47/2001

INHALT

Kirche in der Welt

Am Beginn einer neuen Phase der Kirche?

von Nestor Werlen

 

Vermutlich gab es in der Geschichte der Kirche noch nie einen Moment wie heute, in dem die Kirche, obwohl über die ganze Welt verstreut, die Ðcommunioð in der Einheit mit dem Papst und den Bischöfen so intensiv erlebt hat wie auf dieser Bischofssynode.» Gesagt hat dies Kardinal Carlo Maria Martini, der Erzbischof von Mailand, also ein Mann, der in seinem Leben einige Höhepunkte erlebt hat und deswegen nicht verdächtigt werden kann, euphorisch zu übertreiben. Gesagt hat er es zudem bei einem Briefing mit Italienisch sprechenden Journalisten, die hyperbolischen Wort-Salti sowieso skeptisch abwehrend gegenüberstehen. Sprach man mit Beobachtern in der Schweiz, tönte es hingegen etwas anders: Die Bischofssynode sei kaum bis gar nicht zur Kenntnis genommen worden. Und wer die Verhandlungen trotzdem verfolgte, habe sich die Frage gestellt, was denn eigentlich aus solchen endlosen Verhandlungen erwachsen solle. Kardinal Martini begründete seinen positiven Eindruck über diese 10. Bischofssynode: «Bei dieser Synode war die Hälfte der Bischöfe noch nicht lang im Amte; viele waren jung und brachten deshalb einen frischen Wind in die Synodenaula. Die Art und Weise, wie sie die Probleme angingen, war sympathisch.»

Unter dem Eindruck von Terror und Krieg

Es ist ganz klar, dass die Weltpolitik die Verhandlungen der Bischofssynode eindeutig überdeckte. Die erste Phase dieser 10. Bischofssynode war geprägt durch die apokalyptischen Bilder aus New York, wo Wirklichkeit wurde, was bisher nur in Science-Fiction-Romanen möglich schien. Die bedeutende Rolle als Relator, die der Erzbischof von New York, Kardinal Edward Michael Egan, auf der Bischofssynode spielte, mag mitgeholfen haben, dass das Mitleid mit New York und den USA im Vordergrund stand. «Gerechtigkeit, nicht Rache» war der Ruf, der von den US-Bischöfen auch in die Synodenaula hineingetragen wurde. Bereits bald aber warfen Bischöfe die Frage auf, wo eigentlich die Wurzeln des Terrors, dem jetzt ein vernichtender Kampf angesagt wurde, liegen. Vor allem Bischöfe aus dem Nahen Osten, wie der lateinische Patriarch Michael Sabbah von Jerusalem oder Erzbischof Vincent Michael Concessao von Delhi, wiesen eindringlich auf die Ungerechtigkeiten hin, die viele Menschen in den Ländern der Dritten Welt erdulden müssten. Der kriegerische Kampf gegen die Terroristen nützte nichts, wenn nicht diese Ungerchtigkeiten behoben würden.
So war denn die zweite Phase der Synode eindeutig geprägt vom Krieg in Afghanistan, sichtbar auch darin, dass der Erzbischof Anthony Theodore Lobo von Islamabad-Rawalpindi zurückreiste in seine Diözese, um hier «Diener der Hoffnung» zu sein. Immer mehr schob sich die Frage in den Vordergrund, ob dieser Krieg überhaupt gerechtfertigt sei. Einige Medien warfen dabei der Synode vor, sie stehe zu sehr auf der Seite der Amerikaner. «Wir verurteilen in absoluter Form den Terrorismus, den nichts rechtfertigen kann», aber man muss dafür sorgen, wie Kardinal Martini beim gleichen Briefing betonte, dass «nicht mit der Bekämpfung des Terrorismus neue Ungerechtigkeiten entstehen». Die notwendige Bekämpfung des Terrorismus sei nur dann legitim, wenn sie nicht Unschuldige treffe. «Die Kirche ist nicht ein internationaler Moral-Agent, der gleichsam eine ethische Erlaubnis an diese oder jene Regierung geben muss.» Aber sie könne Politiker auf die «sündhaften Strukturen» hinweisen, die verbessert werden müssen, weil hier die Wurzeln des Terrorismus liegen.
Die Botschaft zum Ende der Synode, die sicher eine der besten der Bischofssynoden ist, kommt ausführlich auf diese Frage zurück. Es heisst hier: «Zusammen mit dem Heiligen Vater hat die Synodenversammlung den Opfern der Terroranschläge vom 11. September und ihren Angehörigen ihr tiefes Mitgefühl ausgesprochen. Wir beten für sie und alle übrigen Opfer des Terrorismus in der ganzen Welt. Wir verurteilen grundsätzlich jeden Terrorismus; nichts kann ihn rechtfertigen.
Wir konnten uns während der Synode auch nicht den vielen anderen Leiden verschliessen, die Mitmenschen in grossem Ausmass treffen. Wollen wir der Welt neue Wege aufzeigen, müssen wir auch die ÐStrukturen der Sündeð berücksichtigen, von denen Papst Johannes Paul II. gesprochen hat. Gemäss ausgewiesenen Experten der Weltwirtschaft leben 80 Prozent der Weltbevölkerung mit 20 Prozent aller Güter und 1200000000 Menschen müssen mit weniger als einem Dollar pro Tag überleben. Ein grundsätzlicher sittlicher Wandel ist geboten. Die Bedeutung der kirchlichen Soziallehre können wir nicht genug betonen. Wir verpflichten uns als Bischöfe, sie in unseren Diözesen bekannter zu machen.
Zu lang unterschätzte, weit verbreitete Notstände können die Bevölkerung ganzer Länder in die Verzweiflung treiben. Wie können wir dazu schweigen, dass nach wie vor unzählige Menschen in einer Zeit weiter verhungern oder in äusserster Armut leben müssen, in der Möglichkeiten zu einer besseren Verteilung der Ressourcen wie nie zuvor zur Verfügung stehen? Wir sind solidarisch mit den riesigen Strömen von Flüchtlingen und Einwanderern, die infolge von Krieg, politischer Unterdrückung oder wirtschaftlicher Benachteiligung ihre Heimat verlassen müssen, Arbeit suchen und sich nach Frieden sehnen. Zunahme von Malaria und AIDS, Analphabetismus, Zukunftslosigkeit für so viele Kinder und Jugendliche, die auf der Strasse leben, Ausbeutung der Frauen, Pornographie, Intoleranz, Missbrauch der Religion zur Unterdrückung der Menschen, Drogen- und Waffenhandel: die Aufzählung ist unvollständig. Dennoch verlieren Einzelne auch in der äussersten Not die Hoffnung nicht. Der Herr schaut auf sie und unterstützt sie: ÐDie Schwachen werden unterdrückt, die Armen seufzen. Darum spricht der Herr: Jetzt stehe ich auf, dem Verachteten bringe ich Heilð (Ps 12,6).»
Zu all diesen Problemen könnte man aus den Interventionen der Synode unzählige Beispiele anführen. Genau hier liegt eine der wichtigsten Aufgaben der Bischofssynode: Es gibt keine andere kirchliche Institution, durch die die Bischöfe so hautnah mit den Sorgen ihrer Mitbrüder und der Ortskirchen in der ganzen Welt konfrontiert werden wie die ersten vierzehn Tage der Bischofssynode. In irgendeiner Form sollte dieses Erlebnis auch bei einer neuen Form der Bischofssynode nicht verloren gehen.

Nachbereitung

Wenn man einen Punkt angeben müsste, bei dem diese Synode entscheidende Fortschritte gebracht hat, dann ganz klar bei der Frage der Bischofssynode. Sie könnte den Weg zu einer «schlankeren» Form der Zusammenkunft der Bischöfe geöffnet haben. Wie genau sie aussieht, dazu wurden zwar Möglichkeiten angetönt, doch muss hier die nachsynodale Kommission, die am Schluss der Synode gewählt wurde, wohl noch einige Denkarbeit verrichten. Man darf dieser Kommission durchaus Chancen bei dieser Aufgabe einräumen, gehören ihr doch Bischöfe an wie die Kardinäle Danneels (Mecheln-Brüssel), Tettamanzi (Genua) und Kasper (Rat für die Einheit der Christen) für Europa, sowie Kardinal Arinze, die Erzbischöfe Onaiyekan von Abuja in Nigeria und Monsengwo Pasinya von Kisangani für Afrika. Die beiden letzten haben bereits anlässlich der Sondersynode für Afrika ganz entscheidend mitgeholfen, ein afrikanisches Bild dieser Kirche zu entwerfen, bei dem der Gedanke «Kirche als Familie» wegleitend war. Amerika ist vertreten durch die drei Kardinäle George (Chicago), Bergoglio (Buenos Aires) und Hummes (São Paulo) und Asien durch die Erzbischöfe Quevedo vom philippinischen Cotabato, D'Souza von Kalkutta und Pell von Sydney. Unter den von Johannes Paul II. Hinzugewählten ragt vor allem Kardinal Rivera Carrera, Erzbischof von Mexiko hervor, der eindrücklich über die Sorgen eines Bischofs in einer modernen «Megalopolis» (in der Erzdiözese Mexiko leben laut «Annuario pontificio» über 9 Millionen Katholiken) sprach.
Zur schlankeren Form der zukünftigen Bischofssynode wird sicher auch gehören, dass sie weniger breite Themen zur Diskussion stellt und dass Mitentscheidung eingeräumt wird. Ein Problem, auf das Kardinal Vlk von Prag, der frühere Präsident des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen hinwies, wird die Belastung dieser Aufgabe für Bischöfe sein, die noch einer Ortskirche vorstehen. «Meine Priester haben mir vorgeworfen, ich sei zu viel ausser Landes», gestand Kardinal Vlk auf einer Pressekonferenz.
Das Thema dieser Bischofssynode war sehr breit und teilweise gerade deswegen auch interessant. Dennoch lassen sich Punkte finden, die bei der Diskussion untergegangen oder doch wenigstens nur ein Schattendasein führten. Am meisten fiel mir das bei der Frage der Bischofswahl auf: Die wenige Bischöfe, die darauf zu sprechen kamen, berührten es nur so nebenbei und zudem im Zusammenhang mit Fragen, die kaum zentral genannt werden können (Einfluss der Metropoliten bei der Vorbereitung). Das fällt für unsere europäischen Verhältnisse vor allem deswegen auf, weil am Rande der Bischofssynode bekannt wurde, dass einer der neu ernannten Kardinäle diese Frage beim ausserordentlichen Konsistorium im Frühling dieses Jahres aufgegriffen hatte. Dass die heutige Form kaum die endgültige Form bleiben kann, ist dabei vielen klar; wie eine vermehrte Mitsprache der Gläubigen aber aussehen könnte, darüber existieren sehr viele Vorschläge, die wohl noch einiger Klärung bedürfen.
Der Punkt, der am meisten Aufmerksamkeit der Synodenväter erhielt, war eindeutig das Bild des Bischofs und seine Spiritualität. Unter dem Titel: «Der Bischof als Diener des Evangeliums der Hoffnung» beschäftigt sich auch der ganze dritte Teil der Botschaft mit diesem Bild, und man kann annehmen, dass auch die nachsynodale Botschaft eingehend auf diese Punkte zurückkommen wird.
Es war eine Bischofssynode, die zwar weniger Wellen aufwarf als andere vor ihr, wie auch Kardinal Ratzinger ihr ausdrücklich bestätigte, die aber nicht weniger intensiv war als frühere und in den Konsequenzen vielleicht grössere Bedeutung bekommen könnte als andere vor ihr.
Dass die Politik ihr Denken und Beten ­ an einem Abend betete Johannes Paul II. zusammen mit den Bischöfen den Rosenkranz für den Frieden in der Welt ­ prägte, ist auch in der Botschaft sichtbar, die mit einem eindrücklichen «Appell für Jerusalem» endet: «Zum Schluss schauen wir auf dich, Jerusalem, du Stadt, in der Gott sich in der Geschichte offenbart hat. Wir beten um dein Glück. Mögen alle Kinder Abrahams in dir wieder zusammenleben in Freiheit und Gerechtigkeit, in Anerkennung ihrer jeweiligen Rechte. Werde du, Jerusalem, für die Welt wieder ein unvergängliches Zeichen der Hoffnung und des Friedens.»

 

Der Kapuziner und Kirchenhistoriker Nestor Werlen nahm für uns die Berichterstattung von der 10. Ordentlichen Versammlung der Bischofssynode wahr.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2001