37/2002 | |
INHALT | |
Bücher |
Es geht um einen «Fall», der vor hundert Jahren die Schweizer
Presse beschäftigt hat, ein Ereignis, das sich zwischen Heinrich Federer
(18661928) und dem 12-jährigen Knaben Emil Brunner, gleichfalls
aus Zürich, in einem Zimmer des Hotels Stanserhorn nächtlicherweise
vom 1. auf den 2. August 1902 abgespielt hatte. Die NZZ, die damals noch
nicht die vornehme Zurückhaltung pflegte, die sie heute auszeichnet,
liess sich aufgrund von Insider-Nachrichten eines liberalen Politikers aus
Nidwalden zu einer Vorverurteilung hinreissen, die dann von andern Zeitungen
übernommen wurde. Und weil man eigentlich nie genaue Nachrichten erhielt,
wusste auch die konservative Presse nicht, wie sie adäquat reagieren
sollte. Jedenfalls war Unsagbares geschehen: Der Priester hatte sich «unzüchtiger
Handlungen» schuldig gemacht, wie in der Urteilsbegründung ausgeführt
wurde, aber es war nicht «bis zum Letzten» gekommen, und so
fiel denn das 2. Urteil milde aus. Doch Federer war in seinem Ruf auf Jahre
hinaus geschädigt und verlor seine Wohnung als Seelsorger im Elisabethenheim
und die Stelle als Redaktor bei den «Zürcher Nachrichten».
Erst als er 1909 einen Preis für die beste deutsche Novelle erhielt
(für «Vater und Sohn im Examen»), konnte er sich literarisch
entfalten und kam schliesslich zu Ansehen und Vermögen; die Universität
Bern verlieh ihm 1919 sogar den Titel eines Doktors ehrenhalber. Bei wenigen
Menschen nur erfuhr er in den schlimmsten Jahren christliche Nächstenliebe,
am ehesten noch in der 1904 gegründeten Studenten- und Altherrenvereinigung
«Renaissance», wo sich Federer viel häufiger aufhielt als
im StV, in der er als Student eingetreten war.
Pirmin Meier, durch literarisch gestaltete, dokumentarisch genau belegte
Biographien bestens vorbereitet, nahm sich endlich des heiklen Falles an
und machte während Jahren seine Recherchen, die ihm noch bis in den
Frühling 2002 hinein herrliche Überraschungen bescherten: Lebenserinnerungen
und Tagebücher von nahen Bekannten von Federer tauchten auf und konnten
verwertet werden.<1> Daraus ergibt sich
wenn nicht ein vollständiges, so doch ein plausibles Bild, das die
Angelegenheit in ihre Zeit und in die Biographie Federers einbettet. Federer
war das Kind eines hoch begabten, aber haltlosen Künstlers und einer
sorgenden, älteren Mutter, die der Vater als Witwe geheiratet hatte;
sie trat deswegen vom Protestantismus zur katholischen Kirche über.
Mit drei Jahren holte sich das Kind ein Asthma, das Federer zeit seines
Lebens nie mehr loslassen sollte. So konnte er an keinen Kinderspielen teilnehmen,
war in seinem Temperament vielfach gehemmt und bekam mit der Zeit auch Nachholbedarf.
Er verlor beide Eltern, als er 20 Jahre alt war. Er war blitzgescheit, sensibel,
pastoral modern, im Umgang mit der Jugend recht unbefangen, was das Stirnrunzeln
seines Pfarrers und anderer Leute erzeugte. Gesundheitshalber von der Kaplanei
in Jonschwil (SG) nach Zürich an die Redaktion der ZN umgezogen, hatte
er bald eine Gruppe von Knaben um sich, denen er Nachhilfeunterricht erteilte
und die er mit seiner Erzähl-, Erfindungs- und Spielgabe glänzend
unterhielt. Den Eltern, vielfach beschäftigten Leuten, war dieser anscheinend
harmlose Verkehr nur recht; die Gruppe unternahm auch Wanderungen, zum Teil
mit Übernachten.
Der Knabe Emil Brunner, Kind eines bei seiner Geburt 53-jährigen Vaters
und einer 30-jährigen Mutter, entwickelte sich zu einem verwöhnten,
herrischen Knaben. So lernte ihn Heinrich Federer kennen. Er verliebte sich
bis über die Ohren in ihn und verfiel in eine Art Sklavenrolle, so
dass er sich der Befehle des Kindes kaum mehr erwehren konnte. So geschah
es auch in jener Nacht auf dem Stanserhorn, als Sturm und Regen viel Kälte
brachte, Heinrich Federer wegen seines Asthmas am offenen Fenster schlafen
wollte, das Kind aber fror. Deshalb bat (besser: zwang) es den Begleiter,
zu ihm ins Bett zu kriechen. Dort kam es zu wärmespendenden Umarmungen
und Liebkosungen, zu nichts mehr. Am frühen Morgen stieg dann der Knabe
zu Federer ins Bett, und schliesslich erfanden sie ein absurdes Spiel, eine
Seeschlacht, die sich mit Kissen und Decken in den Betten und auf dem Boden
abwickelte, das alles so laut, dass der im Nebenzimmer schlafende Gast,
ein Oberstleutnant der Schweizerischen Armee, erwachte, den Stimmen (die
er zunächst als Männer- und Frauenstimme interpretierte) nachging
und diese Szene dann durch einen erheblichen Spalt in der Türe mitverfolgen
konnte. Er alarmierte den Portier, dieser den Hotelier, dieser die Polizei,
und als am Vormittag Federer mit seinem Emil unten in Stans aus der Bergbahn
stieg, wurde er ins Untersuchungsgefängnis und der Knabe zum Verhör
geführt. Die Antriebskräfte der ihm wenig gut gesinnten Personen
waren zum Teil moralische Entrüstung, der Wille, den Kanton Nidwalden
von solchen Umtrieben frei zu halten, und politischer Ehrgeiz im Hinblick
auf die bevorstehende Gründung einer liberalen Partei.
Federer blieb mehrere Wochen eingekerkert bzw. auf Kaution frei, bis ihn
das Gerichtsurteil im September milde in die Freiheit entliess. Er hütete
sich davor, sich wieder mit vorpubertären Knaben zu umgeben, hingegen
sind mehrere enge Bekanntschaften mit Adoleszenten und Studenten bezeugt,
die zum Teil wieder ins Kapitel Verliebtheit gehören. Von nun an aber
suchte Federer sich aller auffälligen Sympathiebezeugungen zu enthalten,
wenn auch mindestens schriftlich grobe Unvorsichtigkeiten überliefert
sind. Die betreffenden jungen Männer, die Federer häufig eine
grosse Dankbarkeit bewahrten für seine bereichernde Geselligkeit, spürten
übrigens rechtzeitig die erotische Komponente und nahmen sich entsprechend
in Acht. Den Knaben vom Stanserhorn verlor Federer ganz aus den Augen; er
studierte an der ETH, heiratete, hatte zwei Kinder und nahm sich dann
mit 34 Jahren das Leben, was Federer natürlich ungemein erschütterte.
Federer verarbeitete seine Empfindungen und Erfahrungen literarisch in seinen
Werken, allerdings häufig so verklausuliert, dass man nicht unbedingt
darauf gestossen wird. An anderen Stellen zeigt sich die Homoerotik allerdings
so «keck» (wie Charles Linsmayer in seiner Anthologie «Gerechtigkeit
muss anders kommen», Arche Verlag 1981, schreibt), dass sie auf eine
tiefer liegende Verletzung hinweist. Am schönsten äussert sich
Federer zur ganzen Problematik seines Lebens in seinen Gedichten, von denen
eine Auswahl 1930 erschienen ist, andere von Pirmin Meier (zusammen mit
ebenso aufschlussreichen Prosastücken) in sein Buch aufgenommen wurden,
das übrigens nächstes Jahr um einen Textband bereichert werden
soll.
Dieses Buch erscheint zur rechten Zeit, wo die katholische Kirche weltweit
wegen immer neu aufgedeckter Fälle von Pädophilie erschüttert
wird. Pirmin Meier hat allerdings seine Recherchen viel früher begonnen.
Das Buch, höchst vornehm, bestens belegt und dazu äusserst spannend
geschrieben, ist wertvoll auch in psychologischer und pädagogischer
Hinsicht. Federer hat sich selbst wohl weitgehend nicht verstanden in all
seinen uneingestandenen Nöten und Sehnsüchten, und die damalige
Moraltheologie war gewiss nicht hilfreich für solche Fälle. Jeder
Mensch, aber erst recht jeder angehende Lehrer, Priester, Erzieher, Lehrmeister
usw. kurz, wer immer es mit der Jugend zu tun hat ist gehalten,
sich selbst genau kennen zu lernen. Das ist nur möglich, indem alles
ins Wort gehoben («verbalisiert») wird, so wie Federer es dann
literarisch tat. Veranlagungen sind nicht zu verantworten, wohl aber der
Umgang mit ihnen. Viele Kirchen-Verantwortliche haben sich im Laufe der
Jahrzehnte, ja Jahrhunderte, ungeschickt, inadäquat, ja strafwürdig
verhalten.
Das schliesst nicht aus, dass der gegenwärtigen Medienkampagne nicht
nur lautere Motive zugrunde liegen. Ein gründliches Umdenken, das nicht
nur mit juristischen Strafentscheiden und forschem Vorgehen abgedeckt werden
kann, ist allenthalben vonnöten. Dazu gehört auch die Frage nach
dem «politisch korrekten Umgang mit der Sexualität» insgesamt
in der Öffentlichkeit.
1 Pirmin Meier, Der Fall Federer. Priester und Schriftsteller in der Stunde der Versuchung, Ammann-Verlag, Zürich 2002, 389 Seiten, illustriert.
Peter C. Hartmann, Die Jesuiten. Wissen in der Beck'schen Reihe, C. H. Beck, München 2001, 128 S.
Peter C. Hartmann ist ordentlicher Professor für Allgemeine und Neuere Geschichte an der Universität Mainz. In seiner Darstellung des Jesuitenordens erscheint die Gesellschaft Jesu im Umfeld der weltgeschichtlichen Ereignisse und der geistesgeschichtlichen Tendenzen. Das flüssig geschriebene Buch ist eine von den Jesuiten begleitete Kirchengeschichte der Neuzeit. Ignatius selber wird objektiv, mit zurückhaltender Bewunderung dargestellt.
Liselotte von Eltz-Hoffmann, Freuet Euch der schönen Erde. Das christliche Naturverständnis im Wandel der Zeiten, Patmos Verlag, Düsseldorf 2000, 154 Seiten.
Liselotte von Eltz-Hoffmann hat schon zahlreiche Veröffentlichungen zu Hildegard von Bingen und anderen Themen der Kirchengeschichte geschaffen. In ihrem neuen, gefällig illustrierten Band, wo die Farbtafeln den Text nicht nur unterbrechen, sondern sinnvoll begleiten, führt die Autorin den Leser auf einen Streifzug durch zweitausend Jahre Geschichte zur Auseinandersetzung der Christen mit der von Gott geschaffenen Natur. Der Weg führt vom Alten Testament über das Frühchristentum, die mittelalterliche Mystik, Franz von Assisi und Martin Luther bis zu Albert Schweitzer. Die Autorin mit ihrem gepflegten Stil zeigt, dass Naturverständnis im Alten und Neuen Testament das Leben geprägt hat. Reiches Material dazu bieten biblische Gleichnisse und Legenden der Heiligen. Die Romantiker besangen den Reichtum der Schöpfung. Albert Schweitzer heilte Menschen und Tiere. Ein Buch: ideal zum verkostenden Verweilen und ideal zum Verschenken.
Meinrad Limbeck, Zürnt Gott wirklich? Fragen an Paulus, Verlag Katholisches Bibelwerk, Stuttgart 2001, 126 Seiten.
Viele Menschen glauben oft an Gottes Zorn. Dazu gibt es einige Gründe: die Exegeten, die einen Droh- und Fürchtegott lehrten; böse Ereignisse vieler Art, die einen zürnenden Gott aufdrängen. Und dann man kann es nicht abstreiten ist auch in der Bibel (Paulusbriefe!) vom zürnenden Gott die Rede. Paulus spricht auch im Blick auf den gekreuzigten Jesus vom zürnenden Vater. Dabei zeichnet aber Jesus Gott als den barmherzigen Vater, als Israels Bräutigam, Gott als Gutsbesitzer, der dem letzten seiner Arbeiter nicht weniger gibt als dem ersten. Diesen Problemen geht der Autor nach. Das Ergebnis: Weder die Treue zur Bibel noch der richtig interpretierte Paulus noch gar Jesu Tod am Kreuz zwingen dazu, sich vor Gott zu ängstigen.