12/2002 | |
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Bücher |
Dass ein Lehr- und Forschungsbeauftragter für Bibelwissenschaften
biblische Meditationen über den Sinn des Leidens schreibt, ist nicht
ungewöhnlich. Dass er sein Buch<1>
aber nicht nur intellektuell verantwortet, sondern überdies einer existentiellen
Bewährung aussetzt, das lässt aufmerken. Diese existentielle Bewährung
sind die Schicksalsschläge in der Familie des Autors: Am Tag, an dem
Walter Bühlmann seinen 60. Geburtstag hatte feiern wollen, wurde seine
an einem Hirntumor erkrankte Schwägerin operiert; ein Jahr später,
am Anfang eines geplanten Studienaufenthalts in Jerusalem, wurde ihm selber
Lymphknotenkrebs diagnostiziert; und schliesslich erkrankte sein Cousin
unheilbar an Krebs. Das alles war, wie er schreibt, für ihn zuviel,
und er begann zu zweifeln und nach dem Warum zu fragen: «Warum gerade
ich, warum gerade wir drei?» Diese zunächst auf sich und auf
seine Angehörigen bezogene Frage begann er auszuweiten: «Warum
werden viele Menschen von heimtückischen Krankheiten befallen? Warum
gibt es so viel Leiden in der Welt?»
Über diese Fragen nachdenken konnte Walter Bühlmann aber nur,
«weil es Menschen gibt und gegeben hat, die ihr eigenes Leiden angenommen
oder andern Menschen geholfen haben, ihr Leiden anzunehmen». Deshalb
erfolgte sein Ringen um die Frage nach dem Sinn des Leidens auch im Gespräch
mit der Bibel. An diesem Ringen und an diesem Gespräch mit der Bibel
lässt uns Walter Bühlmann teilnehmen. Und er lässt uns erahnen,
was er selber erfahren hat: Dass Leiden und Mitleiden etwas ganz anderes
sind, als von der Kanzel über Leiden und Mitleiden zu reden. «Wer
das vergisst, wird der Tiefe des Leidens und der Würde des Leidenden
nicht gerecht.»
Wer der Tiefe des Leidens gerecht werden will, darf sehen, wie das Leid
Menschen reifer, erwachsener machen kann; er muss aber auch sehen, dass
ein Mensch am Leid zerbrechen kann. Und zwar nicht deshalb, weil er den
Sinn des Leidens nicht verstehen kann, sondern weil er seinem Leiden keinen
Sinn geben kann. Die mitmenschliche Aufgabe besteht deshalb nicht darin,
einem Kranken den verborgenen Sinn seines Lebens verständlich zu machen,
«vielmehr sollen wir durch unser Dasein dem Kranken helfen, sein Leiden
zu bestehen».
Im Blick auf das Leiden in der Welt erinnert Walter Bühlmann: «Es
gibt viele Leiden in der Welt, die wir selber verschuldet haben. Der Grund
für dieses selber verursachte Leid ist die Sünde, ist unsere Sünde.»
Wenn wir uns aufraffen könnten, unser Tun und Lassen auch wirklich
als Sünde zu bezeichnen, wäre dies der Anfang dafür, «manches
Leiden auch wirklich zu überwinden».
Begleitet werden Walter Bühlmanns Meditationen von Bildern der Zuger
Malerin Maria Hafner. Um sich auf den Auftrag, für den alten Kreuzweg
in der Solothurner St.-Verena-Schlucht Bilder zu gestalten, vorzubereiten,
malte sie zunächst mit Acrylfarben auf grössere rechteckige Leinwände.
Dabei schaute sie, die übrigens auch das Kleinplakat des Karwochenopfers
gestaltet hat, auf ihr eigenes Leben zurück, «in seine Ängste
und Zweifel, in die Erfahrungen von Krankheit und Todesnähe».
Sechs dieser Bilder hat Maria Hafner ausgewählt, von «Jesus am
Ölberg» bis zur «Auferstehung».
1 Walter Bühlmann, Warum gerade ich? Biblische Meditationen eines Krebskranken. Mit Bildern von Maria Hafner, Kanisius Verlag, Freiburg Schweiz 2002, 84 Seiten.
Lioba Gunkel OSB, «Ich bin der Weg». Meditationen zu den Evangelien der Sonn- und Festtage im Lesejahr A, Benno Verlag, Leibzig 2001, Band 1: Weihnachts- und Osterfestkreis, 139 Seiten, Band 2: Im Jahreskreis, 142 Seiten.
Die Benediktinerin Lioba Gunkel aus der Abtei St. Gertrud, Alexanderdorf bei Berlin, legt zu jedem Evangelium der Sonn- und Festtage eine Meditation vor. Für diese Meditation nimmt sie aus der Evangelienperikope einen Satz und betrachtet ihn von allen Seiten und Kanten. Die Spiritualität der Benediktinerregel schimmert überall durch. Doch sind die Erwägungen der Nonne, einer Frau, die mit beiden Füssen auf dem Boden steht, nicht weltfremd; sie reflektieren den Alltag.
Rosmarie Tscheer, Calderóns Grosses Welttheater, Fouqué Literaturverlag, Egelsbach bei Frankfurt a. M. 2001, 82 Seiten.
Der Romanistin Rosmarie Tscheer, die als gelegentliche Mitarbeiterin in diesen Spalten spirituelle Anregungen aus dem romanischen Kulturraum vermittelt, ist sehr daran gelegen, dass das barocke Mysterienspiel von Pedro Calderón de la Barca in seiner Originalfassung nicht vergessen geht. Deshalb hat sie es neu ins Deutsche übersetzt und mit einer sachkundigen Einführung versehen in einem Verlag veröffentlichen können, der sich dem Dienst an der Literatur verpflichtet weiss. Grosse Literatur, selbst Theaterliteratur, bedürfe keiner Aktualisierung, ist Rosmarie Tscheer überzeugt, sie sei immer aktuell.