1-2/2002

INHALT

Neue Bücher

Was leistet angewandte Ethik?

von Stephan Wirz

 

Frank Mathwig, Assistent in der Abteilung Ethik am Systematisch-theologischen Institut der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Bern, setzt sich in seiner Marburger Dissertation mit der «Angewandten Ethik»<1> auseinander, die sich zwischen den 60-er und 80-er Jahren in den USA und Europa als neues Teilgebiet der Ethik etabliert hat. Ihre Entstehung deutet er als Reaktion sowohl auf die erschütterte Technikakzeptanz der westlichen Gesellschaften in diesem Zeitraum<2> als auch auf eine lange Phase der «Weltabgewandtheit» der Ethik<3>. Die ausgeprägte Anwendungs- und Problemorientierung sowie die möglichst rasche Erarbeitung von Lösungen für die drängenden gesellschaftlichen Fragen erachtet Mathwig als charakteristisch für die Angewandte Ethik, die nicht ­ und hier verweist er auf entsprechende Ausführungen von Christoph Fehige und Georg Meggle<4> ­ auf die Antworten der in anderen Zeitdimensionen denkenden «theoretischen Ethik» warten will.

Das Dilemma

Was leistet nun eine solche praxisorientierte Angewandte Ethik? Auf diese zentrale Frage seiner Untersuchung, die auch im Untertitel seines Werkes aufscheint, gibt Mathwig eine für die Angewandte Ethik doch deutlich negativ ausfallende Antwort: Zwar rechnet er ihr ihre «methodische» und «gegenständliche Hinwendung auf die Praxis» positiv an<5>, doch mit ihrem Ansatz sieht er zwei grundlegende Defizite verbunden, die für ihn ungleich schwerer wiegen: Das erste Defizit ortet er in der systemstabilisierenden Funktion der Angewandten Ethik. Durch die Abkoppelung des Anwendungsdiskurses vom Begründungsdiskurs<6> hat sie sich ­ hier zitiert er Odo Marquard ­ vom «Prinzipiellen» verabschiedet<7>. Ein Ansatz aber, so kann man Mathwigs Befürchtungen zusammenfassen, der die Ziel- bzw. Zweckfrage einfach ausblendet und sich nur noch an faktischen Gegebenheiten orientiert, der degeneriert zu einer «sophistischen Sozialtechnik»<8>, die nur noch Probleme löst («Reparaturethik»<9>) und sich die Frage nach dem guten Leben erspart<10>. In diesem Kontext ist auch das Wortspiel seines Buchtitels angesiedelt: Statt einer Ethik der Technik (Technikethik) sei die Angewandte Ethik<11> nur noch eine Technik der Ethik (also Ethiktechnik) zur Erhaltung des Status quo<12>. Nach Mathwig führt also die (zumindest von ihm behauptete) Theorieabstinenz der Angewandten Ethik letztlich zu ihrer Instrumentalisierung und strategischen Ausbeutbarkeit<13>. Auf ein zweites Defizit der Angewandten Ethik weist er im Rahmen seiner erkenntnistheoretischen Überlegungen hin: Obwohl die Problemorientierung ein konstitutives Element der Angewandten Ethik sei, habe sie keine Kriterien entwickelt, die ein Ereignis als Problem charakterisieren. Mathwig wirft der Angewandten Ethik vor, sie übernehme stattdessen unreflektiert die Problembehauptung der Gesellschaft und damit auch die dahinter stehende normative Orientierung<14> ­ womit sich der Kreis der Argumentation Mathwigs wieder schliesst: Angewandte Ethik ist also auch aus erkenntnistheoretischer Perspektive her gesehen Anerkennung des Faktischen.
Wie kann das «Dilemma gegenwärtiger Ethik», «abstrakte Theorie jenseits der tatsächlichen Wirklichkeit» oder «Ideologie des Bestehenden»<15> zu sein, gelöst werden? Entsprechend den von ihm diagnostizierten Defiziten der Angewandten Ethik plädiert Mathwig sowohl für eine «Rückbindung Angewandter Ethik an die Begründungsverfahren traditioneller Ethiken» als auch für eine «wahrnehmungsethische Erweiterung von Ethik».<16> Zu letzterem Punkt verweist er vor allem auf die Ansätze von Heinz Eduard Tödt und Johannes Fischer, die durch ihre Untersuchungen etwa zur «Wahrnehmung, Annahme und Bestimmung eines Problems als eines sittlichen»<17> oder zu den «Motiven» unserer «moralischen Ansichten und Urteile»<18> zu einer «ethischen Reflexion der Wirklichkeitswahrnehmung»<19> hinführen können, um eine unkritische und vorschnelle Übernahme der «herrschenden Paradigmen»<20> zu vermeiden.

Welche Zukunft?

Frank Mathwig greift in seiner Abhandlung ein zukunftsträchtiges Thema auf. Angesichts des sich ausweitenden Wirkungsfeldes der Angewandten Ethik (u.a. durch die Einrichtung von staatlichen und privaten Ethik-Kommissionen zu Fragen der Humanmedizin, der Gesundheits- und Altenpflege in Krankenhäusern und Heimen oder zur Gentechnologie, durch die Übernahme von Beratungsmandaten bei Unternehmen und Verbänden, durch den Aufbau von Ethik-Modulen in Diplom- und Nachdiplomstudiengängen oder durch wissenschaftliche Publikationen) wird die Frage ihrer Leistungsfähigkeit über die Wissenschaft hinaus vermehrt auch von ihren Auftraggebern und einer interessierten Öffentlichkeit diskutiert werden. Dass dann (oder bereits jetzt) das ökonomische Nutzenkalkül und die Funktionalität bei manchen Personengruppen zu den entscheidenden Bemessungskriterien der Leistungsfähigkeit werden, ist wohl angesichts der zunehmenden Kommerzialisierung der Angewandten Ethik nicht von der Hand zu weisen. Hier kommt der Arbeit von Frank Mathwig sicher eine bewusstseinsschärfende Funktion zu.
Weniger zu überzeugen vermag aber, dass die genannten Defizite, vor allem die Abtrennung der Begründungs- von der Anwendungsebene, pauschal der gesamten Angewandten Ethik zugesprochen werden. Hier hätte Mathwig sicher stärker zwischen den verschiedenen Ansätzen von Angewandter Ethik differenzieren müssen. Fraglich ist auch, ob mit der gewählten Methodik das, was die Angewandte Ethik zur Humanisierung der Lebenswelt beiträgt, angemessen erfasst wird. Wie der obige Hinweis auf das sich ausweitende Wirkungsfeld der Angewandten Ethik zeigt, werden unter dem Begriff «Angewandte Ethik» vielfältige (nicht nur wissenschaftlich-publizistische) Tätigkeiten subsummiert. Für diesen nicht-publizistischen Teil der Angewandten Ethik erscheinen empirische Untersuchungen zur Nachhaltigkeit der Wirkung der von der Angewandten Ethik initiierten Massnahmen als zielführender. Übrigens gilt auch hier: Diese Massnahmen können nicht einfach pauschal als systemstabilisierend abgetan werden, wobei über die Legitimität von systemerhaltenden Massnahmen noch gesondert zu diskutieren wäre. Eine letzte kritische Bemerkung zielt auf die Verbesserungsvorschläge Mathwigs für die Angewandte Ethik. Im Anschluss an die theoretische Darlegung seiner Vorschläge hätte ein Beispiel aus der Praxis dem Leser konkret illustrieren können, inwieweit sich der von Mathwig neu konstruierte Typ Angewandter Ethik tatsächlich von dem von ihm kritisierten Typ hinsichtlich Argumentation, Massnahmen und Ergebnisse unterscheidet. So freut sich der Leser zwar durchaus an vielen gescheiten Passagen dieses Buches und teilt auch manche Sorgen des Verfassers, aber er bleibt nach der Lektüre doch ein wenig ratlos darüber, wie sich der Autor die Zukunft der Angewandten Ethik vorstellt.

 

Stephan Wirz, promovierter Theologe und diplomierter Sozialwissenschaftler, ist Professor für Wirtschaftsethik an der Fachhochschule Aargau und freier Mitarbeiter am Institut für Sozialethik der Universität Luzern.


Anmerkungen

1 Frank Mathwig, Technikethik ­ Ethiktechnik. Was leistet Angewandte Ethik? Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart 2000, 321 Seiten.

2 S. 19, 82.

3 S. 87.

4 S. 23.

5 S. 154.

6 Mit entsprechendem Verweis auf Dieter Birnbacher, S. 23, Fussnote 22; vgl. auch S. 25f., 86.

7 S. 35.

8 Rüdiger Bubner, zitiert nach Frank Mathwig, aaO., S. 48, Fussnote 125.

9 S. 180.

10 S. 270.

11 Mathwig beschränkt sich bei der Angewandten Ethik vor allem auf die Teildisziplin Technikethik.

12 S. 179f., 209.

13 S. 48, 51.

14 S. 113f., 176, 232.

15 Otfried Höffe, zitiert nach Frank Mathwig, aaO., S. 80.

16 S. 11.

17 Heinz Eduard Tödt, zitiert nach Frank Mathwig, aaO., S. 225.

18 Im Hinblick auf Johannes Fischer, S. 281.

19 S. 288.

20 S. 289.


Tierethik: Tiere in der Bibel

Auch eine Art angewandte Ethik ist es, wenn eine schulische Arbeitsmappe, anknüpfend an vergessene oder verdrängte biblische Stoffe, den Weg zu einer menschlichen Kultur weist, die den Tieren Würde zubilligt und Achtung schenkt. Verfasst hat diese Arbeitsmappe (mit ausführlichen Lehrkraftinformationen [methodische Orientierungsblätter zu jedem Thema, Hintergrundinformationen], Kopiervorlagen, Farbfolien und zahlreichen Illustrationen) Thomas Staubli, illustriert hat sie Barbara Connell.<1> Für die Schüler und Schülerinnen gibt es das Begleitheft, ein Comic mit Zusatzinformationen (Kopierbare Texte aus der Bibel und anderen Literaturen, Infoblätter, Lieder, Bilder und Zeichnungen, eine Tanzanleitung, ein Kreuzworträtsel usw.).<2>

Redaktion


Anmerkungen

1 Thomas Staubli, Tiere in der Bibel ­ Gefährten und Feinde. Mit einer Einführung von Silvia Schroer und Illustrationen von Barbara Connell. Arbeitsmappe inkl. Begleitheft, mit ausführlichen Lehrkraftinformationen, Kopiervorlagen, Farbfolien und zahlreichen Illustrationen, KiK-Verlag, Berg am Irchel 2001.

2 Barbara Connell, Thomas Staubli, Tiere in der Bibel ­ Begleitheft. Comic mit Zusatzinformationen (Kopiervorlage), 12 Seiten, geheftet, Format A4, KiK-Verlag, Berg am Irchel 2001.


Das Altern reflektiert

 

Carlo M. Martini, Hören, was der Leib uns sagt. Wohlbefinden, Gesundheit, Krankheit, Sexualität, Hoffnung auf ein Weiterleben, Verlag Neue Stadt, München 2000, 121 Seiten.

Carlo Maria Martini, der Mailänder Kardinal-Erzbischof, begibt sich hier auf neue, auch für ihn ungewohnte Wege. Thema sind die eigenen Erfahrungen und Reflexionen des Alterns. Das hat ihm, dem Schreibgewandten, offensichtlich Mühe bereitet, da er mit dem Nachdenken über bestimmte Dinge und Erfahrungen nie ans Ende kam. Er musste die Erfahrung machen, dass vieles nicht so leicht gesagt werden kann, wenn man persönlich involviert ist. Leib und Leben sind eben doch ein vielschichtiges Ganzes, eine komplexe Wirklichkeit. Seine Gedanken über «Gesundheit und Krankheit», «Sexualität», «die Auferstehung des Fleisches» sind formal strichpunktartige Anmerkungen und Aphorismen, aber keine systematischen Abhandlungen, schon gar nicht lehrhafte Erklärungen. Sie wollen einfach eine Einladung sein zu einem befreienden Nachdenken über Leib und Leben, Zeit und Ewigkeit. Gerade mit dieser schleppenden Diktion wirkt Carlo Maria Martini nachhaltiger als sonst; denn seine Abhandlungen sind Glaubenszeugnisse, die in ihrer schlichten Menschlichkeit überzeugen.

Leo Ettlin


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2002