29-30/2002 | |
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Wie kann die Kirche als ältester «global player», als
weltweite (katholische) Gemeinschaft, die Spannung von Einheit und Vielfalt
der Ortskirchen immer wieder neu entstehen lassen? Entspricht dabei die
gegenwärtige institutionelle Verfasstheit dem Geist des Zweiten Vatikanischen
Konzils? Sehr konkret wurden diese Fragen bei der Auseinandersetzung um
den Verbleib der deutschen Bistümer im staatlichen System der Schwangerschaftskonfliktberatung<1>. Hat Rom «mit seiner am Ende selbst
gegenüber der Mehrheit der deutschen Bischöfe unerbittlichen Haltung
nicht geradezu exemplarisch... seinen universalkirchlichen Anspruch gegenüber
dem authentischen Lehr- und Hirtenamt der Ortsbischöfe, aber auch gegenüber
der Selbstverantwortung der Laien, überzogen» (9)?
Signifikant an dem Konflikt ist «seine Veröffentlichung, welche
einem GAU der klassischen (geheim-)diplomatischen innerhierarchischen Konfliktlösungsmuster
gleichkommt» (276). Es zeigt sich, «dass das Integrationsdefizit
der Kirche eben nicht ein singuläres Problem zwischen der Hierarchie
des Volkes Gottes und seiner Basis [ist], sondern eben auch ein innerhierarchisches,
mithin also generelles Problem darstellt» (276).
Inwiefern wurden zum Beispiel die betroffenen Ortsbischöfe bei der
Erklärung Dominus Jesus angehört?
Strukturfragen werden wieder breit diskutiert. Denn der Schuh drückt
so sehr, dass der Schmerz nicht mehr mit starken Schmerzmitteln verdrängt
werden kann. Es steht nicht weniger als die Praxis gelebten Glaubens und
gesellschaftlicher Akzeptanz von Kirche auf dem Spiel. Grundlegend steht
die Frage nach zeitgemässen Strukturen von Religiosität in unserer
sich rapide wandelnden, pluralistischen Gesellschaft zur Debatte.
Über blosse Strukturfragen hinaus geht es um die Legitimität kirchlich
verfassten Glaubens im Kontext einer Gesellschaft, die vor ungeahnten ethischen
und weltanschaulichen Herausforderungen steht. Religion wird aber als Privatsache
verstanden, auf die nicht mehr selbstverständlich als Ressource für
Problemlösung zurückgegriffen werden kann.
Der vorliegende Sammelband<2> dokumentiert,
wie die Deutsche Sektion der Europäischen Gesellschaft für katholische
Theologie Grundprobleme ekklesiologischen Denkens und kirchlichen Selbstverständnisses
aufgreift. Im gleichen Band sind zwei ihrer Stellungnahmen zur Frage der
Schwangerenkonfliktberatung und zu Dominus Jesus abgedruckt.
Im ersten Teil wird gleichzeitig nach der Kirche des Anfangs und nach der
Kirche heute gefragt. Ein Neutestamentler (Dormeyer), ein Dogmatiker (Hilberath)
und der Vorsitzende des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken eröffnen
den Spannungsbogen. Dabei fordern die Strukturfragen auf, sowohl die Texte
des Neuen Testaments als auch die Texte des Zweiten Vatikanischen Konzils
genauer zu analysieren.
Im zweiten Teil wird die von der Glaubenskongregation veröffentlichte
Erklärung Dominus Jesus über die Einzigartigkeit und Heilsuniversalität
Jesu Christi und der Kirche in den Blick genommen. Darin enthaltene Fragen
der Katholizität der Kirche werden systematisch-kritisch reflektiert
von Peter Hünermann, Dorothea Sattler (Ökumene) und Erwin Dirscherl
(Vieldeutigkeit des Textes).
Im dritten Teil werden aus der Perspektive einzelner theologischer Fächer
Problemfelder gelebter und reflektierter Katholizität heute benannt
und Perspektiven für die Kirche von heute und morgen entwickelt.
Der hier zu besprechende Sammelband will die Anschlussfähigkeit
des kirchlichen Glaubens auch in einer demokratischen, pluralistischen Gesellschaft
nicht verlieren<3>, was an einzelnen Beispielen
im Folgenden gezeigt werden soll.
Hans Joachim Meyer, der Vorsitzende des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken,
schärft den Blick auf die Catholica wie folgt: Es ist auch für
die Kirche ein prinzipieller Unterschied, ob ein Staat seine Macht auf die
demokratische Entscheidung seiner Bürger und Bürgerinnen gründet
oder aber auf die Behauptungen einer Ideologie oder auf irgendeinem anderen
mit den freiheitlich-demokratischen Grundsätzen unvereinbaren Anspruch.
Denn es ist sinnlos, an einen freiheitlich-demokratischen Staat von aussen
Forderungen zu stellen, die die Mehrheit der Wahlbürgerschaft nicht
zu erfüllen bereit ist. Das hebt allerdings die grundsätzliche
Berechtigung der Forderung nicht auf. Denn innerhalb der freiheitlichen
Gesellschaft gibt es nur zwei Weisen, für eine Wahrheit einzutreten:
das Argument und das gelebte Beispiel. «Der Versuch, gegen die begründete
und wohlbedachte Auffassung der Mehrheit in der Bischofskonferenz der Ortskirchen
eines Landes weltkirchliche Autorität zu setzen, muss die Katholische
Kirche in diesem Land in eine tiefe Krise stürzen» (60), deren
Folgen noch nicht bedacht wurden.
«Nur die sakramentalen Eckwerte dieser Kirchenverfassung haben überzeitliche
Bedeutung. Die konkrete Ausgestaltung der kirchlichen Verfassung ist dagegen
stets zeitbedingt. Ihre heutige Gestalt ist ein Kind des neunzehnten Jahrhunderts,
in dem sich der Absolutismus noch einmal gegen die Bewegung der Geschichte
stemmte, bevor er der freiheitlichen Demokratie unterlag.» (61) Die
Wahrheit des Glaubens kann keinen Mehrheitsentscheidungen unterliegen. Dennoch
kennt die kirchliche Rechtsgeschichte die synodale Ordnung und den Grundsatz,
«dass kein Bischof einer Ortskirche gegen deren Willen vorstehen kann»
(61).
Ja sogar das ius remonstrandi bezeichnet der Tübinger Kirchenrechtsprofessor
Puza als «heute geltendes Recht, obwohl es nicht kodifiziert ist»
(148).
Der sozialethischen, also institutionsethischen Überprüfung
von Macht und Machtausübung sind zwei Artikel gewidmet (Mieth und Heimbach-Steins),
die hier im Blick auf ihre Anschlussfähigkeit näher betrachtet
werden.
«Dass der einzelne Machtträger seine Machtausübung in der
Spiritualität seines Dienstes sieht, mag gut sein, ist aber unter Umständen
nicht richtig. Denn was ethisch falsch ist, kann nicht spirituell legitimiert
werden. Was spirituell denkbar ist, Dienst ohne Gewaltenteilung, ist institutionell
nicht denkbar, weder ethisch noch ekklesiologisch» (203) .
Eine solche Ethik der Macht, wenn sie den evangelischen Impuls des Dienstes
umsetzen will, besteht in der institutionellen Überprüfbarkeit.
Hier wird die Ethik auch zur Kirchenrechts-Ethik.
Hier wäre zu ergänzen, dass diese Forderung auch schon die Bischofssynode
von 1967 eingebracht hat im Leitsatz 6, der in der Vorrede zum CIC abgedruckt
ist. Es ist «förderlich, dass die Rechte der Personen in geeigneter
Weise umschrieben und sichergestellt werden. Dies bringt mit sich, dass
die Ausübung von Gewalt deutlicher als Dienst erscheint, ihre Anwendung
besser gesichert und ihr Missbrauch ausgeschlossen wird.»<4>
Die Grundidee der unbedingten Achtung der Personalität des Menschen
als Prinzip des Gesellschaftsaufbaus hat in der Sozialverkündigung
Papst Johannes Pauls II. eine interessante Weiterführung erfahren.
Wiederholt spricht er von der Subjekthaftigkeit der Gesellschaft (vgl. Sollicitudo
rei socialis 15), die aus der Vielfalt zwischenmenschlicher Beziehungen
erwachse (Centesimus annus 49,3). Diese «Wahrung des Subjektcharakters
der Gesellschaft verlangt deshalb u.a., ÐStrukturen der Beteiligung
und Mitverantwortungð zu schaffen (vgl. CA 46,2)» (217).
Frau Heimbach-Steins wendet den Gedanken der Subjekthaftigkeit der Gesellschaft
auch auf die Kirche als institutionelles Gefüge an. «Auf jeder
Ebene des kirchlichen Selbstvollzugs, von der einzelnen Pfarrgemeinde
bis hin zu einem ökumenischen Konzil oder einer Weltbischofssynode
muss die Anerkennung der einzelnen Akteure als Subjekte die Messlatte
des Handelns bilden» (217). «Erst durch die konsequente Anwendung
eines solchen Prinzips der wechselseitigen Anerkennung wird dem im Konzil
neu bestimmten Status der Ortskirchen in der Gesamtkirche angemessen Rechnung
getragen» (217).
Sie verweist auf Franz Furger, der den Subsidiaritätsbegriff auch auf
die kirchlichen Ämter angewandt hat. Subsidiarität charakterisiert
«in ganz besonderer Weise das kirchliche Amt als Dienstamt, ohne deshalb
auch schon linear vereinfachend demokratische Prozesse der Entscheidungsfindung
von staatlichen Gemeinwesen undifferenziert auf die Kirche zu übertragen»
(219). Im Begriff der Subsidiarität «schwingen also nicht nur
Momente der Demokratisierung, sondern stets auch solche des berechtigten
Föderalismus mit» (222). Als Prinzip der Sicherung personaler
Freiheit diente Subsidiarität seit jeher dem Schutz der Person, der
Wahrung der Identität der einzelnen und der kleinen Gruppen.
Auf die Kirche angewandt verlangt dies eine Würdigung der Glaubenserfahrung
der Gläubigen und einen ehrlichen, bis «ins Zentrum» kirchlicher
Lehrkompetenz reichenden Dialog (vgl. 220).
Ebenso wenig kann sich die Ortskirche ohne Rücksicht auf die weltkirchliche
Vernetzung verabsolutieren, indem sie für sich absolute Autonomie in
Anspruch nimmt und sich auf die Haltung eines kollektiven Egoismus zurückzieht.
Zahlen der Kirchenaustritte und des Priesternachwuchses sprechen eine
deutliche Sprache. In religionssoziologischer Perspektive wurden sie ausführlich
kommentiert. «In pastoraltheologischer Perspektive zeigt sich diese
Krise als das Auseinanderklaffen von realen Desintegrationsprozessen der
Kirche und rhetorischen, administrativen sowie rechtlichen Integrationsbemühungen,
vor allem der Kirchenleitung» (267).
Die innerkirchliche Kluft zwischen Hierarchie und Gläubigen verschärft
sich «in Zeiten freigesetzter Individualität auch im Bereich
des Religiösen» (273). Am Beispiel der Frauen ruft dies Rainer
Bucher in Erinnerung. Gemäss einer Studie im Auftrag der Deutschen
Bischofskonferenz von 1993 unterscheiden Frauen zwischen dem Nahbereich,
der Gemeinde vor Ort, und dem Fernbereich der Kirche als weltweite Institution.
Letztere gilt «allgemein als Männerkirche». Im Nahbereich
überwiegen die positiven Erfahrungen mit Kirche.
Die Frauen stellen die Mehrheit der Gottesdienstgemeinde. Auch ist ihre
Kirchenbindung signifikant höher als bei Männern. Dies ist nur
eine Gruppe, bei der ein Akzeptanzverlust und Autoritätsverlust des
kirchlichen Lehramtes beobachtet wird. Dem Autoritätsschwund begegnet
das Lehramt durch kirchenrechtliche Massnahmen und autoritative Klarstellungen
(vgl. 275).
Autorität ist aber in der Moderne nicht mehr abstrakt-substanzhaft
als (personifiziertes) «Gegenüber» zu den Adressaten zu
begreifen. Autorität ist durch kollektive Anerkennungsprozesse vermittelt,
die die freie Subjektivität beider Partner voraussetzen.
Die gesellschaftliche Erfahrung, dass Freiheit nur in und durch Selbstbindungen
möglich ist, wird von den Subjekten auch in die Kirche hineingetragen.
Bucher geht es darum, dem Recht und anderen Integrationsinstrumenten (Finanzen
und Bürokratie) «einen realen, anerkennungsdichten und nicht
nur behaupteten Integrationsstatus zu verleihen» (288).
Es geht darum, den konziliaren Aufbruch der Kirche in die moderne Gesellschaft
nicht auf eine von der Ekklesiologie getrennte Soziallehre zu beschränken,
sondern in Solidarität mit den Menschen von heute zu gehen. «Freude
und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen
und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und
Angst der Jünger [und Jüngerinnen] Christi» (GS 1). Dieser
Satz ist allerdings noch zu oft nur Ornament theologischer Rhetorik. Seine
Realisierung liegt noch vor uns (289).
Die Kirche des Westens muss ihr Integrationsmodell erst noch entwickeln.
Massstab hierfür kann nur die Aufgabe sein: die Frohbotschaft vom Gott
Jesu Christi in Wort und Tat zu verkünden. Ohne die Perspektiven ihrer
Menschwerdung kann die Kirche keinen historisch bedeutsamen Begriff von
der Wahrheit ihres Glaubens entwickeln.
Die Kirche ist eine Gemeinschaft von Gemeinschaften, und jede dieser ortskirchlichen
Gemeinschaften wie die ganze Kirche ist eine Gemeinschaft von Personen.
Weil alle Glaubenden ihre unverwechselbare eigene Berufung und Sendung von
Gott empfangen, ist die Gemeinschaft der Glaubenden und noch mehr die Gemeinschaft
der Ortskirchen der Grund für das Miteinander von Einheit und Vielfalt
in der Kirche.
Dieser Tagungsband ist ein beredtes Zeugnis, dass die deutsche Sektion der
Europäischen Gesellschaft für katholische Theologie ihre theologische
Aufgabe im Kontext einer pluralistischen Gesellschaft betreibt.
Den Beiträgen gelingt es, einen allzu engen Begriff von «Katholisch»
aufzubrechen. Es zeigt sich aber auch, dass gerade die Ortskirchen für
die Katholizität in Pflicht genommen werden müssen. Der Tagungsband
leistet einen wertvollen Beitrag bei der Suche nach einem evangeliumsgemässen
Selbstverständnis und einer zukunftsgemässen Gestalt der katholischen
Kirche.
Adrian Loretan ist Professor für Kirchenrecht und Staatskirchenrecht an der Theologischen Fakultät der Universität Luzern.
1 Im Buch (Anm. 2) werden die beiden Begriffe «Schwangerschaftskonfliktberatung» und «Schwangerenkonfliktberatung» verwendet, ohne inhaltliche Differenzierung; vgl. z.B. 312.
2 Albert Franz (Hrsg.), Was ist heute noch katholisch? Zum Streit um die innere Einheit und Vielfalt der Kirche, (QD 192), Freiburg i.Br. 2001. Die Seitenzahlen im Text beziehen sich auf dieses Buch.
3 «Das religiöse Bewusstsein muss erstens die kognitiv dissonante Begegnung mit anderen Konfessionen und Religionen verarbeiten.
Es muss sich zweitens auf die Autorität von Wissenschaften einstellen, die das gesellschaftliche Monopol an Weltwissen innehaben.
Schliesslich muss es sich auf Prämissen eines Verfassungsstaates einlassen, der sich aus einer profanen Moral begründet.
Ohne diesen Reflexionsschub entfalten die Monotheismen in rücksichtslos modernisierten Gesellschaften ein destruktives Potential.» (Jürgen Habermas, Glauben und Wissen, [Dankesrede zur Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels], abgedruckt in: Tagesanzeiger vom 15. Oktober 2001, S. 49, und in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 15. Oktober 2001. Im Internet kann der Artikel heruntergeladen werden unter www.tagesanzeiger.ch [Archiv]).
Am 11. September ist diese Spannung zwischen säkularer Gesellschaft und Religion explodiert, so Habermas.4 Vorrede (Praefatio) zum CIC 1983 (lat.-deutsche Ausgabe), 5. neu gestaltete und verbesserte Auflage Kevelaer 2001, XXXVII.
Stefan Tobler, Jesu Gottverlassenheit als Heilsereignis in der Spiritualität Chiara Lubichs. Ein Beitrag zur Überwindung der Sprachnot in der Soteriologie, Walter de Gruyter Verlag, Berlin 2002, X, 440 S.
Der Autor, aufgrund der anzuzeigenden Arbeit Privatdozent an der Evangelisch-theologischen
Fakultät der Universität Tübingen, hat sich schon mit seiner
in Holland vorgelegten Dissertation einen Namen gemacht: Analogia caritatis.
Kirche als Geschöpf und Abbild der Trinität (1994, 256 S.). Im
neuen Buch geht er einem Begriff nach, der in der Spiritualität Chiara
Lubichs, der Gründerin und Leiterin der Fokolar-Bewegung, neben
dem der Einheit eine zentrale Stelle einnimmt: die Gottverlassenheit
Jesu am Kreuz. Der Aussenstehende mochte hie und da den Eindruck haben,
der Begriff werde einfach repetiert und weitergetragen. Hier hat sich einer
unterfangen, ihn kritisch und doch wohlwollend bis in die feinsten Verästelungen
hinaus zu untersuchen.
Alles in Jesu Leben steuert auf diesen Punkt zu, diese äusserste Entfernung
von Gott, aus dem er seinen Ursprung hat. Diese Gottverlassenheit ist fast
noch entscheidender als der Tod selbst wobei aber ausdrücklich
Passion, Tod und Auferstehung nicht voneinander getrennt werden (und selbstverständlich
auch nicht die Inkarnation als Grund von allem). Der Mensch, der sich in
diese Gottverlassenheit Jesu einlässt und bei ihm seine eigene Verlassenheit,
sein Leid (dolore) hinterlegt, findet so Zugang zur Heilsbedeutung der Verlassenheit;
durch den Nullpunkt wird er jenseits in die Aufnahme durch Gott geführt.
Entscheidend ist die Liebe paradox in ihrer grössten Entfremdung
und Nicht-Erfahrung anzutreffen , die eine Teilhabe an Christus und
in ihm an Gott erlaubt. Liebe ist selbstlos, führt aber zu Werken der
Liebe; Liebe kann oft auch als Glauben bezeichnet werden, der zur Nachfolge
ruft. Die Einheit ganz gleich welcher Art, kirchlich, gesellschaftlich,
leib-seelisch , die zu zerbrechen droht, kann im Durchgang durch die
Gottverlassenheit Jesu geheilt werden.
Tobler bereitet die Untersuchung sorgfältig vor, indem er den Stand
der theologischen Arbeit in diesem Gebiet vorstellt und auch die pastorale
Situation der Kirchen in Mitteleuropa (anhand der Schweiz und der Niederlande)
skizziert. Vor allem ist ihm die deutsche, italienische und niederländische
Fachliteratur vertraut, doch zitiert er auch anderssprachige Texte. Er findet
eine «Sprachnot» vor in Bezug auf die zentrale Bedeutung des
Kreuzesgeschehens; ich würde sogar von einer «Seinsvergessenheit»
dieses wesentlichen Punktes reden. Tobler geht vom gesamten gedruckten und
ungedruckten Werk Lubichs aus und findet darin ein starkes biblisches Fundament.
Vieles, vor allem in den ersten Jahren, ist als Intuition oder als Schau
zu deuten, das erst später theologisch schärfer gefasst wurde,
vor allem auch, nachdem bedeutende Theologen sich der Fokolarbewegung anschlossen
und das theoretische Defizit aufarbeiteten. Dazu gehören etwa der früh
verstorbene Bischof Klaus Hemmerle von Aachen oder die Theologen Gérard
Rossé und Piero Coda. Stefan Tobler scheut sich nicht, da und dort
fragwürdige Aussagen zu erwähnen, die er aber immer in den zeitlichen
oder sachlichen Kontext stellen kann. Das Buch zeichnet sich durch eine
angenehme, sorgfältige, gut zu lesende Sprache aus.
Wer sich etwa an gewissen Äusserlichkeiten der Fokolar-Bewegung stösst,
wird gut daran tun, diese Vertiefung zu lesen, die einen objektiven Zugang
gewährt, ohne vereinnahmen zu wollen. Die Tatsache, dass die Bewegung
bemerkenswerte innerkirchliche und interreligiöse Begegnungen zustande
bringt, ist unbefangen zu würdigen; sie erzielen vielleicht nicht eklatante
Resultate, erzeugen aber eine freundschaftliche Gebets- und Gesprächsatmosphäre,
die auf lange Frist wirksam werden kann. Es wäre zu wünschen,
ebenso gründliche Arbeiten würden sich anderen Aspekten der Fokolar-Bewegung
widmen, etwa dem andern Zentralpunkt der Einheit , oder früheren
«Slogans» wie «Jesus in unserer Mitte», die natürlich
keineswegs überholt sind, aber auch der Bedeutung der Liturgie. Mir
fällt auch auf, dass Begriffe auftauchen, die von den Ostkirchen her
ihre tiefe Begründung finden könnten, etwa der der «Vergöttlichung».
Michael Fischer, Gemeindeentwicklung konkret. Ein Arbeitsbuch, Kösel Verlag, München 2002, 128 S.
Michael Fischer ist Theologe und Erziehungswissenschaftler und arbeitet
als Organisationsberater für kirchliche Krankenhäuser im Bistum
Münster i.W. In drei Hauptkapiteln «Die Zumutungen Gottes an
seine Kirche», «Perspektiven für die Gemeindepastoral»
und «Gemeindeentwicklung praktisch» möchte Fischer Gemeinden
zur bewussten Gestaltung ihrer Zukunft ermutigen. Theologischer Hintergrund
für seine Überlegungen bilden Kernaussagen des II. Vatikanums
zum gemeinsamen Priestertum aller Gläubigen sowie die pastoral-spirituelle
Auslegung einschlägiger biblischer Geschichten.
Im ersten Kapitel werden kritische Leser wichtige Befunde der Religionssoziologie
über das veränderte Verhalten der Kirchenmitglieder sowie die
abnehmende Lobby der Kirche im Bereich der individuellen Lebensführung
vermissen. Ohne diese bleibt die Analyse der Zeichen der Zeit harmlos und
vordergründig.
Das zweite Kapitel will Entwicklungsperspektiven für die Gemeinden
aufzeigen. Diese lokalisiert Fischer im Leben mit dem Evangelium, in der
Berufung des ganzen Gottesvolkes, im Aufbau der Gemeinde zu einem lebendigen
Organismus und in der Entwicklung einer partizipativen Leitungskultur.
Im dritten Teil präsentiert Fischer verschiedene Möglichkeiten,
wie Gemeinden ihren Erneuerungsprozess angehen können.
Der Vorteil des Buches liegt in seiner leicht verständlichen Sprache
und einigen niederschwelligen Schaubildern. Der Nachteil: Fischer entwirft
die Gemeinde der Zukunft allein aus einer kirchlichen Binnenperspektive.
Herausfordernde Anfragen an das Bestehende fehlen. Diese können auch
nur mit einem kritischen Abstand gestellt werden. Es bleibt der Eindruck
zurück, dass zwar pastoralverträgliche Antworten gegeben werden,
allerdings auf zu oberflächliche Fragen.
Jakob Torsy/Hans Joachim Kracht, Der grosse Namenstagskalender, 3850 Namen und 1680 Lebensbeschreibungen der Namenspatrone, Verlag Herder, Freiburg i.Br. 2001, 448 Seiten. Mit CD-Rom.
Der Namenstagskalender von Jakob Torsy ist von Hans Joachim Kracht völlig neu bearbeitet und auf den neuesten Stand der nachkonziliaren Liturgiereform gebracht worden. Natürlich kann er aus der Schar, die niemand zählen kann, nicht alle Heiliggesprochenen erfassen; berücksichtigt wird grundsätzlich das deutsche Sprachgebiet mit den Heiligen, die daraus stammen, und allen, die dort verehrt werden. Durch die Kurzbiographien dieses Buches ist auch ein Zugang zu einem lebendigen Verständnis unserer Kirchengeschichte gewährt. Das Buch möchte auch Einfluss ausüben auf die Namenswahl für Kinder. Geläufige Abarten eines Namens sind berücksichtigt, und man kann feststellen, dass mancher Modename die Abart des Namens für einen Heiligen ist.
Paul M. Zulehner, Priester im Modernisierungsstress. Forschungsbericht der Studie Priester 2000. Erarbeitet im Boltzmann Institut für Werteforschung, Wien, Schwabenverlag, Ostfildern 2001, 478 Seiten.
Gleich nach dem Konzil wurden in vielen Ländern Priesterstudien
gemacht. Dann war es in der Forschung wieder ruhig geworden. Doch in den
letzten Jahren hat sich der Dienst und das Leben von Priestern enorm geändert.
Der Priestermangel spielt in vielen Ländern eine beklemmende Rolle.
Viele einst ausschliesslich priesterliche Aufgaben wurden an
Laien übertragen: Gemeindeleitung, taufen, trauen, beerdigen, predigen.
Ungeweihte «Laienpriester» entstehen in Konkurrenz zu den herkömmlichen
Priestern. So dünnt sich die vom Konzil angereicherte Priesterrolle
in der Praxis aus.
Dazu kommt noch erschwerend, dass sich in den letzten Jahrzehnten auch die
Modernisierung und damit die Priesterkrise gebildet hat. Die Priester leben
wie andere Gläubige in einem Modernisierungsstress. Mit den Wohltaten
und Zumutungen der modernen Zeit gehen aber Priester recht unterschiedlich
um. Die einen sind weltabgewandt, die anderen weltzugewandt. Wieder andere
sind «weltgewandt». Ein vierter Typ ist weltverwandt. Schon
Johann Michael Sailer machte die Feststellung: Die einen sind «geistlich»,
die andern «zeitgeistlich». Diese bunte Vielfalt von Priestern
deckt die Studie «Priester 2000» auf. Über 2500 Priester
wurden in Österreich, Deutschland, in der Schweiz, in Kroatien und
in Polen befragt. Dazu kommen über 300 Priesteramtskandidaten aus Deutschland
und Österreich. Dieser Forschungsbericht bietet all jenen, die sich
für Dienst und Leben von Priestern interessieren, eine unentbehrliche
Grundlage.