27-28/2002 | |
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Berichte |
Wir schauen nach oben und erwarten, dass etwas geschieht. Schauen wir lieber auf den Boden.» An Christi Himmelfahrt wurde in Freiburg i.Br. das 13. deutschsprachige Gemeindeforum mit dieser zum Fest passenden Bemerkung eröffnet. 150 Gläubige aus Basisgemeinden und lebendigen Pfarreien nahmen an diesem dreitägigen Treffen teil (darunter sieben aus der Schweiz). Sein Motto lautete: «Es gibt noch Hoffnung. Gebt ihr einen Tropfen Wasser.»
Bekanntlich beschwört man die Hoffnung eher in Krisenzeiten. Tatsächlich
erleben die basiskirchlich Bewegten und damit auch ihre Plattform, das seit
1977 bestehende Gemeindeforum, nicht gerade eine Blütezeit. Vor gut
20 Jahren zählte es in Salzburg 600 Teilnehmende. Und nach dem Forum,
das 1999 in Wien-Schwechat stattgefunden hatte, konnte erstmals weder eine
Basisgemeinde noch eine Pfarrei gefunden werden, die sich bereit erklärte,
das nächste zu organisieren. In die Lücke sprang der Religionspädagoge
Gerhard Rummel mit Studierenden der Katholischen Fachhochschule Freiburg.
Sie animierten das Forum mit Schwung und Kreativität.
In den Gesprächsrunden, die stets ein zentraler Programmpunkt solcher
Begegnungen sind, war einiges von der Krisenstimmung zu spüren. Der
bekannten Basisgemeinde am Wiener Akkonplatz beispielsweise liefen in den
letzten Jahren sämtliche Kinder und Jugendliche davon. Ältere
Mitglieder zogen weg oder starben. Neue kamen nicht dazu.
Basisgemeinden, so die mehrfach geäusserte Einsicht, waren vor 20 oder
30 Jahren die Antwort auf damalige Nöte. Heute müssen sie auf
heutige Notlagen reagieren. Dagegen steht die selbstkritische Erkenntnis:
«Auch in Basisgemeinschaften gibt es Leute, die fixiert sind auf das,
was war.»
Es scheint, dass an einer andern Ecke der basiskirchlichen Bewegung weniger
von Krise zu sehen ist: dort, wo Schritte gemacht werden von «versorgten
Pfarreien» zu «lebendigen Gemeinden». Ein Beispiel dafür
ist die in der Nähe von Ulm gelegene Pfarrgemeinde Herbrechtingen (die
voraussichtlich das nächste Gemeindeforum in zwei oder drei Jahren
organisieren wird). Es gibt dort 20 Bibelgruppen (bereits unter dem früheren
Pfarrer gab es deren zwei, die wegen ihm im Untergrund bleiben mussten...).
Jeder Sonntagsgottesdienst wird von einer Gottesdienstgruppe vorbereitet.
Neben den jungen Familien ist «Weltoffenheit und Gastfreundschaft»
eine der Optionen der Pfarrei. Zurzeit sind einige Jugendliche aus der argentinischen
Partnergemeinde in Herbrechtingen. Sie beteiligten sich sehr engagiert am
Gemeindeforum.
Michael N. Ebertz, Religionssoziologe an der gastgebenden Fachhochschule,
stellte in seinem aufrüttelnden Referat einige gesellschaftliche Mega-Trends
vor. Sie führen dazu, dass die Kirche nicht so sehr als verbindliche
und verbindende Gemeinschaft gefragt ist. Sie soll als ritueller und sozialer
(Caritas!) Dienstleistungsbetrieb funktionieren. Gefragt sind auch Events,
die «Augenblicksgemeinden» bilden. Illustres Beispiel: die Weltjugendtage
mit Papst Johannes Paul II.
Die Gesellschaft ist nach Ebertz in eine Vielzahl «ästhetischer»
Segmente unterteilt. Eine Pfarrei scheitert, wenn sie in gleicher Weise
alle ansprechen will. Darum ist Arbeitsteilung gefragt. Der Referent betonte
in diesem Zusammenhang: «Wenn der Pfarrer meint, er müsse allen
alles sein, gerät er in ein Burn-out.»
Das Fazit des Religionssoziologen: «Wir brauchen ästhetisch differenzierte
Gemeindeformen.» Im Übrigen warnte Ebertz davor, ästhetische
Differenzen zu «moralisieren» (was anders daher kommt als früher,
ist schlecht).
Ebenso darf nicht die Gemeinde der Vergangenheit den Massstab für morgen
bilden: «Das Idealbild der Gemeinde messe ich an dem, was ich als
junger Priester erlebt habe. Wenn ich mich davon nicht löse, werde
ich in der Zukunft scheitern» (so der ostdeutsche Bischof Joachim
Wanke).
Norbert Schuster, Pastoraltheologe an der Kirchlichen Fachhochschule Mainz, ging im zweiten Vortrag des Gemeindeforums auf die Problematik des Parrochialprinzips ein, «das jetzt zusammenbricht oder trotzdem aufrechterhalten wird».
Er skizzierte vier Typen von Religiosität, die in jeder Pfarrei zu finden sind. Sie stehen nebeneinander und buhlen um die gleichen Ressourcen:
Wie kann die Pfarrei mit den Differenzen den unterschiedlichen Erwartungen umgehen? Schuster warnte vor der Illusion, die Komplexität zu reduzieren und nur noch auf ein Segment zu schauen. Er schlug eine «Vernetzung und Vertaktung» der unterschiedlichen Bereiche vor. Im anschliessenden Podiumsgespräch sprach sich auch Michael N. Ebertz für ein «gesundes Miteinander» aus. Ebenso nötig ist seiner Meinung nach eine «Konzertierung» der unterschiedlichen Formen kirchlicher Präsenz. Leider würden hier die Kirchenleitungen weitgehend versagen.
Während den Vorträgen hatte es oft ausgesehen, als seien die Basisgemeinden Auslaufmodelle. Auf Nachfrage haben ihnen aber beide Referenten durchaus Chancen für die Zukunft attestiert. Eine Garantie dafür sind Menschen wie die Wienerin Ursula Papies, von der es heisst, sie sei mit ihrer Gemeinde «verheiratet». In einer Schlussrunde meinte sie in Freiburg: «Ich bin nach wie vor vom Basisgemeinde-Gedanken begeistert. Ich möchte, dass auch andere diese Erfahrung machen.»