37/2002

INHALT

Berichte

Werte und Religion

von Rolf Weibel

 

Die katholischen Vereine in der deutschen Schweiz bilden schon seit längerem keinen Dachverband mehr. Zusammen mit weiteren katholischen Organisationen kommen sie zurzeit, von einer Initiativgruppe eingeladen, einmal im Jahr als Deutschschweizer Forum Katholischer Organisationen (DFKO) zusammen. Das DFKO wählt die deutschschweizerischen Mitglieder des Schweizerischen Koordinationskomitees Katholischer Laien (SKKL), über das die hiesigen Laien am Europäischen Forum der Nationalen Laienkomitees beteiligt sind.
Die jährliche Zusammenkunft, im August fand die 14. statt, bietet den Delegierten die Möglichkeit, sich in ein Thema einführen zu lassen und darüber ins Gespräch zu kommen, und es gibt ihnen Gelegenheit, über Veränderungen in den vertretenen Organisationen zu berichten und auf Veranstaltungen und Publikationen hinzuweisen. Von Zeit zu Zeit sind auch Ergänzungswahlen in die Initiativgruppe des DFKO und in das SKKL vorzunehmen. Die diesmal traktandierten Ergänzungswahlen konnten nicht durchgeführt werden, weil sich für die beiden Gremien keine Kandidatinnen oder Kandidaten spontan zur Verfügung stellten. Wie in der kurzen Geschichte des DFKO nicht selten, wird wohl der Vertreter der Schweizer Bischofskonferenz bzw. der Deutschschweizerischen Ordinarienkonferenz, zurzeit ist es Weihbischof Denis Theurillat, mögliche Kandidatinnen und Kandidaten ansprechen müssen.

Lebenswerte

Der thematische Teil der diesjährigen Zusammenkunft nahm die «Lebenswerte»-Studie des Schweizerischen Pastoralsoziologischen Instituts St. Gallen (SPI)<1> auf mit der Fragestellung: «Getauft ­ Religiös ­ Kirchenfern: Woher nehmen wir bzw. sie die Werte?» Für das einführende Impulsreferat konnte Thomas Englberger, Diplom-Theologe und -Soziologe und als Projektleiter im SPI an der «Lebenswerte»-Studie beteiligt, gewonnen werden. In seinem Referat fasste er aber nicht die Studie zusammen, sondern stellte einige grundlegende sozialwissenschaftliche Erkenntnisse rund um die Werte heraus. Vorab merkte er zur Wertediskussion kritisch an, dass Werte dann besonders fest verwurzelt seien, wenn von ihnen nicht die Rede sei.
In einem ersten Schritt fragte Thomas Englberger, wo Werte ihren «Sitz im Leben» haben. Werte sind als Normen, individuelle Gewohnheiten und kollektive Sitten institutionalisiert und sitzen deshalb «nicht in den Köpfen». Für Thomas Englberger ist das Nachdenken über Sitten denn auch bereits ein Hinweis auf eine Deinstitutionalisierung der an ihnen angelagerten Werte.
Die Frage, ob wir in einer wert(e)losen Gesellschaft leben, war der zweite Gedankenschritt. Als «instinktreduziertes» Wesen brauche der Mensch Normen, Gewohnheiten und Sitten: sie machen das menschliche Handeln für andere berechenbar und entlasten den Einzelnen von der Notwendigkeit, «neue situationsgerechte Handlungsweisen zu entwerfen». In unserer modernen Kultur wird nun aber die Reflexion hoch geschätzt, was zum Bewusstsein führt, dass alles auch anders sein könnte ­ die Soziologie nennt dies ein hohes Kontingenzbewusstsein.
Wo Religion ihren «Sitz im Leben habe», war die anschliessende Frage, und Thomas Englberger antwortete darauf: Religion kann wie Werte an Normen, Gewohnheiten und Sitten angelagert sein. Daraus entwickelte er die These: «Religion ist dann am Ziel, wenn sie nicht in den Köpfen, sondern in den Knochen sitzt.» In unserer Kultur sei Religion «aus den kollektiven Sitten abhanden gekommen», was ihre Privatisierung ausmache, stellte er auch fest. Der Schwund an gemeinsamen Werten in der katholischen Kirche sei insofern auch hausgemacht, als die kollektiven Sitten bzw. die typisch katholischen Sitten ständig geändert worden seien. Zudem agiere die Kirche als normverkündende Instanz betont auf der Ebene der Normen, die für die Institutionalisierung der Werte die schwächste sei.
Woher wir die Werte nehmen, lautete die abschliessende Frage. Die von Thomas Englberger beigebrachten Elemente der Antwort können auf den Punkt gebracht werden: Nicht durch Verkünder, sondern durch Vorbilder werden Werte vermittelt. Über ihre öffentliche Proklamation werden Werte nicht vermittelt, vielmehr wird das «typische» soziale Verhalten für den Einzelnen zum Sollen; bestimmte Werte sind nämlich typisch für bestimmte Lebenszusammenhänge («Milieus»). «Werte werden unbewusst durch Nachahmung von Personen übernommen, die sie realisieren.» Vielleicht habe Papst Johannes Paul II., der in Krakau über Max Schelers Wertethik gearbeitet hatte, so zahlreiche Selig- und Heiligsprechungen vorgenommen, meinte Thomas Englberger. Nachahmung geschehen indes nicht vom Kopf her, sondern aus Zuneigung.

Leitwerte

Um das Gespräch in Gruppen anzuregen, gab ihnen Thomas Englberger drei Fragen vor, die hier wörtlich wiedergegeben werden, weil sie zur Reflexion herausfordern:

  1. Kann eine Sozialisation, die eine Verinnerlichung von Werten zum Ziel hat, auf Dressur verzichten? Wie könnte sie aussehen?
  2. Es gibt unsinnige Normen, schlechte Gewohnheiten und unmenschliche Sitten. Was ist (dagegen) zu tun?
  3. Moderne Gesellschaften kennen «normale» Verhaltensweisen. Welche Werte lassen sich daran ablesen?

In der Diskussion im Plenum wurde unter anderem festgestellt, dass die Authentizität heute einen Leitwert darstellt, so dass es schon von daher zu einer Pluralität von Normalitäten und Normen komme. Es wurde aber auch nach den Möglichkeiten gefragt, dass gegenkulturelle Werte zu einer neuen Normalität werden.
Der abschliessende Informationsaustausch ermöglichte Verbänden, Bewegungen und Fachstellen, über Ereignisse und laufende Projekte zu informieren. Ausführlicher berichtete Rita Wick-Egger vom Europäischen Laienforum, auf dem im Juli in Erfurt während einer Woche über «ein Europa der Werte» und den Beitrag der Laien beraten wurde. Dabei verschwieg sie die Schwierigkeiten nicht, mit Delegierten aus ehemals kommunistischen Ländern in einen offenen, diskursiven Meinungsbildungsprozess einzutreten. Agnell Rickenmann, der Generalsekretär der Schweizer Bischofskonferenz, nannte drei Themenkreise, mit denen sich die Bischofskonferenz besonders befassen wird: Nach der letzten Volksabstimmung erklärte sie die Familie bzw. die Familienpolitik zu einem Schwerpunktthema, mit dem neuen Ökumene-Beauftragten des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes könne die ökumenische Zusammenarbeit in eine neue Phase treten und schliesslich habe sich die ganze Katholische Kirche Schweiz ­ von der Bischofskonferenz bis zu den Verbänden ­ mit knapper werdenden Finanzen zu arrangieren bzw. Kürzungen hinzunehmen.


Anmerkung

1 Schweizerisches Pastoralsoziologisches Institut (Hrsg.), Lebenswerte. Religion und Lebensführung in der Schweiz, Zürich 2001; dazu die Beiträge in: SKZ 170 (2002) Nr. 12.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2002