10/2002 | |
INHALT | |
Kirchliche Berufe |
Verheiratete Männer und Frauen im Seelsorgedienst sind alltäglich
geworden. Doch in diesem Alltag stehen sie mit ihrer Familie im Spannungsfeld
zwischen den Ansprüchen von Ich, Ehe, Familie, Gemeinde und Kirchenleitung.
Gerade Gemeindeleiter und Gemeindeleiterinnen sind auf der Suche nach Klärung
ihrer beruflichen Identität, nach einem klaren Berufsbild. Probleme
werden sichtbar in der Abgrenzung zu Priestern oder neuerdings auch zu Bezugspersonen
ohne gründliche theologische Ausbildung, die kleine Gemeinden leiten.
Zudem kann die katholische Kirche auf keine neuere Tradition und Erfahrung
verheirateter Gemeindeleiter und Gemeindeleiterinnen zurückblicken;
evangelisch-reformierte Erfahrungen wurden bisher kaum rezipiert. Dieser
Beitrag<1> beschränkt sich auf Gemeindeleiter<2> mit Familie; wenn auch viele Parallelen
zu anderen seelsorglichen Diensten besonders zu dem des Pfarrers
sichtbar werden.
Häufig erfahren sich Gemeindeleiter im Spannungsbogen zwischen Ermächtigung
und Ohnmacht. Unter Ermächtigung wird hier die verantwortliche Wahrnehmung
der Kompetenzen verstanden, die angeboren, erworben oder verliehen sind.
Ohnmacht wird erfahren gegenüber Hindernissen und Erschwernissen, die
nicht sein müssten und viel Energie kosten (Grenzen, die das Leben
mit sich bringt, sind schon Herausforderung genug). In diesem Umfeld ist
die Unterscheidung Hermann Stengers in Fähigkeits- und Zuständigkeitskompetenz
klärend hilfreich.<3> Gerade jene
Konstellation ist häufig, dass Seelsorger mit genügend Fähigkeitskompetenz,
aber ungenügender Zuständigkeitskompetenz ausgestattet sind.
In den letzten Jahrzehnten waren Ehe und Familie<4>
grossen Wandlungsprozessen unterworfen. Zahlreiche Ehen werden geschieden.
Die klassische Familie mit Vater, Mutter, Kind ist nicht mehr selbstverständlich;
so gibt es neue Familienformen: Ein-Eltern-Familien, Patchworkfamilien,
Familien mit gleichgeschlechtlichen Paaren... Die Gleichstellung von Mann
und Frau wurde stark gefördert. Ein Ziel der Gleichstellungspolitik
ist es, partnerschaftliches Verhalten sowohl im Erwerbsleben (Familienfinanzierung)
wie in der Familie (Familienorganisation) zu verwirklichen. Die Rahmenbedingungen
werden verbessert, damit sich Beruf und Familie für möglichst
viele Familien ohne massive Nachteile vereinbaren lassen. Neue Arbeitszeitmodelle
eröffnen verschiedene Möglichkeiten. Viele Frauen mit Kindern
wollen eine Teilzeitstelle ausserhäuslicher Arbeit. Noch ist die Berufswelt
gewöhnlich auf Vollzeitstellen eingerichtet, und die beruflichen Karrieremuster
orientieren sich weithin an ununterbrochenen Erwerbsbiografien, und ein
Wiedereinstieg nach 10 bis 15 Jahren «Familienzeit» ist aufgrund
der schnellen gesellschaftlichen und technischen Veränderung und Weiterentwicklung
schwierig geworden. Haus- und Erziehungsarbeit sollen zwischen Frau und
Mann geteilt oder durch Dritte übernommen werden. Die Doppelbelastung
stellt hohe Ansprüche an die Partnerschaft. Vorteile sind die finanzielle
Eigenständigkeit beider und genügend Raum für die berufliche
Entwicklung. Probleme ergeben sich besonders dort, wo Arbeitszeiten unregelmässig
sind oder sich überschneiden.
Dies alles betrifft auch kirchliche Mitarbeitende. Generell stellt sich
die Frage: Können ein lebendiges Familienleben und eine erfüllende
berufliche Tätigkeit kombiniert werden? Wie steht es mit ungeeigneten
Strukturen und geschlechtsspezifischen Vorurteilen?
Das Zweite Vatikanische Konzil hat den Laien<5>
wieder als Subjekt der Gemeindebildung entdeckt. Im Anschluss daran wurden
ihnen vermehrt Verantwortung, Aufgaben und Kompetenzen zugesprochen. Das
gemeinsame (oder allgemeine) Priestertum aller Gläubigen wurde wieder
in den Mittelpunkt gerückt und der Klerikalismus zurückgenommen.
Die «Jungfräulichkeit um des Himmelreiches willen» wurde
nicht mehr kategorisch über die Ehe gestellt. Die einseitige Sicht
der Sexualität im Sinne des «bonum prolis» wurde korrigiert
und in ihr ein eigenständiger bzw. für die Partnerschaft wichtiger
Wert wahrgenommen. Die Familie als Urzelle des Glaubens wurde als «ecclesiola»
zum Teil idealisiert.
In den letzten Jahrzehnten machte sich ein massiver Priestermangel bemerkbar
auf dessen Gründe hier nicht näher eingegangen wird. Um
das kirchliche und sakramentale Leben der Gemeinden<6>
einigermassen aufrecht zu erhalten, mussten immer mehr Aufgaben Laien übertragen
werden. Daraus entwickelten sich neue kirchliche Berufe: Seelsorgehelfer,
Gemeindereferenten, Pastoralassistenten, -referenten, Gemeindeleiter.
Die Beauftragungen von Laien führte zur verstärkten Diskussion
um die Ämterfrage. Hinzu kam die Forderung nach der Gleichstellung
der Geschlechter, der sich die Kirche als Teil der Gesellschaft stellen
müsse, wenn ihre christliche Botschaft nicht pervertiert werden soll.<7> Mit der «Instruktion über
die Mitarbeit der Laien am Dienst der Priester»<8>
wurde von der Kirchenleitung versucht, die Kompetenzen klar zu regeln und
den sakramentalen Ordo vor der «Verdunstung» zu retten. In der
Folge wurde zu Recht darauf hingewiesen, dass kirchenamtliche Verlautbarungen
zu wenig Rücksicht auf die konkreten Verhältnisse der Ortskirchen
nehmen, und dass an Strukturen festgehalten wird, die nicht göttlichen
Rechtes sind. Durch dieses Vorgehen fühlen sich Seelsorger und Gläubige
im Stich gelassen.
Neben der Ämter- und Strukturenfrage spielen weitere Problembereiche
eine Rolle, die von der Kirche nie konsequent angegangen und gelöst
wurden: Macht und Sexualität.
In der römisch-katholischen Kirche war das Amt eines Gemeindeleiters
spätestens seit der Konstantinischen Wende an das männliche Geschlecht
und an die Priesterweihe gebunden und seit dem Mittelalter (in der Praxis
vor allem seit dem Konzil von Trient) zudem an den Zölibat. Eingefügt
in den Stand der Kleriker hatten sie teil an der Hierarchie und damit an
der entsprechenden Macht (vgl. Zuständigkeitskompetenz). Die Kirchengeschichte
zeigt, dass die Eignung für das Amt häufig anderen Faktoren
wie der Machterhaltung untergeordnet war.
Seit dem Eindringen gnostischer Strömungen in die christliche Lehre
und der theologischen Untermauerung (besonders durch Augustinus) hielten
eine Leibfeindlichkeit und Instrumentalisierung der Sexualität Einzug
ins Christentum. In der Folge wurde die «Jungfräulichkeit»
der (ehelichen) Partnerschaft und Liebe übergeordnet, zudem kamen kultische
Reinheitsideale erneut auf. Wenn nun heute verheiratete Gemeindeleiter Gottesdiensten
vorstehen, so bekommen sie öfters noch Nachwirkungen davon zu spüren.
Um dem Priestermangel beizukommen, wurden Gemeinden zu Seelsorgeverbänden
zusammengelegt und die jurisdiktionelle Verantwortung einem Priester übertragen,
der somit für mehrere Gemeinden das sakramentale Leben zu gewährleisten
hat. Dieser wird zum «Sakramenten-Kurier», der zum Teil ohne
nähere Beziehungen zu Gemeinde und Gläubigen für die Spendung
der Sakramente zuständig ist. Dies führt zu Überlastungen,
ja Überforderungen. Die Einseitigkeit und Einschränkung des priesterlichen
Dienstes auf eine eng geführte Sakramentenpastoral zeigt sich in Frustration
und Sinnverlust bei Priestern sowie in unbefriedigten Gläubigen, die
zu Recht mehr als nur sakramentale Handlungen erwarten. Auch die Einsetzung
von Diakonen und Gemeindeleitern als «Hilfspriester» kann aufgrund
ihrer eingeschränkten Kompetenzen zu keiner Entspannung der Situation
führen.
Personalprognosen der frühen 70er Jahre sagten der Bistumsleitung den grossen Priestermangel voraus. Daraufhin wurden Wege und Strategien aus dem sich anbahnenden Dilemma gesucht. Zudem interessierten sich immer mehr Laien für ein Theologiestudium sei es unabhängig vom Wunsch, Priester zu werden oder sei es in der Hoffnung, dass die Zulassungsbedingungen zum Priesterberuf geändert würden. Mit der Zeit kamen Frauen hinzu, die sich zu einem kirchlichen Dienst berufen fühlten, und dies nicht nur für ein katechetisches oder erwachsenenbildnerisches Wirken. Immer mehr Bereiche der Gemeindepastoral wurden Laien anvertraut. Die gemachten Erfahrungen waren ermutigend und entsprachen den seelsorgerlichen Anforderungen. So wurde der Beruf des Pastoralassistenten institutionalisiert, und einer dauernden Indienstnahme («Institutio») stand nichts mehr im Wege. Durch die sich zuspitzende personelle Situation wurde in den 80er Jahren der Dienst des Gemeindeleiters eingeführt. Er nimmt die Verantwortung für die Pastoral einer Gemeinde wahr im jurisdiktionellen und liturgischen Bereich allerdings einem Priester (auf dem Papier) untergeordnet, um so dem jeweils nachhinkenden Recht (CIC) Genüge zu tun. Was zunächst als «Notlösung» bezeichnet wurde, scheint inzwischen zur Regel geworden zu sein.<9> Kann man aber bei einer andauernden Situation noch von «Notlösung» sprechen?<10>
Gott offenbart sich im Buch Genesis als Gott der Familien Abrahams, Isaaks
und Jakobs. Im Beziehungsnetz ihrer Familien werden Menschen zu Trägern
von Verheissung und Segen, von Zukunftshoffnung und -gestaltung. Dabei wird
diese Familiengeschichte nicht konfliktlos geschildert, sondern als Weg
mit und durch Spannungen (unter Geschwistern, Ehepartnern und anderen Familien-
bzw. Sippenangehörigen). Zudem geht der Weg durch Erfahrungen von Schuld,
Trennung, Reue und Versöhnung. «In den Familien des Gottesvolkes
findet sich viel Unfertiges, Konflikthaftes und moralisch ÐZweifelhaftesð,
ohne dass es (gerügt oder) zum Negativbeispiel hochstilisiert wird.
Familienleben ist jedenfalls im AT bunt, anfechtbar und von Krisen und Trauer
durchzogen und somit gerade nicht idealistisch überhöht.»<11> Realismus statt Familienidylle.
Auch frühe Christen- und paulinische Missionsgemeinden waren stark
familiär geprägt: Familien stellten ihre Häuser oder Wohnungen
als Treffpunkte zur Verfügung (vgl. Priscilla und Aquila, Nymphas,
Philemon) und bildeten einen wesentlichen und unersetzlichen Baustein der
Gemeindewerdung. Zudem wurde die Familie zu einem Ort der Einübung
in christliche Grundhaltungen und der Verwirklichung gelebten Glaubensalltages
(vgl. christliche Sozialisation). Allerdings werden enge Strukturen und
Horizonte der Familie aufgebrochen: Frauen, Kinder und Sklaven, Angehörige
anderer sozialer, kultureller, religiöser und ethnischer Schichten
und Zugehörigkeiten werden zu Vollmitgliedern der christlichen Gemeinden.
Familiäre Beziehungen werden relativiert (vgl. Mk 3,35 par; Lk 14,26)
und in die weite Dimension der Familie Gottes (vgl. «basileia»-Gedanke)
bzw. in die Beziehung zu Christus überführt (vgl. Gal 3,2728;
1 Kor 1,2631; 12,1213).
Der Dienst an der «basileia» ist die Aufgabe vieler ihren
Charismen entsprechend (vgl. Röm 12; 1 Kor 12; 1 Petr 4,10). Doch alle,
die einen Auftrag in der Kirche übernehmen bzw. übertragen bekommen
und somit im Dienst an der Einheit stehen, sollen mit der Umsetzung des
Christentums in der eigenen Familie beginnen so die familienorientierten
Kriterien an einen Gemeindeleiter/Bischof und Diakone (1 Tim 3,112).
Aufgabenteilung, Übertragung von Verantwortung und Delegation sind
schon im Alten Testament zu erkennen (vgl. Mose und Jethro Ex 18,1326;
Num 11,1617; Dtn 1,915). Statt Rivalität, Neid, gegenseitige
Missgunst und Disqualifikation sollen Ergänzung nach den gegebenen
Möglichkeiten, Solidarität und realistische Selbsteinschätzung
das Arbeitsklima prägen (vgl. 1 Kor 3,111). Eitelkeiten und Egoismen,
Suche nach Ehre und Anerkennung, persönliches Denken in Erfolgs- und
Karrierekategorien, Macht und Einfluss gilt es zu durchschauen denn
nicht alles geschieht zur grösseren Ehre Gottes. Es braucht auch ein
Entsagen, ein Nein-Sagen, ein Sich-Zurückziehen (vgl. Joh 6,15 u.a.),
eine Prioritätensetzung in Zeiten von Enttäuschung oder Überlastung.
Das biblische Verständnis von Arbeit ist davon geprägt, dass Gott
den ganzen Menschen und sein Leben einbindet in die Gottesbeziehung, in
den Dienst an Gott (vgl. Röm 12,12) und seiner «basileia».
Gottes-Dienst geschieht im Alltag des Lebens in Hingabe und Beteiligung
der ganzen Existenz. Die Einheit von Gott-Dienen im Alltag und im Gottesdienst
kommt schon in Jos 24 vor und mündet in die Aussage (v. 15): «Ich
und meine Familie aber sind entschlossen, dem Herrn zu dienen»<12>.
Doch die Arbeit hat vor Gott keinen absoluten Charakter. Gerade das Sabbatgebot
(Dtn 5,14) bzw. die Feier des Auferstehungstages Jesu gilt auch Gemeindeleitern
und bringt befreiende Ruhe, heilsame Unterbrechung des Alltags, wohltuende
Distanzierung und Bereicherung für Familien und Beziehungen selbst
wenn dieser Ruhetag auf einen anderen Wochentag verschoben wird. Letztlich
ist dieser Tag ein Bekenntnis, dass der Mensch nicht nur von eigener Leistung,
sondern von Gottes Güte und Geschenk lebt. Gott ist Anwalt der Schwachen
gegen Machtmissbraucher und Ausbeuter unter den Arbeitgebern auch
in der Kirche (vgl. Mk 2,27; Ex 34,21a; Jes 58,1314), und er liegt
nicht auf der Linie einer Leistungsgesellschaft mit Profit- und Renditedenken.
Seelsorger mit Familie verkünden den Gott Jesu Christi, der sich mit
dem Menschen in Leid und Freude, in Konflikt und Versöhnung, in Schuld
und Vergebung, in Klage und Dank solidarisiert und vereint. Gott dienen
in Beruf und in/mit Familie ist ein Leben in Anfechtung und
braucht immer wieder die erneuerte und positive Entscheidung. Gott lebt
nicht von der Treue der Seelsorger, sondern auch sie und ihre Familie leben
von Gottes Treue und Zuwendung (1 Kor 1,9), von seinem «Zuerst»
(1 Joh 4,10).
Seelsorger mit Familie sind kein Novum unserer Zeit. Wie wir den Pastoralbriefen des Neuen Testaments sowie der frühchristlichen Literatur entnehmen, war sie damals wohl eher die Regel. Da jeder persönliche Lebensstil auch Zeugnis- und Verkündigungscharakter hat, können familiäre Spannungen auch Anstoss erregen. Doch Ost- und Reformationskirchen sehen kein Hindernis zwischen verheirateten Personen (mit Familie) und Amt und blicken auf eine reiche Erfahrung zurück. Sogar die katholische Kirche kennt verheiratete Gemeindeleiter in den Unierten Kirchen, in Notsituationen (vgl. Ostblock-Länder zur Zeit des Kommunismus) sowie bei Konvertiten. Die biblische Botschaft ist nicht gegen verheiratete Amtsträger bzw. Priester. Wenn in der katholischen Tradition die Gemeindeleitung mit dem ordinierten Amtsträger verbunden ist, aus theologischen Gründen Priester nur durch Priester ersetzt werden können und jede Gemeinde ein Recht bzw. eine Verpflichtung auf Eucharistie hat, dann müssen heute angesichts des Priestermangels neue Lösungswege beschritten werden.
Bis vor kurzem waren die Seelsorgestellen und die Suche nach geeigneten Personen primär auf Priester- und Ordensberufe ausgerichtet somit auf zölibatär Lebende und (mit einigen Ausnahmen) auf Männer konzentriert. Wenn nun der Kreis grösser gefasst wird, bleiben die Anforderungen grundsätzlich dieselben, seien sie im menschlichen, sozialen, beruflichen, religiös-spirituellen Bereich. Auch die Motivation weist nicht viele Unterschiede auf. Eine gesunde Berufung baut auf einer gereiften personalen Identität sowie auf der Kongruenz von Fähigkeits- und Zuständigkeitskompetenz auf, wie sie Hermann Stenger ausführlich beschreibt.<13> Er macht hier humanwissenschaftliche Erkenntnisse vor allem aus dem Bereich der Psychologie und Anthropologie für die Pastoral der kirchlichen Dienste und der Eignung fruchtbar.
Ehe und Familie eines Gemeindeleiters sind wie alle anderen. Doch der
kirchliche Beruf schafft einige besondere Voraussetzungen, Erwartungen,
Rollenkonflikte usw., die zu Problemen und Belastungen führen können.
Das Wissen darum kann helfen, geeignete Massnahmen zu ergreifen, um vorzubeugen,
zu sanieren und Chancen zu nutzen!
Belastungen hängen wohl von verschiedenen Tatsachen ab: von den Erwartungen,
der Situation und der Grösse der Gemeinde, von der Grösse der
Familie, von den Ansprüchen des Partners und der Kinder, vom zur Verfügung
stehenden Budget, von den eigenen Qualitätsansprüchen an die pastorale
Arbeit... Auch sind Belastbarkeit und Frustrationstoleranz des Einzelnen
und seiner Familie unterschiedlich.
Der Beruf eines Gemeindeleiters ist komplex: eine breite Palette von
Aufgaben, verschiedene Erwartungen und Ansprüche, unterschiedlichste
Menschen. Oft bestehen divergierende Vorstellungen von Zielen und Wegen
dahin etwa zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer, zwischen Mitarbeitenden
und Gemeindemitgliedern. Hinzu kommt, dass Stellenbeschreibungen und Anforderungsprofile
bis vor kurzer Zeit im kirchlichen Bereich nicht üblich waren, generell
schwer zu quantifizieren sind und somit zu Überlastung und Selbstüberforderung
führen können.
Viele Seelsorger klagen, dass sie nicht genügend Zeit und Möglichkeiten
für die konkrete Pastoral haben. Anderes nimmt sie in Beschlag: Organisation,
Personelles, Konzeptionelles, Administratives, Planung, Koordination, Information,
Legitimation, Rechtfertigungen... Hinzu kommen zermürbende innerkirchliche
Auseinandersetzungen und Probleme. Die Verantwortung für eine Gemeinde
suggeriert zudem, dass der Leiter für alles zuständig sei
auch für Liegengebliebenes. Wenn die Gemeindeleitung zum reinen Management-Posten
verkommt, liegt sie häufig quer zur ursprünglichen Motivation
und zu einer erhofften beruflichen Zufriedenheit. Oft werden die eigenen
Bedürfnisse ignoriert (vgl. Burn-out-Syndrom: körperliche Erschöpfung,
seelische Leere, geistig-kreatives Ausgelaugtsein). Frustrationen im Beruf
und daraus entstehende Aggressionen kann der Seelsorger häufig nicht
gut gegenüber der Gemeinde äussern. Es besteht die Gefahr, diese
in der Familie abzureagieren. Hinzu kommt, dass Vorsätze und Pläne
oft durch die Arbeit (zum Beispiel Notfälle) umgestossen werden und
flexibles und spontanes Reagieren erfordern. Eine Kündigung wird nicht
in Betracht gezogen, wenn bei der spezifisch kirchlichen Ausbildung wenig
Alternativen (hingegen die Probleme einer Arbeitslosigkeit) winken.
Wenn ein Gemeindeleiter mit zu wenig Zuständigkeitskompetenz ausgestattet
wird, kann er in eine Rivalität zum Priester geraten. Ein «Sich-beweisen-Wollen»
(vor allem durch Leistung) führt zu psychologisch ungünstigen
Situationen, verursacht Druck und Stress und macht übersensibel für
Kritik.
Diese verschiedenen beruflichen Belastungen haben Auswirkungen auf das Familienleben.
Die Familie sollte ein hohes Mass an Verständnis für die Situation
des Gemeindeleiters aufbringen und eigene Ansprüche zurücknehmen,
was nicht ohne Beziehungsverlust und damit familiärem Defizit
möglich ist.
Auf hohe Erwartungen hin gilt es, den Rahmen des sinnvoll Erfüllbaren
abzustecken und Grenzen zu setzen zeitlich, räumlich, sachlich.
Dies erfordert eine Akzeptanz von allen Seiten, Konsequenz und Planung.
Neben einem Setzen von Prioritäten müssen die Verantwortlichkeiten
klar und transparent geregelt sein, Charismen sollen in der Gemeinde entdeckt,
gefördert und genutzt werden (einschliesslich Delegieren, Verantwortung
Teilen und Mitentscheiden). Diese Verstärkung der primären Kompetenz
aller Gläubigen, ihre Integration in das Gesamt und ein mitsorgendes
Denken und Handeln aller können zur Entlastung des Seelsorgers und
seiner Familie führen. Zur Abgrenzung gehört die Fähigkeit,
zu Arbeit und Rolle auf Distanz gehen zu können zum Beispiel durch
ein äusseres Abstandnehmen (Ferien, ein Refugium zum Zurückziehen...)
oder andere soziale Beziehungen. Damit die Rolle nicht das Ich bzw. die
Familie besetzt und entfremdet, müssen gewisse Erwartungen zurückgewiesen
werden. Wer berät den Gemeindeleiter im konkreten Alltag?
Der Gemeindeleiter steht im Spannungsfeld verschiedener Ideale: Sind
die eigenen oft hohen Ideale der Wirklichkeit angepasst oder müssen
sie reduziert werden? Auch Ehepartner und Familie haben Ideale, wie es sein
sollte; hinzu kommen jene der Vertreter der Kirche (zum Beispiel von der
Kirchenleitung, von Kirchen- oder Pfarrgemeinderäten). Gerade das paulinische
Ideal «allen alles werden» suggeriert eine grenzenlose Verfügbarkeit
und Hingabe und bewirkt eine Überforderung. Auch wenn solche Ideale
(rational) abgelehnt werden, versuchen doch viele Seelsorger eine grösstmögliche
Hingabe (möglichst umfassend und unbefristet) und wollen möglichst
vielen Menschen zur Verfügung stehen... Neben den oft idealisierten
Erwartungen an eine Person im kirchlichen Dienst vgl. den Archetypus
«Priester» kommen zusätzliche Wünsche an Seelsorger
mit Familie. So sollte der Gemeindeleiter der in seinen Predigten
immer auch Normen, Ideale, Werte und Richtlinien verkündet ein
vorbildlicher Ehepartner und Erzieher seiner Kinder sein; er sollte demütig
und kritisch hinterfragend, geduldig und initiativ, ein kräftiger Kontrapunkt
zur Leistungs- und Konsumgesellschaft sein; einer, der die christliche Ethik
in die Tat umsetzt... Ein Leben als Projektionswand anderer?
Ideale haben oft die verhängnisvolle Wirkung, dass sie sich verselbständigen,
ihre kreative und motivierende Kraft verlieren und zu einer Ideologie verkommen
und abschrecken. Daher ist es wichtig, die Theologie und Pastoral von Ehe
und Familie in den Alltag und auf einen biblisch-realistischen Boden zu
stellen. Die Familie eines Gemeindeleiters ist kein Reservat einer heilen
Welt. Auch Priesterideale sind zu relativieren durch Aussagen zum gemeinsamen
Priestertum. Dadurch wird die magische Überhöhung einem funktionalen
Amt Platz machen. Schöne, aber unerreichbare Ideale die Projektionen
entsprechen und mit moralisierenden Forderungen verbunden sind führen
zu Enttäuschungen, werden als irrelevant für den Alltag erkannt
und verkehren sich häufig ins Gegenteil. Dann werden der Kirche die
Kompetenz und Glaubwürdigkeit auch in anderen Fragen aberkannt. Projektionen
sowie Perfektions- und Allmachtsphantasien müssen durchschaut und aufgegeben
werden.
Der Beruf mit seinen Anforderungen und der Beziehungsarbeit beansprucht
den Gemeindeleiter ganz. Den Gemeindemitgliedern ist wichtig, dass sie eine
Bezugsperson für die verschiedenen Bedürfnisse, Fragen und Nöte
haben. So wird er wesentlich durch die Fähigkeit zu persönlichen
Beziehungen definiert, die in Kommunikation und Leitungsfunktionen gebraucht
wird. Besteht bei so viel benötigter «Beziehungsenergie»
ein psychohygienischer Ausgleich? Kann er in der Freizeit «loslassen»,
sich regenerieren? Ist ein kommunikativ ausgelaugter Seelsorger noch genügend
gesprächs- und auseinandersetzungsfähig für die Familie?
Frau und Kinder erwarten, dass er nicht nur für andere da ist, sondern
zuerst für sie. Doch bemerken sie etwa enttäuscht, dass er wohl
körperlich präsent ist, aber (noch) nicht geistig und seelisch.
Die Ehefrau erwartet nach Feierabend vielleicht Austausch und gegenseitige
Anteilnahme. Der Mann hingegen möchte abschalten, nicht mehr erzählen,
sondern Ruhe oder Ablenkung finden. Die Kinder wollen mit dem Vater spielen,
während dieser in Gedanken schon bei der abendlichen Sitzung ist. Gemeindeleiter
haben öfters die Tendenz, den Ansprüchen und Verpflichtungen der
Gemeinde eher gerecht zu werden als denen von Ehefrau und Kindern und erwarten
von diesen einseitig mehr Verständnis und Rücksicht. Andauernde
gegensätzliche, unerfüllte Erwartungen führen zu Enttäuschungen
und Vorwürfen. Die Familie fühlt sich vernachlässigt, allein
gelassen und als Nebensache es entstehen zum Beispiel Ärger und
Neid. Der Mann hingegen fühlt sich unverstanden. Es kann zu einem Konkurrenzkampf
um Zeit und Zuwendung zwischen Beruf und Familie kommen. Auf dieser Ebene
des Konfliktes kann es nur Verlierer geben. Die (Grund-)Bedürfnisse
der einzelnen Familienmitglieder zu eruieren und zu befriedigen ist ein
anspruchsvoller Weg, der häufig einer Gratwanderung gleicht: Wie viel
jeder Seite zugestehen?
Die existentielle Betroffenheit und Nähe zu den Alltagsproblemen anderer
Familien, die eigene Erfahrung von Höhen und Tiefen, Freuden und Leiden
gibt einem Gemeindeleiter die Möglichkeit, Anteil zu geben und zu nehmen.
Dies kann Verbundenheit und Vertrautheit, Verständnis und Solidarität
wecken. Kontakte über Kinder und Ehefrau schaffen Beziehung und Nähe,
so dass die Hemmschwelle niedriger sein mag, mit Alltagsproblemen zum Gemeindeleiter
zu kommen. Die Wahrnehmung der Leute er und seine Familie haben die
gleichen Probleme fördert die Glaubwürdigkeit. Gemeinsame
Erfahrungen erweisen sich als Chance für die Pastoral.
Lebendige Beziehungen brauchen Frei-Räume, Frei-Zeiten. Wenn Abende
und Wochenenden regelmässig ausgebucht sind und untertags kaum Möglichkeiten
der Begegnung bestehen, braucht es neue Lösungen. Zeit muss erkämpft
und eingeplant werden. Nur schon der Informationsfluss über das Tages-
bzw. Wochenprogramm kann ins Stocken geraten, wenn er keinen festen Ort
im Tages- bzw. Wochenplan findet. In der Termin- und Zeitplanung des Gemeindeleiters
besteht die Gefahr, dass Frau und Kinder erst am Schluss eingeplant oder
durch «Wichtiges» verdrängt werden. Ist (auf Druck der
Familie) freie Zeit vereinbart, so steht diese oft unter dem Diktat der
«Effizienz» (d.h. diese kostbare Zeit muss gut genutzt werden),
was auf Kosten einer entspannten Atmosphäre und eines fruchtbaren Miteinanders
gehen kann. Gesprächszeiten werden zu einem verkrampften Abhandeln
anstehender Fragen und Probleme; Spiele werden zu Pflichtübungen; die
Freizeit wird zugunsten eines guten Gewissens pflichtbewusst gefüllt.
Der Gemeindeleiter erwartet gewöhnlich, dass er in der Familie und
in der ehelichen Beziehung Kraft schöpfen und auftanken kann, was er
an Energie wieder für die Pastoral braucht. Wenn er selber jedoch nichts
in die Familie einbringt, ist das Gleichgewicht gestört. In der Moderne
sind die Erwartungen an den Privatbereich der (Klein-)Familie enorm gestiegen.
Zudem beansprucht die Ehefrau gewisse Freiräume für sich, um Fähigkeiten
zu entfalten, Bedürfnisse zu befriedigen und Bestätigung zu finden.
Familienarbeit ist hauptsächlich unbezahlte Arbeit mit wenig Anerkennung.
Dagegen vermittelt Erwerbsarbeit ein anderes Prestige- und Machtpotential
(vgl. Abhängigkeit) und beeinflusst indirekt Erziehungsziele, Wohnsituation
und Freizeitgestaltung einer Familie. Daher ist eine partnerschaftliche
Arbeits- und Aufgabenteilung zu treffen. Erziehungs- und Hausarbeit müssen
miteinander geklärt und konkretisiert werden. Dialog gehört zu
jedem Familienleben etwa um Wünsche, Erwartungen und Bedürfnisse
zu klären; so kann personal-ganzheitliche und partnerschaftliche Kommunikationsfähigkeit
im Alltag eingeübt werden. Eine (noch) stark patriarchal-hierarchisch
geprägte Kirche kann von partnerschaftlichen Lösungsmodellen lernen.
Ehepartner und Kinder sollen Kirche positiv erfahren können ohne
Rivalitätsdruck. Die Kinder sollen eine gesunde religiöse und
kirchliche Sozialisation erfahren was möglich ist, wenn neben
einer fast selbstverständlichen Erfahrung kirchlichen Gemeinschaftslebens
und positiver Identifikation auch Freiheit und selbständige Entscheidungskompetenz
erlernt werden bzw. gewährleistet bleiben.
Die Familie profitiert manchmal von den vielfältigen beruflichen Kontakten,
doch leidet sie, wenn sich der Gemeindeleiter nicht aus diesem Beziehungsgeflecht
und einer permanenten Verfügbarkeit lösen kann. So gehören
zum Beispiel viele berufliche Probleme nicht an den Mittagstisch oder in
den Gedankenaustausch der Ehepartner. Die Familie hat ein Recht auf Privatsphäre.
Gemeinde und Kirchenleitung dürfen sich nicht ins Ehe- und Familienleben
der Seelsorger einmischen.
Seelsorge mit Familie in den Katholischen
Ostkirchen gilt dies auch für Priester
Pfarrer Antoine Butrus, Pfarrer von Shahba (Syrien), mit einem Teil seiner
Familie (Foto Paul Egger).

Ehepartner sind direkt oder indirekt vom kirchlichen Beruf ihres Lebensgefährten
betroffen. Ob in Einsetzungsfeiern das öffentliche Einverständnis
des Ehepartners eingefordert werden muss, ist allerdings fraglich. Die Rolle
der Ehefrau eines Gemeindeleiters ist weitgehend ungeklärt. Es ist
ein neues Erfahrungsgebiet der katholischen Kirche und somit anfällig
für Spannungen und Konflikte. Eine solche Pionierrolle ist undankbar,
wenn wenig Unterstützungssysteme und Solidarität zu finden sind.
Doch positive Erfahrungen der Gemeinde mit Ehefrau und Familie schaffen
Nähe und tragen zur Akzeptanz dieses kirchlichen Berufs bei. Da die
Ehefrau vieles vom Gemeindeleben mitbekommt, kann sie sich daran aufgrund
ihrer emotionalen und sachlichen Distanz und ihrer anderen (fraulichen)
Perspektive durch Rat und (unterstützende oder initierende) Tat
beteiligen. Im wohlwollenden Relativieren, Ausgleichen und Kritisieren leistet
sie einen wertvollen Beitrag, der entsprechend gewürdigt werden soll.
Öfters wird die Ehefrau in die Ehrenamtlichen- und Freiwilligentätigkeit
der Gemeinde eingebunden bzw. angefragt. Wie Erfahrungen der Pfarrfrauen
in den Schwester-Kirchen zeigen, muss sich auch die nicht angestellte Person
abgrenzen und Nein sagen können. Wenn die Ehefrau Aufgaben im Pfarrhaus
oder dessen Umfeld übernimmt, gilt zu beachten, dass sie keine Gratiskraft,
Medium für Mitteilungen oder inoffizielle Stellvertretung ist, die
zudem wenig Bestätigung und Dank benötigt. Vielmehr ist wichtig,
dass zum Beispiel auch mit ihr ein Arbeitsvertrag (etwa betreffend Telefon-
und Türdienst, Garten, Gästebewirtung...) abgeschlossen wird
was eine Anerkennung und Wertschätzung des Arbeitgebers ausdrückt
(und dass nicht einfach der Spesenbetrag des Gemeindeleiters erhöht
wird). Da sich im Laufe der Zeit die Ehepartner verändern, sich individuell
und als Paar weiterentwickeln, fordert das gewöhnlich die Beziehung
heraus. Gemeinsam müssen sie Wege suchen, das Beziehungsgefüge
auf neue Fundamente stellen, zum Beispiel durch Abmachungen, neues Definieren
von Distanz und Nähe. Beide brauchen die Bereitschaft, Veränderungen
zu akzeptieren und die gemeinsame Zukunft weiterzuplanen.
Meistens wohnt der Gemeindeleiter mit seiner Familie im Pfarrhaus. Trotz
vieler Kontakte und eines dauernden Ein- und Ausgehens bedeutet das Wohnen
im Pfarrhaus eine Isolierung, die sich auf Beziehungen und Lebensbereiche
auswirkt. So stellen sich rund um die Wohnsituation viele Fragen: Soll eine
Familie im Pfarrhaus wohnen? Ist es dazu geeignet bzw. umgebaut? Wie kann
die grundsätzlich positive Funktion eines Pfarrhauses lebbar gemacht
werden? Haben die Kinder Kontakt- und Spielmöglichkeiten in der unmittelbaren
Umgebung? Kann sich die Familie in einem «öffentlichen»
Haus wohl fühlen oder muss sie (über-)angepasst leben? Ein ständiges
Ausgestelltsein verhindert Normalität und ist ein Stress- und Konfliktfaktor.
Besonders Kinder empfinden dies stark kämpfen sie doch daneben
gegen das negative Image der Kirche und moralische Prämissen, die ihnen
von anderen Kindern vorgehalten werden. Kann das Pfarrhaus ein Rückzugsgebiet
zur Erholung sein? Besteht eine Trennung vom Pfarrbüro? Wird die Privatsphäre
von der Bevölkerung und von den im Pfarrhaus oder -team Mitarbeitenden
akzeptiert und eingehalten? Oder muss die Familie in der Freizeit oder in
den Ferien aus dem Pfarrhaus «fliehen» und über eine Zweitwohnung
verfügen, um ungestört Familie sein zu können? Ermöglicht
dies das Gehalt des Gemeindeleiters, oder muss die Ehepartnerin dazuverdienen?
Was hilft, positiv Grenzen zu setzen?
Ein Wohnortswechsel führt immer zu Verlusten von Wurzeln und Heimat,
die durch Geborgenheit und Verlässlichkeit in der ehelichen und familiären
Beziehung wettgemacht werden sollen. Verbunden mit dem beruflichen Neuanfang
(so müssen zum Beispiel Wertschätzung, Autorität und Vertrauenswürdigkeit
in dieser Zeit erarbeitet werden) kann dies zu Problemen führen. Das
Aufbauen eines tragenden sozialen Netzes dauert mehrere Jahre und die Integration
in die neue Gemeinde ist ohne selbstverständliche Kontakte
für Frau und Kinder schwieriger. Ein gutes Beziehungsnetz ausserhalb
von Beruf und Gemeinde (Freundeskreis, Berufskollegen, «Pfarrfrauenkreis»,
Gelegenheit zu Supervision, Menschen mit gleichen Hobbies...) ist für
eine Distanzierung und für eine unverstellte (objektivere) Sicht wichtig.
Bei Mangel an Bezugspersonen kann die Ehefrau nicht den ganzen privaten
Bereich an Beziehung ausfüllen. Eine Schwierigkeit besteht darin, dass
normale freie Zeiten (wie Wochenende oder Feiertage) durch Arbeit besetzt
sind. Freie Tage während der Woche können hingegen von anderen
für Begegnungen oft nicht wahrgenommen werden. Zu beachten ist, dass
genügend befruchtende und unbefangene Zusammenkünfte eingeplant
werden.
Nichts bleibt, wie es ist... oder nach einer Aussage des Göttinger Philosophen Georg Christoph Lichtenberg (17421799): «Ich weiss nicht, ob es besser wird, wenn es anders wird. Ich weiss nur, dass es anders werden muss, wenn es besser werden soll.»<14>
Aus der Kirchengeschichte, aus den Erfahrungen anderer Institutionen
und vieler, die im kirchlichen Dienst stehen, sowie aus den veränderten
Verhältnissen und Bedürfnissen wird ersichtlich, dass Strukturen
und Ämter dringend einer Reform bedürfen. Strukturen und Ämter
sind notwendig doch welche?<15>
Die Verknüpfung von Zölibat, Geschlecht und Amt wird fallen. Allerdings
ist es eine Frage der Zeit und des Leidensdruckes, wie lange dies noch dauern
wird. Bei weiterem unentschlossenem Zuwarten erleidet nicht bloss das Image
der Kirche weiteren Schaden und das sakramentale Leben verfällt, sondern
viele Menschen suchen die Antworten auf ihre religiösen Fragen nicht
mehr in der katholischen Kirche.
Doch wird es nicht genügen, die Zulassungsbedingungen zu den Ämtern
zu ändern. Darüber hinaus wird das Suchen und Finden von funktional
geeigneten Formen und Gefässen ein schmerzhafter, unumgänglicher
Prozess der Auseinandersetzung sein, wenn die Vision von der «permanenten
Ekklesiogenese» lebendig bleiben soll. «Wenn auf allen Seiten
ernst genommen wird, dass Christen in erster Linie nicht Träger einer
kirchlichen Rolle, sondern von Gott in den Neuen Bund Berufene sind, dann
kann die gemeinsame Veränderungsarbeit Ðan funktionalen Strukturenð
beginnen.»<16>
Verheiratete im kirchlichen Dienst schaffen auch neue Probleme: Ehescheidungen.
Die makellose Kirche gibt es nicht, weder bei Zölibatären noch
bei Eheleuten, weder bei Gläubigen noch bei Amtsträgern. Die Frage
ist nur: Wie gehen Kirchenleitung und Gemeinden damit um? Primär wird
man die Ehescheidung als Tatsache ernst nehmen müssen.
Diese Probleme kann man weder eliminieren, noch ihnen gleichgültig
gegenüberstehen. Wohl können vorsorgliche Massnahmen getroffen
werden: in Aus- und Weiterbildung sowie in der Begleitung von Verheirateten
wie Alleinstehenden. Bisher wurde diese Frage von offizieller Seite nicht
befriedigend und klärend angepackt. Aber auch die Gemeindemitglieder
können in entsprechenden Situationen Hilfe anbieten durch einfühlendes
Interesse, Nachfragen und Unterstützen. Dies ist möglich, wenn
die Amtsträger als normale und gleichwertige, aber mit einer besonderen
Aufgabe betraute Mitchristen gesehen werden.
Gewöhnlich wäre es sinnvoll, bewährte und erfahrene Seelsorger
nach einer Trennung oder Scheidung möglicherweise nach einer
Zeit der Besinnung und Neuorientierung weiterhin mit kirchlichen Aufgaben
zu betrauen, sei es im gleichen oder in einem anderen Dienst.
Teilzeitarbeit ist im Bereich der Katechese schon länger möglich,
wird aber auch in anderen kirchlichen Aufgabenbereichen schon wahrgenommen.
Gemeindeleitung im Nebenamt besonders für kleine Gemeinden
ist mit klaren Abgrenzungen eine sinnvolle Perspektive.
Das Modell des Jobsharing eignet sich für verheiratete Gemeindeleiter
sei es als Jobpairing, im gemeinsamen Planen und Realisieren eines
Arbeitsauftrages, oder als Jobsplitting, wo jede Person allein für
einen definierten Teil des Arbeitsauftrages zuständig ist. Erste Erfahrungen
wurden mit zum Teil gutem Erfolg gemacht. Bei kirchlicher Berufstätigkeit
beider Partner zeigen sich die üblichen Vor- und Nachteile. Alle Modelle
benötigen klare Absprachen und Abgrenzungen. Hauptschwierigkeit bleibt,
den Arbeitsbereich vom Ehe- und Familienleben zu trennen.
Der schöne, vielseitige und dankbare Beruf des Gemeindeleiters und damit Seelsorge mit Familie steckt noch in den Kinderschuhen. Es kann nicht erwartet werden, dass schon alles einwandfrei läuft. Dieser Artikel soll zur Klärung des Berufsbildes beitragen, die Problemfelder einer Analyse zuführen und zu Lösungs- und Handlungsschritten animieren. Um aus Fehlern zu lernen, soll darüber diskutiert werden. Die Auseinandersetzung mit der Realität soll Kräfte wecken, um Positives zu entwickeln. So wurde zum Beispiel in vielen Gemeinden mit verheirateten Seelsorgern die Familien- und Elternarbeit intensiviert.
Zusammenfassend noch einmal einige Akzente und Konsequenzen:
Bruno Strassmann-Schanes promovierte in Innsbruck mit einer Arbeit über Theodor Bovet, den Pionier der Eheberatung in der Schweiz, und ist seit 1995 Leiter der Pfarrei Bruder Klaus in Kriens (LU).
1 In gekürzter Form erschienen in: Franz Weber u.a. (Hrsg.), Im Glauben Mensch werden. Impulse für eine Pastoral, die zur Welt kommt, (Festschrift für Hermann Stenger zum 80. Geburtstag, in der Reihe Tübinger Perspektiven zur Pastoraltheologie und Religionspädagogik, 7), Münster 2000, 187198.
2 Da aus der Sicht eines Mannes geschrieben wird, werden im Text allein die männlichen Bezeichnungen verwendet. Interessant wäre, welche Akzente eine Gemeindeleiterin setzen würde!
3 Vgl. Hermann Stenger, Eignung für die Berufe der Kirche. Klärung Beratung Begleitung, Freiburg i.Br. 1988, bes. 3165.
4 Im Folgenden wird allein auf die Situation und Problematik der deutschsprachigen Länder eingegangen wenn auch manche Probleme und Lösungsansätze in anderen Regionen und Kontinenten ähnlich sind oder scheinen.
5 Die Unterscheidung KlerusLaien ist heute problematisch: Vom Laien wird in der Umgangssprache (FachmannLaie) diskriminierend gesprochen; in der kirchlichen Verwendung wird eine Zwei-Stände-Gesellschaft zementiert, die das gemeinsame Priestertum aller sowie die Mitbestimmung und Mitverantwortung zugunsten einer hierarchisch-monarchischen Leitung zu wenig ernst nimmt; vgl. dazu etwa Martin Klöckener/Klemens Richter (Hrsg.), Wie weit trägt das gemeinsame Priestertum? Liturgischer Leitungsdienst zwischen Ordination und Beauftragung, (Quaestiones Disputatae, 171), Freiburg i.Br. 1998.
6 Der Einfachheit halber wird im Folgenden anstelle des territorial geprägten Begriffs «Pfarrei» vom latent missverständlichen Begriff «Gemeinde» gesprochen (in der Schweiz, aber auch in Österreich und Deutschland versteht man darunter die staatlichen Organe eines Kommunalwesens, zum Beispiel eines Dorfes).
7 Die theologischen Gründe für eine Ausschliessung der Frau von geweihten Ämtern seien nicht haltbar, so der Kanonist Adrian Loretan mit Hinweis auf Can. 208 und LG 32: Frauen und Verheiratete in kirchlichen Ämtern, in: Schweizerische Kirchenzeitung 167 (1999) 449454.
8 Vatikanstadt 1997 bzw. in: Schweizerische Kirchenzeitung 165 (1997) 761770.
9 Per 1.1.2001 waren von den 530 Pfarreien des Bistums Basel 245 mit einem Pfarrer oder Pfarradministrator besetzt, 148 durch einen Gemeindeleiter oder eine Gemeindeleiterin.
10 Vgl. Kurt Koch, Laien im Dienst der Gemeindeleitung und Sakramentenspendung und das theologische Dauerproblem des kirchlichen Amtes, in: Alois Schifferle (Hrsg.), Pfarrei in der Postmoderne? Gemeindebildung in nachchristlicher Zeit, Freiburg i.Br. 1997, 191206.
11 Hellmut Behringer, «Ich und mein Haus, wir wollen dem Herrn dienen». Hauptamtliche zwischen Dienst und Familie in biblisch-theologischer Sicht, in: Deutsches Pfarrerblatt 93 (1993) 484487, hier 486.
12 «Später treten ÐGott dienenð im Alltag des Lebens und kultischer ÐGottesdienstð als eigentlich zusammengehörige Dinge auseinander» (Behringer, 484).
13 Siehe Anm. 3.
14 Zitiert nach: Nachrichten der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern 49 (1994) 421.
15 Vgl. Walter Kirchschläger, Bleibendes und Veränderbares in der Kirche. Ein biblischer Beitrag zur Systemanalyse, in: Pfarrei in der Postmoderne (siehe Anm. 10), 129139.
16 Hermann Stenger (siehe Anm. 3) 37 bzw. 121.