27-28/2002

INHALT

Bücher

Integralistischer Schweizer Katholizismus

von Alois Steiner

 

Der Schweizer Katholizismus war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nur äusserlich gesehen ein monolithischer Block. Es gab auch in den «goldenen Jahren des politischen Katholizismus» verschiedene Strömungen, die unterschiedliche Richtungen verkörperten. Sie gehen nicht zuletzt auf reformkatholische Bestrebungen zurück, die im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts eine Öffnung gegenüber der modernen Wissenschaft und Kultur anstrebten. Daraufhin entstand bald eine Gegenbewegung, die eine solche Hinwendung als Krise im Katholizismus interpretierte. Unter Pius X. (1903­1914) fand diese integralistische Gegenbewegung kirchenoffizielle Unterstützung durch das vom römischen Unterstaatssekretär Umberto Benigni organisierte Geheimnetz «Sodalitium Pianum», das einen energischen Kampf gegen den Modernismus führte. Benigni und seine Anhänger bezeichneten sich als integrale Katholiken.
In der Schweiz verfochten Professoren der Universität Freiburg wie Kaspar Decurtins, Friedrich Speiser, P. Albert M. Weiss OP und ­ etwas im Hintergrund ­ Josef Beck die integralistische Position. Ein unermüdlicher Kämpfer dieser Richtung war ferner der streitbare Pfarrer von Hl. Geist in Basel, Robert Mäder. Die 1912 in Olten von Otto Walter, Johann Baptist Rusch und Robert Mäder gegründete «Schildwache» stellte in den folgenden Jahrzehnten ein Zentrum der integralistischen Richtung im schweizerischen Katholizismus dar, das seinen Einfluss bis weit ins Ausland ausübte.
Es gab im deutschsprachigen Ausland weitere integralistische Zentren, so etwa die «Petrus-Blätter» in Trier, das «Österreichische Katholische Sonntagsblatt» und den «Gral» von Richard Kralik in Wien, ferner entsprechende Blätter in Frankreich, Belgien, den Niederlanden und Italien. Die «Schildwache» wurde als «Religiös-politische Weckstimme für die katholische Jugend der Schweiz» gegründet. Dank einem einflussreichen Kreis von Persönlichkeiten wie etwa Decurtins, Beck oder dem Churer Bischof Georgius Schmid von Grüneck fand die Schildwache Eingang in weite Kreise im Raum zwischen Basel, Olten und Freiburg.

Abwehrhaltung

Die Schildwache verfocht in den Zwanzigerjahren einen fundamentalen Antiliberalismus. Sie stützte sich auf Vordenker wie P. Albert M. Weiss OP und den spanischen Philosophen Donoso Cortés. Damals verfochte sie unter anderem den Gedanken des Zinsverbotes. Der Hauptkritikpunkt gegenüber dem Sozialismus war der Vorwurf der Zerstörung des Privateigentums. Massgebend für die Zeitung war die Tradition der Sozialreformer des späten 19. Jahrhunderts (Beck, Decurtins und der Verband der Männer und Arbeitervereine VMAV), welche eine die Ständeversöhnung hervorhebende und dadurch eine präsyndikalistische Haltung verfolgte. Daher lehnten die Schildwachleute eine gewerkschaftlich organisierte Arbeiterschaft ab, nicht nur auf interkonfessioneller Basis, sondern prinzipiell. Das traf besonders die Christlichsozialen unter der Führung von Josef Jung und Alois Scheiwiler.

Internationale Beziehungen

In der ablehnenden Haltung zum Völkerbund liess sich die Schildwache stark von österreichischen und deutschen Kreisen beeinflussen. Die Zeitung wurde zeitweise sogar zu einer Plattform monarchistischer Ideen in der Schweiz. Besonders in den Zwanzigerjahren vertrat sie antisemitische Ideen. Um vor den Juden zu warnen, scheute Pfarrer Mäder nicht vor hetzerischen Wortverbindungen wie «Judas-Kain-Iskarioth» oder «Freimaurer-Juden-Teufel» zurück. Seine Sprache war von einer manichäisch-dualistischen Weltsicht geprägt. Die Schildwache betrachtete sich selber als Teil des publizistischen Kampfes gegen die internationale «Judenpresse», insbesondere gegen das Annoncenwesen.
Innerhalb des Katholizismus polemisierte die Schildwache verschiedentlich gegen die Leitung des Volksvereins unter Hans von Matt. Sowohl in Verfassungs- als auch in Schulfragen nahm sie eine kulturkämpferische Haltung ein. Nach dem Ersten Weltkrieg, der Russischen Revolution und dem Zerfall der Habsburgermonarchie erreichte das Krisenempfinden bei verschiedenen integralistisch-rechtskatholischen Kreisen des deutschsprachigen Raumes einen Höhepunkt. Besonders für monarchistisch-grossösterreichische und für einen katholischen Kulturraum eintretende Exponenten stellten die damaligen Ereignisse die Grundlage für Weltverschwörungsängste dar.

Pfarrer Robert Mäder

Als um die Schildwache 1925 Auseinandersetzungen auftauchten, wurde sie vom Walter Verlag in Olten abgetrennt und von Pfarrer Mäder im eigenen Nazareth Verlag in Basel übernommen. Basel wurde mit diesem Verlag und der Schildwache ein eigentliches integralistisches Zentrum der Schweiz, das weit nach Deutschland ausstrahlte und dort viele Abonnenten besass. Die Machtergreifung der Nazis 1933 führte schliesslich 1937 zu einem Verbot der Zeitung in Deutschland, was eine Neuorientierung durch ein Zusammengehen mit der in Rorschach erscheinenden integralistischen Zeitung «Neues Volk» unumgänglich machte. Die Bischöfe stellten sich jedoch gegen eine Approbation des «Neuen Volkes» als «Organ der katholischen Aktion».
Franziska Metzger erschliesst der Öffentlichkeit durch ihre Arbeit<1> einen zeitweilig wohl recht einflussreichen Strang innerhalb des schweizerischen Katholizismus, der heute in dieser militanten Form weitgehend verschwunden ist. Durch eine Straffung des Textes hätte die Lesbarkeit dieses sonst sehr verdienstvollen Werkes noch gewonnen.


Anmerkung

1 Franziska Metzger, Die «Schildwache». Eine integralistisch-rechtskatholische Zeitung 1912­1945, (Religion­Politik­Gesellschaft in der Schweiz, hrsg. von Urs Altermatt und Francis Python, Bd. 27), Universitätsverlag, Freiburg Schweiz 2000, 381 S.


Welten des Islam

 

Monika und Udo Tworuschka, Islam-Lexikon, Patmos Verlag, Düsseldorf 2002, 228 Seiten.

Wie zum Christentum die Bergpredigt ebenso wie die spanische Inquisition gehört, hat auch die Religion der Muslime vielerlei Facetten. Neben der Überlieferung des Propheten Muhammad, des Koran und der grundlegenden fünf Säulen muslimischen Glaubens macht das neue Islam-Lexikon von Monika und Udo Tworuschka eindrücklich diesen innerreligiösen Pluralismus sichtbar, der gerade auch für den christlich-islamischen Dialog von grosser Bedeutung ist. Praxis- und gegenwartsorientiert nehmen die Feste, Riten und Zeremonien, aber auch Themen des alltäglichen Zusammenlebens grossen Raum ein. Der Orientierung dienen Kurzbeiträge über die verschiedenen islamischen Richtungen, Gruppierungen und Organisationen von den Aleviten, den Black Muslims bis hin zur Sufimystik der tanzenden Derwische oder den saudiarabischen Wahhabiten sowie verschiedensten Spielarten islamistischen Fundamentalismus. Hilfreich sind die zahlreichen Personenporträts von Modernisten und Islamisten wie zum Beispiel Atatürk, Cat Stevens, Muhammad Arkoun, Khomeini, Abdulla Azzam, den Begründer der Hamas, oder von Frauenrechtlerinnen wie Fatima Mernissi und Taslima Nasrin, werden so doch die vielgesichtigen Welten des Gegenwartsislam anschaulich.
Auch wenn die Theologie- und Philosophiegeschichte im Vergleich etwa mit dem dreibändigen Islam-Lexion des Herder-Verlags schon umfangmässig eine deutlich geringere Rolle spielt, bieten die beiden renommierten Islam- und Religionswissenschaftler doch pointiert und hochinformative Übersichtsartikel etwa zur Auferstehung, zum Bilderverbot, zum Gemeinsamen der drei abrahamischen Religionen, zum christlich-abendländischen Islambild oder zur «Blasphemie» Salman Rushdies und der Bedeutung islamischer Prophetenverehrung, zu den Menschenrechten und zum Verhältnis von Religion und Politik. Mit seinen leicht verständlichen Basisinformationen, weiterführenden Literaturangaben sowie Personen-, Sach- und Ortsregister empfiehlt sich dieses Nachschlagewerk für alle am Islam Interessierte ohne grösseres Vorwissen, für Lehrende und Lernende in Schule und Unterricht, nicht zuletzt auch für Theologen an den Universitäten. Für sie alle ist der Islam zunehmend wichtiger geworden.

Christoph Gellner


Frauengottesdienste

 

Anneliese Knippenkötter, Marie-Luise Langwald (Hrsg.), Frauengottesdienste, Modelle und Materialien. Thema 11: Wege zum Licht. Weihnachtsfestkreis, Klens Verlag/Schwabenverlag, Stuttgart/Ostfildern 2001, 86 Seiten.

Viele Frauengruppen und Frauenkreise feiern «ihre» Gottesdienste bei Treffen, Tagungen, Kursen, oder sie bereiten Gottesdienste für die Gemeinde vor. Solche Liturgien entstehen und leben aus der Spiritualität von Frauen und ihrer gestalterischen Kreativität. Jeder Band «Frauengottesdienste» widmet sich einem bestimmten Thema. Der vorliegende elfte Band behandelt «Wege zum Licht. Weihnachtsfestkreis». In jedem Band werden sowohl fertig ausgearbeitete Gottesdienstmodelle als auch Materialien und Anregungen angeboten. In einem zweiten Schwerpunkt steht die Werkstatt «Gottesdienst», wo unterschiedliche Modelle, Texte, Gebete, Meditationen aufgenommen sind. «Frauengottesdienste» sind aus der Praxis entstanden und für die Praxis formuliert. Auch Männer finden hier wertvolle Anregungen für allgemeine Gottesdienste, die nicht an den Frauen vorbeigehen.

Leo Ettlin


Liturgiegeschichte

 

Arnold Angenendt, Liturgik und Historik. Gab es eine organische Liturgie-Entwicklung?, (Quaestiones disputatae, Band 189), Verlag Herder, Freiburg i.Br. 2001, 251 S.

Der emeritierte Professor für Mittelalterliche Kirchengeschichte von Münster geht in seiner liturgiegeschichtlichen Studie von der Frage aus, ob das Spätmittelalter wirklich nur eine Epoche des Verfalls und der Dekadenz gewesen sei. Diese in der Mediävistik lange Zeit propagierte These (Huizinga, Herbst des Mittelalters; Josef Lortz, Geschichte der Kirche in ideengeschichtlicher Betrachtung) wird hier kritisch und mit beachtenswerter Kompetenz in Frage gestellt. Dieses Schema der historischen Mittelalterdeutung hatte in den zwanziger Jahren alle historischen Sparten erfasst (Kunst- und Literaturgeschichte, Geschichte der Politik und auch Geschichte der Liturgie). Von da aus bahnt Angenendt eine liturgiegeschichtliche Neubewertung an. Dazu bietet Angenendt als exquisiter Fachmann eine Fülle von Material aus dem Arsenal einer fachlich einschlägigen Belesenheit. Liturgiegeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts: Der Aufbruch der Benediktiner (Solesmes, Beuron, Maria Laach) und Romano Guardinis Aufbruchbewegung bekommen hier eine kritische Würdigung, die immer aus dem Zusammenhang gedeutet wird. Diese kritische Ideengeschichte der Liturgie wird über das Konzilsende fortgesetzt, immer mit derselben Kompetenz. Angenendts Neubewertung des Spätmittelalters wird dazu führen, dass man an seiner Liturgik und Historik nicht so leicht vorbeikommt.

Leo Ettlin


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2002