31-32/2001 | |
INHALT | |
Wortmeldung |
In der Schweizerischen Kirchenzeitung (SKZ) Nr. 26/2001 greift Hauptredaktor
Rolf Weibel in seinem Artikel mit dem Titel «Katholische Vielfalt»
den Begriff «katholikal» auf und verteidigt ihn mit dem Hinweis,
dieser Ausdruck spreche den so bezeichneten Gläubigen in keiner Weise
ihr Katholisch-Sein ab, drücke aber aus, dass sich diese als die einzig
wahren Katholiken verständen. Wörtlich: «Bei evangelikalen
Christen ist eine Neigung festzustellen, ihre Art des Evangelisch-Seins
als (will heissen: für) die einzig richtige zu halten und nur sich
und ihresgleichen zu meinen, wenn sie von Christen sprechen und schreiben.
Neigen Ðkatholikaleð Katholiken etwa in analoger Weise dazu, nur
sich und ihresgleichen zu meinen, wenn sie Ðkatholischð sagen und
schreiben?»
Was Weibel hier vorsichtig als Frage formuliert, ist für viele klar:
Ja, «katholikale» Katholiken neigen dazu, nur sich als Katholiken
zu verstehen. Dazu lässt sich Folgendes antworten:
Wer das Zitat Weibels genau liest, dem fällt auf, dass der Autor im
ersten Fall bei den Evangelikalen behauptet, diese würden
nur sich als Christen verstehen, während er von den so genannten «Katholikalen»
sagt, sie würden nur sich als Katholiken bezeichnen. Wenn wir Ökumene
ernst nehmen und die Bezeichnung Christ nicht nur für unsere eigene
Konfession gelten lassen, dann besteht zwischen beiden Aussagen ein erheblicher
Unterschied. Es ist eines, einem Mitmenschen das Christ-Sein, ein anderes,
ihm das Katholisch-Sein abzusprechen. Christ ist jeder, der an Jesus Christus
als den Sohn Gottes und Erlöser glaubt. Wenn also gewisse evangelikale
Gemeinschaften allen andern christlichen Gruppierungen das Christ-Sein absprechen,
so handeln sie in der Tat lieblos und ausgrenzend.
Katholisch-Sein ist hingegegen viel enger definiert als Christ-Sein. Wer
darf sich mit Fug und Recht als Katholik bezeichnen? Nach landläufiger
Meinung genügt es zwar, getauft zu sein und die katholische Kirchensteuer
zu zahlen. Hier weisen nun die so genannten «Katholikalen» zu
Recht darauf hin, dass es damit nicht getan ist. Jeder, der sich einer Gruppe,
einem Verein, einem Sportclub oder etwas Ähnlichem anschliesst, erklärt
sich mit der Absicht und dem Zweck des Vereins einverstanden. Ein Fussballfan
wird nicht einem Hornusserverein beitreten, ein überzeugter Sozialist
wird sich nicht der SVP anschliessen. Erstaunlich, dass bei der katholischen
Kirche plötzlich andere Massstäbe gelten sollen. Jede noch so
abstruse Lehrmeinung, jede noch so der katholischen Kirche widersprechende
Lebensweise soll da Platz haben. Ein Herbert Haag kann behaupten, ein Laie
könne genauso gut der hl. Eucharistie vorstehen wie ein geweihter Priester,
Frau X. kann verhüten, abtreiben, sich scheiden lassen und wieder «heiraten»
katholisch sind sie noch alleweil, und wer das zu bezweifeln wagt,
erhält flugs den Stempel «katholikal» aufgedrückt.
Katholisch heisst ja schliesslich allumfassend, allgemein. Open Door für
alle, denen es gefällt, sich als katholisch zu bezeichnen!
Doch so einfach ist das nicht. Christus fordert keine Lippenbekenntnisse,
sondern Nachfolge, und die muss sich für den Katholiken im berühmten
sentire cum ecclesia, dem Fühlen mit der Kirche, ausdrücken. Der
wahre Katholik hat sein ganzes Leben nach der Lehre der Kirche auszurichten,
das heisst wenigstens diese Lehre bei seinen Gewissensentscheidungen zu
berücksichtigen. Wenn nun als «katholikal» verschrieene
Katholiken darauf aufmerksam machen, dass es gewisse Grenzen für das
Katholisch-Sein gibt, tun sie das mit gutem Grund.
Der Ausdruck katholikal ist und bleibt pejorativ. Auch wenn er denen, die
er damit bezeichnet, das Katholisch-Sein nicht abspricht, so grenzt er sie
doch aus respektive bezeichnet sie als eine Sondergruppe innerhalb der katholischen
Kirche. Doch genau das wollen diese Menschen nicht sein. Sie können
nicht verstehen, warum sie eine verfemte Sondergruppe sein sollen, wo sie
sich doch in allem genau an die Lehre der Kirche halten. Sie fühlen
sich durch den Ausdruck katholikal abgewertet, so wie sich Afrikaner durch
die Bezeichnung Neger und Inuit durch das Wort Eskimo verachtet fühlen.
Schon die christliche Nächstenliebe gebietet also, diese Bezeichnung
nicht zu verwenden, da sie von denen, die sie bezeichnet, abgelehnt wird.
Im Gegensatz dazu stammt der Ausdruck evangelikal von den Evangelikalen
selbst.
Kommt dazu, dass unter dem Sammelbegriff «katholikal» oft alles
Mögliche subsummiert wird. Die Verwender dieser Vokabel werfen alle,
die kirchlicher denken als sie selbst, in den gleichen Topf. Dass es zum
Beispiel zwischen einer Pro Ecclesia und der Bewegung rund um die Priesterbruderschaft
St. Pius X. gewaltige Unterschiede gibt, wird durch die ungenaue Nomenklatur
«katholikal» verwischt. Wie fundamentalistisch, integristisch,
traditionalistisch, rechtskatholisch oder konservativ dient katholikal vor
allem dazu, den innerkirchlichen Gegner zu diffamieren. All diese Ausdrücke
sind negativ vorbelastet und enthalten darum automatisch eine (Ab)Wertung.
Wie soll man denn Katholiken bezeichnen, die die Lehre der Kirche ernst
nehmen und danach zu leben versuchen? Einige Vorschläge seien hier
zum Schluss gemacht. Papsttreu oder kirchentreu wäre eine Möglichkeit,
die «Katholikalen» der Sache gerechter zu benennen. Ebenso zufrieden
wären sie vermutlich mit der Vokabel «marianisch», spielt
doch die Verehrung der Muttergottes bei ihnen eine ungleich grössere
Rolle als bei ihren progressiven Mitkatholiken. Am liebsten würden
sie sich allerdings einfach als katholisch oder römisch-katholisch
bezeichnen, denn nichts anderes wollen sie sein.
Wegen Ferienabwesenheit erscheint der vorstehende Leserbrief verspätet und deshalb auch, nachdem er bereits als Beitrag auf der Frontseite der Schweizerischen Katholischen Wochenzeitung vom 6. Juli erschienen ist. Er erscheint entgegen unserer Regel, nur Originalbeiträge zu veröffentlichen, weil er die von mir angesprochene Problematik veranschaulichen kann: Es gibt in der katholischen Kirche Gruppen einer bestimmten Couleur bzw. mit einem beschreibbaren Profil, die Mühe haben, Gruppen anderer Couleur bzw. mit anderen Profilen, auch wenn sie am Wesentlichen des Katholischen festhalten, als katholische gelten zu lassen. Mit Recht erwarten umgekehrt «evangelikale» Gruppen von anderen Gruppen Respekt.