1-2/2002 | |
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Frank Mathwig, Assistent in der Abteilung Ethik am Systematisch-theologischen Institut der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Bern, setzt sich in seiner Marburger Dissertation mit der «Angewandten Ethik»<1> auseinander, die sich zwischen den 60-er und 80-er Jahren in den USA und Europa als neues Teilgebiet der Ethik etabliert hat. Ihre Entstehung deutet er als Reaktion sowohl auf die erschütterte Technikakzeptanz der westlichen Gesellschaften in diesem Zeitraum<2> als auch auf eine lange Phase der «Weltabgewandtheit» der Ethik<3>. Die ausgeprägte Anwendungs- und Problemorientierung sowie die möglichst rasche Erarbeitung von Lösungen für die drängenden gesellschaftlichen Fragen erachtet Mathwig als charakteristisch für die Angewandte Ethik, die nicht und hier verweist er auf entsprechende Ausführungen von Christoph Fehige und Georg Meggle<4> auf die Antworten der in anderen Zeitdimensionen denkenden «theoretischen Ethik» warten will.
Was leistet nun eine solche praxisorientierte Angewandte Ethik? Auf diese
zentrale Frage seiner Untersuchung, die auch im Untertitel seines Werkes
aufscheint, gibt Mathwig eine für die Angewandte Ethik doch deutlich
negativ ausfallende Antwort: Zwar rechnet er ihr ihre «methodische»
und «gegenständliche Hinwendung auf die Praxis» positiv
an<5>, doch mit ihrem Ansatz sieht er
zwei grundlegende Defizite verbunden, die für ihn ungleich schwerer
wiegen: Das erste Defizit ortet er in der systemstabilisierenden Funktion
der Angewandten Ethik. Durch die Abkoppelung des Anwendungsdiskurses vom
Begründungsdiskurs<6> hat sie sich
hier zitiert er Odo Marquard vom «Prinzipiellen»
verabschiedet<7>. Ein Ansatz aber, so
kann man Mathwigs Befürchtungen zusammenfassen, der die Ziel- bzw.
Zweckfrage einfach ausblendet und sich nur noch an faktischen Gegebenheiten
orientiert, der degeneriert zu einer «sophistischen Sozialtechnik»<8>, die nur noch Probleme löst («Reparaturethik»<9>) und sich die Frage nach dem guten Leben
erspart<10>. In diesem Kontext ist auch
das Wortspiel seines Buchtitels angesiedelt: Statt einer Ethik der Technik
(Technikethik) sei die Angewandte Ethik<11>
nur noch eine Technik der Ethik (also Ethiktechnik) zur Erhaltung des Status
quo<12>. Nach Mathwig führt also
die (zumindest von ihm behauptete) Theorieabstinenz der Angewandten Ethik
letztlich zu ihrer Instrumentalisierung und strategischen Ausbeutbarkeit<13>. Auf ein zweites Defizit der Angewandten
Ethik weist er im Rahmen seiner erkenntnistheoretischen Überlegungen
hin: Obwohl die Problemorientierung ein konstitutives Element der Angewandten
Ethik sei, habe sie keine Kriterien entwickelt, die ein Ereignis als Problem
charakterisieren. Mathwig wirft der Angewandten Ethik vor, sie übernehme
stattdessen unreflektiert die Problembehauptung der Gesellschaft und damit
auch die dahinter stehende normative Orientierung<14>
womit sich der Kreis der Argumentation Mathwigs wieder schliesst:
Angewandte Ethik ist also auch aus erkenntnistheoretischer Perspektive her
gesehen Anerkennung des Faktischen.
Wie kann das «Dilemma gegenwärtiger Ethik», «abstrakte
Theorie jenseits der tatsächlichen Wirklichkeit» oder «Ideologie
des Bestehenden»<15> zu sein, gelöst
werden? Entsprechend den von ihm diagnostizierten Defiziten der Angewandten
Ethik plädiert Mathwig sowohl für eine «Rückbindung
Angewandter Ethik an die Begründungsverfahren traditioneller Ethiken»
als auch für eine «wahrnehmungsethische Erweiterung von Ethik».<16> Zu letzterem Punkt verweist er vor allem
auf die Ansätze von Heinz Eduard Tödt und Johannes Fischer, die
durch ihre Untersuchungen etwa zur «Wahrnehmung, Annahme und Bestimmung
eines Problems als eines sittlichen»<17>
oder zu den «Motiven» unserer «moralischen Ansichten und
Urteile»<18> zu einer «ethischen
Reflexion der Wirklichkeitswahrnehmung»<19>
hinführen können, um eine unkritische und vorschnelle Übernahme
der «herrschenden Paradigmen»<20>
zu vermeiden.
Frank Mathwig greift in seiner Abhandlung ein zukunftsträchtiges
Thema auf. Angesichts des sich ausweitenden Wirkungsfeldes der Angewandten
Ethik (u.a. durch die Einrichtung von staatlichen und privaten Ethik-Kommissionen
zu Fragen der Humanmedizin, der Gesundheits- und Altenpflege in Krankenhäusern
und Heimen oder zur Gentechnologie, durch die Übernahme von Beratungsmandaten
bei Unternehmen und Verbänden, durch den Aufbau von Ethik-Modulen in
Diplom- und Nachdiplomstudiengängen oder durch wissenschaftliche Publikationen)
wird die Frage ihrer Leistungsfähigkeit über die Wissenschaft
hinaus vermehrt auch von ihren Auftraggebern und einer interessierten Öffentlichkeit
diskutiert werden. Dass dann (oder bereits jetzt) das ökonomische Nutzenkalkül
und die Funktionalität bei manchen Personengruppen zu den entscheidenden
Bemessungskriterien der Leistungsfähigkeit werden, ist wohl angesichts
der zunehmenden Kommerzialisierung der Angewandten Ethik nicht von der Hand
zu weisen. Hier kommt der Arbeit von Frank Mathwig sicher eine bewusstseinsschärfende
Funktion zu.
Weniger zu überzeugen vermag aber, dass die genannten Defizite, vor
allem die Abtrennung der Begründungs- von der Anwendungsebene, pauschal
der gesamten Angewandten Ethik zugesprochen werden. Hier hätte Mathwig
sicher stärker zwischen den verschiedenen Ansätzen von Angewandter
Ethik differenzieren müssen. Fraglich ist auch, ob mit der gewählten
Methodik das, was die Angewandte Ethik zur Humanisierung der Lebenswelt
beiträgt, angemessen erfasst wird. Wie der obige Hinweis auf das sich
ausweitende Wirkungsfeld der Angewandten Ethik zeigt, werden unter dem Begriff
«Angewandte Ethik» vielfältige (nicht nur wissenschaftlich-publizistische)
Tätigkeiten subsummiert. Für diesen nicht-publizistischen Teil
der Angewandten Ethik erscheinen empirische Untersuchungen zur Nachhaltigkeit
der Wirkung der von der Angewandten Ethik initiierten Massnahmen als zielführender.
Übrigens gilt auch hier: Diese Massnahmen können nicht einfach
pauschal als systemstabilisierend abgetan werden, wobei über die Legitimität
von systemerhaltenden Massnahmen noch gesondert zu diskutieren wäre.
Eine letzte kritische Bemerkung zielt auf die Verbesserungsvorschläge
Mathwigs für die Angewandte Ethik. Im Anschluss an die theoretische
Darlegung seiner Vorschläge hätte ein Beispiel aus der Praxis
dem Leser konkret illustrieren können, inwieweit sich der von Mathwig
neu konstruierte Typ Angewandter Ethik tatsächlich von dem von ihm
kritisierten Typ hinsichtlich Argumentation, Massnahmen und Ergebnisse unterscheidet.
So freut sich der Leser zwar durchaus an vielen gescheiten Passagen dieses
Buches und teilt auch manche Sorgen des Verfassers, aber er bleibt nach
der Lektüre doch ein wenig ratlos darüber, wie sich der Autor
die Zukunft der Angewandten Ethik vorstellt.
Stephan Wirz, promovierter Theologe und diplomierter Sozialwissenschaftler, ist Professor für Wirtschaftsethik an der Fachhochschule Aargau und freier Mitarbeiter am Institut für Sozialethik der Universität Luzern.
1 Frank Mathwig, Technikethik Ethiktechnik. Was leistet Angewandte Ethik? Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart 2000, 321 Seiten.
2 S. 19, 82.
3 S. 87.
4 S. 23.
5 S. 154.
6 Mit entsprechendem Verweis auf Dieter Birnbacher, S. 23, Fussnote 22; vgl. auch S. 25f., 86.
7 S. 35.
8 Rüdiger Bubner, zitiert nach Frank Mathwig, aaO., S. 48, Fussnote 125.
9 S. 180.
10 S. 270.
11 Mathwig beschränkt sich bei der Angewandten Ethik vor allem auf die Teildisziplin Technikethik.
12 S. 179f., 209.
13 S. 48, 51.
14 S. 113f., 176, 232.
15 Otfried Höffe, zitiert nach Frank Mathwig, aaO., S. 80.
16 S. 11.
17 Heinz Eduard Tödt, zitiert nach Frank Mathwig, aaO., S. 225.
18 Im Hinblick auf Johannes Fischer, S. 281.
19 S. 288.
20 S. 289.
Auch eine Art angewandte Ethik ist es, wenn eine schulische Arbeitsmappe, anknüpfend an vergessene oder verdrängte biblische Stoffe, den Weg zu einer menschlichen Kultur weist, die den Tieren Würde zubilligt und Achtung schenkt. Verfasst hat diese Arbeitsmappe (mit ausführlichen Lehrkraftinformationen [methodische Orientierungsblätter zu jedem Thema, Hintergrundinformationen], Kopiervorlagen, Farbfolien und zahlreichen Illustrationen) Thomas Staubli, illustriert hat sie Barbara Connell.<1> Für die Schüler und Schülerinnen gibt es das Begleitheft, ein Comic mit Zusatzinformationen (Kopierbare Texte aus der Bibel und anderen Literaturen, Infoblätter, Lieder, Bilder und Zeichnungen, eine Tanzanleitung, ein Kreuzworträtsel usw.).<2>
1 Thomas Staubli, Tiere in der Bibel Gefährten und Feinde. Mit einer Einführung von Silvia Schroer und Illustrationen von Barbara Connell. Arbeitsmappe inkl. Begleitheft, mit ausführlichen Lehrkraftinformationen, Kopiervorlagen, Farbfolien und zahlreichen Illustrationen, KiK-Verlag, Berg am Irchel 2001.
2 Barbara Connell, Thomas Staubli, Tiere in der Bibel Begleitheft. Comic mit Zusatzinformationen (Kopiervorlage), 12 Seiten, geheftet, Format A4, KiK-Verlag, Berg am Irchel 2001.
Carlo M. Martini, Hören, was der Leib uns sagt. Wohlbefinden, Gesundheit, Krankheit, Sexualität, Hoffnung auf ein Weiterleben, Verlag Neue Stadt, München 2000, 121 Seiten.
Carlo Maria Martini, der Mailänder Kardinal-Erzbischof, begibt sich hier auf neue, auch für ihn ungewohnte Wege. Thema sind die eigenen Erfahrungen und Reflexionen des Alterns. Das hat ihm, dem Schreibgewandten, offensichtlich Mühe bereitet, da er mit dem Nachdenken über bestimmte Dinge und Erfahrungen nie ans Ende kam. Er musste die Erfahrung machen, dass vieles nicht so leicht gesagt werden kann, wenn man persönlich involviert ist. Leib und Leben sind eben doch ein vielschichtiges Ganzes, eine komplexe Wirklichkeit. Seine Gedanken über «Gesundheit und Krankheit», «Sexualität», «die Auferstehung des Fleisches» sind formal strichpunktartige Anmerkungen und Aphorismen, aber keine systematischen Abhandlungen, schon gar nicht lehrhafte Erklärungen. Sie wollen einfach eine Einladung sein zu einem befreienden Nachdenken über Leib und Leben, Zeit und Ewigkeit. Gerade mit dieser schleppenden Diktion wirkt Carlo Maria Martini nachhaltiger als sonst; denn seine Abhandlungen sind Glaubenszeugnisse, die in ihrer schlichten Menschlichkeit überzeugen.