46/2002 | |
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Kirchliche Berufe |
Auffallend viele Menschen suchen heute nach spirituellen Wegen, und gleichzeitig ist das kirchliche geistliche Leben in eine Krise geraten: der Priestermangel und der Nachwuchsmangel in Klöstern und Ordensgemeinschaften sind dafür Anzeichen. Was hat diese Situation zu bedeuten und wie ist darauf angemessen zu antworten? Unter dem Buchtitel «Unter der Asche ein heimliches Feuer»<1> hat der Verein «Information Kirchliche Berufe (IKB)» mit seiner Fachstelle seine offene Jahrestagung deshalb dem Thema «Berufung Geistliches Leben Kirchliche Dienste in herausfordernder Zeit» gewidmet.
Durch die Tagung begleitete die Theologin und Dominikanerin Aurelia Spendel,
die die deutsche Ausgabe des genannten Buches angeregt und begleitet hat.
Einführend lud sie dazu ein, die Zeitphänomene von den Zeichen
der Zeit zu unterscheiden, denn «Zeichen der Zeit» sei ein theologischer
Begriff: Zeichen der Zeit seien nämlich jene Zeiterscheinungen, in
denen sich ein prophetischer Anruf, ein Anruf des Evangeliums zeige. Um
sie richtig deuten zu können, bedürfe es einer hermeneutischen
Kompetenz. Zeichen der Zeit hätten Bezüge zu Vergangenheit, Gegenwart
und Zukunft, wobei diese Zeitenfolge nicht linear aufgefasst werden darf.
Denn auszugehen sei von der Zukunft, die bereits angebrochen ist; die Gegenwart
sei als Gegenwart Gottes zu verstehen, und die Tradition als Quelle, die
fliesse. Es gelte, die Zeichen der Zeit zu entdecken, weil sie dazu anstossen
können, neue Schritte zu tun.
Dabei müsse beachtet werden, dass es eine Vielfalt von Lebensmöglichkeiten
gebe und dass es auch eine Vielfalt von Schrittarten gebe. Auch in einer
Krise sei gelassen zu fragen, was von der Zukunft her der Anruf sein könnte.
Denn während in der Antike Krise ein Entweder-Oder besagte, wird sie
in der Neuzeit eher als Prozess verstanden. Wohl könne es auch heute
Krisen geben, die rasch entschieden werden müssten, häufiger sei
indes mit krisenhaften Zeiten umzugehen.
Bei der Suche nach neuen Schritten müsse das christologische Paradox
wegleitend sein: Jesus ist Mensch und Gott zugleich, ungetrennt und unvermischt.
Dies verschränke den Ernst des Einsatzes mit der Leichtigkeit des Herzens:
alles hängt von uns ab und nichts hängt von uns ab.
Fachleute der Religionssoziologie sind überzeugt, dass im religiösen
Bereich gegenwärtig nachhaltige Entwicklungen im Gange sind. Aurelia
Spendel führte dazu zwei Thesen an:
Die moderne Individualisierung führte und führt hauptsächlich zu einem modernen Nomadentum. Daraus zog die Ordensfrau Aurelia Spendel den Schluss, dass deshalb auch in der Kirche und in den Ordensgemeinschaften die Qualitäten der nomadischen Kultur gepflegt werden müssen. Zu dieser Kultur gehört ein nicht eingeschränkter innerer und äusserer Lebensraum, ein Lebensraum, zu dem auch grosse Sorge getragen wird. Wichtigste Lebensressource der Nomadenkultur ist das Wissen; Nomadenkulturen sind Erzählkulturen. Das Nomadentum ist bereits in der jüdisch-christlichen Geschichte vorgegeben. Abraham und Sara, der Vater und die Mutter des Glaubens, waren Nomaden, und auch Jesus lebte sein öffentliches Leben als Halbnomade.
Die neuzeitliche Individualisierung ist für Eva Maria Faber, Dogmatikprofessorin
an der Theologischen Hochschule Chur, ein guter Ansatz für die Berufungspastoral,
insofern jede Berufung eine persönliche Berufung ist. Schon aus diesem
Grund muss die Berufungspastoral als eine Dimension der Pastoral wahrgenommen
werden. Weil die besondere Berufung die Gestalt ist, in der die Berufung
eines und einer jeden realisiert wird, muss die Berufungspastoral umfassend
ansetzen. Weil es um die je persönliche Berufung des Menschen geht,
ist seine je eigene Situation in den Blick zu nehmen und dabei mystagogisch
vorzugehen. Es geht um die Grundbotschaft der Verkündigung, um die
Verkündigung Gottes, «der mich meint». Die Einzelseelsorge
darf gegenüber dem Gemeindeaufbau nicht zu kurz kommen. («Die
Menschen wollen religiös sein, und die Seelsorge will, dass sie kirchlich
werden.»)
Die Berufung eines jeden Menschen ist zunächst ein Ruf in die Beziehung.
Die Berufung steht vor der Sendung. Das Heilige, das die Menschen suchen,
hat ein Antlitz. So hat sich die Kirche um eine Kultur der Gottesbeziehung
zu sorgen.
Die persönliche Berufung ist sodann ein Ruf in die eigene Lebensaufgabe.
Die Kirche hat deshalb bei allen Gläubigen die Aufmerksamkeit für
die Lebensaufgabe zu fördern; damit bereitet sie den Boden für
das Vernehmen einer besonderen Sendung. Dabei geht es um eine Kultur der
Frage, was Gott von uns will, um eine Kultur der Suche nach dem, wofür
sich einzusetzen sich lohnt.
Wo junge Menschen diesbezüglich heute stehen, legten zwei Mitarbeiter
der Katholischen Jugendseelsorge Zürich dar. Der Sozialpädagoge
Ronald Jenny legte einige Ergebnisse der von der Arbeitsgruppe «Spiritualität»
der Jugendseelsorgerinnen und -seelsorger durchgeführten Befragung
vor; aufgrund dieser Umfrageergebnisse wie der eigenen Erfahrung ist es
für ihn unzweifelhaft, dass Jugendliche Sehnsucht haben, auch wenn
genaue Antworten auf die Fragen wie: Wie religiös sind die Jugendlichen?
Welche Rolle spielt für sie der Glaube?, nicht zu haben sind. Auch
wenn Jugendliche an Gott glauben, sind für sie viele Dinge im Leben
wichtiger als Gott etwa der Ausgang am Wochenende. (Sind die Erwachsenen
so viel anders?) Man müsse auf die Filme und die Musik achten, die
den Jugendlichen etwas bedeuten, und sie vor allem auch an der Oberfläche,
in der Zerstreuung und Unruhe abholen und ihnen geduldig zuhören können.
Der Berufs- und Laufbahnberater Hugo Brunner zeigte die weit gehenden Unterschiede
der Berufung, besonders der Wahl eines kirchlichen Berufes zwischen heute
und vor einem halben Jahrhundert auf. Dabei machte er auch auf die Sorgfalt
aufmerksam, mit der heute Berufswünsche abgeklärt werden. Gleich
geblieben dürfte sein, dass das Interesse für einen kirchlichen
Beruf in der Kindheit und Jugend grundgelegt wird, dass deshalb die kirchliche
Jugendarbeit für die kirchlichen Berufe von grosser Bedeutung ist.
Eine Vertiefung des Gehörten und eine Aufnahme von weiteren Aspekten
der Berufungspastoral in Ateliers sowie ein Besuch im Kloster Einsiedeln
und eine Begegnung mit dem «Goldenen Ohr» der Abtei, ihrer Internet-Seelsorge,
rundeten den ersten Tag ab.
Der zweite Tag wurde mit Informationen aus den Bistümern, Orden und
Gemeinschaften abgeschlossen. Dabei gab es bereits erste Informationen zum
geplanten Jahr der Berufe 2005. Die nächste Tagung des von Br. Thomas
Morus Huber OFMCap präsidierten Vereins IKB und seiner von Robert Knüsel-Glanzmann
und Sr. Anneres Oberli geleiteten Fachstelle wird am 7./8. November 2003
durchgeführt werden.<3> An der diesjährigen
Tagung nahm unter anderem der Pfarreirat Gams teil. Denkbar wäre, dass
auch ganze Pfarreiteams teilnehmen würden.
1 Joan Chittister, Unter der Asche ein heimliches Feuer. Spiritueller Aufbruch heute, München 2000.
2 Regina Polak (Hrsg.), Megatrend Religion? Neue Religiositäten in Europa, Ostfildern 2002, 100f.
3 Im Sommer 2003, vom 13.19. Juli, wird in Randa (Wallis) die nächste Berufungswoche durchgeführt, zu der junge Leute (bis etwa 30 Jahre) aus allen Gegenden der Deutschschweiz eingeladen sind.