12/2002

INHALT

Berichte

Und das kirchliche Angebot?

von Rolf Weibel

 

Die Bedeutung, welche die Menschen bei uns den Kirchen praktisch zumessen, wird häufig an der Bilanz der Ein- und Austritte von Kirchenmitgliedern abgelesen; diesbezüglich wird seit längerem eine allmähliche Abnahme des Mitgliederbestandes, und zwar in Bezug auf die Gesamtbevölkerung wie absolut, festgestellt. Ein anderer Massstab wäre die konkrete Partizipation, die Nutzung der kirchlichen Angebote. Diesbezüglich werden nicht viele Daten erhoben; immerhin führen die evangelisch-reformierten Landeskirchen über die Amtshandlungen, die Kasualien, Buch, und diese Daten werden auch veröffentlicht. Nur, genau angeschaut hat sie bislang noch niemand, bis im Auftrag der «Reformierten Presse» der Sozialpsychologe Charles Landert sie über die letzten dreissig Jahre zusammengestellt und analysiert hat. Das Ergebnis wurde mit Kommentaren in der Beilage zur «Reformierten Presse»<1> veröffentlicht.

Die statistischen Daten

In den letzten drei Jahrzehnten ging die Zahl der reformierten Taufen um 45% zurück; in diesem Zeitraum sank indes auch die Zahl von protestantischen Neugeborenen um 33%. Die verbleibende Differenz ergibt sich daraus, dass in protestantischen Familien geborene Kinder zunehmend weniger zur Taufe gebracht werden; vorletztes Jahr waren es noch 78%.
Die Zahl der Konfirmationen sank im Berichtszeitraum um 34%; über die Jahre entwickelte sich die Zahl der Konfirmationen ähnlich wie die Zahl der 15-jährigen reformierten Jugendlichen oder der um 15 Jahre zurückliegenden Taufen. Die Differenz zwischen den 15-jährigen reformierten Jugendlichen und der Zahl der Konfirmationen schätzt Charles Landert auf zwischen 7 und 8%; weil ein Teil von ihnen schon nicht getauft worden ist, dürfte sich der zusätzliche Mitgliederverlust zwischen Taufe und Konfirmation auf schätzungsweise mindestens 4% belaufen, «allerdings mit steigender Tendenz».
Im Berichtszeitraum sank die Zahl der Trauungen um 66%, die Zahl der Eheschliessungen indes nur um 36%. Die kirchlichen Trauungen liegen aber auch deutlich unter der Zahl, die aufgrund des erheblichen Alterssegments der reformierten Bevölkerung erwartet werden könnte, so dass Charles Landert von einem sichtbaren Trend spricht.
Die Zahl der Todesfälle von Schweizer Bürgern und Bürgerinnen stieg in den letzten dreissig Jahren um 10%, die Zahl der kirchlichen Bestattungen indes sank im gleichen Zeitraum um 9%. Im Kanton Zürich weist die katholische Kirche einen ähnlich hohen relativen Rückgang an Bestattungen auf, so dass Charles Landert eine wachsende Tendenz, auf eine kirchliche Bestattung zu verzichten, annimmt.

Die Deutung dieser Daten

Werden diese Trends kumuliert gedeutet, belegen sie für Charles Landert eine schleichende Erosion des Mitgliederbestandes. Zudem dürften sie sich in den nächsten Jahren verstärken, so dass dies in Jahrzehnten auf die Mitgliederzahlen durchschlagen kann ­ wie bei einer Erosion in der Natur, bei welcher es im Verlauf einer allmählichen Abnahme zu Abbrüchen kommt. Dazu macht er auf eine Wirkungskette aufmerksam: Wer nicht konfirmiert ist, dürfte einen Kirchenaustritt eher in Betracht ziehen als wer konfirmiert ist; wer sich nicht kirchlich trauen lässt, dürfte seine Kinder weniger zur Taufe bringen und für ihre religiöse Erziehung weniger motiviert sein.
Gegen die Formulierung einer Erosion spricht sich der Religionswissenschaftler Hubert Knoblauch aus. Erosion suggeriere eine Art Naturnotwendigkeit und eine kontinuierliche, stetige Entwicklung. Die Abnahme der Nutzung der Kasualien sei aber nicht kontinuierlich erfolgt, vielmehr gebe es «Phasen des Abfalls (vor knapp zehn Jahren) und Phasen des sanften Bröckelns».
Wichtiger sind jedoch qualitative Fragen und Folgerungen für die kirchliche Praxis. Dabei sind die Folgerungen widersprüchlich: Während die einen empfehlen, an der Qualität der Kasualien zu arbeiten, betonen die anderen, die Kasualien seien nicht das Herzstück der reformierten Kirche.
Für eine Sicherung bzw. Verbesserung der Qualität der Kasualhandlungen spricht sich Hubert Knoblauch aus zwei Gründen aus; zum einen sind die Kasualien entscheidende Berührungspunkte zwischen Institution und Mitgliedern, und zum andern wächst in der Gesellschaft der Wunsch nach der so genannten Passage-Religiosität, nach einer verstärkten Ritualisierung der zentralen Lebensabschnitte. Der Religionswissenschaftler empfiehlt deshalb, an die Qualität zu denken, nämlich wie diese Rituale gestaltet sind und reformiert gestaltet werden können. Gerade im Blick auf «die Bleibenden oder gar die (Wieder-)Eintretenden» hält auch der Praktische Theologe Albrecht Grözinger die Frage nach der Qualität für entscheidend.
Anders die Kirchenhistorikerin Irena Backus; für sie besteht die eigentliche Herausforderung der protestantischen Kirchen darin, die Botschaft des Evangeliums für die heutige Zeit verständlich und relevant wiederzugeben. Die Genfer Pfarrerin Isabelle Graesslé plädiert sogar für eine Reform nicht nur der Verkündigung, sondern der Kirche überhaupt; nach ihrer Identität, ihren Voraussetzungen und ihrem Angebot müsse grundsätzlich gefragt werden.
Auch Pfarrer Markus Sahli spricht sich für «die gemeinsame glaubwürdige Wahrnehmung des evangelischen Auftrags» aus ­ als für alle Menschen offene Kirchen und in diesem Sinn als Volkskirchen, auch wenn sich das religiöse Feld stark verändert hat, noch ein Drittel der Bevölkerung je katholisch oder reformiert ist und sich der dritte Drittel «aus anderen Denominationen, Religionen oder Konfessionslosen» zusammensetzt.


Anmerkung

1 Annex 44/2001: Kasualien. Bröckeln von Taufe bis Bestattung, zu beziehen bei der Reformierten Presse, Postfach 1469, 8026 Zürich, E-Mail presse@ref.ch


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2002