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Der Schweizer Katholizismus war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts
nur äusserlich gesehen ein monolithischer Block. Es gab auch in den
«goldenen Jahren des politischen Katholizismus» verschiedene
Strömungen, die unterschiedliche Richtungen verkörperten. Sie
gehen nicht zuletzt auf reformkatholische Bestrebungen zurück, die
im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts eine Öffnung gegenüber
der modernen Wissenschaft und Kultur anstrebten. Daraufhin entstand bald
eine Gegenbewegung, die eine solche Hinwendung als Krise im Katholizismus
interpretierte. Unter Pius X. (19031914) fand diese integralistische
Gegenbewegung kirchenoffizielle Unterstützung durch das vom römischen
Unterstaatssekretär Umberto Benigni organisierte Geheimnetz «Sodalitium
Pianum», das einen energischen Kampf gegen den Modernismus führte.
Benigni und seine Anhänger bezeichneten sich als integrale Katholiken.
In der Schweiz verfochten Professoren der Universität Freiburg wie
Kaspar Decurtins, Friedrich Speiser, P. Albert M. Weiss OP und etwas
im Hintergrund Josef Beck die integralistische Position. Ein unermüdlicher
Kämpfer dieser Richtung war ferner der streitbare Pfarrer von Hl. Geist
in Basel, Robert Mäder. Die 1912 in Olten von Otto Walter, Johann Baptist
Rusch und Robert Mäder gegründete «Schildwache» stellte
in den folgenden Jahrzehnten ein Zentrum der integralistischen Richtung
im schweizerischen Katholizismus dar, das seinen Einfluss bis weit ins Ausland
ausübte.
Es gab im deutschsprachigen Ausland weitere integralistische Zentren, so
etwa die «Petrus-Blätter» in Trier, das «Österreichische
Katholische Sonntagsblatt» und den «Gral» von Richard
Kralik in Wien, ferner entsprechende Blätter in Frankreich, Belgien,
den Niederlanden und Italien. Die «Schildwache» wurde als «Religiös-politische
Weckstimme für die katholische Jugend der Schweiz» gegründet.
Dank einem einflussreichen Kreis von Persönlichkeiten wie etwa Decurtins,
Beck oder dem Churer Bischof Georgius Schmid von Grüneck fand die Schildwache
Eingang in weite Kreise im Raum zwischen Basel, Olten und Freiburg.
Die Schildwache verfocht in den Zwanzigerjahren einen fundamentalen Antiliberalismus. Sie stützte sich auf Vordenker wie P. Albert M. Weiss OP und den spanischen Philosophen Donoso Cortés. Damals verfochte sie unter anderem den Gedanken des Zinsverbotes. Der Hauptkritikpunkt gegenüber dem Sozialismus war der Vorwurf der Zerstörung des Privateigentums. Massgebend für die Zeitung war die Tradition der Sozialreformer des späten 19. Jahrhunderts (Beck, Decurtins und der Verband der Männer und Arbeitervereine VMAV), welche eine die Ständeversöhnung hervorhebende und dadurch eine präsyndikalistische Haltung verfolgte. Daher lehnten die Schildwachleute eine gewerkschaftlich organisierte Arbeiterschaft ab, nicht nur auf interkonfessioneller Basis, sondern prinzipiell. Das traf besonders die Christlichsozialen unter der Führung von Josef Jung und Alois Scheiwiler.
In der ablehnenden Haltung zum Völkerbund liess sich die Schildwache
stark von österreichischen und deutschen Kreisen beeinflussen. Die
Zeitung wurde zeitweise sogar zu einer Plattform monarchistischer Ideen
in der Schweiz. Besonders in den Zwanzigerjahren vertrat sie antisemitische
Ideen. Um vor den Juden zu warnen, scheute Pfarrer Mäder nicht vor
hetzerischen Wortverbindungen wie «Judas-Kain-Iskarioth» oder
«Freimaurer-Juden-Teufel» zurück. Seine Sprache war von
einer manichäisch-dualistischen Weltsicht geprägt. Die Schildwache
betrachtete sich selber als Teil des publizistischen Kampfes gegen die internationale
«Judenpresse», insbesondere gegen das Annoncenwesen.
Innerhalb des Katholizismus polemisierte die Schildwache verschiedentlich
gegen die Leitung des Volksvereins unter Hans von Matt. Sowohl in Verfassungs-
als auch in Schulfragen nahm sie eine kulturkämpferische Haltung ein.
Nach dem Ersten Weltkrieg, der Russischen Revolution und dem Zerfall der
Habsburgermonarchie erreichte das Krisenempfinden bei verschiedenen integralistisch-rechtskatholischen
Kreisen des deutschsprachigen Raumes einen Höhepunkt. Besonders für
monarchistisch-grossösterreichische und für einen katholischen
Kulturraum eintretende Exponenten stellten die damaligen Ereignisse die
Grundlage für Weltverschwörungsängste dar.
Als um die Schildwache 1925 Auseinandersetzungen auftauchten, wurde sie
vom Walter Verlag in Olten abgetrennt und von Pfarrer Mäder im eigenen
Nazareth Verlag in Basel übernommen. Basel wurde mit diesem Verlag
und der Schildwache ein eigentliches integralistisches Zentrum der Schweiz,
das weit nach Deutschland ausstrahlte und dort viele Abonnenten besass.
Die Machtergreifung der Nazis 1933 führte schliesslich 1937 zu einem
Verbot der Zeitung in Deutschland, was eine Neuorientierung durch ein Zusammengehen
mit der in Rorschach erscheinenden integralistischen Zeitung «Neues
Volk» unumgänglich machte. Die Bischöfe stellten sich jedoch
gegen eine Approbation des «Neuen Volkes» als «Organ der
katholischen Aktion».
Franziska Metzger erschliesst der Öffentlichkeit durch ihre Arbeit<1> einen zeitweilig wohl recht einflussreichen
Strang innerhalb des schweizerischen Katholizismus, der heute in dieser
militanten Form weitgehend verschwunden ist. Durch eine Straffung des Textes
hätte die Lesbarkeit dieses sonst sehr verdienstvollen Werkes noch
gewonnen.
1 Franziska Metzger, Die «Schildwache». Eine integralistisch-rechtskatholische Zeitung 19121945, (ReligionPolitikGesellschaft in der Schweiz, hrsg. von Urs Altermatt und Francis Python, Bd. 27), Universitätsverlag, Freiburg Schweiz 2000, 381 S.
Monika und Udo Tworuschka, Islam-Lexikon, Patmos Verlag, Düsseldorf 2002, 228 Seiten.
Wie zum Christentum die Bergpredigt ebenso wie die spanische Inquisition
gehört, hat auch die Religion der Muslime vielerlei Facetten. Neben
der Überlieferung des Propheten Muhammad, des Koran und der grundlegenden
fünf Säulen muslimischen Glaubens macht das neue Islam-Lexikon
von Monika und Udo Tworuschka eindrücklich diesen innerreligiösen
Pluralismus sichtbar, der gerade auch für den christlich-islamischen
Dialog von grosser Bedeutung ist. Praxis- und gegenwartsorientiert nehmen
die Feste, Riten und Zeremonien, aber auch Themen des alltäglichen
Zusammenlebens grossen Raum ein. Der Orientierung dienen Kurzbeiträge
über die verschiedenen islamischen Richtungen, Gruppierungen und Organisationen
von den Aleviten, den Black Muslims bis hin zur Sufimystik der tanzenden
Derwische oder den saudiarabischen Wahhabiten sowie verschiedensten Spielarten
islamistischen Fundamentalismus. Hilfreich sind die zahlreichen Personenporträts
von Modernisten und Islamisten wie zum Beispiel Atatürk, Cat Stevens,
Muhammad Arkoun, Khomeini, Abdulla Azzam, den Begründer der Hamas,
oder von Frauenrechtlerinnen wie Fatima Mernissi und Taslima Nasrin, werden
so doch die vielgesichtigen Welten des Gegenwartsislam anschaulich.
Auch wenn die Theologie- und Philosophiegeschichte im Vergleich etwa mit
dem dreibändigen Islam-Lexion des Herder-Verlags schon umfangmässig
eine deutlich geringere Rolle spielt, bieten die beiden renommierten Islam-
und Religionswissenschaftler doch pointiert und hochinformative Übersichtsartikel
etwa zur Auferstehung, zum Bilderverbot, zum Gemeinsamen der drei abrahamischen
Religionen, zum christlich-abendländischen Islambild oder zur «Blasphemie»
Salman Rushdies und der Bedeutung islamischer Prophetenverehrung, zu den
Menschenrechten und zum Verhältnis von Religion und Politik. Mit seinen
leicht verständlichen Basisinformationen, weiterführenden Literaturangaben
sowie Personen-, Sach- und Ortsregister empfiehlt sich dieses Nachschlagewerk
für alle am Islam Interessierte ohne grösseres Vorwissen, für
Lehrende und Lernende in Schule und Unterricht, nicht zuletzt auch für
Theologen an den Universitäten. Für sie alle ist der Islam zunehmend
wichtiger geworden.
Anneliese Knippenkötter, Marie-Luise Langwald (Hrsg.), Frauengottesdienste, Modelle und Materialien. Thema 11: Wege zum Licht. Weihnachtsfestkreis, Klens Verlag/Schwabenverlag, Stuttgart/Ostfildern 2001, 86 Seiten.
Viele Frauengruppen und Frauenkreise feiern «ihre» Gottesdienste bei Treffen, Tagungen, Kursen, oder sie bereiten Gottesdienste für die Gemeinde vor. Solche Liturgien entstehen und leben aus der Spiritualität von Frauen und ihrer gestalterischen Kreativität. Jeder Band «Frauengottesdienste» widmet sich einem bestimmten Thema. Der vorliegende elfte Band behandelt «Wege zum Licht. Weihnachtsfestkreis». In jedem Band werden sowohl fertig ausgearbeitete Gottesdienstmodelle als auch Materialien und Anregungen angeboten. In einem zweiten Schwerpunkt steht die Werkstatt «Gottesdienst», wo unterschiedliche Modelle, Texte, Gebete, Meditationen aufgenommen sind. «Frauengottesdienste» sind aus der Praxis entstanden und für die Praxis formuliert. Auch Männer finden hier wertvolle Anregungen für allgemeine Gottesdienste, die nicht an den Frauen vorbeigehen.
Arnold Angenendt, Liturgik und Historik. Gab es eine organische Liturgie-Entwicklung?, (Quaestiones disputatae, Band 189), Verlag Herder, Freiburg i.Br. 2001, 251 S.
Der emeritierte Professor für Mittelalterliche Kirchengeschichte von Münster geht in seiner liturgiegeschichtlichen Studie von der Frage aus, ob das Spätmittelalter wirklich nur eine Epoche des Verfalls und der Dekadenz gewesen sei. Diese in der Mediävistik lange Zeit propagierte These (Huizinga, Herbst des Mittelalters; Josef Lortz, Geschichte der Kirche in ideengeschichtlicher Betrachtung) wird hier kritisch und mit beachtenswerter Kompetenz in Frage gestellt. Dieses Schema der historischen Mittelalterdeutung hatte in den zwanziger Jahren alle historischen Sparten erfasst (Kunst- und Literaturgeschichte, Geschichte der Politik und auch Geschichte der Liturgie). Von da aus bahnt Angenendt eine liturgiegeschichtliche Neubewertung an. Dazu bietet Angenendt als exquisiter Fachmann eine Fülle von Material aus dem Arsenal einer fachlich einschlägigen Belesenheit. Liturgiegeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts: Der Aufbruch der Benediktiner (Solesmes, Beuron, Maria Laach) und Romano Guardinis Aufbruchbewegung bekommen hier eine kritische Würdigung, die immer aus dem Zusammenhang gedeutet wird. Diese kritische Ideengeschichte der Liturgie wird über das Konzilsende fortgesetzt, immer mit derselben Kompetenz. Angenendts Neubewertung des Spätmittelalters wird dazu führen, dass man an seiner Liturgik und Historik nicht so leicht vorbeikommt.