10/2002

INHALT

Kirchliche Berufe

Seelsorge mit Familie

von Bruno Strassmann-Schanes

 

Verheiratete Männer und Frauen im Seelsorgedienst sind alltäglich geworden. Doch in diesem Alltag stehen sie mit ihrer Familie im Spannungsfeld zwischen den Ansprüchen von Ich, Ehe, Familie, Gemeinde und Kirchenleitung. Gerade Gemeindeleiter und Gemeindeleiterinnen sind auf der Suche nach Klärung ihrer beruflichen Identität, nach einem klaren Berufsbild. Probleme werden sichtbar in der Abgrenzung zu Priestern oder neuerdings auch zu Bezugspersonen ohne gründliche theologische Ausbildung, die kleine Gemeinden leiten. Zudem kann die katholische Kirche auf keine neuere Tradition und Erfahrung verheirateter Gemeindeleiter und Gemeindeleiterinnen zurückblicken; evangelisch-reformierte Erfahrungen wurden bisher kaum rezipiert. Dieser Beitrag<1> beschränkt sich auf Gemeindeleiter<2> mit Familie; wenn auch viele Parallelen zu anderen seelsorglichen Diensten ­ besonders zu dem des Pfarrers ­ sichtbar werden.
Häufig erfahren sich Gemeindeleiter im Spannungsbogen zwischen Ermächtigung und Ohnmacht. Unter Ermächtigung wird hier die verantwortliche Wahrnehmung der Kompetenzen verstanden, die angeboren, erworben oder verliehen sind. Ohnmacht wird erfahren gegenüber Hindernissen und Erschwernissen, die nicht sein müssten und viel Energie kosten (Grenzen, die das Leben mit sich bringt, sind schon Herausforderung genug). In diesem Umfeld ist die Unterscheidung Hermann Stengers in Fähigkeits- und Zuständigkeitskompetenz klärend hilfreich.<3> Gerade jene Konstellation ist häufig, dass Seelsorger mit genügend Fähigkeitskompetenz, aber ungenügender Zuständigkeitskompetenz ausgestattet sind.

1. Zur Situation

1.1. Zur gesellschaftlichen Situation der Familie

In den letzten Jahrzehnten waren Ehe und Familie<4> grossen Wandlungsprozessen unterworfen. Zahlreiche Ehen werden geschieden. Die klassische Familie mit Vater, Mutter, Kind ist nicht mehr selbstverständlich; so gibt es neue Familienformen: Ein-Eltern-Familien, Patchworkfamilien, Familien mit gleichgeschlechtlichen Paaren... Die Gleichstellung von Mann und Frau wurde stark gefördert. Ein Ziel der Gleichstellungspolitik ist es, partnerschaftliches Verhalten sowohl im Erwerbsleben (Familienfinanzierung) wie in der Familie (Familienorganisation) zu verwirklichen. Die Rahmenbedingungen werden verbessert, damit sich Beruf und Familie für möglichst viele Familien ohne massive Nachteile vereinbaren lassen. Neue Arbeitszeitmodelle eröffnen verschiedene Möglichkeiten. Viele Frauen mit Kindern wollen eine Teilzeitstelle ausserhäuslicher Arbeit. Noch ist die Berufswelt gewöhnlich auf Vollzeitstellen eingerichtet, und die beruflichen Karrieremuster orientieren sich weithin an ununterbrochenen Erwerbsbiografien, und ein Wiedereinstieg nach 10 bis 15 Jahren «Familienzeit» ist aufgrund der schnellen gesellschaftlichen und technischen Veränderung und Weiterentwicklung schwierig geworden. Haus- und Erziehungsarbeit sollen zwischen Frau und Mann geteilt oder durch Dritte übernommen werden. Die Doppelbelastung stellt hohe Ansprüche an die Partnerschaft. Vorteile sind die finanzielle Eigenständigkeit beider und genügend Raum für die berufliche Entwicklung. Probleme ergeben sich besonders dort, wo Arbeitszeiten unregelmässig sind oder sich überschneiden.
Dies alles betrifft auch kirchliche Mitarbeitende. Generell stellt sich die Frage: Können ein lebendiges Familienleben und eine erfüllende berufliche Tätigkeit kombiniert werden? Wie steht es mit ungeeigneten Strukturen und geschlechtsspezifischen Vorurteilen?

1.2. Zur kirchlichen Situation

Das Zweite Vatikanische Konzil hat den Laien<5> wieder als Subjekt der Gemeindebildung entdeckt. Im Anschluss daran wurden ihnen vermehrt Verantwortung, Aufgaben und Kompetenzen zugesprochen. Das gemeinsame (oder allgemeine) Priestertum aller Gläubigen wurde wieder in den Mittelpunkt gerückt und der Klerikalismus zurückgenommen. Die «Jungfräulichkeit um des Himmelreiches willen» wurde nicht mehr kategorisch über die Ehe gestellt. Die einseitige Sicht der Sexualität im Sinne des «bonum prolis» wurde korrigiert und in ihr ein eigenständiger bzw. für die Partnerschaft wichtiger Wert wahrgenommen. Die Familie als Urzelle des Glaubens wurde als «ecclesiola» zum Teil idealisiert.
In den letzten Jahrzehnten machte sich ein massiver Priestermangel bemerkbar ­ auf dessen Gründe hier nicht näher eingegangen wird. Um das kirchliche und sakramentale Leben der Gemeinden<6> einigermassen aufrecht zu erhalten, mussten immer mehr Aufgaben Laien übertragen werden. Daraus entwickelten sich neue kirchliche Berufe: Seelsorgehelfer, Gemeindereferenten, Pastoralassistenten, -referenten, Gemeindeleiter.
Die Beauftragungen von Laien führte zur verstärkten Diskussion um die Ämterfrage. Hinzu kam die Forderung nach der Gleichstellung der Geschlechter, der sich die Kirche als Teil der Gesellschaft stellen müsse, wenn ihre christliche Botschaft nicht pervertiert werden soll.<7> Mit der «Instruktion über die Mitarbeit der Laien am Dienst der Priester»<8> wurde von der Kirchenleitung versucht, die Kompetenzen klar zu regeln und den sakramentalen Ordo vor der «Verdunstung» zu retten. In der Folge wurde zu Recht darauf hingewiesen, dass kirchenamtliche Verlautbarungen zu wenig Rücksicht auf die konkreten Verhältnisse der Ortskirchen nehmen, und dass an Strukturen festgehalten wird, die nicht göttlichen Rechtes sind. Durch dieses Vorgehen fühlen sich Seelsorger und Gläubige im Stich gelassen.
Neben der Ämter- und Strukturenfrage spielen weitere Problembereiche eine Rolle, die von der Kirche nie konsequent angegangen und gelöst wurden: Macht und Sexualität.
In der römisch-katholischen Kirche war das Amt eines Gemeindeleiters spätestens seit der Konstantinischen Wende an das männliche Geschlecht und an die Priesterweihe gebunden und seit dem Mittelalter (in der Praxis vor allem seit dem Konzil von Trient) zudem an den Zölibat. Eingefügt in den Stand der Kleriker hatten sie teil an der Hierarchie und damit an der entsprechenden Macht (vgl. Zuständigkeitskompetenz). Die Kirchengeschichte zeigt, dass die Eignung für das Amt häufig anderen Faktoren ­ wie der Machterhaltung ­ untergeordnet war.
Seit dem Eindringen gnostischer Strömungen in die christliche Lehre und der theologischen Untermauerung (besonders durch Augustinus) hielten eine Leibfeindlichkeit und Instrumentalisierung der Sexualität Einzug ins Christentum. In der Folge wurde die «Jungfräulichkeit» der (ehelichen) Partnerschaft und Liebe übergeordnet, zudem kamen kultische Reinheitsideale erneut auf. Wenn nun heute verheiratete Gemeindeleiter Gottesdiensten vorstehen, so bekommen sie öfters noch Nachwirkungen davon zu spüren.
Um dem Priestermangel beizukommen, wurden Gemeinden zu Seelsorgeverbänden zusammengelegt und die jurisdiktionelle Verantwortung einem Priester übertragen, der somit für mehrere Gemeinden das sakramentale Leben zu gewährleisten hat. Dieser wird zum «Sakramenten-Kurier», der zum Teil ohne nähere Beziehungen zu Gemeinde und Gläubigen für die Spendung der Sakramente zuständig ist. Dies führt zu Überlastungen, ja Überforderungen. Die Einseitigkeit und Einschränkung des priesterlichen Dienstes auf eine eng geführte Sakramentenpastoral zeigt sich in Frustration und Sinnverlust bei Priestern sowie in unbefriedigten Gläubigen, die zu Recht mehr als nur sakramentale Handlungen erwarten. Auch die Einsetzung von Diakonen und Gemeindeleitern als «Hilfspriester» kann aufgrund ihrer eingeschränkten Kompetenzen zu keiner Entspannung der Situation führen.

1.3. Zur Situation im Bistum Basel

Personalprognosen der frühen 70er Jahre sagten der Bistumsleitung den grossen Priestermangel voraus. Daraufhin wurden Wege und Strategien aus dem sich anbahnenden Dilemma gesucht. Zudem interessierten sich immer mehr Laien für ein Theologiestudium ­ sei es unabhängig vom Wunsch, Priester zu werden oder sei es in der Hoffnung, dass die Zulassungsbedingungen zum Priesterberuf geändert würden. Mit der Zeit kamen Frauen hinzu, die sich zu einem kirchlichen Dienst berufen fühlten, und dies nicht nur für ein katechetisches oder erwachsenenbildnerisches Wirken. Immer mehr Bereiche der Gemeindepastoral wurden Laien anvertraut. Die gemachten Erfahrungen waren ermutigend und entsprachen den seelsorgerlichen Anforderungen. So wurde der Beruf des Pastoralassistenten institutionalisiert, und einer dauernden Indienstnahme («Institutio») stand nichts mehr im Wege. Durch die sich zuspitzende personelle Situation wurde in den 80er Jahren der Dienst des Gemeindeleiters eingeführt. Er nimmt die Verantwortung für die Pastoral einer Gemeinde wahr ­ im jurisdiktionellen und liturgischen Bereich allerdings einem Priester (auf dem Papier) untergeordnet, um so dem jeweils nachhinkenden Recht (CIC) Genüge zu tun. Was zunächst als «Notlösung» bezeichnet wurde, scheint inzwischen zur Regel geworden zu sein.<9> Kann man aber bei einer andauernden Situation noch von «Notlösung» sprechen?<10>

2. Rückbesinnung

2.1. Zur biblischen Botschaft

Gott offenbart sich im Buch Genesis als Gott der Familien Abrahams, Isaaks und Jakobs. Im Beziehungsnetz ihrer Familien werden Menschen zu Trägern von Verheissung und Segen, von Zukunftshoffnung und -gestaltung. Dabei wird diese Familiengeschichte nicht konfliktlos geschildert, sondern als Weg mit und durch Spannungen (unter Geschwistern, Ehepartnern und anderen Familien- bzw. Sippenangehörigen). Zudem geht der Weg durch Erfahrungen von Schuld, Trennung, Reue und Versöhnung. «In den Familien des Gottesvolkes findet sich viel Unfertiges, Konflikthaftes und moralisch ÐZweifelhaftesð, ohne dass es (gerügt oder) zum Negativbeispiel hochstilisiert wird. Familienleben ist jedenfalls im AT bunt, anfechtbar und von Krisen und Trauer durchzogen und somit gerade nicht idealistisch überhöht.»<11> Realismus statt Familienidylle.
Auch frühe Christen- und paulinische Missionsgemeinden waren stark familiär geprägt: Familien stellten ihre Häuser oder Wohnungen als Treffpunkte zur Verfügung (vgl. Priscilla und Aquila, Nymphas, Philemon) und bildeten einen wesentlichen und unersetzlichen Baustein der Gemeindewerdung. Zudem wurde die Familie zu einem Ort der Einübung in christliche Grundhaltungen und der Verwirklichung gelebten Glaubensalltages (vgl. christliche Sozialisation). Allerdings werden enge Strukturen und Horizonte der Familie aufgebrochen: Frauen, Kinder und Sklaven, Angehörige anderer sozialer, kultureller, religiöser und ethnischer Schichten und Zugehörigkeiten werden zu Vollmitgliedern der christlichen Gemeinden. Familiäre Beziehungen werden relativiert (vgl. Mk 3,35 par; Lk 14,26) und in die weite Dimension der Familie Gottes (vgl. «basileia»-Gedanke) bzw. in die Beziehung zu Christus überführt (vgl. Gal 3,27­28; 1 Kor 1,26­31; 12,12­13).
Der Dienst an der «basileia» ist die Aufgabe vieler ­ ihren Charismen entsprechend (vgl. Röm 12; 1 Kor 12; 1 Petr 4,10). Doch alle, die einen Auftrag in der Kirche übernehmen bzw. übertragen bekommen und somit im Dienst an der Einheit stehen, sollen mit der Umsetzung des Christentums in der eigenen Familie beginnen ­ so die familienorientierten Kriterien an einen Gemeindeleiter/Bischof und Diakone (1 Tim 3,1­12).
Aufgabenteilung, Übertragung von Verantwortung und Delegation sind schon im Alten Testament zu erkennen (vgl. Mose und Jethro Ex 18,13­26; Num 11,16­17; Dtn 1,9­15). Statt Rivalität, Neid, gegenseitige Missgunst und Disqualifikation sollen Ergänzung nach den gegebenen Möglichkeiten, Solidarität und realistische Selbsteinschätzung das Arbeitsklima prägen (vgl. 1 Kor 3,1­11). Eitelkeiten und Egoismen, Suche nach Ehre und Anerkennung, persönliches Denken in Erfolgs- und Karrierekategorien, Macht und Einfluss gilt es zu durchschauen ­ denn nicht alles geschieht zur grösseren Ehre Gottes. Es braucht auch ein Entsagen, ein Nein-Sagen, ein Sich-Zurückziehen (vgl. Joh 6,15 u.a.), eine Prioritätensetzung in Zeiten von Enttäuschung oder Überlastung.
Das biblische Verständnis von Arbeit ist davon geprägt, dass Gott den ganzen Menschen und sein Leben einbindet in die Gottesbeziehung, in den Dienst an Gott (vgl. Röm 12,1­2) und seiner «basileia». Gottes-Dienst geschieht im Alltag des Lebens in Hingabe und Beteiligung der ganzen Existenz. Die Einheit von Gott-Dienen im Alltag und im Gottesdienst kommt schon in Jos 24 vor und mündet in die Aussage (v. 15): «Ich und meine Familie aber sind entschlossen, dem Herrn zu dienen»<12>.
Doch die Arbeit hat vor Gott keinen absoluten Charakter. Gerade das Sabbatgebot (Dtn 5,14) bzw. die Feier des Auferstehungstages Jesu gilt auch Gemeindeleitern und bringt befreiende Ruhe, heilsame Unterbrechung des Alltags, wohltuende Distanzierung und Bereicherung für Familien und Beziehungen ­ selbst wenn dieser Ruhetag auf einen anderen Wochentag verschoben wird. Letztlich ist dieser Tag ein Bekenntnis, dass der Mensch nicht nur von eigener Leistung, sondern von Gottes Güte und Geschenk lebt. Gott ist Anwalt der Schwachen gegen Machtmissbraucher und Ausbeuter unter den Arbeitgebern ­ auch in der Kirche (vgl. Mk 2,27; Ex 34,21a; Jes 58,13­14), und er liegt nicht auf der Linie einer Leistungsgesellschaft mit Profit- und Renditedenken.
Seelsorger mit Familie verkünden den Gott Jesu Christi, der sich mit dem Menschen in Leid und Freude, in Konflikt und Versöhnung, in Schuld und Vergebung, in Klage und Dank solidarisiert und vereint. Gott dienen ­ in Beruf und in/mit Familie ­ ist ein Leben in Anfechtung und braucht immer wieder die erneuerte und positive Entscheidung. Gott lebt nicht von der Treue der Seelsorger, sondern auch sie und ihre Familie leben von Gottes Treue und Zuwendung (1 Kor 1,9), von seinem «Zuerst» (1 Joh 4,10).

2.2. Tradition

Seelsorger mit Familie sind kein Novum unserer Zeit. Wie wir den Pastoralbriefen des Neuen Testaments sowie der frühchristlichen Literatur entnehmen, war sie damals wohl eher die Regel. Da jeder persönliche Lebensstil auch Zeugnis- und Verkündigungscharakter hat, können familiäre Spannungen auch Anstoss erregen. Doch Ost- und Reformationskirchen sehen kein Hindernis zwischen verheirateten Personen (mit Familie) und Amt und blicken auf eine reiche Erfahrung zurück. Sogar die katholische Kirche kennt verheiratete Gemeindeleiter in den Unierten Kirchen, in Notsituationen (vgl. Ostblock-Länder zur Zeit des Kommunismus) sowie bei Konvertiten. Die biblische Botschaft ist nicht gegen verheiratete Amtsträger bzw. Priester. Wenn in der katholischen Tradition die Gemeindeleitung mit dem ordinierten Amtsträger verbunden ist, aus theologischen Gründen Priester nur durch Priester ersetzt werden können und jede Gemeinde ein Recht bzw. eine Verpflichtung auf Eucharistie hat, dann müssen heute angesichts des Priestermangels neue Lösungswege beschritten werden.

2.3. Berufung und Eignung

Bis vor kurzem waren die Seelsorgestellen und die Suche nach geeigneten Personen primär auf Priester- und Ordensberufe ausgerichtet ­ somit auf zölibatär Lebende ­ und (mit einigen Ausnahmen) auf Männer konzentriert. Wenn nun der Kreis grösser gefasst wird, bleiben die Anforderungen grundsätzlich dieselben, seien sie im menschlichen, sozialen, beruflichen, religiös-spirituellen Bereich. Auch die Motivation weist nicht viele Unterschiede auf. Eine gesunde Berufung baut auf einer gereiften personalen Identität sowie auf der Kongruenz von Fähigkeits- und Zuständigkeitskompetenz auf, wie sie Hermann Stenger ausführlich beschreibt.<13> Er macht hier humanwissenschaftliche Erkenntnisse ­ vor allem aus dem Bereich der Psychologie und Anthropologie ­ für die Pastoral der kirchlichen Dienste und der Eignung fruchtbar.

3. Problemfelder und Lösungsansätze

Ehe und Familie eines Gemeindeleiters sind wie alle anderen. Doch der kirchliche Beruf schafft einige besondere Voraussetzungen, Erwartungen, Rollenkonflikte usw., die zu Problemen und Belastungen führen können. Das Wissen darum kann helfen, geeignete Massnahmen zu ergreifen, um vorzubeugen, zu sanieren und Chancen zu nutzen!
Belastungen hängen wohl von verschiedenen Tatsachen ab: von den Erwartungen, der Situation und der Grösse der Gemeinde, von der Grösse der Familie, von den Ansprüchen des Partners und der Kinder, vom zur Verfügung stehenden Budget, von den eigenen Qualitätsansprüchen an die pastorale Arbeit... Auch sind Belastbarkeit und Frustrationstoleranz des Einzelnen und seiner Familie unterschiedlich.

3.1. Vielfältige Erwartungen ­ Grenzen setzen

Der Beruf eines Gemeindeleiters ist komplex: eine breite Palette von Aufgaben, verschiedene Erwartungen und Ansprüche, unterschiedlichste Menschen. Oft bestehen divergierende Vorstellungen von Zielen und Wegen dahin ­ etwa zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer, zwischen Mitarbeitenden und Gemeindemitgliedern. Hinzu kommt, dass Stellenbeschreibungen und Anforderungsprofile bis vor kurzer Zeit im kirchlichen Bereich nicht üblich waren, generell schwer zu quantifizieren sind und somit zu Überlastung und Selbstüberforderung führen können.
Viele Seelsorger klagen, dass sie nicht genügend Zeit und Möglichkeiten für die konkrete Pastoral haben. Anderes nimmt sie in Beschlag: Organisation, Personelles, Konzeptionelles, Administratives, Planung, Koordination, Information, Legitimation, Rechtfertigungen... Hinzu kommen zermürbende innerkirchliche Auseinandersetzungen und Probleme. Die Verantwortung für eine Gemeinde suggeriert zudem, dass der Leiter für alles zuständig sei ­ auch für Liegengebliebenes. Wenn die Gemeindeleitung zum reinen Management-Posten verkommt, liegt sie häufig quer zur ursprünglichen Motivation und zu einer erhofften beruflichen Zufriedenheit. Oft werden die eigenen Bedürfnisse ignoriert (vgl. Burn-out-Syndrom: körperliche Erschöpfung, seelische Leere, geistig-kreatives Ausgelaugtsein). Frustrationen im Beruf und daraus entstehende Aggressionen kann der Seelsorger häufig nicht gut gegenüber der Gemeinde äussern. Es besteht die Gefahr, diese in der Familie abzureagieren. Hinzu kommt, dass Vorsätze und Pläne oft durch die Arbeit (zum Beispiel Notfälle) umgestossen werden und flexibles und spontanes Reagieren erfordern. Eine Kündigung wird nicht in Betracht gezogen, wenn bei der spezifisch kirchlichen Ausbildung wenig Alternativen (hingegen die Probleme einer Arbeitslosigkeit) winken.
Wenn ein Gemeindeleiter mit zu wenig Zuständigkeitskompetenz ausgestattet wird, kann er in eine Rivalität zum Priester geraten. Ein «Sich-beweisen-Wollen» (vor allem durch Leistung) führt zu psychologisch ungünstigen Situationen, verursacht Druck und Stress und macht übersensibel für Kritik.
Diese verschiedenen beruflichen Belastungen haben Auswirkungen auf das Familienleben. Die Familie sollte ein hohes Mass an Verständnis für die Situation des Gemeindeleiters aufbringen und eigene Ansprüche zurücknehmen, was nicht ohne Beziehungsverlust ­ und damit familiärem Defizit ­ möglich ist.
Auf hohe Erwartungen hin gilt es, den Rahmen des sinnvoll Erfüllbaren abzustecken und Grenzen zu setzen ­ zeitlich, räumlich, sachlich. Dies erfordert eine Akzeptanz von allen Seiten, Konsequenz und Planung. Neben einem Setzen von Prioritäten müssen die Verantwortlichkeiten klar und transparent geregelt sein, Charismen sollen in der Gemeinde entdeckt, gefördert und genutzt werden (einschliesslich Delegieren, Verantwortung Teilen und Mitentscheiden). Diese Verstärkung der primären Kompetenz aller Gläubigen, ihre Integration in das Gesamt und ein mitsorgendes Denken und Handeln aller können zur Entlastung des Seelsorgers und seiner Familie führen. Zur Abgrenzung gehört die Fähigkeit, zu Arbeit und Rolle auf Distanz gehen zu können zum Beispiel durch ein äusseres Abstandnehmen (Ferien, ein Refugium zum Zurückziehen...) oder andere soziale Beziehungen. Damit die Rolle nicht das Ich bzw. die Familie besetzt und entfremdet, müssen gewisse Erwartungen zurückgewiesen werden. Wer berät den Gemeindeleiter im konkreten Alltag?

3.2. Ideale ­ Wirklichkeit

Der Gemeindeleiter steht im Spannungsfeld verschiedener Ideale: Sind die eigenen oft hohen Ideale der Wirklichkeit angepasst oder müssen sie reduziert werden? Auch Ehepartner und Familie haben Ideale, wie es sein sollte; hinzu kommen jene der Vertreter der Kirche (zum Beispiel von der Kirchenleitung, von Kirchen- oder Pfarrgemeinderäten). Gerade das paulinische Ideal «allen alles werden» suggeriert eine grenzenlose Verfügbarkeit und Hingabe und bewirkt eine Überforderung. Auch wenn solche Ideale (rational) abgelehnt werden, versuchen doch viele Seelsorger eine grösstmögliche Hingabe (möglichst umfassend und unbefristet) und wollen möglichst vielen Menschen zur Verfügung stehen... Neben den oft idealisierten Erwartungen an eine Person im kirchlichen Dienst ­ vgl. den Archetypus «Priester» ­ kommen zusätzliche Wünsche an Seelsorger mit Familie. So sollte der Gemeindeleiter ­ der in seinen Predigten immer auch Normen, Ideale, Werte und Richtlinien verkündet ­ ein vorbildlicher Ehepartner und Erzieher seiner Kinder sein; er sollte demütig und kritisch hinterfragend, geduldig und initiativ, ein kräftiger Kontrapunkt zur Leistungs- und Konsumgesellschaft sein; einer, der die christliche Ethik in die Tat umsetzt... Ein Leben als Projektionswand anderer?
Ideale haben oft die verhängnisvolle Wirkung, dass sie sich verselbständigen, ihre kreative und motivierende Kraft verlieren und zu einer Ideologie verkommen und abschrecken. Daher ist es wichtig, die Theologie und Pastoral von Ehe und Familie in den Alltag und auf einen biblisch-realistischen Boden zu stellen. Die Familie eines Gemeindeleiters ist kein Reservat einer heilen Welt. Auch Priesterideale sind zu relativieren durch Aussagen zum gemeinsamen Priestertum. Dadurch wird die magische Überhöhung einem funktionalen Amt Platz machen. Schöne, aber unerreichbare Ideale ­ die Projektionen entsprechen und mit moralisierenden Forderungen verbunden sind ­ führen zu Enttäuschungen, werden als irrelevant für den Alltag erkannt und verkehren sich häufig ins Gegenteil. Dann werden der Kirche die Kompetenz und Glaubwürdigkeit auch in anderen Fragen aberkannt. Projektionen sowie Perfektions- und Allmachtsphantasien müssen durchschaut und aufgegeben werden.

3.3. Vereinbarkeit von Familie und Beruf ­ Chance

Der Beruf mit seinen Anforderungen und der Beziehungsarbeit beansprucht den Gemeindeleiter ganz. Den Gemeindemitgliedern ist wichtig, dass sie eine Bezugsperson für die verschiedenen Bedürfnisse, Fragen und Nöte haben. So wird er wesentlich durch die Fähigkeit zu persönlichen Beziehungen definiert, die in Kommunikation und Leitungsfunktionen gebraucht wird. Besteht bei so viel benötigter «Beziehungsenergie» ein psychohygienischer Ausgleich? Kann er in der Freizeit «loslassen», sich regenerieren? Ist ein kommunikativ ausgelaugter Seelsorger noch genügend gesprächs- und auseinandersetzungsfähig für die Familie? Frau und Kinder erwarten, dass er nicht nur für andere da ist, sondern zuerst für sie. Doch bemerken sie etwa enttäuscht, dass er wohl körperlich präsent ist, aber (noch) nicht geistig und seelisch. Die Ehefrau erwartet nach Feierabend vielleicht Austausch und gegenseitige Anteilnahme. Der Mann hingegen möchte abschalten, nicht mehr erzählen, sondern Ruhe oder Ablenkung finden. Die Kinder wollen mit dem Vater spielen, während dieser in Gedanken schon bei der abendlichen Sitzung ist. Gemeindeleiter haben öfters die Tendenz, den Ansprüchen und Verpflichtungen der Gemeinde eher gerecht zu werden als denen von Ehefrau und Kindern und erwarten von diesen einseitig mehr Verständnis und Rücksicht. Andauernde gegensätzliche, unerfüllte Erwartungen führen zu Enttäuschungen und Vorwürfen. Die Familie fühlt sich vernachlässigt, allein gelassen und als Nebensache ­ es entstehen zum Beispiel Ärger und Neid. Der Mann hingegen fühlt sich unverstanden. Es kann zu einem Konkurrenzkampf um Zeit und Zuwendung zwischen Beruf und Familie kommen. Auf dieser Ebene des Konfliktes kann es nur Verlierer geben. Die (Grund-)Bedürfnisse der einzelnen Familienmitglieder zu eruieren und zu befriedigen ist ein anspruchsvoller Weg, der häufig einer Gratwanderung gleicht: Wie viel jeder Seite zugestehen?
Die existentielle Betroffenheit und Nähe zu den Alltagsproblemen anderer Familien, die eigene Erfahrung von Höhen und Tiefen, Freuden und Leiden gibt einem Gemeindeleiter die Möglichkeit, Anteil zu geben und zu nehmen. Dies kann Verbundenheit und Vertrautheit, Verständnis und Solidarität wecken. Kontakte über Kinder und Ehefrau schaffen Beziehung und Nähe, so dass die Hemmschwelle niedriger sein mag, mit Alltagsproblemen zum Gemeindeleiter zu kommen. Die Wahrnehmung der Leute ­ er und seine Familie haben die gleichen Probleme ­ fördert die Glaubwürdigkeit. Gemeinsame Erfahrungen erweisen sich als Chance für die Pastoral.

3.4. Arbeit und Freizeit ­ partnerschaftliche Beziehung

Lebendige Beziehungen brauchen Frei-Räume, Frei-Zeiten. Wenn Abende und Wochenenden regelmässig ausgebucht sind und untertags kaum Möglichkeiten der Begegnung bestehen, braucht es neue Lösungen. Zeit muss erkämpft und eingeplant werden. Nur schon der Informationsfluss über das Tages- bzw. Wochenprogramm kann ins Stocken geraten, wenn er keinen festen Ort im Tages- bzw. Wochenplan findet. In der Termin- und Zeitplanung des Gemeindeleiters besteht die Gefahr, dass Frau und Kinder erst am Schluss eingeplant oder durch «Wichtiges» verdrängt werden. Ist (auf Druck der Familie) freie Zeit vereinbart, so steht diese oft unter dem Diktat der «Effizienz» (d.h. diese kostbare Zeit muss gut genutzt werden), was auf Kosten einer entspannten Atmosphäre und eines fruchtbaren Miteinanders gehen kann. Gesprächszeiten werden zu einem verkrampften Abhandeln anstehender Fragen und Probleme; Spiele werden zu Pflichtübungen; die Freizeit wird zugunsten eines guten Gewissens pflichtbewusst gefüllt.
Der Gemeindeleiter erwartet gewöhnlich, dass er in der Familie und in der ehelichen Beziehung Kraft schöpfen und auftanken kann, was er an Energie wieder für die Pastoral braucht. Wenn er selber jedoch nichts in die Familie einbringt, ist das Gleichgewicht gestört. In der Moderne sind die Erwartungen an den Privatbereich der (Klein-)Familie enorm gestiegen. Zudem beansprucht die Ehefrau gewisse Freiräume für sich, um Fähigkeiten zu entfalten, Bedürfnisse zu befriedigen und Bestätigung zu finden. Familienarbeit ist hauptsächlich unbezahlte Arbeit mit wenig Anerkennung. Dagegen vermittelt Erwerbsarbeit ein anderes Prestige- und Machtpotential (vgl. Abhängigkeit) und beeinflusst indirekt Erziehungsziele, Wohnsituation und Freizeitgestaltung einer Familie. Daher ist eine partnerschaftliche Arbeits- und Aufgabenteilung zu treffen. Erziehungs- und Hausarbeit müssen miteinander geklärt und konkretisiert werden. Dialog gehört zu jedem Familienleben ­ etwa um Wünsche, Erwartungen und Bedürfnisse zu klären; so kann personal-ganzheitliche und partnerschaftliche Kommunikationsfähigkeit im Alltag eingeübt werden. Eine (noch) stark patriarchal-hierarchisch geprägte Kirche kann von partnerschaftlichen Lösungsmodellen lernen.
Ehepartner und Kinder sollen Kirche positiv erfahren können ­ ohne Rivalitätsdruck. Die Kinder sollen eine gesunde religiöse und kirchliche Sozialisation erfahren ­ was möglich ist, wenn neben einer fast selbstverständlichen Erfahrung kirchlichen Gemeinschaftslebens und positiver Identifikation auch Freiheit und selbständige Entscheidungskompetenz erlernt werden bzw. gewährleistet bleiben.
Die Familie profitiert manchmal von den vielfältigen beruflichen Kontakten, doch leidet sie, wenn sich der Gemeindeleiter nicht aus diesem Beziehungsgeflecht und einer permanenten Verfügbarkeit lösen kann. So gehören zum Beispiel viele berufliche Probleme nicht an den Mittagstisch oder in den Gedankenaustausch der Ehepartner. Die Familie hat ein Recht auf Privatsphäre. Gemeinde und Kirchenleitung dürfen sich nicht ins Ehe- und Familienleben der Seelsorger einmischen.

Seelsorge mit Familie ­ in den Katholischen Ostkirchen gilt dies auch für Priester
Pfarrer Antoine Butrus, Pfarrer von Shahba (Syrien), mit einem Teil seiner Familie (Foto Paul Egger).

3.5. Ehepartner ­ Ergänzung

Ehepartner sind direkt oder indirekt vom kirchlichen Beruf ihres Lebensgefährten betroffen. Ob in Einsetzungsfeiern das öffentliche Einverständnis des Ehepartners eingefordert werden muss, ist allerdings fraglich. Die Rolle der Ehefrau eines Gemeindeleiters ist weitgehend ungeklärt. Es ist ein neues Erfahrungsgebiet der katholischen Kirche und somit anfällig für Spannungen und Konflikte. Eine solche Pionierrolle ist undankbar, wenn wenig Unterstützungssysteme und Solidarität zu finden sind. Doch positive Erfahrungen der Gemeinde mit Ehefrau und Familie schaffen Nähe und tragen zur Akzeptanz dieses kirchlichen Berufs bei. Da die Ehefrau vieles vom Gemeindeleben mitbekommt, kann sie sich daran ­ aufgrund ihrer emotionalen und sachlichen Distanz und ihrer anderen (fraulichen) Perspektive ­ durch Rat und (unterstützende oder initierende) Tat beteiligen. Im wohlwollenden Relativieren, Ausgleichen und Kritisieren leistet sie einen wertvollen Beitrag, der entsprechend gewürdigt werden soll.
Öfters wird die Ehefrau in die Ehrenamtlichen- und Freiwilligentätigkeit der Gemeinde eingebunden bzw. angefragt. Wie Erfahrungen der Pfarrfrauen in den Schwester-Kirchen zeigen, muss sich auch die nicht angestellte Person abgrenzen und Nein sagen können. Wenn die Ehefrau Aufgaben im Pfarrhaus oder dessen Umfeld übernimmt, gilt zu beachten, dass sie keine Gratiskraft, Medium für Mitteilungen oder inoffizielle Stellvertretung ist, die zudem wenig Bestätigung und Dank benötigt. Vielmehr ist wichtig, dass zum Beispiel auch mit ihr ein Arbeitsvertrag (etwa betreffend Telefon- und Türdienst, Garten, Gästebewirtung...) abgeschlossen wird ­ was eine Anerkennung und Wertschätzung des Arbeitgebers ausdrückt (und dass nicht einfach der Spesenbetrag des Gemeindeleiters erhöht wird). Da sich im Laufe der Zeit die Ehepartner verändern, sich individuell und als Paar weiterentwickeln, fordert das gewöhnlich die Beziehung heraus. Gemeinsam müssen sie Wege suchen, das Beziehungsgefüge auf neue Fundamente stellen, zum Beispiel durch Abmachungen, neues Definieren von Distanz und Nähe. Beide brauchen die Bereitschaft, Veränderungen zu akzeptieren und die gemeinsame Zukunft weiterzuplanen.

3.6. Wohnsituation ­ Beziehungsnetz

Meistens wohnt der Gemeindeleiter mit seiner Familie im Pfarrhaus. Trotz vieler Kontakte und eines dauernden Ein- und Ausgehens bedeutet das Wohnen im Pfarrhaus eine Isolierung, die sich auf Beziehungen und Lebensbereiche auswirkt. So stellen sich rund um die Wohnsituation viele Fragen: Soll eine Familie im Pfarrhaus wohnen? Ist es dazu geeignet bzw. umgebaut? Wie kann die grundsätzlich positive Funktion eines Pfarrhauses lebbar gemacht werden? Haben die Kinder Kontakt- und Spielmöglichkeiten in der unmittelbaren Umgebung? Kann sich die Familie in einem «öffentlichen» Haus wohl fühlen oder muss sie (über-)angepasst leben? Ein ständiges Ausgestelltsein verhindert Normalität und ist ein Stress- und Konfliktfaktor. Besonders Kinder empfinden dies stark ­ kämpfen sie doch daneben gegen das negative Image der Kirche und moralische Prämissen, die ihnen von anderen Kindern vorgehalten werden. Kann das Pfarrhaus ein Rückzugsgebiet zur Erholung sein? Besteht eine Trennung vom Pfarrbüro? Wird die Privatsphäre von der Bevölkerung und von den im Pfarrhaus oder -team Mitarbeitenden akzeptiert und eingehalten? Oder muss die Familie in der Freizeit oder in den Ferien aus dem Pfarrhaus «fliehen» und über eine Zweitwohnung verfügen, um ungestört Familie sein zu können? Ermöglicht dies das Gehalt des Gemeindeleiters, oder muss die Ehepartnerin dazuverdienen? Was hilft, positiv Grenzen zu setzen?
Ein Wohnortswechsel führt immer zu Verlusten von Wurzeln und Heimat, die durch Geborgenheit und Verlässlichkeit in der ehelichen und familiären Beziehung wettgemacht werden sollen. Verbunden mit dem beruflichen Neuanfang (so müssen zum Beispiel Wertschätzung, Autorität und Vertrauenswürdigkeit in dieser Zeit erarbeitet werden) kann dies zu Problemen führen. Das Aufbauen eines tragenden sozialen Netzes dauert mehrere Jahre und die Integration in die neue Gemeinde ist ­ ohne selbstverständliche Kontakte ­ für Frau und Kinder schwieriger. Ein gutes Beziehungsnetz ausserhalb von Beruf und Gemeinde (Freundeskreis, Berufskollegen, «Pfarrfrauenkreis», Gelegenheit zu Supervision, Menschen mit gleichen Hobbies...) ist für eine Distanzierung und für eine unverstellte (objektivere) Sicht wichtig. Bei Mangel an Bezugspersonen kann die Ehefrau nicht den ganzen privaten Bereich an Beziehung ausfüllen. Eine Schwierigkeit besteht darin, dass normale freie Zeiten (wie Wochenende oder Feiertage) durch Arbeit besetzt sind. Freie Tage während der Woche können hingegen von anderen für Begegnungen oft nicht wahrgenommen werden. Zu beachten ist, dass genügend befruchtende und unbefangene Zusammenkünfte eingeplant werden.

4. Ausblick

Nichts bleibt, wie es ist... oder nach einer Aussage des Göttinger Philosophen Georg Christoph Lichtenberg (1742­1799): «Ich weiss nicht, ob es besser wird, wenn es anders wird. Ich weiss nur, dass es anders werden muss, wenn es besser werden soll.»<14>

4.1. Neue Ämter

Aus der Kirchengeschichte, aus den Erfahrungen anderer Institutionen und vieler, die im kirchlichen Dienst stehen, sowie aus den veränderten Verhältnissen und Bedürfnissen wird ersichtlich, dass Strukturen und Ämter dringend einer Reform bedürfen. Strukturen und Ämter sind notwendig ­ doch welche?<15>
Die Verknüpfung von Zölibat, Geschlecht und Amt wird fallen. Allerdings ist es eine Frage der Zeit und des Leidensdruckes, wie lange dies noch dauern wird. Bei weiterem unentschlossenem Zuwarten erleidet nicht bloss das Image der Kirche weiteren Schaden und das sakramentale Leben verfällt, sondern viele Menschen suchen die Antworten auf ihre religiösen Fragen nicht mehr in der katholischen Kirche.
Doch wird es nicht genügen, die Zulassungsbedingungen zu den Ämtern zu ändern. Darüber hinaus wird das Suchen und Finden von funktional geeigneten Formen und Gefässen ein schmerzhafter, unumgänglicher Prozess der Auseinandersetzung sein, wenn die Vision von der «permanenten Ekklesiogenese» lebendig bleiben soll. «Wenn auf allen Seiten ernst genommen wird, dass Christen in erster Linie nicht Träger einer kirchlichen Rolle, sondern von Gott in den Neuen Bund Berufene sind, dann kann die gemeinsame Veränderungsarbeit Ðan funktionalen Strukturenð beginnen.»<16>

4.2. Geschieden im pastoralen Dienst

Verheiratete im kirchlichen Dienst schaffen auch neue Probleme: Ehescheidungen. Die makellose Kirche gibt es nicht, weder bei Zölibatären noch bei Eheleuten, weder bei Gläubigen noch bei Amtsträgern. Die Frage ist nur: Wie gehen Kirchenleitung und Gemeinden damit um? Primär wird man die Ehescheidung als Tatsache ernst nehmen müssen.
Diese Probleme kann man weder eliminieren, noch ihnen gleichgültig gegenüberstehen. Wohl können vorsorgliche Massnahmen getroffen werden: in Aus- und Weiterbildung sowie in der Begleitung von Verheirateten wie Alleinstehenden. Bisher wurde diese Frage von offizieller Seite nicht befriedigend und klärend angepackt. Aber auch die Gemeindemitglieder können in entsprechenden Situationen Hilfe anbieten durch einfühlendes Interesse, Nachfragen und Unterstützen. Dies ist möglich, wenn die Amtsträger als normale und gleichwertige, aber mit einer besonderen Aufgabe betraute Mitchristen gesehen werden.
Gewöhnlich wäre es sinnvoll, bewährte und erfahrene Seelsorger nach einer Trennung oder Scheidung ­ möglicherweise nach einer Zeit der Besinnung und Neuorientierung ­ weiterhin mit kirchlichen Aufgaben zu betrauen, sei es im gleichen oder in einem anderen Dienst.

4.3. Neue Arbeitsmodelle

Teilzeitarbeit ist im Bereich der Katechese schon länger möglich, wird aber auch in anderen kirchlichen Aufgabenbereichen schon wahrgenommen. Gemeindeleitung im Nebenamt ­ besonders für kleine Gemeinden ­ ist mit klaren Abgrenzungen eine sinnvolle Perspektive.
Das Modell des Jobsharing eignet sich für verheiratete Gemeindeleiter ­ sei es als Jobpairing, im gemeinsamen Planen und Realisieren eines Arbeitsauftrages, oder als Jobsplitting, wo jede Person allein für einen definierten Teil des Arbeitsauftrages zuständig ist. Erste Erfahrungen wurden mit zum Teil gutem Erfolg gemacht. Bei kirchlicher Berufstätigkeit beider Partner zeigen sich die üblichen Vor- und Nachteile. Alle Modelle benötigen klare Absprachen und Abgrenzungen. Hauptschwierigkeit bleibt, den Arbeitsbereich vom Ehe- und Familienleben zu trennen.

5. Schlussgedanken

Der schöne, vielseitige und dankbare Beruf des Gemeindeleiters ­ und damit Seelsorge mit Familie ­ steckt noch in den Kinderschuhen. Es kann nicht erwartet werden, dass schon alles einwandfrei läuft. Dieser Artikel soll zur Klärung des Berufsbildes beitragen, die Problemfelder einer Analyse zuführen und zu Lösungs- und Handlungsschritten animieren. Um aus Fehlern zu lernen, soll darüber diskutiert werden. Die Auseinandersetzung mit der Realität soll Kräfte wecken, um Positives zu entwickeln. So wurde zum Beispiel in vielen Gemeinden mit verheirateten Seelsorgern die Familien- und Elternarbeit intensiviert.

Zusammenfassend noch einmal einige Akzente und Konsequenzen:

 

Bruno Strassmann-Schanes promovierte in Innsbruck mit einer Arbeit über Theodor Bovet, den Pionier der Eheberatung in der Schweiz, und ist seit 1995 Leiter der Pfarrei Bruder Klaus in Kriens (LU).


Anmerkungen

1 In gekürzter Form erschienen in: Franz Weber u.a. (Hrsg.), Im Glauben Mensch werden. Impulse für eine Pastoral, die zur Welt kommt, (Festschrift für Hermann Stenger zum 80. Geburtstag, in der Reihe Tübinger Perspektiven zur Pastoraltheologie und Religionspädagogik, 7), Münster 2000, 187­198.

2 Da aus der Sicht eines Mannes geschrieben wird, werden im Text allein die männlichen Bezeichnungen verwendet. Interessant wäre, welche Akzente eine Gemeindeleiterin setzen würde!

3 Vgl. Hermann Stenger, Eignung für die Berufe der Kirche. Klärung ­ Beratung ­ Begleitung, Freiburg i.Br. 1988, bes. 31­65.

4 Im Folgenden wird allein auf die Situation und Problematik der deutschsprachigen Länder eingegangen ­ wenn auch manche Probleme und Lösungsansätze in anderen Regionen und Kontinenten ähnlich sind oder scheinen.

5 Die Unterscheidung Klerus­Laien ist heute problematisch: Vom Laien wird in der Umgangssprache (Fachmann­Laie) diskriminierend gesprochen; in der kirchlichen Verwendung wird eine Zwei-Stände-Gesellschaft zementiert, die das gemeinsame Priestertum aller sowie die Mitbestimmung und Mitverantwortung zugunsten einer hierarchisch-monarchischen Leitung zu wenig ernst nimmt; vgl. dazu etwa Martin Klöckener/Klemens Richter (Hrsg.), Wie weit trägt das gemeinsame Priestertum? Liturgischer Leitungsdienst zwischen Ordination und Beauftragung, (Quaestiones Disputatae, 171), Freiburg i.Br. 1998.

6 Der Einfachheit halber wird im Folgenden anstelle des territorial geprägten Begriffs «Pfarrei» vom latent missverständlichen Begriff «Gemeinde» gesprochen (in der Schweiz, aber auch in Österreich und Deutschland versteht man darunter die staatlichen Organe eines Kommunalwesens, zum Beispiel eines Dorfes).

7 Die theologischen Gründe für eine Ausschliessung der Frau von geweihten Ämtern seien nicht haltbar, so der Kanonist Adrian Loretan mit Hinweis auf Can. 208 und LG 32: Frauen und Verheiratete in kirchlichen Ämtern, in: Schweizerische Kirchenzeitung 167 (1999) 449­454.

8 Vatikanstadt 1997 bzw. in: Schweizerische Kirchenzeitung 165 (1997) 761­770.

9 Per 1.1.2001 waren von den 530 Pfarreien des Bistums Basel 245 mit einem Pfarrer oder Pfarradministrator besetzt, 148 durch einen Gemeindeleiter oder eine Gemeindeleiterin.

10 Vgl. Kurt Koch, Laien im Dienst der Gemeindeleitung und Sakramentenspendung und das theologische Dauerproblem des kirchlichen Amtes, in: Alois Schifferle (Hrsg.), Pfarrei in der Postmoderne? Gemeindebildung in nachchristlicher Zeit, Freiburg i.Br. 1997, 191­206.

11 Hellmut Behringer, «Ich und mein Haus, wir wollen dem Herrn dienen». Hauptamtliche zwischen Dienst und Familie in biblisch-theologischer Sicht, in: Deutsches Pfarrerblatt 93 (1993) 484­487, hier 486.

12 «Später treten ÐGott dienenð im Alltag des Lebens und kultischer ÐGottesdienstð als eigentlich zusammengehörige Dinge auseinander» (Behringer, 484).

13 Siehe Anm. 3.

14 Zitiert nach: Nachrichten der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern 49 (1994) 421.

15 Vgl. Walter Kirchschläger, Bleibendes und Veränderbares in der Kirche. Ein biblischer Beitrag zur Systemanalyse, in: Pfarrei in der Postmoderne (siehe Anm. 10), 129­139.

16 Hermann Stenger (siehe Anm. 3) 37 bzw. 121.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2002