29-30/2002

INHALT

Berichte

50 Jahre Kinderspital Bethlehem

von Rolf Weibel

 

Die diesjährige ordentliche Generalversammlung des Vereins Kinderhilfe Bethlehem fand aus gegebenem Anlass in Freiburg i.Br., dem Sitz des Deutschen Caritasverbandes, statt. Vor 50 Jahren berichtete nämlich der Schweizer P. Ernst Schnydrig im Auftrag der Caritas Deutschland aus den palästinensischen Flüchtlingslagern. In Bethlehem erlebte er, wie ein verzweifelter Vater am Heiligen Abend in der Nähe eines Flüchtlingslagers sein Kind im Morast beerdigen musste. Um kranken Flüchtlingskindern medizinische Hilfe zukommen lassen zu können, mietete P. Schnydrig ein Haus mit 14 Betten und nannte es voll Vertrauen «Caritas Baby Hospital». 1963 wurde eine eigene Trägerschaft gegründet, die heutige Kinderhilfe Bethlehem. 1978 konnte der Neubau bezogen werden, der 1997 bis 1999 umgebaut und renoviert wurde. Bis heute ist das «Caritas Baby Hospital» das einzige Kinderspital in den palästinensischen Gebieten.
Der festliche Teil der Jubiläumsversammlung begann mit einem Gang ans Grab von P. Ernst Schnydrig, wo in einer kleinen Liturgie seiner und aller Verstorbenen der Kinderhilfe Bethlehem gedacht wurde. Dem feierlichen Dankgottesdienst im Freiburger Münster standen die Ortsbischöfe von Freiburg i.Br. und Basel, Erzbischof Oskar Saier und Bischof Kurt Koch, vor. Beim anschliessenden Empfang mit Festakt beeindruckten vor allem die persönlichen Zeugnisse von Gästen aus Bethlehem, die gegen alle Hoffnung hoffen.
Bereits der geschäftliche Teil, die ordentliche Generalversammlung, die alle Anträge des Vorstandes einstimmig guthiess, stand unter dem Eindruck der gegenwärtigen schlimmen Situation in Bethlehem und im Einzugsgebiet des Kinderspitals. Aufgrund eines vor kurzem vorgenommenen Augenscheins schätzt die Präsidentin der Kinderhilfe, Margrit Zemp-Ineichen, die gegenwärtige Situation als noch schlimmer ein als wie sie sie vor Monaten für den Jahresbericht beschrieben hatte. Die immer wieder für kürzere oder längere Zeit angeordneten Sperren haben zur Folge, dass man sich in Palästina entweder gar nicht oder nur erschwert bewegen kann. Dies erfordere vom Kinderspital eine ausserordentliche Flexibilität und Kreativität.
Für Klaus Röllin, den Geschäftsführer der Kinderhilfe, ist das «Caritas Baby Hospital» Herausforderung und Geschenk zugleich. Auch in den gegenwärtig ausserordentlich schwierigen Zeiten lebt das Kinderspital, ist die Kinderhilfe aktiv. Das setzt allerdings eine grosse Verlässlichkeit voraus, eine Verlässlichkeit der Trägerschaft des Kinderspitals, die sich ihrerseits auf einen treuen Spenderkreis abstützen können muss. Verlässlichkeit wird auch vom Spitalpersonal bewiesen: der langjährige Chefarzt Dr. Emile Jaroui konnte auf seine 23-jährige Tätigkeit im Kinderspital zurückblicken und die deutsche Fachärztin Dr. Mechthild Eling auf gar ein rundes Vierteljahrhundert.
Um für weitere Aufgaben mehr Zeit zu haben, ist P. Jean-Bernard Livio SJ, der mit Yvonne Jeannerat das Westschweizer Sekretariat der Kinderhilfe in Carouge aufgebaut hatte, aus dem Vorstand ausgeschieden. Als Zeichen des Dankes und der Verbundenheit wurde er zum Ehrenmitglied ernannt.
Ein ausserordentlicher Spendeneingang in Deutschland führte zur ungewöhnlichen Höhe der Erfolgsrechnung des letzten Jahres von CHF 9917354. Das Jahr 2002 ist mit CHF 9159000 vorsichtig budgetiert. Vorsichtig, aber guten Mutes warf Klaus Röllin auch einen Blick in die Zukunft. Nachdem aus der Krankenpflegeschule des Kinderspitals 1999 ein von der Palästinensischen Autonomiebehörde anerkanntes Krankenpflege-College geworden ist, könnte der nächste Schritt die Anerkennung als «teaching hospital» sein. Dank dem grossen Einsatz der unmittelbar Beteiligten und Dank der tatkräftigen Förderung durch weite Kreise, von den Spendern und Spenderinnen bis zu diplomatischer Unterstützung, ist aus der raschen Nothilfe von P. Schnydrig ein nachhaltiges Werk geworden.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2002