40/2002 | |
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Berichte |
Warum?» Mit dieser Frage hat die Theologische Hochschule Chur eine öffentliche Vorlesungsreihe überschrieben, die im Mai/Juni dieses Jahres stattfand. Aus verschiedenen Perspektiven suchten die Referenten Annäherungen an das Problem des Leidens.
Die Frage «Warum?» hallt in vielfachem Echo wider, weil unzählige
Menschen in verschiedensten Leidsituationen sie stellen. Dies wurde insbesondere
an den ersten beiden Abenden der Vortragsreihe in eindrücklicher Weise
deutlich.
Am ersten Vortragsabend sprach Dr. Christoph Gellner, Lehrbeauftragter für
Theologie und Literatur, Christentum und Weltreligionen an der Universität
Luzern, von der Leid-, Schmerz- und Katastrophenempfindlichkeit im Raum
der Literatur. An fünf Texten aus zwei Jahrhunderten zeigte er exemplarisch,
wie die Dichter sich das Fragen nicht verbieten lassen. Mit Heinrich Heine
(17971856) kam ein Schriftsteller zu Wort, der sich einer vorschnellen
Antwort auf die «verdammten Fragen» verweigert, der sich aber
gleichwohl gerade im Leid noch auf Gott werfen lässt. Dagegen verschärft
sich im Horizont des Holocaust das Leidproblem. Bei Nelly Sachs (18911970)
ist Ijob stumm geworden, «blind vor tränendem Schmerz und nächte-langem
Weinen, er hat zuviel Warum gefragt». Während die traditionelle
Theodizee versucht, Gott zu rechtfertigen, und in diesem Rahmen das anklagende
Moment allenfalls dem Gott gilt, der das Leid zulässt, kommt es bei
Erich Fried (19211988) und Wolfgang Hildesheimer (19161991) zur
Anklage Gottes als des Schuldigen. Gott selbst muss sich anklagen lassen,
Urheber allen Übels und alles Bösen zu sein. Es ist das Unrecht
Gottes, «dem es behagte, Kain zu verderben. Eine schwere Belastung,
ein Makel, ein Zeichen an der Stirn, das haftet, nicht an Kain, sondern
an seinem Schöpfer» (W. Hildesheimer). Schliesslich erinnerte
Christoph Gellner noch an das 1977 erschienene Buch «Mars» des
an Krebs erkrankten Zürcher Gymnasiallehrers Fritz Angst, der unter
dem Pseudonym Fritz Zorn seine Krebsgeschichte als Fluchgeschichte erzählt
hatte. Als Ursache seiner Todeskrankheit diagnostiziert Fritz Angst/Zorn
eine lebenshemmende Erziehung, die noch in der Situation des Leidens auf
den Dulder Ijob verweist. Mit dieser Prägung rechnet das Buch «Mars»
ab und revoltiert gegen den als sadistischen Tyrannen angesehenen Gott.
Die Dichter verwahren sich dagegen, dass Leiderfahrungen zu schnell durch
verharmlosende Deutungen übertüncht werden. Durch das Hören
auf ihre Proteste und Anklagen wurde der Vorlesungsreihe in gewisser Weise
eine Warnung mitgegeben: die «verdammten Fragen» nicht «ohne
Umschweif uns zu lösen» (H. Heine).
Die Frage aushalten lernen, sie erst einmal in ihrer Abgründigkeit
ausloten also zulassen, dass das Fragezeichen nach dem «Warum»
bedrängend wird, das ist Voraussetzung für eine ehrliche Auseinandersetzung
mit dem Leiden. Dabei dürfte die Dichtung durchaus so etwas wie eine
Fremdprophetie darstellen: Die Schriftsteller stossen die Christen nicht
zuletzt auf verschüttete eigene Traditionen. Denn die Bibel führt
keineswegs immer gleich Antworten auf die Leidproblematik an, sondern ringt
mit dem Leid in Klage und Anklage.
Dies veranschaulichte der Churer Professor für Alttestamentliche Wissenschaften,
Dr. Michael Fieger, am folgenden Vortragsabend an der biblischen Gestalt
des Ijob. Er ist eben nicht nur der «Dulder» Ijob, wie ihn die
Rahmenerzählung beschreibt, sondern auch der Rebell, der sich nicht
mit den traditionellen Antworten auf die Leidfrage abspeisen lässt.
Während die Freunde ihn auf seine womöglich verborgene
Schuld hinweisen, nimmt er das Ringen mit Gott auf, weil er keine Antwort
akzeptiert, die ihm nicht wirklich zur Antwort werden kann. Was ihm gewährt
wird, ist denn auch nicht so sehr eine Antwort, als vielmehr die Einsicht,
dass eine einfache Antwort zu kurz greifen würde. Vielmehr verweist
das Leiden in die Unbegreiflichkeit Gottes hinein.
Der Glaube an Gott macht offensichtlich die Warum-Frage nicht einfacher.
Eher wird glaubenden Menschen im Leid noch ein zusätzlicher Stachel
ins Fleisch getrieben. Kann man angesichts des Leids an Gott glauben? Ist
Gott etwa selbst ratlos vor dem Bösen? «Warum lässt der
gute Gott uns leiden?» Die letztgenannte Frage ist Titel eines Buches
von P. Johannes Brantschen OP, emeritierter Dogmatiker der Theologischen
Fakultät der Universität Freiburg, der in der Aula der Theologischen
Hochschule über das «Leiden der Kreatur als Ernstfall der christlichen
Hoffnung» sprach. Dabei erhob er nicht den Anspruch, schlechthin Antworten
vorzulegen. Antworten, die Generationen vor uns gegeben haben und die heute
gegeben werden, referierte er zwar, zeigte jedoch auch ihre Begrenztheit
auf. Ihm kam es um mit einer alpinen Metapher zu sprechen vor
allem auf «Griffe» an, wie sie auf einer Bergwanderung notwendig
sind. Woran kann man sich im Leiden festhalten? Brantschen nannte die dem
Buch Ijob entsprechende Einsicht, dass der leidende Mensch sich nicht schuldig
zu fühlen braucht, wenn er leidet. Vorsichtig (!) sprach er die Möglichkeit
an, am Leiden zu reifen, und verwies auf die Notwendigkeit, einander im
Leiden beizustehen. Deutlich wies Brantschen einen Missbrauch christlicher
Kreuzesspiritualität zurück, die sich mit abschaffbarem Leiden
abfindet, statt es zu ändern, hielt aber daran fest, dass in unabänderlichem
Leid der Weg der Kreuzesnachfolge ein fruchtbarer Weg ist. Schliesslich
mündete der Vortrag in einen Appell an die Hoffnung: Im Leiden helfen
nicht die immer unzureichenden Erklärungen weiter, sondern letztlich
die «Hoffnung wider alle Hoffnung» (Röm 4,18), dass das
Leiden nicht das Letzte ist.
Am vierten Vortragsabend war der Luzerner Bibelwissenschaftler Dr. Walter
Bühlmann, Lehr- und Forschungsbeauftragter für Bibelwissenschaft
und Verkündigung an der Theologischen Fakultät der Universität
Luzern, zu Gast und ging der persönlich gewendeten Warum-Frage «Warum
gerade ich?» nach<1>. Selbst vertraut
mit dem Kampf gegen eine aggressive Krebskrankheit durchbrach Bühlmann
mit seinen Ausführungen die Vorstellung, man müsse mit dem Leiden
heldenhaft umgehen, und beschrieb eine ganz andere als die «heldenhafte»
Würde des leidenden Menschen. Zugleich öffnete er Perspektiven,
die Warum-Frage aus ihrer Verschlossenheit aufzubrechen und konstruktiv
in die Wozu-Perspektive zu wenden.
Beim letzten Vortrag der Reihe trugt Pfr. Dr. Martin Kopp aus Wädenswil
unter dem Titel «Von der Nachfolge im Leiden» Überlegungen
einer geistlichen Theologie vor. Sie stellt sich der Frage, die neben der
intellektuellen Auseinandersetzung mit der Leidproblematik und der Frage
nach dem Umgang mit dem Leiden anderer doch immer wieder die erste und letzte
Frage ist: Wie bestehe ich selbst aus der Kraft des Glaubens das mir begegnende
Leiden? Martin Kopp zeigte Grundlinien einer Spiritualität der Kreuzes-
und Leidensnachfolge in der Geschichte auf, wies aber im Sinne einer Unterscheidung
der Geister auch auf problematische Punkte hin. So gab es Erscheinungsformen
von Leidensmystik, in denen das Leiden des anderen Menschen zu sehr aus
dem Blick geraten war. Als Kriterium für eine authentische Kreuzesnachfolge
nannte Kopp nicht zuletzt die Ausrichtung auf die Auferstehung als Ziel
jedes christlichen Weges. So plädierte er für eine Nachfolge in
einem schöpferischen Mitleiden, das auf eine Befreiung zum Leben zielt:
schon jetzt und in der eschatologischen Perspektive eines ganz neuen, vollendeten
Lebens.<2>
Eva-Maria Faber ist Professorin für Dogmatik und Fundamentaltheologie an der Theologischen Hochschule Chur und deren Prorektorin.
1 Vgl. Walter Bühlmann: Warum gerade ich? Biblische Meditationen eines Krebskranken, Freiburg 2002.
2 Die Sommervorträge werden in der Schriftenreihe der Theologischen Hochschule Chur (Universitätsverlag Freiburg) publiziert. Im kommenden Frühsommer 2003 wird sich die alljährliche Vortragsreihe der THC aus Anlass des Ökumenischen Kirchentages in Berlin mit ökumenischen Themen befassen.
Im 17. Jahrhundert begannen Heil und Heilung auf verschiedene Ebenen
zu geraten, wurde das Heil Ziel der Seelsorge und Heilung Ziel des ärztlichen
Handelns. Die Kluft zwischen diesen beiden Ebenen schien bis in unsere Zeit
hinein unüberbrückbar, zumal die sie begründenden Theorien
auf unterschiedlichen bis gegensätzlichen Grundlagen bauten: die Medizin
auf das naturwissenschaftliche und die Theologie auf das geisteswissenschaftliche
Denken.
Neu verknüpft wurden und werden Religion und Medizin schon länger
im esoterischen Bereich auf eine Weise indes, die sich nicht nur wissenschaftliche
Anfragen gefallen lassen muss. Jünger sind die Bemühungen, die
beiden Ebenen von ihren wissenschaftlichen Grundlagen her wieder in Verbindung
zu bringen und also Theologie und Medizin miteinander ins Gespräch
zu bringen. So veranstaltete die Theologische Fakultät der Universität
Freiburg mit Unterstützung nota bene der Schweizerischen Akademie
der Geistes- und Sozialwissenschaften letztes Jahr ein Symposium zum
Thema «Hilft der Glaube? Heilung auf dem Schnittpunkt zwischen Theologie
und Medizin» und eröffnete damit ein weiteres Gespräch zwischen
Theologie und Medizin.
Die an diesem Symposium vorgetragenen Referate sind nun in einem Tagungsband
zugänglich.<1> Mit der weit gefächerten
Themenstellung kann der Band über den Anlass hinaus Denkanstösse
vermitteln und das Gespräch zwischen Theologie und Medizin fördern.
Ein erster Teil der Referate ist den grundsätzlichen Aspekten gewidmet:
erkenntnisleitende Paradigmen aus medizinischer Sicht, Theologie als Therapie
bzw. Wiedergewinnung einer verlorenen Dimension, Biblische Impulse anhand
von Heilungsgeschichten und Komplementärmedizin am Beispiel der anthroposophisch
erweiterten Medizin. Ein zweiter Teil gilt therapeutischen Konzepten wie
der integrativen Kneipp-Therapie, Therapeutischen Meditationen sowie Chinas
Heilkunst in Ursprung und Gegenwart. Den Schluss bildet der Vortrag zu Wirkprinzipien
im Neuen Testament im Blick auf die aktuelle Medizin Rolf Weibel
1 Brigitte Fuchs, Norbert Kobler-Fumasoli (Hrsg.), Hilft der Glaube? Heilung auf dem Schnittpunkt zwischen Theologie und Medizin. Mit Beiträgen von Eugen Biser, Brigitte Fuchs, Peter Heusser, Ulrich Heusser, Peter F. Matthiessen, Peter Trummer, Eberhard Volger, (Symposion. Anstösse zur interdisziplinären Verständigung, Band 1), Lit Verlag, Münster 2002, 173 Seiten.