41/2001

INHALT

Kirche in der Welt

Diener der Hoffnung in der Welt

von Nestor Werlen

 

Es ist nicht das erste Mal, dass die Weltpolitik ihre Schatten in die Beratungen der Bischofssynoden hineinwirft. Das war bereits bei der ersten Bischofssynode 1967 so, als der Vietnamkrieg seinen Höhepunkt erreichte und eine stark von französischer Mentalität geprägte vietnamesische Kirche so radikal zertrümmert wurde, dass sie sich bis heute nicht ganz erholt hat. Das war beim plötzlichen Zusammenbruch des kommunistischen Ostblocks so, als plötzlich Bischöfe auf der Synode auftauchten, die man bisher nur wie Schemen einer «schweigenden Kirche» zur Kenntnis genommen hatte. Die deutschen Bischöfe reisten damals direkt vom grossen Fest vor dem Brandenburger Tor, bei dem die Wiedervereinigung Deutschlands gefeiert wurde, zur Synode nach Rom. Das war so, als seeuntüchtige Wracks albanische Flüchtlinge wenige Kilometer vor Rom an die Küste warfen und Papst und Synode die Welt aufriefen, diese Flüchtlinge aufzunehmen.
Das ist auch dieses Mal so. Im Moment, in dem diese Zeilen geschrieben werden, reist der vom Papst zum «Relator» (Berichterstatter) ernannte Kardinal Edward Michael Egan zurück in seine Bischofsstadt New York, um am Gedenktag des terroristischen Anschlages und des Todes so vieler Menschen als «Diener der Hoffnung» bei seinen Diözesanen zu sein. Er hat diese Aufgabe bereits am Tag des Attentates erfüllt, denn er war zehn Minuten nach dem Aufschlag des ersten Flugzeuges am Ort des Geschehens und hat dann das Zusammenkrachen der beiden Türme in unmittelbarer Nähe miterlebt. Es mag erst befremdend klingen, wenn er, typisch amerikanisch, sagt, er habe nur seinen «Job» getan. Dieser «Job» bestand darin, Verletzte zu trösten, Sterbenden die Sakramente zu spenden, erschöpften Rettern Mut zuzusprechen, oder, wie Marco Politi in «Repubblica» es formuliert hat: «aiutare a vivere e a morire». Unzählige Male wurde er in Rom auf das angesprochen, was die USA planen; seine Antwort war: «Wir wollen Gerechtigkeit, keine Rache».
Der Relator hat eine der wichtigsten Aufgaben an der Bischofssynode; er muss zu Beginn die Einführung ins Thema (relatio ante disceptationem) und nach Abschluss der ersten Phase eine Zusammenfassung der Diskussion (relatio post disceptationem) geben. Beide Male kann er dabei Akzente für die synodale Arbeit setzen. Nach der Rückreise von Kardinal Egan hat der Papst den Erzbischof von Buenos Aires, Kardinal Jorge Mario Bergoglio (SJ), zum Stellvertreter von Egan bestimmt.
Auch ein anderer Synodenvater, der in seiner Diözese mit Hass und Leid konfrontiert ist, ging in seiner Intervention auf den Terrorismus ein. Michel Sabbah, lateinischer Patriarch von Jerusalem, sagte: «Es ist Aufgabe des Bischofs, der menschlichen Gesellschaft in ihrem Kampf gegen den Terrorismus zu helfen; es ist seine Aufgabe, die Wurzeln dieses Übels aufzudecken: etwa politische Ungerechtigkeiten, wie das Schicksal des palästinensischen Volkes, oder das Embargo gegen Irak, das das Leben von Millionen unschuldiger Menschen unmenschlich macht; aber auch jede Form von sozialer Ungerechtigkeit, die die Welt in reiche und arme Länder teilt. Hier liegen die tiefsten Gründe des Terrorismus; ihnen muss sich die Weltgemeinschaft stellen und muss wagen, Heilmittel zu suchen». Patriarch Sabbah weiter: «Der Bischof ist eingeladen, die Liebe Gottes jedem Menschen und jedem Volk ohne Ausnahme, stark oder schwach, arm oder reich, zu verkünden. Dazu ist vom Bischof oft gefordert, dass er gegen die Strömung der regionalen oder sogar der öffentlichen Weltmeinung Stellung bezieht; er muss das richtige Wort finden dem gegenüber, der unterdrückt, wie gegenüber dem, der unterdrückt wird.»

Bausteine für einen «Bischofsspiegel»

Im Mittelalter gab es «Fürstenspiegel», in denen die Tugenden eines guten Fürsten dargestellt wurden. Vielleicht wird es nach dieser Bischofssynode möglich sein, aus dem, was die Synodenväter gesagt haben, einen «Bischofsspiegel» zu erstellen, in dem dargestellt wird, welche Tugenden ein guter Bischof haben muss. Einige Bausteine, die teils sicher noch behauen werden müssen und die in der nächsten Woche noch ergänzt werden, hat die erste Woche, über die dieser erste Beitrag berichten möchte, bereits geliefert.
Es ist dabei gar nicht nötig, philosophisch so hochtrabend einzusteigen wie Erzbischof Justin Francis Rigali von Saint Louis, der von der «onthologischen Identität» sprach und darunter die Berufung des Bischofs als «lebendiges Bild Jesu Christi» verstand, wie es das «instrumentum laboris» ausgedrückt hat. Andere wie Bischof Gheorghi Ivanov Jovcev vom bulgarischen Sofia und Plovdiv verwiesen auf die neutestamentlichen Anfänge des Bischofsamtes, vermutlich ohne sich bewusst zu sein, wie wenig geklärt diese Anfänge unter Exegeten und Kirchenhistorikern heute sind. Der kanadische Bischof Raymond John Lahey von Saint Georges hielt den Synodenvätern eine bibeltheologische Lektion über das Wort «episkope», das er mit «Supervision» übersetzte. Einen Schritt weiter in der Geschichte der Kirche ging der Salesianer Juan Abelardo Mata Guevara, Bischof von Esteli in Nicaragua, der nach dem Vorbild des alten «episkopeion» ein gemeinsames Leben des Bischofs mit seinem Klerus nach dem Modell der alten Kirche vorschlug. Sicher hätte Cyprian von Karthago Freude gehabt, wenn er gehört hätte, wie ein Bischof zu Beginn des 21. Jahrhunderts seiner Idee über die Kollegialität der Bischöfe neues Leben verlieh («drei Evangelien handeln von der einzigartigen Gewalt, die dem Petrus übergeben wurde, zu binden und lösen und damit das Fundament der Kirche zu sein. Und dennoch, die Funktion des Hirten kommt nicht einzig und allein dem Petrus zu, sondern allen Aposteln»; Erzbischof Luis Morales Reyes vom mexikanischen San Luis Potosi, der dabei auf Mt 10,6 verweist).
Als eine Grundidee der Bischofssynode kristallisierte sich bald der Begriff «communio» heraus. Bischof Amédée Grab, der als Präsident des Rates der europäischen Bischofskonferenzen sprach, stellte diese Idee an den Beginn seiner Ausführungen (ich werde im nächsten Bericht ausführlich auf seine Intervention und jene von Bischof Norbert Brunner zurückkommen): «Wir müssen jede Aufgabe vertieft so betrachten, dass sie Ausdruck der trinitarischen Einheit ist, die der Sohn auf die Erde gebracht hat und die die Kirche berufen ist darzustellen.» Wenn man das Amt des Bischofs in seiner Ortskirche so sehe, «entdecken wir, dass der Dienst an der weltweiten Kirche zu seinem Wesensauftrag gehört. Diese Vertiefung lässt uns die ÐKatholizitätð jedes Bischofs und jeder Einzelkirche entdecken, was in einer Zeit der weltweiten Globalisierung entscheidende Perspektiven eröffnet». Ausführlich ging Ruben Salazar Gomez, Erzbischof von Barranquilla in Kolumbien, auf die Bedeutung der «communio» und ihre Konsequenzen in der Kirche von heute ein: «Wenn Ðcommunioð Ausdruck des Wesens der Kirche ist, muss die Spiritualität der Kirche eine Spiritualität der Ðcommunioð sein, gelebt in der doppelten Dimension der persönlichen und gemeinschaftlichen Spiritualität». Der Bischof müsse deswegen aus der Diözese ein «authentisches Haus der Ðcommunioð» machen, das ein Heilszeichen für die Welt sei. Im Grunde genommen zieht sich diese Idee wie ein Leitmotiv durch die meisten Interventionen hindurch.
Wie diese Einheit konkret aussehen kann, darüber entfaltete sich ein bunter Strauss von Ideen, von denen auf einige hier hingewiesen sei. Carlos Aguiar Retes, Bischof von Texcoco in Mexiko, hat es in pragmatischer Kürze so ausgedrückt: «Wir haben einander nötig, wir können unsere Mission nicht als ÐEinzelkämpferð erfüllen.» José Mario Ruiz Navas, Erzbischof von Portoviejo und Präsident der Bischofskonferenz von Ecuador, betonte, es sei nötig, dass seelsorgliche Leitlinien, die von der Bischofskonferenz beschlossen wurden, von jedem Bischof ausgeführt werden. «Er kann sie nicht ignorieren. Eine Art Veto einer Minderheit ist nicht möglich.» Neben vielen anderen hob der Bischof von Islamabad-Rawalpindi, Anthony Theodore Lobo, die Wünschbarkeit eines «gemeinschaftlichen Lebens» des Bischofs mit seinen Priestern hervor.
Zwei Ordensbischöfe, der Dominikaner Malcolm Patrick McMahon, Bischof von Nottingham in England, und der aus den USA stammende Kapuziner Stephen Joseph Reichert, Bischof von Mendi in Papua New Guinea, legten den Bischöfen aus ihrer Erfahrung des Ordens Ratschläge für das Leben in Gemeinschaft vor. Reichert ­ in dessen Diözese auch Schwestern von Baldegg wirken ­ betonte vor allem, die Bischöfe müssten fähig sein, innerhalb ihres Presbyteriums zuerst selbst echte Gemeinschaft zu leben, dann aber auch solche zu vermitteln. «Die Fähigkeit eines Bischofskandidaten, eine echte Gemeinschaft innerhalb der Priester aufzubauen, seine Fähigkeit Priester, die andere Meinungen haben, zusammenzuhalten, seine Gabe, die besten Qualitäten bei seinen Mitarbeitern zu entdecken und zu fördern, sind ebenso wichtig wie der Ruf seiner Treue zur Kirche und sein Einsatz für seine persönliche Heiligkeit.» Es sei darum wünschenswert, dass möglichst viele Priester der Diözese beim Informationsprozess gefragt würden. Bischof Reichert findet zudem, es sei fatal für das Wohl einer Diözese, wenn sie zu lange auf einen neuen Bischof warten müsse. Journalisten aus Deutschland waren gleich bereit, praktische Beispiele aus Deutschland zu dieser Behauptung von Bischof Reichert zu liefern.
«Die dominikanische Tradition bietet ein System des guten Regierens, das die Individuen respektiert, die Gaben anerkennt und ihnen Platz bietet, sich auszudrücken. Dadurch wird dem Geist ermöglicht, durch die Einzelnen und die Gemeinschaft zu reden. Die Gläubigen haben in der Kirche das Recht, in Hoffnung und in Freiheit geleitet zu werden», so umschreibt Bischof Malcolm Patrick McMahon von Nottingham seine Erfahrung aus dem Predigerorden. Eine Diözese mit Hoffnung zu leiten hat drei Konsequenzen: Es muss eine Diskussion in einem Geist der «communio» möglich sein. Die Laien sind dann erfüllt mit Hoffnung, wenn ihnen die Möglichkeit gegeben wird, sich im Glauben weiterzubilden und dadurch aktive Mitglieder in Kirche und Welt zu werden. Indem man mit Hoffnung leitet, baut man eine Kirche auf, die Vertrauen hat und Hoffnung weitergibt an die Welt.

Spiritualität der Spannungen

Verblüfft mögen manche Bischöfe aufgehorcht haben, als Camilo Maccise, der Generalobere der Unbeschuhten Karmeliten, kurz vor Ende der Beratungen des ersten Tages, als die Mehrzahl sich schon nach dem Ende der Beratungen sehnten, von einer «Spiritualität der Spannungen und des Konfliktes» sprach. Es gebe in der Kirche zwei «untrennbare und notwendige Aspekte», nämlich den institutionellen und den charismatischen. Sowohl die institutionellen Dienste wie die «nicht institutionellen Dienste» («les ministères non institutionnels») seien Gnadengaben (Charismata), die der Geist frei zum Aufbau des Leibes Christi schenke. Man dürfe sich deswegen nicht im Namen eines falschen Spiritualismus gegen das institutionelle Charisma, aber auch nicht mit Berufung auf Ordnung und eine juristische Organisation gegen die nicht institutionellen Charismen wenden. Die christliche Liebe, das Haupt-Charisma, helfe, andere als das eigene Charisma anzuerkennen und sich selber nicht zu überschätzen. Zudem verlange eine Koordination der Charismen eine gewisse apostolische Ausrichtung.
«Diese Koordination und diese Einheit unter den Charismen schliessen Gegensätze und Spannungen nicht aus. Jedes Geschenk ist verschieden; was das eine auszeichnet, zeichnet nicht das andere aus. Daraus ergibt sich, dass die Ausübung des Charismas begleitet ist von Kreuz und Leid. Der Geist selbst, der die Charismen hervorruft, lässt zu, dass man sich ihnen widersetzt. damit die gereinigt werden, die sie erhalten haben und so zur österlichen Dimension, dem Zeichen evangelischer Authentizität, vordringe. Daraus ergibt sich, dass man Konflikte und Spannungen entdramatisieren (Ðdédramatiserð) und sie ohne Verbitterung annehmen muss, mit lebendiger Hoffnung und einer guten Dosis Humor. Man muss eine Spiritualität der Spannungen und des Konfliktes leben. Das bedeutet, dass man Spannungen annehmen muss, nicht sie selber schaffen, aber auch zugeben kann, dass es möglich ist, dass sie aus unserer Sündhaftigkeit erwachsen. Wir alle, Bischöfe, Priester, Ordensleute und Laien, müssen alles tun, dass Einheit im Notwendigen, Freiheit in der Unsicherheit (Ðdouteð) und Liebe in allem sei. Darum ist es nötig, dass zwischen allen Gliedern der Kirche Dialog bestehe. Charismen und Institutionen sind aufeinander angewiesen. Die Spannungen zwischen den beiden Wirklichkeiten müssen zu einer Einheit geführt werden, indem man sie in den Dienst der drei grossen Dimensionen des Geistes stellt: Einheit, Freiheit, ðparresiað, und sich zugleich dem Weg öffnet, der alles überragt, der Liebe (1 Kor 12,31).» ­ Ob das nicht für viele Synodalen eine zu schwere Vorspeise für das darauf folgende Nachtessen war?
Ein anderer Vertreter der Ordensleute auf der Bischofssynode, der Generalminister der Franziskaner, Giacomo Bini, illustrierte das Verhältnis von Institution und Charisma am Zusammenspiel von Bischof Guido von Assisi und Franz von Assisi. Merkmal sei gewesen, dass Bischof Guido «diese Ðoriginelleð Gruppe begleitet habe ohne ihre Kreativität auszulöschen».
In einer deutschen Kirchenzeitung wurde vor kurzem erzählt, dass ein Kind den Pfarrer fragte, ob Bischöfe eigentlich auch beichten müssen. Sie müssen; der Beweis, Bischof Nestor Ngoy Katahwa von Kolwezi im Kongo hat auf der Synode sieben Punkte vorgelegt, in denen die Bischöfe ein «examen de conscience» durchführen und sich «bekehren» («convertir») sollten. Man könnte von einem «Beichtspiegel» für Bischöfe sprechen!

Hoffnung in Unsicherheit

Auf der ersten Pressekonferenz hatte Kardinal Miloslav Vlk, der Erzbischof von Prag, als ein zweites Leitmotiv der Bischofssynode die «Hoffnung» hervorgehoben. Die Bischöfe müssen «Diener der Hoffnung» sein, das wurde seither in unzähligen Interventionen gesagt. Sicher hat das Wort durch die politische Entwicklung der vergangenen Wochen an Bedeutung gewonnen. Die italienischen Tageszeitungen berichten tagtäglich bis zu zehn Seiten lang in Wort und Bild, Karten und Graphiken über den «unmittelbar bevorstehenden Militärschlag» gegen die Taliban-Regierung in Afghanistan. Italien wurde zudem von den USA davon unterrichtet, dass Unternehmen gegen amerikanische Objekte in Italien möglich seien, und vor zwei Tagen ist Vater Bush in Italien eingetroffen und auch vom Papst empfangen worden. Menschen auf der Strasse geben offen zu, dass sie Angst haben, auch wenn Italiens Regierung klarstellte, dass keine italienische Soldaten an militärischen Aktionen teilnehmen würden.
Am Rande der Bischofssynode hat die Gemeinschaft Sant'Egidio verschiedene Initiativen gestartet, um den Dialog mit dem Islam zu vertiefen und ­ wie ausdrücklich festgestellt und nach einem «eher simpel tönenden Pauschalurteil» (NZZ) von Ministerpräsident Berlusconi, dass die abendländisch-christliche Zivilisation der islamischen überlegen sei, auch nötig war ­ dem Fanatismus, Fundamentalismus und religiös bedingter Gewalt eine Absage zu erteilen. Auf diesen Versammlungen traten Kardinal Carlo Maria Martini, Kardinal Roger Etchegaray, bis vor kurzem Präsident des päpstlichen Rates «Iustitia et Pax», und Michael Fitzgerald, der Sekretär des Päpstlichen Rates für den Innerreligiösen Dialog, auf.
Auf der Bischofssynode nahm bis heute Freitag direkt nur der Superior eines maronitischen Ordens, P. François Eid, Stellung zum christlich-muslimischen Dialog. Er betonte, dass die christliche Minderheiten im Nahen Osten Angst haben und dass deshalb die Bischöfe «Promotoren des Dialogs» sein müssen. Sie müssten helfen, dass ihre Christen «aus der Ignoranz und den Vorurteilen gegen die (Muslims) herauskämen und dass religiöses Sprechen von jeder generalisierenden Aggressivität, die zu Spannungen führe, befreit würde». Ebenso dezidiert legte er auch dar, dass die Bischöfe dafür sorgen müssen, dass die Gläubigen «zu ihrem Heimatboden (Ðà s'attacher à leur terreð) und zu ihrer Heimat stehen und sich in den Institutionen des Staates einsetzen für die Aufrechterhaltung der Rechte des Individuums und der Gemeinschaft». Zum Verständnis dieser Position muss man die extrem komplizierte Situation der Maroniten in Libanon vor Augen haben, von der auch der maronitische Patriarch, Kardinal Nasrallah Pierre Sfeir, sprach. Weil die Jugend in Libanon keinen Einfluss auf die politischen Entscheidungen mehr hat und damit keine Zukunft in ihrer Heimat mehr sieht, zieht sie aus der Heimat weg. In den letzten zehn Jahren seien eine Million, vor allem Akademiker, aus ihrer Heimat weggezogen. «Es ist die Rolle der Bischöfe, diesen Menschen Hoffnung zurückzugeben und die Moral der gedemütigten, gepeinigten, ihrer nationalen Ehre beraubten Menschen etwas zu heben», sagte Kardinal Sfeir.
Wie Bischöfe in Extremsituationen Hoffnung vermitteln können, wurde auch in anderen Voten eindrücklich aufgezeigt. Kardinal Pedro Rubiano Saenz, Erzbischof von Bogota, der Hauptstadt von Kolumbien, sagte: «Die Geisel der Guerilla und der Drogenhandel haben die Kirche in Kolumbien in die Situation eines permanenten Konfliktes gebracht, der sich soweit entwickelt hat, dass für viele eine Seelsorge fast nicht mehr durchführbar scheint. In einer solchen Situation das Evangelium zu verkünden setzt die Bereitschaft zum Martyrium voraus. Und tatsächlich haben wir in unserer Kirche eine lange Liste von Märtyrer: ein Bischof wurde von einer Gruppe Guerilleros ermordet, ein anderer Bischof wurde zwei Mal entführt, mehrere erhielten Morddrohungen. Priester, Ordensleute und in der Seelsorge Tätige fanden den Tod bei Angriffen von Terroristen oder durch organisierte Verbrechen, die nie gesühnt wurden. Es gab sogar eine massive Entführung mitten unter der Feier der Sonntagsmesse. Auch jetzt sind zwei Priester in den Händen der Guerillas.» Oft könne der Bischof verfolgten Priestern nur helfen, indem er ihnen das Weggehen aus ihrer Diözese und oft sogar aus dem Land anrate.
Ebenso erschütternd der Bericht vom Rodolfo Valenzuela Nunez, dem neuen ­ seit Februar 2001 ­ Bischof von Vera Paz, Coban in Guatemala. Fünf Jahre nach dem Friedensschluss, der 36 Jahren Krieg eine Ende setzen wollte, ist die Situation des Landes, das 65% Einheimische (ungefähr 7 Millionen) und 65% Einwohner unter 25 Jahren zählt, immer noch trostlos. Als Folge der ökonomischen Globalisierung wächst die Armut, der Analphabetismus breitet sich aus, politische Probleme und Korruption sind alltäglich: Kurz, das soziale Netz ist in vielen Sektoren total zerrissen. Dazu kommt die Auswanderung und andere Probleme. «Der Bischof wird hier in erster Linie als Promotor der Einheit, der Gerechtigkeit und der Solidarität gesehen.» Die Bischöfe machen alles, um das Land zu versöhnen; die Ausübung ihres Lehramtes muss Stellung beziehen zur Armut und zum Ausschluss von Menschen aus der Gesellschaft. «Unsere Arbeit ist beseelt durch das Zeugnis von Bischof Juan Gerardi, der wegen seines Einsatzes für die Versöhnung und weil er den Opfern des Konfliktes ihre menschlichen Würde zurückgeben wollte, ermordet (Ðassassinéð) wurde.» Dass Bischof Valenzuela Nunez hier von «Mord» spricht, lässt aufhorchen, denn bisher behaupteten die Behörden immer, es handle sich um einen Räuber, der Bischof Gerardi getötet habe.
Von einem Bischof, der für seinen Einsatz ermordet wurde, sprach auch Alphonse Georger, Bischof des algerischen Oran. «Der Dienst der Hoffnung in der Verteidigung der Wahrheit kann den Bischof in der Nachfolge des Todes des Herrn zur Hingabe seines Lebens führen, wie das von meinem Vorgänger auf dem Bischofsstuhl von Oran, Bischof Pierre Claverie, verlangt wurde.» Bischof Georger betont, dass der Dienst an der Hoffnung in den vier nordafrikanischen Ländern (Algerien, Libyen, Marokko und Tunesien) nicht nur der kleinen christlichen Minderheit, sondern auch der muslimischen Gesellschaft gewidmet sein müsse, besonders jetzt, da diese Länder eine so kritische Phase ihrer Geschichte mit sozialen Krisen (Terrorismus) durchschreiten müssen.
Es ist wohl mehr als Zufall, dass am Sonntag ­ neben sieben anderen neuen Seligen ­ auch ein Bischof selig gesprochen wird, zudem ein Bischof, der als «Diener der Hoffnung» zusammen mit seinem Volk einen grausamen Kreuzweg gehen musste. Am 11. Juni 1915 erliess die Polizei im türkischen Diarbekir einen Totenschein: «Hinscheiden von Msgr. Maloyan, unterwegs auf einer Reise, Grund: Herzembolie». In Wirklichkeit war der armenische Erzbischof Ignace Maloyan von Mardin mit 417 christlichen Armeniern auf eine der berüchtigten «Reisen» durch die syrische Wüste geschickt worden. Nachdem die meisten durch Hunger oder Erschiessen durch die türkischen Soldaten umgekommen waren, wurde am 11. Juni auch Erzbischof Maloyan durch Gehirnschuss hingerichtet.
Johannes Paul II. war anlässlich seiner letzten Reise vor der Bischofssynode nach Kasachstan auch Gast in Armenien. Er besuchte dort den Katholikos aller Armenier, Karekin II. in seiner Kathedrale in Etschmiazin und erhielt vom Katholikos eine Lampe geschenkt, die am Grab des heiligen Gregor des Erleuchters, dem Patron der Armenier, angezündet worden war und heute in der zu Beginn dieser Sitzung der Bischofssynode eingeweihten Synoden-Kapelle brennt. Nachher besuchte Johannes Paul II. das Ehrengrab von anderthalb Millionen Armeniern, die am Ende des l9. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts im ersten Genozid dieses grausamen 20. Jahrhunderts ermordet wurden. Wenn auch die heutige Türkei das Wort «Genozid» in diesem Zusammenhang strikt ablehnt und nur von der legitimen Abwehr eines armenischen Aufstandes reden will, und deshalb mit Frankreich, das durch Abstimmung der Nationalversammlung das Wort Genozid annahm, die diplomatischen Beziehungen einfror, so sind sich die Historiker ausserhalb der Türkei grossmehrheitlich einig, dass es zum Grausamsten gehört, was einem Volk im 20. Jahrhundert angetan wurde und dass man zu Recht von Genozid sprechen kann. Erzbischof Maloyan, der zur Minderheit der mit Rom unierten Armeniern gehört, ist nur eines der Opfer dieses Genozides.
Ich werde noch aus einem anderen Grund am Sonntag auf den Petersplatz gehen: einmal weil dort ein Laie, Nikolaus Gross, der Redaktor des KAB-Organs, aus dem später die «Kettelerwacht» herauswuchs, selig gesprochen wird. Ähnlich menschenverachtend wie der Totenschein von Msgr. Maloyan waren die protokollierten Worte, mit denen Roland Freisler am 15. Januar 1945 das Todesurteil von Gross begründete: «Er schwamm mit im Verrat, muss folglich auch darin ertrinken!». Diese Worte waren juristisch zudem falsch, denn Nikolaus Gross hatte nichts mit dem fehlgeschlagenen Attentat vom 20. Juli l944 zu tun, sondern war nur ein Mann, der in Schrift und Wort gegen den Nationalsozialismus Stellung bezogen hatte. ­ Dann möchte ich an der Peterskirche das Bild von Schwester Maria Euthymia Üffing hängen sehen, deren Arbeit während des Krieges in der Pflege von kranken Kriegsgefangenen und Fremdarbeitern und nach dem Krieg in der Leitung der Wäscherei des Schwestern-Mutterhauses und der Raphaelsklinik in Münster bestand. Ist es falsch, wenn ich an die Worte des Magnifikat denke: «Er erhöht die Niedrigen»?

 

Nestor Werlen weilt zur Beobachtung der Bischofssynode und Berichterstattung für die Schweizerische Kirchenzeitung in Rom und berichtet auch exklusiv für Radio kath.ch.


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Der Historiker und Journalist Nestor Werlen schreibt nicht nur in der Schweizerischen Kirchenzeitung über die 10. Vollversammlung der Bischofssynode in Rom, die noch bis am 27. Oktober dauert. Er berichtet auch regelmässig und exklusiv für Radio kath. ch.
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