51-52/2001 | |
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Kirche in der Welt |
An der X. Ordentlichen Vollversammlung der Bischofssynode zum Thema «Der Bischof als Diener des Evangeliums Jesu Christi für die Hoffnung der Welt», über deren Verlauf wir regelmässig berichtet haben, konnten aus der Schweiz zwei Bischöfe teilnehmen: Bischof Norbert Brunner als Vertreter der Bischofskonferenz und Bischof Amédée Grab als Präsident des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen. Bischof Norbert Brunner berichtete an der letzten Sitzung der Bischofskonferenz von seinen Eindrücken; in diesem Zusammenhang gewährte er Paul Martone, Mitarbeiter des Informationsdienstes des Bistums Sitten, das folgende Interview.
Herr Bischof, Sie nahmen vom 30. September bis 27. Oktober 2001 in Rom an der X. Ordentlichen Vollversammlung der Bischofssynode teil. Es war gleichzeitig ihre erste Synode. Können Sie mir ein Ereignis nennen, das Ihnen am meisten Eindruck gemacht hat?
Ich kann nun kein einzelnes Ereignis nennen, das mich am meisten beeindruckt hätte. Von der Gesamtstimmung der Synode, von der Freundschaft unter den Bischöfen und der affektiven Kollegialität her habe ich die Synode in sehr guter Erinnerung. Von diesem Standpunkt aus ist die Synode eine Erfahrung, die ich jedem Bischof gönnen würde.
Ihre Intervention hat hohe Wellen geworfen. Sie haben sich darin für mehr Kollegialität und weniger Zentralismus ausgesprochen. Die vatikanische Kurie müsse die Aufgaben und Kompetenzen der Ortskirchen anerkennen. Haben die Bischöfe und die Vertreter der Kurie darauf reagiert?
Einzelne schon. Bei den verschiedenen Gesprächen in kleinen Gruppen haben mir manche zugestimmt, andere hätten lieber eine andere Form gewählt. Ich war aber nicht der Einzige, der sich an der Synode in dieser Richtung geäussert hat, andere hingegen waren wieder zurückhaltender. Es gab jedoch keine negativen Reaktionen, die ausdrücken wollten, dass man so nicht vorgehen dürfe. Auch von Seiten der Vertreter der Kurie kam keine negative Stellungnahme.
Ich habe gehört, Ihre Intervention sei zu offen und zu direkt gewesen. Darf man an einer Synode nicht offen und direkt reden?
Natürlich darf man offen reden. Ich habe mir aber nachher auch überlegt, was ist die Art und die Sprache, die man reden muss, damit mein Anliegen von den entsprechenden Personen auch gehört und verstanden wird. Soll man es auf eine offene Konfrontation ankommen lassen, oder sollte man es nicht lieber mit einer anderen Methode und Sprache versuchen? Ich dachte dann an das Buch über Papst Johannes Paul I. «Mit Holzschuhen geht man nicht in den Vatikan». Vielleicht ging ich mit solchen Holzschuhen in den Vatikan.
In den verschiedenen Interventionen der Bischöfe wurde die Kurie stark kritisiert, man verlangte ihre Reform, dass sie mehr auf die einzelnen Situationen eingehen, mehr pastoral denken soll. Ist die Kurie eine Art «Kirche in der Kirche»?
Die Kurie macht sehr viele Dinge sehr gut. Es ist jedoch sehr schwierig, allen gerecht zu werden, denn ein Problem, das für uns vielleicht brennend ist, ist in anderen Teilen der Welt nebensächlich. Hier ist es sehr schwer, einen Ausgleich zu finden.
Verschiedene Bischöfe und Kardinäle haben auch das System der Synode selbst kritisiert und verlangten eine Reform der Synode. Wie sollte sich Ihrer Meinung nach die Synode verändern?
Wir sind überzeugt, dass der Papst von Christus den Auftrag bekommen hat, seine Kirche zu leiten. Daran gibt es nichts zu rütteln. Aber es ist fraglich, ob es, trotz vielen guten Gesprächen und der Erfahrung der Kollegialität, nicht sinnvollere und bessere Methoden gibt, um dem Papst bei der Ausübung dieses Auftrages zu helfen, als die jetzige Form der Synode, dass also regelmässig die Bischöfe zusammenkommen, miteinander beraten und dem Papst dann ein Schlussdokument übergeben.
Wie könnte ein solches System aussehen?
Das Problem der Synode ist, dass die Themen viel zu weit gefasst sind und die Teilnehmerzahl zu gross ist. Es ist der Wunsch, dass man ein effizientes Organ der Kollegialität hat. Da gibt es verschiedene Modelle. Eines davon ist, dass die Präsidenten der verschiedenen Bischofskonferenzen regelmässig zusammenkommen. Diese wären ähnlich wie im Priesterrat der Diözese vier Jahre in diesem Gremium, und dort würden dann auch konkrete Fragen behandelt, wie zum Beispiel die Frage der «viri probati», des Zölibates. Eine andere Lösung wäre vielleicht eine kleinere Gruppe Bischöfe, die in erster und zweiter Lesung ein Problem diskutieren und anschliessend dem Papst ihre konkreten Schlussfolgerungen und Vorschläge vorlegen. Der Papst müsste diese Vorschläge dann zur Kenntnis nehmen und möglichst verwirklichen. Natürlich stünde es ihm als oberstem Garanten der Einheit frei, Vorschläge abzulehnen, aber er müsste begründen, warum er sie ablehnt. Das hiesse aber, dass der Papst eine grössere Synodalität akzeptieren würde. Papst Johannes Paul II. hat diese Frage im Bereich der Ökumene gestellt oder auch im Verhältnis zu den Ostkirchen. Dort stellte er ja die Ausübung des Petrusamtes zur Diskussion. Diese Diskussion kann jedoch nach aussen nicht geführt werden, wenn ich sie innerhalb der Kirche auch nicht habe. Man müsste also nicht die Synode ändern, sondern ihre Grundstruktur.
Heisst das, der Papst müsste die Synode ernster nehmen?
Ich glaube, der Papst nimmt die Synode sehr ernst, aber man kann nicht zu konkreten Schlussfolgerungen und Vorschlägen und zu notwendigen Änderungen kommen auf Grund von siebzig allgemeinen Vorschlägen («propositiones») der Synodenväter.
War der Papst bei der Synode immer dabei?
Ja, der Papst war immer anwesend und hat den verschiedenen Interventionen der Bischöfe zugehört, ausser wenn er eine Generalaudienz hatte. Er hat jedoch nie in die Diskussion eingegriffen, ausser wenn er zu Beginn der Sitzungen oder an deren Schluss ein paar Worte zu den Bischöfen gesprochen hat.
Die Katholische Kirche tendiert ja sehr stark darauf, eine einheitliche Lehre zu vermitteln. Nun haben die verschiedenen Ortskirchen natürlich andere Schwerpunkte, denken wir nur an den Einsatz der «viri probati», das heisst der Männer, die zu Priester geweiht werden, obwohl sie verheiratet sind. Wie kann man das auf einen gemeinsamen Nenner bringen?
Hier gibt es zwei Punkte zu beachten. Der erste Punkt, der sehr wichtig
ist, ist die Solidarität, dass ich also die Anliegen meiner Mitbrüder
in den anderen Ländern und Kontinenten ernst nehme. Der zweite ist
die Subsidiarität. Diese besagt, dass eine Autorität, in unserem
Fall die Kurie, nicht das an sich ziehen darf, was auf Bistumsebene entschieden
werden kann. Das setzt natürlich voraus, dass Rom zu den einzelnen
Ortsbischöfen das nötige Vertrauen hat.
Ich glaube, dass man Lösungen nur in der Einheit der Gesamtkirche lösen
kann. Nehmen wir das Problem der «viri probati». Dieses ist
kein weltweites Problem, sondern ist vor allem auf Europa beschränkt.
Der Papst könnte nun entscheiden, wir können «viri probati»
weihen. Wir überlassen es aber den einzelnen Bischofskonferenzen, ob
sie es tun wollen oder nicht. Auf der einen Seite hätte man so eine
Einheit, auf der anderen Seite würde man die Verantwortung der einzelnen
Ortskirche ernst nehmen.
Es braucht eine Einheit, aber keine Uniformität. Diese ist der Feind
der Einheit.
Die Synode hat viele und hohe Forderungen an das Bischofsamt gestellt. Der Bischof soll Bruder und Vater der Armen sein, dann aber auch Hirte, Wächter und Prophet. Wenn man mit diesen Forderungen ernst macht kann dann noch je ein Mensch Bischof werden?
Diese Forderungen sind nicht neu. Wenn man das Kirchenrecht betrachtet,
so sind die Anforderungen für einen Bischof darin bereits enthalten.
Die Bischofssynode hat gewisse Aspekte vertieft. Nun kann der Bischof natürlich
nicht alles allein tun. Er muss sich daher so organisieren, dass er diese
Verantwortung mit seinen Mitarbeitern teilen kann.
Das gleiche Problem stellt sich auch bei den Pfarrern. Auch er ist für
unendlich viele Dinge verantwortlich. Er muss diese Verantwortung aber mit
anderen Mitarbeitern teilen.
Als Beispiel nenne ich die Diakonie, welche neben der Liturgie und der Verkündigung
eine Hauptaufgabe des bischöflichen Dienstes ist. Auch wenn der Bischof
diese karitative Tätigkeit an Institutionen delegiert, kann er sich
nie von dieser Sorge dispensieren.
Ich erwartete im Schlussdokument der Synode nach der Einleitung Aussagen zu konkreten Problemen und Fragen, die in der Synode behandelt wurden.
Wenn man das Schlussdokument genau durchgeht, so kann man darin auch Traktanden der Synode herauslesen. So wurde etwa das Thema der Solidarität darin angesprochen, auch die Forderung nach effizienterer Arbeit ist erwähnt, ebenfalls das Verhältnis zwischen den Ortskirchen und der Kurie, also alles Anliegen, die in die Vorschläge an den Papst, die «propositiones» eingeflossen sind. Vielleicht nicht in der direkten Form, wie sie der eine oder andere Bischof ausgesprochen hat, aber es ist nicht so, dass die Anliegen überhaupt nicht hineingeflossen sind.
Die Synodenväter sind inzwischen alle wieder in ihre Diözesen zurückgekehrt. Wie geht es nun weiter?
Es geht nun darum, die Forderungen der Synode in den einzelnen Diözesen umzusetzen. Sind die Bischöfe mutig genug? Jeder Bischof muss sich nun sagen, dieses oder jenes muss ich nun für mein Bistum entscheiden, natürlich immer im Rahmen des in der Gesamtkirche Möglichen. Ich muss in meinem Bistum entscheiden, ohne mich ständig zurück in Rom zu versichern, ob ich dieses oder jenes jetzt tun kann oder nicht. Vielmehr muss ich als Bischof meine eigene Verantwortung für das Bistum wirklich wahrnehmen.
Hat die Bischofssynode das Selbstbewusstsein des Bischofs von Sitten gestärkt?
Das würde ich nicht so formulieren. Ich bin mir bewusst geworden, dass ich hie und da aus meinem Kontext ausbrechen muss, um den Kontakt auch zu anderen Bischöfen zu pflegen. Wenn man in der Zeitung etwas liest und dann die konkrete Person vor sich sieht, so schafft das natürlich ein ganz anderes Verhältnis. Ich habe auch Verantwortung für die Universalkirche, und zwar für die Universalkirche, wie sie im Bistum gelebt wird.
Sollte es vermehrt solche Bischofssynoden geben?
Nicht unbedingt, aber ich würde es jedem Bischof wünschen,
dass er einmal eine solche Erfahrung machen könnte.
Für mich habe ich eine sehr positive Erfahrung machen können,
zuerst einmal hinsichtlich der Kollegialität. Es war sehr wertvoll,
mit den Bischöfen zu reden und so ihre Probleme und Ansichten kennen
zu lernen. So gelingt es einfacher, Verständnis für sie aufzubringen,
und umgekehrt kann ich auch von meiner Situation erzählen und so Verständnis
finden.
Schade ist, dass man am Schluss der Synode keine konkreten Ergebnisse in
der Hand hat. Wir waren dort 230 Bischöfe vier Wochen zusammen, aber
das weitläufige Thema hat es verunmöglicht, etwas Konkretes nach
Hause zu nehmen. Es war eine sehr gute kollegiale Stimmung, die sich aber
jetzt auch in konkreten Unternehmungen verwirklichen muss.
Interessiert ein nachsynodales Schreiben in zwei Jahren noch? Haben wir bis dahin nicht andere Fragen, die mehr unter den Nägeln brennen?
Gewisse Fragen sicher. Manche werden schon vergessen sein, andere werden sich verschärfen. Es gibt jedoch Grundfragen, die immer aktuell sind und immer noch auf eine Antwort warten. Man kann das bei meiner Intervention sehen. Diese ist nicht etwas total Neues. Es gab schon während der Sitzung des 2. Vatikanischen Konzils im Oktober 1963 eine berühmte Intervention des melkitischen Patriarchen Maximos IV. (übrigens als einzige in französischer Sprache, alle anderen waren in Latein), in der er den Wunsch nach einer Dezentralisierung der Kirche äusserte, und einer Bischofssynode, die sich regelmässig mit dem Papst trifft.
Von Christen getragene Hilfswerks-Arbeit im Nahen Osten ist eine Arbeit, die zwischen allen Fronten geleistet wird. Sie wird skeptisch beobachtet von der israelisch-jüdischen Seite her, weil sie im arabisch-muslimischen und im arabisch-christlichen Umfeld erfolgt; sie wird skeptisch beobachtet aber auch von der arabisch-muslimischen Seite her, weil eine Minderheit, nämlich die christlich-arabische Bevölkerungsgruppe, dank ausländischer Unterstützung im Bereich der Gesundheitspolitik, der Behindertenarbeit und der Erziehung und Bildung eine relativ starke Stellung beansprucht und auch garantiert.
Das Caritas Baby Hospital, herausgewachsen aus der Flüchtlingshilfe
nach dem ersten israelisch-arabischen Krieg Ende der Vierziger Jahre, ist
eine solche Institution: Über Jahre getragen von unzähligen Spendern
aus Deutschland und der Schweiz, ist es insbesondere garantiert durch das
Weihnachtsopfer der Schweizer Katholiken, dem die Schweizer Bischöfe
seit vielen Jahren ihre Unterstützung geliehen haben. Der Appell der
Schweizer Bischöfe, das Weihnachtsopfer zugunsten der Kinderhilfe Bethlehem
einzuziehen, ist Ausdruck des kirchlichen Engagements für die notleidenden
Menschen in den «Ländern des Heiligen Landes», das heisst
von Syrien und Libanon bis hinunter nach Jordanien, Galiläa, Palästina,
Gaza und Ägypten.
Das Caritas Baby Hospital in Bethlehem ist zwar sehr exponiert gelegen
nahe beim Rahelgrab in Bethlehem, jenem Platz, wo viele Auseinandersetzungen
zwischen Steine werfenden jugendlichen Arabern und israelischer Armee ihren
Anfang nehmen, und nahe beim Checkpoint zwischen Jerusalem und Bethlehem,
wo sich die israelische Repression tagtäglich beobachten lässt:
palästinensische Arbeiter, die beim Übergang nach Jerusalem abgefangen
werden, alte Menschen (Christen und Muslime), die zum Gebet nach Jerusalem
wollen (zur Auferstehungskirche einerseits, zum Felsendom und zur Al-Aksa-Moschee
andererseits) und nicht durchgelassen werden, bis hin zu den Notfall-Transporten,
die am Checkpoint ihr unerklärtes Ende finden und auch wegen unterlassener
Hilfestellung oder Verhinderung von Hilfe tödlich enden können
und schon tödlich geendet haben. Wenn von den Menschen, die zum Gebet
in die Grabes- bzw. die Auferstehungskirche oder zur Al-Aksa-Moschee und
zum Felsendom gehen wollen und am Checkpoint nicht passieren dürfen,
so bleibt immer wieder in Erinnerung zu rufen, dass die israelische Regierung
den Zugang zu den heiligen Stätten für alle Religionen garantieren
würde. Nichts als leere Worte.
Das Caritas Baby Hospital mit seinen angegliederten Diensten (Schwesternschule,
Mütterschule, Sozialdienste) und die Projektarbeit der Kinderhilfe
Bethlehem (finanzielle Unterstützung von Waisenhäusern, von Institutionen
der Behindertenarbeit, von Werken für sozial benachteiligte Kinder
und Jugendliche, Unterstützungen von Schülern und Studenten durch
Beiträge an Schulgebühren, Studienkosten und dergleichen) sind
für die Menschen von Bethlehem und Umgebung und bis tief in andere
Gegenden des Heiligen Landes hinein unverzichtbare Dienstleistungen
und Hoffnungsträger. Dank den von der Kinderhilfe Bethlehem ermöglichten
Beiträgen, die ja zumeist über kirchliche Trägerschaften
(Hilfswerke, Diözesen) erfolgen, können die orientalischen christlichen
Kirchen auch im gesundheitspolitischen, sozialen und im pädagogischen
Bereich eine Präsenz markieren, die ihnen eine spezielle und auch unverzichtbare
Bedeutung innerhalb der nahöstlichen Gesellschaften geben.
Die Schweizer Katholikinnen und Katholiken tragen mit dem Weihnachtsopfer
einen massgeblichen Anteil dazu bei, damit die Kinderhilfe Bethlehem ihre
Aufgaben in Nahost wahrnehmen kann. In der Schweiz tragen die an Weihnachten
eingesammelten Opfergaben rund die Hälfte des schweizerischen Spendenaufkommens
(nämlich rund 2,2 Mio. Franken) bei. Mit dem Weihnachtsopfer allein
liesse sich das Caritas Baby Hospital nicht durchtragen. Ohne das Weihnachtsopfer
ginge es überhaupt nicht.
Im Kontext einer solchen Feststellung lässt sich nur unterstreichen,
dass die Kinderhilfe Bethlehem stark auf die Unterstützung der Seelsorgerinnen
und Seelsorger für das Weihnachtsopfer zählt. Die Kinderhilfe
Bethlehem zählt auf die mitreissende und überzeugende Empfehlung
der Seelsorgerinnen und Seelsorger. Sie braucht sie.
Das Schweizer Fernsehen hat am 7. Dezember einen halbstündigen Film über das Caritas Baby Hospital inmitten der israelisch-arabischen Auseinandersetzungen und inmitten der bethlehemitischen Lebensbedingungen ausgestrahlt. Der von Diego Yanez, dem früheren Israel-Korrespondenten des Schweizer Fernsehens geschaffene Film hat in sehr ruhiger, unspektakulärer Weise die Arbeit des Kinderspitals dargestellt. Die politischen und militärischen Pressionen und Provokationen der israelischen Regierung und der israelischen Armee sind nicht ausgespart geblieben. Gerade dadurch ist deutlich geworden, dass eine Institution wie das von schweizerischen und deutschen Spendengeldern getragene Kinderspital (mitsamt seinen übrigen Aktivitäten) unverzichtbar geworden ist.
In einer Welt, in der Rache und Vergeltung vorherrschen, in der nunmehr gar unter dem Schild der international beschworenen Terrorismusbekämpfung die Aspirationen eines Volkes auf die Wiedergewinnung des einstmals bewohnten Territoriums niedergeknüppelt werden, ist es gut und heilsam, um eine Institution zu wissen, die sich dem friedlichen Mit- und Nebeneinander verpflichtet weiss. Das Kinderspital in Bethlehem ist seit eh ein offenes Haus. Nicht Rasse, Religion oder «Herkunft» entscheiden darüber, ob ein Kind hier Aufnahme findet. Allein die menschliche Bedürftigkeit, die Not, die Krankheit, das angeborene Leiden, entscheiden darüber, ob eine Aufnahme erfolgt oder nicht.

Für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist eine solche Aspiration
nicht leichthin nachvollziehbar. Muslimische Araber wie christliche Araber,
im Spital etwa in gleicher Anzahl angestellt, fühlen sich zuerst ihrer
Gruppe, ihrer Familie, ihrer sozialen Herkunft verpflichtet. Im Caritas
Baby Hospital erfahren sie, dass zuerst und in allererster Linie nur die
Bedürftigkeit des einzelnen Kindes entscheidend ist. Die Unterschiede
von familiärer Herkunft, sozialer Schichtung, religiöser und konfessioneller
Denomination verlieren ihre Bedeutung, verlieren ihr Gewicht in Anbetracht
der Notwendigkeit, menschliche Not wahr und ernst zu nehmen und vom Schlechten
zum Guten zu wenden.
Die Kinderhilfe Bethlehem versteht ihr Wirken an den Schnittstellen von
Judentum, Christentum und Islam und an der Schnittstelle des israelisch-palästinensischen
Konflikts und Überlebenskampfes als einen Beitrag, jene Menschen für
den Frieden stark zu machen, die sich als schwach erfahren und die jetzt
schwach sind. Sie sollen stark werden für den Frieden.
Klaus Röllin wirkt seit 1993 als Geschäftsführer der Kinderhilfe Bethlehem. Seine Tätigkeit führt ihn öfters in den Nahen Osten, speziell nach Israel, Palästina und gelegentlich auch nach Syrien, Libanon und Jordanien. Bereits als Auslandredaktor der Luzerner Neusten Nachrichten, als Chefredaktor des Vaterlands und (nach der Fusion mit dem Luzerner Tagblatt) als Chefredaktor der Luzerner Zeitung beschäftigte er sich einlässlich mit Kultur und Religion, Geschichte und Politik Israels, Palästinas und der angrenzenden Gebiete.