31-32/2002

INHALT

Berichte

Ordensobere begegnen Muslimen

von Walter Ludin

 

Ein ranghoher Muslim mit dem Titel «Imam Scheich» war einer der Referenten der diesjährigen Studientagung der Vereinigung der Höhern Ordensobern der Schweiz (VOS). Im geschäftlichen Teil ihrer GV wählten die in Bad Schönbrunn Ende Juni versammelten Äbte und Provinzial den Kapuziner Ephrem Bucher zu ihrem Präsidenten.
«Missionsverständnis des Islams»: Dies war der Titel der VOS-Studientagung, die anlässlich des VOS-Treffens (24.­26. Juni 2002) durchgeführt wurde. Der Jesuit Christian Rutishauser, Co-Leiter des gastgebenden Hauses, warnte in seinem Einleitungsreferat davor, Mission/Evangelisierung und interreligiösen Dialog gegeneinander auszuspielen.

Missionieren die Muslime?

Abo Youssef Hassan, ein ägyptischer Betriebsökonom und Jurist, der seit 27 Jahren in der Schweiz lebt, unterstrich, die Muslime in christlichen Ländern würden nicht missionieren. Sie würden jedoch durch ein vorbildliches Leben andere «zum Pfad Gottes» einladen (Da'waa). Ob Menschen sich der Einladung anschlössen, sei Sache Gottes.
Der in Zürich lebende Imam Scheich Ibram Youssef wies in einem weiteren Referat darauf hin, dass im Kanton Zürich mit seinen 40000 Muslimen bloss zehn Imame tätig sind. Auch wenn sie missionieren wollten, hätten sie dafür keine Zeit.

Friedliches Zusammenleben

Imam Ibram bedauerte es, dass in muslimischen Ländern viele Politiker den Islam «für Politik und Nationalismus» missbrauchen. Er erinnerte daran, dass in Andalusien unter muslimischer Herrschaft Christen und Muslime friedlich zusammengelebt haben.
Er erzählte die Geschichte von den zwölf Kardinälen, die zu Mohammed kamen, in der Stadt Mekka aber keinen Platz fanden. Da sei für sie in der Moschee ein Zelt errichtet worden. Der Imam fügte hinzu: «Heute wäre es kaum mehr möglich, in einer Moschee ein Zelt für Christen oder im Petersdom eines für Muslime aufzustellen...».
Der Weisse Vater Raphaël Deillon, der viele Jahre in Algerien mitten unter Muslimen gelebt hat, unterstrich in seinem Vortrag: «Die echten Muslime sind keineswegs bereit, dass Massaker und Attentate im Namen des Islam begangen werden.» Deillon machte dann einen aufschlussreichen Versuch, das christliche und das muslimische Credo miteinander zu vergleichen. Er hob dabei im Apostolischen Glaubensbekenntnis jene Stellen durch Grossbuchstaben hervor, die beiden Religionen gemeinsam sind:
ICH GLAUBE AN GOTT, den Vater, DEN ALLMÄCHTIGEN, DEN SCHÖPFER DES HIMMELS UND DER ERDE. UND AN JESUS Christus, seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn, EMPFANGEN DURCH DEN HEILIGEN GEIST, GEBOREN VON DER JUNGFRAU MARIA, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt und GESTORBEN (?), begraben, hinabgestiegen in das Reich der Toten, am dritten Tage auferstanden von den Toten, AUFGEFAHREN IN DEN HIMMEL, VON WO ER KOMMEN WIRD zu richten die Lebenden und die Toten. ICH GLAUBE AN DEN HEILIGEN GEIST, an die heilige katholische Kirche, an die Gemeinschaft der Heiligen, AN DIE VERGEBUNG DER SÜNDEN UND DAS EWIGE LEBEN.

Djihad und Sturmgewehr

Am Anfang des Podiumsgesprächs der Referenten meinte Christian Rutishauser, alle Religionen hätten «ein ausgeklügeltes System entwickelt», um schwierige Stellen in ihren heiligen Texten zu umgehen. (Übrigens: Ein Text, der von Gegnern des jüdisch-christlichen Glaubens als blutrünstig ausgelegt werden könnte, wurde von den VOS-Mitgliedern in der Sext gebetet. Im KG-Psalm war die Rede davon, dass die Sünder keinen Platz mehr finden und die Frevler von der Erde verschwinden...).
Weiter sagte Rutishauser, die Vermischung oder Gleichsetzung von Religion und Politik durch die Islamisten sei ein Extrem, ein anderes die völlige Privatisierung der Religion, wie sie tendenziell bei uns anzutreffen ist. Die Lösung liege wohl irgendwo dazwischen.
Imam Ibram betonte, das Wort «Djihad» bedeute «eine Anstrengung unternehmen» und dürfe nicht mit «heiliger Krieg» übersetzt werden. Denn: «Heilige Kriege gibt es nicht. Blutvergiessen kann nicht heilig sein.» Allerdings könne Djihad auch Verteidigung gegen einen Angreifer bedeuten. Der Imam fügte hinzu, in diesem Sinne sei das Sturmgewehr im Schrank der Schweizer eine Form von Djihad.
In einer kurzen Auswertungsrunde des Studientages wurde bedauert, dass die beiden ­ bereits abwesenden ­ muslimischen Referenten die «Probleme ausgeblendet» hätten. Weiter wurde bemerkt, die westliche Kultur habe vor der Aufklärung ähnlich ausgesehen wie heute die islamische. Ebenso habe der Katholizismus vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil in vielem fast gleiche Züge gehabt wie der Islam, der noch keine so umfassende Reform erlebt hat.

Drei spirituelle Wege

Es war ein sehr sinnvolles Zusammentreffen, dass die Ordensobern sich im Bildungshaus Bad Schönbrunn mit dem interreligiösen Dialog befassten, da dieser hier ja das ganze Jahr intensiv praktiziert wird.
Christian Rutishauser nannte «drei spirituelle Wege», zu denen das Haus Angebote bereithält: Sehr gut besucht seien die Zen-Kurse (Buddhismus) mit jeweils 30 bis 50 Teilnehmenden. Grossen Zuspruch fänden auch die individuellen Exerzitien (Tradition der Westkirche), wobei über die Hälfte der Teilnehmenden aus der evangelischen Kirche kämen. Der dritte Weg: Meditation/Herzensgebet (Ostkirche).
Zu einer eindrücklichen innerkatholischen Begegnung kam es im Verlaufe der VOS-GV mit der Gemeinschaft der Seligpreisungen, die im ehemaligen Kapuzinerkloster Zug lebt. Die nach Schönbrunn gekommenen drei Mitglieder ­ darunter der «Hirte» Clemens Ulrich ­ betonten die eschatologische Dimension ihrer Gemeinschaft («das Himmelreich vorweg nehmen»).

Neuer Präsident

Im geschäftlichen Teil der Jahresversammlung wurde der im Kloster Wesemlin, Luzern, lebende Bruder Ephrem Bucher, Provinzial der Kapuziner, zum neuen Präsidenten der VOS gewählt. Er tritt an die Stelle des Interims-Präsidenten Lukas Schenker, Abt von Mariastein, der ihn als «tüchtigen, fähigen, jungen, dynamischen Mann» vorstellte.
Bruder Ephrem wurde 1944 in Inwil (LU) geboren. Er schloss in Heidelberg sein Studium der Philosophie mit dem Doktorat ab. Dann unterrichtete er an der damals noch ordenseigenen Internatsschule von Appenzell, die er auch viele Jahre als Rektor leitete.
Die sehr gut besuchte Versammlung ­ erfreulicherweise markiert die neue Äbte-Generation eine viel stärkere Präsenz als die frühere! ­ konnte davon Kenntnis nehmen, dass ihre Pastoralkommission für den 12. bis 14. September 2003 eine «Tagsatzung der Orden» vorbereitet.
Am Rande musste sie sich mit einem ungelösten Problem befassen: der Schwierigkeit, für ausländische Ordensleute vom Staat die Einreise- und Arbeitserlaubnis zu erhalten. Müssten die Orden nicht ähnlich wie die Bischofskonferenz über ein bestimmtes jährliches Kontingent verfügen? Der Vorstand wird der Frage nachgehen.

«Kirchlicher Populismus»

Weihbischof Martin Gächter, der in der Schweizer Bischofskonferenz das Ressort Orden betreut und am ganzen VOS-Treffen teilgenommen hat, stand dem Abschlussgottesdienst vor.
In seiner Predigt zur Lesung des Tages (Entdeckung der Bundesrolle, Bundeserneuerung) bedauerte er, dass es in der Kirche Leute gäbe, die einem «kirchlichen Populismus» verfallen seien. Sie würden sich gegen die Kirchenleitung und zum Teil auch gegen die Heilige Schrift auflehnen und sich der Basis anbiedern.


Ordensoberinnen begegnen sich unter dem Thema "Befreit - berufen"

von Maria Crucis Doka

 

Befreit ­ berufen: Das Thema «spricht die Leichtigkeit und Lebensfreude an, nach der wir uns alle sehnen... Solche Leichtigkeit ist nicht billig zu haben. Schon gar nicht auf Dauer. Zu viele Stolpersteine liegen auf unserem Weg. Zu schwer wiegen tägliche Aufgaben und Sorgen. Und doch sind wir überzeugt: Wir können Menschen bei ihrem Suchen nach Freiheit ­ dazu sind wir berufen ­ nur begleiten, wenn wir selber je neu befreit werden» (aus dem «Brief an Pfarreien und Ordensgemeinschaften» von Br. Thomas M. Huber, Präsident des IKB-Vereins).

Begegnungen

Mit ihrem Impulsheft zum Jahresthema «befreit ­ berufen» 2002/2003 stellten sich die neuen Leiter der Arbeitsstelle für Kirchliche Berufe (IKB) den im Haus Bethanien versammelten Ordensoberinnen der Schweiz und Liechtensteins (VONOS) vor.
Im Rahmen der diesjährigen Generalversammlung (15. April) lernten die Teilnehmerinnen im Anschluss an die Berichte der VONOS-Vertreterinnen in verschiedenen Gremien Robert Knüsel-Glanzmann und Sr. Anneres Oberli als engagierte Leiter der von Zürich nach Luzern dislozierten Arbeitsstelle kennen. Sie verstehen ihren Auftrag im Dienste der Berufspastoral als Berater und Begleiter für Menschen auf der Suche nach der Quelle des Lebens. Menschen suchen nach Strukturen, innerhalb derer sie ihre tiefste Sehnsucht leben und entfalten können. Als Spannungsfelder erweisen sich Realität und Hoffnung, besonders auch das Verhältnis der Sprache des suchenden zu jener des um Antworten bemühten Menschen. Es geht in dieser Aufgabe um eine Brückenfunktion, damit Christen ihre «persönliche Identität und Sendung neu entdecken, die der Herr einem jeden anvertraut hat» (Papst Johannes Paul II.).
Als Präsident der Männerordensvereinigung (VOS) berichtete Abt Lukas Schenker von Mariastein von einer Begegnung mit alter und neuer sakraler Kunst im Tessin und in diesem Zusammenhang von einem interessanten Gespräch mit dem Architekten Mario Botta.
Als methodisch neue und sehr gelungene Idee erlebten die Teilnehmerinnen die Einladung zu vier Gesprächsrunden mit folgenden Themen: die Schweizer Bischofskonferenz (SBK) mit Weihbischof Martin Gächter; der Schweizerische Katholische Frauenbund (SKF) mit Verena Bürgi-Burri, Zentralpräsidentin; das Fastenopfer mit Sr. Theresita Falk; die Oekumenische Arbeitsgemeinschaft Kirche und Umwelt (OeKU) mit Sr. Sigrid Bachmann. In freier Wahl und in einem zweimaligen Turnus konnten verschiedenste, auch kontroverse Themen angesprochen und diskutiert werden. Gerade der kleinere Kreis bot Gelegenheit zu einer offenen Aussprache und zu wertvollen Hintergrundinformationen. Die Erfahrung zeigte, dass auf diese Weise Vorurteile, halb wahre oder falsche Informationen korrigiert und Standpunkte zwar nicht harmonisiert, aber einem besseren Verständnis zugeführt werden können. «Mä muess halt rede mitänand!» Das könnte auch auf anderen Ebenen hilfreich sein!
Im Rahmen des protokollarischen Verlaufs der diesjährigen Generalversammlung wies Sr. M. Cäcilia Iten, Cham, Präsidentin ad interim, auf die durch den Rücktritt von Sr. Anne Roch, Menzingen, entstandene Vakanz hin. Sr. Anne war am 1. August 2001 vom Generalkapitel der Menzinger Schwestern zur Generaloberin gewählt worden. Die VONOS brauchte deshalb eine neue Präsidentin. Einstimmig entschied sich die GV für Sr. M. Cäcilia Iten, Cham. Anschliessend erfolgte die Wahl von Sr. Edelina Uhr, Ingenbohl, zur Vizepräsidentin. Die übrigen Mitglieder des Vorstandes hatten bereits 2001 ihr dreijähriges Mandat angetreten. Möge der neuen Präsidentin der wohltuende Humor erhalten bleiben bei allen, auch den mühsameren Geschäften.

Vermögensrechtliche Fragen im Ordensleben

Die Studientage (16.­18. April) umfassten dieses Jahr zwei ganz unterschiedliche Teile: Der erste Referent, Alfred R. Schwitter, erläuterte das Thema «Vermögensrechtliche Auswirkungen auf die Mitglieder in einem Kanonischen Lebensverband». Der Fachmann berücksichtigte in einem weit gespannten Rahmen kirchenrechtliche und zivilrechtliche Aspekte. Die Materie war für viele eine recht ungewohnte Knacknuss, aber dessen ungeachtet ein sehr notwendiges und nützliches Thema. Anhand eines klaren Leitfadens und konkreter Beispiele ging es darum, die anwesenden Verantwortlichen für den eigenen Rechtsstatus ihrer Gemeinschaften zu sensibilisieren und ihnen dadurch zu mehr Rechtssicherheit zu verhelfen. Von unterschiedlichen zivilrechtlichen und ordensrechtlichen Bestimmungen war die Rede, von positiven und negativen Aspekten einer Trennung von Kirche und Staat, vom Recht der Persönlichkeit, von vermögensrechtlichen Fragen, von Errichtung und Aufhebung einer Ordensniederlassung, von Pflichten und Rechten der Institute und ihrer Mitglieder usw. Selbst wenn durch eine solche Studientagung auch in Zukunft Rechtsberater nicht überflüssig werden, hat diese bisweilen etwas mühsame Auseinandersetzung mit rechtlichen Fragen dazu beigetragen, für die ungewohnte Materie zu sensiblisieren.

«Botschaft des Beginns»

«Biblische Überlegungen zum Christusgeschehen und meine Berufung» standen im Zentrum des zweiten Teils der Bildungstage. Prof. Walter Kirchschläger, Luzern, verstand es, fachlich kompetent und persönlich überzeugend die Wurzel unserer christlichen und damit auch unserer Existenz als Ordensfrauen neu bewusst zu machen. Unsere christliche Existenz wurzelt im Christusgeschehen. Die Vertiefung unseres Lebens als Ordenschristinnen setzt deshalb voraus, dass die Wirklichkeit Jesu Christi für uns lebendig und konkret ist. In den eineinhalb Tagen führte uns der Referent über die Rückfrage nach dem historischen Jesus zur Verkündigung über Jesus Christus aufgrund des Ostergeschehens. «Das letzte Mahl Jesu ­ Schlüssel zu seinem Selbstverständnis ­ Teilhabe an seiner Person als Geschenk und Herausforderung zugleich»; der «gewaltsame Tod Jesu als letztgültige Konsequenz seines Lebens» und «die Auferstehung Jesu als Offenbarung Gottes auf eine neue Zukunft hin». Dreifach war der Zugang zu jeder Aussage: ein geschichtlicher, ein theologischer und ein kerygmatischer. Dieser Weg verhalf zu einem vertieften Verständnis, gab aber auch Impulse für eine weiterführende meditative Auseinandersetzung. In einer sehr konkreten Schilderung ­ für die Zuhörerinnen geradezu faszinierend ­ zeichnete Kirchschläger die Anfänge und das Leben der frühen Kirchen in ihrer strukturellen Verschiedenheit einerseits, aber zugleich als Gemeinschaft der an Christus Glaubenden und darin deren Einheit. «Kirche sein heisst grundsätzlich: Christus als den Herrn, den Kyrios, bekennen. Und dieses Bekenntnis ist die Konsequenz von Taufe.» Die Orientierung an solchem «Urgestein» von Kirche könnte heutige Diskussionen auf eine fruchtbare Zukunftsperspektive hinlenken.
Die Ausführungen über die «Taufe als Grundlage christlichen Lebens» und über «Grundelemente des Lebens von Getauften in der Kirche» führten schliesslich zu den letzten Themen «Berufung und Nachfolge». Die Berufungs- und Nachfolgegeschichten in den Evangelien zeigen, wie auf verschiedene Weise Berufung sich ereignen kann. Sie ist für jede Person einzigartig. «Die Nachfolge ist die menschliche Antwort auf Gottes Initiative, der zweite Schritt in diesem Dialog.» Die konkreten Umsetzungsformen dieser Antwort sind wiederum sehr verschieden. Entscheidend bleibt die grundsätzliche, personale Orientierung an Jesus.
Nachfolge ist letztlich Grundlage christlicher Gemeinschaft. «Menschen, die sich um Nachfolge bemühen, bilden Gemeinschaft, letztlich die Kirche.» Diese Gemeinschaft ist eine Lebensgemeinschaft mit Jesus Christus; eine Dienstgemeinschaft in Übereinstimmung mit Jesus Christus; eine Gemeinschaft, welche die Erfahrung Jesu Christi teilt; eine Gemeinschaft, die auf Jesus Christus hofft.
Was der VONOS-Versammlung in den «biblischen Überlegungen zum Christusgeschehen» geschenkt wurde und in dieser allzu kurzen und lückenhaften Zusammenfassung angedeutet ist, mag in einem Wort von Ludger Holm-Morisch zum Ausdruck kommen: «Was einem erwachsenen, reifen Glaubensleben Orientierung gibt, ist die Botschaft des Beginns.»


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2002