Gerechtigkeit und Freiheit zu verfolgen.
Ein derartiges Engagement von Seiten der Religionen wird auf dem Weg der
Vergebung Eingang finden müssen, die zu gegenseitigem Verständnis,
zu Achtung und Vertrauen führt. Der Dienst, den die Religionen für
den Frieden und gegen den Terrorismus leisten können, besteht genau
in der Pädagogik der Vergebung, weil der Mensch, der vergibt oder um
Vergebung bittet, begreift, dass es eine Wahrheit gibt, die grösser
ist als er, und durch deren Annahme er über sich selbst hinauszuwachsen
vermag.

Missio-Aktion Sternsingen
Bundesrat Pascal Couchepin empfängt die Sternsinger und singt mit ihnen
das "Stille Nacht".
14. Aus eben diesem Grund ist das Gebet für den Frieden nicht ein
Element, das dem Einsatz für den Frieden «nachfolgt». Im
Gegenteil, es liegt dem Bemühen um die Herstellung des Friedens in
Ordnung, Gerechtigkeit und Freiheit am Herzen. Beten für den Frieden
heisst, das menschliche Herz dem Eindringen der erneuernden Kraft Gottes
öffnen. Gott kann durch die belebende Kraft seiner Gnade selbst dort
Öffnungen für den Frieden schaffen, wo es nur Hindernisse und
Abriegelungen zu geben scheint; trotz einer langen Geschichte von Trennungen
und Kämpfen vermag er die Solidarität der Menschheitsfamilie zu
stärken und auszuweiten. Beten für den Frieden heisst beten für
die Gerechtigkeit, für eine angemessene Ordnung innerhalb der Nationen
und in ihren Beziehungen untereinander. Das heisst auch beten für die
Freiheit, besonders für die Religionsfreiheit, die ein menschliches
und ziviles Grundrecht eines jeden Individuums ist. Beten für den Frieden
heisst dafür beten, die Vergebung Gottes zu erlangen und gleichzeitig
im Mut zu wachsen, den jeder nötig hat, der seinerseits die erlittenen
Verletzungen vergeben will.
Aus all diesen Gründen habe ich die Vertreter der Weltreligionen am
kommenden 24. Januar nach Assisi eingeladen, um in der Stadt des heiligen
Franziskus für den Frieden zu beten. Wir wollen damit zum Ausdruck
bringen, dass das ehrliche religiöse Empfinden eine unerschöpfliche
Quelle der gegenseitigen Achtung und des Verstehens unter den Völkern
ist: Genau darin liegt das wichtigste Gegenmittel gegen Gewalt und Konflikte.
In dieser Zeit grosser Besorgnis muss sich die Menschheitsfamilie auf die
sicheren Gründe unserer Hoffnung besinnen. Gerade dies beabsichtigen
wir in Assisi zu verkünden, indem wir mit den eindrucksvollen,
dem heiligen Franziskus zugeschriebenen Worten den Allmächtigen
Gott bitten, uns zu einem Werkzeug seines Friedens zu machen.
15. Kein Friede ohne Gerechtigkeit, keine Gerechtigkeit ohne Vergebung:
Das will ich in dieser Botschaft Glaubenden und Nichtglaubenden, den Männern
und Frauen guten Willens verkünden, denen das Wohl der Menschheitsfamilie
und ihre Zukunft am Herzen liegt.
Kein Friede ohne Gerechtigkeit, keine Gerechtigkeit ohne Vergebung: Daran
will ich alle erinnern, die das Geschick der menschlichen Gemeinschaften
in Händen haben, damit sie sich in ihren schweren und schwierigen Entscheidungen
immer vom Licht des wahren Wohls des Menschen im Hinblick auf das Gemeinwohl
leiten lassen.
Kein Friede ohne Gerechtigkeit, keine Gerechtigkeit ohne Vergebung: Ich
werde nicht müde, diese Mahnung an alle zu wiederholen, die aus dem
einen oder anderen Grund Hass, Rachsucht und Zerstörungswut in sich
hegen.
Möge an diesem Welttag des Friedens aus den Herzen aller Gläubigen
das Gebet für jedes der Opfer des Terrorismus noch eindringlicher emporsteigen,
für ihre in tragischer Weise getroffenen Familien und für alle
Völker, die nach wie vor von Terrorismus und Krieg heimgesucht und
erschüttert werden. Selbst jene, die durch solche erbarmungslosen Aktionen
Gott und den Menschen schwer beleidigen, sollen nicht ausserhalb des Lichtstrahls
unseres Gebetes bleiben: Möge es ihnen vergönnt sein, wieder zu
sich selbst zu kommen und sich Rechenschaft zu geben über das Böse,
das sie begehen, so dass sie sich gedrängt fühlen, jeden Vorsatz
der Gewalt aufzugeben und die Vergebung zu suchen. Möge die Menschheitsfamilie
in diesen stürmischen Zeiten den wahren und dauerhaften Frieden finden,
jenen Frieden, der allein aus der Begegnung der Gerechtigkeit mit der Barmherzigkeit
entstehen kann!