42/2001

INHALT

Kirche in der Welt

Auf der Suche nach neuen Formen der Kollegialität

von Nestor Werlen

 

Letzten Freitag hat die Bischofssynode die erste Phase ihrer Arbeit abgeschlossen. Die «Anhörung» von 229 Synodalen, 4 Gästen aus den anderen christlichen Konfessionen und 23 «Auditores» vermittelte ein faszinierendes Bild der katholischen Kirche zu Beginn des neuen Jahrtausends. Kardinal Jorge Mario Bergoglio, Erzbischof von Buenos Aires, hat seine Aufgabe, die ihm nach der Rückreise von Kardinal Edward Michael Egan nach New York übertragen wurde, eine Zusammenfassung dieser Interventionen zu geben, erfüllt. Seit Freitagnachmittag versammeln sich die Synodenteilnehmer nun in Sprachzirkeln (circuli minores), um auf zehn Fragen zu antworten. Die deutschsprachige Gruppe, der auch die beiden Schweizer Bischöfe angehören, wird geleitet von Ludwig Schick, Weihbischof von Fulda; ihr Berichterstatter im Plenum ist der Bischof von Innsbruck, der Salesianer Alois Kothgasser.

Ein Amt, das überfordert?

Stossseufzer sind verräterisch! «Bereits als ich aufmerksam die Einführung des Generalrelators (Kardinal Egan) hörte, die ein reiches Programm für den Dienst des Bischofs in unserer Zeit entwarf, fühlte ich mich wie erschlagen von den Erwartungen, die die Welt an uns Bischöfe heute stellt ... Wie mancher von uns, die wir hier zur Synode versammelt sind, kann behaupten, diesen Anforderungen Genüge leisten zu können. Ist es Hilflosigkeit, ist es Entmutigung, ist es eine Versuchung, aufzugeben?» Erzbischof Vital Komenan Yao, Erzbischof von Bouaké an der Elfenbeinküste, gestand weiter, dass eigentlich erst das Anhören der Interventionen und damit die Erfahrungen von «gelungenen und misslungenen Aktionen, die in der Kirche unternommen wurden», ihm eröffnet habe, was «der Herr im Dienst an seinem Volk von uns Menschen will».
Ausgehend von den drei Aufgaben des Bischofs, dem Dienst der Verkündigung (vgl. Bischof Kurt Koch in: Herder-Korrespondenz 55 [2001] 394­399), dem Dienst der Heiligung und dem Dienst der Leitung, wie sie bereits das «instrumentum laboris» dargestellt hatte, wurden eine ganze Reihe weiterführende, aber, besonders in der zweiten Hälfte dieser ersten Phase, eher sich wiederholende Überlegungen vorgebracht. Die Bischöfe von Kanada hatten vor der Bischofssynode eine Umfrage gemacht, von der Bischof Pierre Morisette von Baie-Comeau berichtete. Sie wollten von den Gläubigen wissen, was sie vom Bischof erwarten, damit er ein Zeuge der Hoffnung sein könne. Am meisten wurde gesagt, er müsse ein Mann des Glaubens sein, dann ein Mann mit Visionen, der die Zeichen der Zeit wahrnehmen und deuten könne. Weiter wurde genannt, er sollte ein Mann der Gemeinschaft sein, der die Talente der einzelnen Glieder seiner Diözese heranziehen und Gegensätze ausgleichen statt sie noch verschärfen könne. Endlich sollte er ein Mann des Mitleides sein, der die Güte Christi besonders all denen gegenüber, die leiden, erweisen könne.
Die Fülle von Bildern und Vergleichen, die im Lauf dieser vierzehn Tagen zur Beschreibung des Bischofsamtes gebraucht wurden, war überwältigend; nicht alle waren so originell wie jenes, das Kardinal Ivan Dias, Erzbischof von Bombay, gelang. Er ging aus vom Wort des hl. Augustinus: «Für euch bin ich Bischof, mit euch bin ich Christ» und beklagte sich dann, dass der Bischof heute oft einzig von der institutionellen Seite gesehen werde; das Bischofsamt sei doch vor allem ein Charisma. Man könne, um das Bischofsamt zu charakterisieren, verschiedene neutestamentliche «Ikonen» gebrauchen, so das Bild vom guten Hirten, vom Menschenfischer, und könne auch sagen, der Bischof müsse wie Jesus seinen Aposteln die Füsse waschen. Er wisse aber noch ein besseres biblisches Bild, das Bild von Jesus, der auf einem Esel nach Jerusalem hinaufgezogen sei. «Wie dieser Esel, der die Demut, die Verfügbarkeit und die Dienstbarkeit symbolisiert, muss der Bischof in erster Linie Jesus in die Mitte seines Lebens setzen; wie Jesus führt er sein Volk freudig zum himmlischen Jerusalem.» Dieses Bild des Bischofs ist vermutlich doch neuartig in den «Bischofsspiegeln».

Dienst an den Armen

«Als ich das ÐInstrumentum laborisð las, das so voll von Hoffnung ist, sah ich bald, dass es unmöglich ist, dass ein Bischof die lange Liste von Aufgaben erfüllen kann, die ihm da aufgetragen werden. Ich fragte mich darum, was würde Vinzenz von Paul, wenn er noch leben würde, für Prioritäten für die Bischöfe von heute setzen», erklärte mit sichtlichem Mitleid P. Robert Maloney, der aus den Vereinigten Staaten stammende Generalobere der Lazaristen. «Ich würde zwei Prioritäten vorschlagen: Seien Sie ein Vater und Bruder für die Armen eurer Diözese, und: Seien sie ein Vater und Bruder für die Priester eurer Diözese.»
Der «Dienst an den Armen» spielte eine wichtige Rolle bei dieser Bischofssynode, besonders in den Interventionen der Bischöfe aus Afrika und Asien. Als ein Beispiel aus vielen soll hier Erzbischof Norbert Wendelin Mtega von Songea in Tanzania zu Worte kommen, einer Erzdiözese, die vor allem durch das Wirken der Benediktiner von St. Ottilien geprägt wurde und damit auch vieler Schweizer Benediktiner. «Der Schrei der Entwicklungsländer steigt heute zu uns als Ruf, die Armut zu beheben. Unternehmen wir etwas, damit dieser Schrei der Armen von der internationalen Gemeinschaft und von der Kirche gehört wird. Sie schreien, um ein Zeichen des Friedens zu erhalten, denn sie befinden sich in einer Situation der Hoffnungslosigkeit und der Ohnmacht.
Die Armut ist der tiefste Grund von vielem Elend. Sie zwingt den Menschen, unwürdige Behandlung zu erdulden, liefert ihn ganz der Manipulation der Reichen und Mächtigen aus, beraubt ihn seiner Stimme. Die Armut ist der Grund mancher Ungerechtigkeiten. Sie kann viele Formen und Grade annehmen. Für uns in der Dritten Welt ist die schlimmste Armut die Unwissenheit, sei es die Unwissenheit des Glaubens und der menschlichen und moralischen Werte oder die Ignoranz in Form des totalen Analphabetismus oder der begrenzten Kenntnisse. Ignoranz und Analphabetismus sind ein Übel und eine Gefahr für die Armen in einem Zeitalter der Globalisierung und des technologischen Fortschrittes, denn solche Menschen werden ihre Opfer sein (Ðparce que la compétition en fait des victimesð). Die Unwissenden und Ungebildeten werden immer mehr marginalisiert und vergessen, während die reichen und gebildeten Personen noch mehr die Zügel der wirtschaftlichen, sozialen und politischen Macht in die Hände nehmen. Die Armen werden ärmer, die Reichen reicher. Die Reichen können die höheren Schulen und Universitäten besuchen, Arbeit finden, die Industrie kontrollieren, in die Politik eintreten. Im Moment der Wahlen werden nur die reichen und gebildeten Menschen die Möglichkeit haben, einen Wahlkampf zu führen und später zu regieren... Der Moment wird kommen, in dem die Armen, die sich ihrer Stimme und ihrer Verteidigung beraubt sehen, gezwungen sind, gegen die, die reich und gebildet sind, aufzustehen. Das wird unweigerlich zu schweren Konflikten führen. Ignoranz und Analphabetismus waren schon in der Vergangenheit oft der Anlass von Auseinandersetzungen und Fanatismus in der Gesellschaft.
Als Bischöfe müssen wir Hoffnung zu diesen armen und unwissenden Menschen bringen, wir müssen in die Bildung Investitionen machen und überall, wo dies möglich ist, unsere Bemühungen mit denen der Regierung koordinieren... Wir müssen die Rechte dieser Menschen, ihre gerechten Forderungen, ihre Würde und ihre Gleichberechtigung unterstützen. Denn sie haben Hunger nach der Wahrheit, nach Kenntnissen und nach Ausbildung.» Man spürt aus diesen Darlegungen eine «heilige Leidenschaft» dieses Bischofs, besonders, wenn er dann seine Intervention mit den Worten beendet: «Im Namen der Armen starten wir hier einen Appell, uns noch mehr zu helfen. Unserseits verpflichten wir uns, uns vermehrt für die Armen einzusetzen, weil wir damit dem Beispiel von unserem Erlöser Jesus Christus, dem guten Hirten, folgen.»
Dieses eine Beispiel möge genügen; es gäbe andere, ebenso eindrückliche und für die Zukunft der Kirche hoffnungsvolle Beispiele von «Hirten», die mit der Not ihrer Herde leiden.

Kollegialität: Wie geht es weiter?

Es ist unbestritten, dass im Vorfeld dieser Bischofssynode in erster Linie die Probleme um das Verhältnis der Weltkirche zu den Ortskirchen im Vordergrund standen: Wie kann das Zusammenspiel zwischen «Rom» und den Lokalkirchen neu umschrieben und gestaltet werden? Diese Problematik kam bisher auf der Bischofssynode in vielen Schattierungen zur Sprache, und ich kann mir vorstellen, dass die Verhandlungen dieser Synode wichtige Impulse in die Zukunft gegeben haben. Dabei muss klar festgestellt werden, dass das Petrusamt nie ­ soweit ich das von aussen beurteilen kann ­ in Frage gestellt wurde. Im Gegenteil, das «cum Petro» wurde öfters betont hervorgehoben. Es ist ein Zufall, dass diese Synode genau zu der Zeit stattfand, da die Kunde durch die Welt ging, dass Kofi Annan und die UNO den Friedensnobelpreis erhalten werden, und zwar, wie ausdrücklich betont wurde, weil sie sich besonders bemüht haben, ein friedliches Zusammenleben auf diesem Planeten zu sichern. Ein «Amt der Einheit» in einer «Zeit der Globalisierung» braucht es in der Kirche wohl mehr denn je.
Mehrere Bischöfe dankten Johannes Paul II. ausdrücklich, dass er auf seiner «Pilgerschaft» durch die Welt in ihr Land gekommen sei. Besonders eindrücklich Bischöfe aus Ozeanien, die dem Papst dafür Dank aussprachen, dass er Australien und Ozeanien bei den kontinentalen Bischofssynoden zur Vorbereitung des Jubiläums nicht übergangen habe. Ihre Diözesen seien oft tausende Kilometer von den Nachbardiözesen entfernt; da seien brüderliche Kontakte im Rahmen der regionalen Bischofskonferenzen und im Rahmen der Weltkirche schon rein psychologisch von Bedeutung. Man wisse dabei, das man auf den Inseln Ozeaniens nicht vergessen gegangen sei. Kardinal Jan Pieter Schotte, der Generalsekretär der Bischofssynode, konnte ihnen mitteilen, dass die postsynodale Botschaft ihrer Kontinental-Synode ihnen innerhalb dieser Synode übergeben werde ­ mit etlicher Verspätung, wie man freilich anmerken muss.
Bei einem Gespräch mit Bischöfen warf ein Journalist die Frage auf, ob nach den Laien, den Priestern, den Ordensleuten und den Bischöfen jetzt der Papst als Thema der nächsten Bischofssynode dran sei. Er entschuldigte sich fast erschrocken ob dieser Frage. Doch, wenn Johannes Paul II. mehrmals ­ so zur Vor- und Nachbereitung des Jubiläums 2000 ­ zum Nachdenken über das Petrusamt eingeladen und die Glaubenskongregation Dogmatiker, Exegeten, Kirchenhistoriker und Kirchenrechtler zu einem Kongress über dieses Thema nach Rom eingeladen hat (Il Primato del Successore di Pietro. Atti del Simposio Teologico, Città del Vaticano 1998), warum sollte nicht auch die Bischofssynode darüber nachdenken, bilden die Bischöfe doch «cum petro» das Kollegium, das die Kirche leitet? (Vgl. John R. Quinn, Die Reform des Papsttums, Quaestiones dispuatae 188, Freiburg 2001. John Raphael Quinn war bis 1995 Erzbischof von San Francisco und Vorsitzender der amerikanischen Bischofskonferenz.)
Bei dieser Bischofssynode ging es primär um die Frage, welche Formen die Kollegialität in einem neuen Jahrtausend annehmen sollte. Kardinal Bergoglio hat den dritten Teil seiner «Relatio post disputationem» unter den Titel: «episcopus in servitium communionis in ecclesia universali» gestellt. Die beiden Schweizer Bischöfe nahmen zu dieser Frage schon in der ersten Woche Stellung. Ich werde ihre Interventionen in der gekürzten Form, wie sie uns im Pressesaal ausgeliefert wurde, wiedergeben und als Ergänzung auf andere Bischöfe hinweisen, die ähnliche Vorschläge vorlegten.
Bischof Norbert Brunner von Sitten legte dar: «Eine zentrale Lehre des Konzils über die Bischöfe war die effektive Kollegialität aller Bischöfe mit dem Heiligen Vater in den drei Funktionen des Lehrens, Heiligens und Leitens in der Universalkirche und in den einzelnen Ortskirchen, oder: das Verhältnis der Bischöfe und der Bischofskonferenzen zum Heiligen Vater und seiner Kurie. Hier wollte das Konzil, dass die Bischofssynode das vorzüglichste Instrument dieser effektiven Kollegialität sein muss. Heute muss jedoch festgestellt werden, dass alle getroffenen Massnahmen ihren Sinn und ihre Zielbestimmung noch nicht wirklich finden konnten. Zudem stellen wir erneut und mit grosser Sorge die Frage, welchen Stellenwert in der römischen Kurie pastorale Vordringlichkeiten der einzelnen Ortskirchen haben.
Wir müssen deshalb nach wirksamen Formen suchen, die solche gültige Antworten für die einzelnen Ortskirchen erlauben oder geben können. Dazu lädt uns der Heilige Vater selber ein. Damit diese Überlegungen zu gültigen Lösungen führen, welche die Vielfalt in der Einheit anerkennen und achten, müssen vor allem folgende Bedingungen erfüllt sein:

Bevor ich auf einige Ergänzungen zu dieser Intervention des Vertreters der Schweizer Bischofskonferenz eingehe, möchte ich hier noch die Intervention von Bischof Amédée Grab, der als Präsident des Rates der europäischen Bischofskonferenzen italienisch sprach, wiedergeben. Bischof Grab gab zuerst seiner Hoffnung Ausdruck, dass diese Bischofssynode helfen könne, die Beziehungen: Bischof­Gesamtkirche­Bischofskonferenz­kontinentale Bischofsorgane zu vertiefen und damit dazu führe, die Kollegialität und die Spiritualität der «communio» zu verbessern. Er legt dann zuerst die trinitarische Einheit als Ausgangspunkt der «communio» und «Katholizität» dar (ich bin im ersten Bericht kurz darauf eingegangen) und fährt dann fort:
«Wenn wir den Dienst an der Einheit der Ortskirche, der die Sendung des römischen Papstes und seiner Mitarbeiter ausmacht, in diesem Sinn verstehen, dann ist es ihre Aufgabe, statt die Eigenheiten der Lokalkirchen zu unterdrücken, sie zu ermutigen. Die Einheit eliminiert nicht die Unterschiede, sondern entsteht eigentlich erst durch sie. Wir sind uns bewusst, dass dies auch ein Prinzip der ökumenischen Arbeit ist. Es scheint die Zeit gekommen, die Erfahrung der Synode zu vertiefen. Jedermann ist damit einverstanden, dass die Synode in den letzten Jahren eine aussergewöhnliche Erfahrung der Kollegialität unter den Bischöfen war, dass aber über Methode und jetziges Vorgehen bei der Synode einige Fragen gestellt werden müssen.
Als erste Schwierigkeit hat sich gezeigt, dass genügend Zeit fehlt, um auf synodale Weise eine die Einheit ausdrückende und dem Thema der Synode entsprechende theologische Zusammenfassung auszuarbeiten, worin die Beiträge sowohl der Interventionen wie auch die Diskussion im Plenum und in den Sprachzirkeln verarbeitet werden können. Die zweite Schwierigkeit, die eng mit der ersten verbunden ist, ist die Verbindung zwischen der Aufgabe der zuständigen Organe der Synode (Personen und Kommissionen) und dem synodalen Prozess selbst. Wir sind uns über die wertvolle Arbeit der Berichterstatter und der Kommissionen, die zur Ausarbeitung der definitiven Texte bestimmt sind, bewusst, wir meinen aber, dass diese Arbeit oft zu sehr von den Personen beeinflusst wird (Ðce même travail risque aussi de trop personnaliser les travaux synodauxð). Man spürt heute ganz allgemein die Notwendigkeit, so vorzugehen, dass vor allem die Bischofskonferenzen der Ort sind, wo Ðcommunioð passiert und nicht nur einfach Arbeitsinstrumente.» Bischof Grab kommt dann auf die Rolle der Bischofskonferenzen, sei es auf regionaler oder kontinentaler Ebene, zu sprechen, die «eine effektive Autorität als Organe der Kollegialität haben» und den Bischöfen erlauben, gemeinsam zu Fragen von kontinentaler oder regionaler Bedeutung Stellung zu nehmen. Bischof Grab nennt etwa: Begegnung des Evangeliums zur Kultur, Beitrag der Kirchen in der Formung der Gesellschaft, ethische Probleme wie solche der Bioethik, des Friedens oder der Ökologie oder der Weg der Ökumene.
«Zusammenfassend möchte ich betonen, dass die Ðcommunioð ein Raum des Vertrauens und der Hoffnung für uns Bischöfe ist. Wir wollen aber nicht vergessen, was Ðcommunioð letztlich ist: Es ist die Realität, wo der Geist des Auferstandenen sich offenbart. Ihn erwartet die Welt als ihre Hoffnung.»

Ein starker Papst und starke Bischöfe

Es ist schlicht und einfach unmöglich, zu diesen beiden Interventionen weiter Stellung zu beziehen. Nur dies: Sie haben meiner Meinung nach wirklich ganz zentrale Gesichtspunkte hervorgehoben ­ ich war sogar ein wenig stolz, was ich als Beobachter nicht von allen Beiträgen aus dem deutschen Sprachraum sagen konnte. Hier nur einige Hinweise auf Interventionen, die in die gleiche Richtung wie die beiden Eidgenossen gingen.
Man wusste seit dem ausserordentlichen Konsistorium der Kardinäle im Frühling dieses Jahres, dass Kardinal Godfried Danneels, der Erzbischof von Mecheln-Brüssel, ähnliche Ideen vertritt. Und so erwartete man seinen Beitrag mit einigem Interesse. Er betonte zu Beginn, dass jeder Bischof Tag und Nacht mit sich und seiner Agenda einen Kampf führen müsse, «um in seinem Leben dieses wesentliche Fenster, das im Gebet offen ist für Gott», zu retten. Der Bischof sei auch verbunden zur Gesamtkirche und zur Person von Petrus. In einer Zeit, in der so viele moralische und religiöse Sicherheiten ins Wanken geraten seien, «brauchen wir sowohl einen starken Papst wie ein starkes Bischofskollegium. Wir haben nichts damit gewonnen, das eine auf Kosten des anderen zu fördern.»
Der Bischof sei Mitglied des Bischofskollegiums, «ein Kollegium cum Petro et sub Petro». Das wichtigste Instrument dieser Kollegialität sei die Bischofssynode. Aber ihr Funktionieren müsse verbessert werden. Der normale Weg, diese Verbesserungen durchzuführen, sei dem Rat des Synodensekretariates zu übertragen, der am Schluss jeder Bischofssynode von den Synodenvätern gewählt werde oder einer ad-hoc-erkorenen Gruppe von Bischöfen. Auf alle Fälle aber müsse die Sicherheit bestehen, dass jeder Bischof frei und ohne jeden Druck von aussen seine Meinung äussern und jene Frage entwickeln könne, die ihm zum Besten der Kirche wichtig erscheine. So sehr die bisherige Form der Bischofssynoden ein wertvolles Instrument der Kollegialität gewesen sei, wäre einer effektive Kollegialität besser gedient, wenn man die Bischofssynode öfters, mit einer verkleinerten Zahl von Bischöfen und mit einem oder zwei Themen einberufen würde. Hier greift Kardinal Danneels eine Idee auf, die noch andere Synodalen vortrugen; so wurde etwa gesagt, man könnte nur die Präsidenten der Bischofskonferenzen als Mitglieder dieser Synoden vorsehen.
Nach einer Idee, die Kardinal Jan Pieter Schotte gegenüber der KIPA geäussert haben soll, könnte er sich Synoden nach dem Modell der zur Vorbereitung des Jubiläums einberufenen kontinentalen Bischofssynoden vorstellen, wobei freilich die Universalität, die bei der traditionellen Form ein echter Wert ist, verloren gehen würde.
Was die Beziehung zwischen Rom und den nationalen und kontinentalen Bischofskonferenzen betreffe, müsse hier Subsidiarität ausgeübt werden. Aber es müsse, so Kardinal Danneels, eine seriöse Untersuchung über die Natur dieser Subsidiarität und über ihre genaue Applikation gemacht werden, «pour sortir de l'abstrait qui ne peut que nourrir des sentiments de frustration et de critique de la périphérie». Erzbischof Henryk Muszynski von Gnesen, einer der wichtigsten Bischöfe Polens der Nach-Glemp-Ära, griff in seiner Intervention den Begriff «Subsidiarität», weil rein soziologisch, an, und wollte ihn mit «Auxiliarität» ersetzen. Auch Kardinal Bergoglio hat ihn in seiner Zusammenfassung ausdrücklich nicht aufgenommen, weil man ihn bereits 1985 zurückgewiesen habe und sowohl Paul VI. wie Johannes Paul II. ihn als für die kirchliche Hierarchie in dem Sinn, wie man ihn in der Soziologie brauche, für ungeeignet erklärten. Ob hier wirklich das letzte Wort gesprochen ist?
Es wäre gut, so Kardinal Danneels weiter, wenn man in der Kirche und in den Texten des Lehramtes mehr die «ars persuadendi» und «communicandi» als die «ars definiendi» ausüben würde. Die römischen Stellen sollten ihre Texte auch etwas früher den Bischofskonferenzen mitteilen, «qui vivent sur des terres volcaniques où les éruptions médiatiques sont fréquentes et où les allergies anti-autoritaires prennent de temps en temps une allure épidemique».
Kardinal Danneels schloss mit den Worten, im Grunde genommen lebe der Bischof mit vielen Paradoxen. Er müsse zur gleichen Zeit Prediger, Heilbringer, Hirte sein und, nicht zu vergessen, ein barmherziger Mensch. «Einzig Christus ist fähig, alle diese Titel zu tragen und sie in die Tat umzusetzen. Nur weil der Bischof die Gnade bekommen hat, Ðin persona Christið zu handeln, kann er in Hoffnung diesen Ðgrossen Abgrund (écart)ð ertragen, der ihm aufgetragen ist, weil er die Ðcoincidentia oppositorumð seines Dienstes durchhalten muss.»

Olympische und religiöse Freiheit

Es ist ganz gut, nach diesen Darlegungen herunter zu steigen zu einem bedeutend weniger theologischen Problem, das mit etwas sehr Irdischem, nämlich mit Sport, zu tun hat. Bischof Joseph Cheng Tsai-Fa von Tainan auf Taiwan gestand zum Schluss seiner Intervention, dass sie in Taiwan sich gefreut hätten, dass Peking die Olympischen Spiele des Jahres 2008 zugesprochen bekommen hätte. «Wir hoffen, dass China einen Schritt vorwärts macht in der Realisierung des olympischen Ideals der Freiheit und Gleichheit und damit auch die religiöse Freiheit allen zugesteht, damit wir so das Evangelium des Friedens und der Liebe Christi dem ganzen chinesischen Volk verkünden können.» Vor zwei Tagen übermittelte ein chinesischer Bischof, der zur asiatischen Synode eingeladen war, damals aber kein Ausreisevisum erhielt, über die Agentur FIDES der diesjährigen Bischofssynode seine Grüsse und seinen Beitrag an die Diskussion.


Beobachter aus der Ökumene

An der zurzeit tagenden X. Ordentlichen Vollversammlung der Bischofssynode, über die P. Nestor Werlen OFMCap laufend und ausführlich berichtet, nehmen aus folgenden Kirchen so genannte Bruderdelegierte teil:


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2001