10/2001

INHALT

Verstorbene

Heinrich Haag, Resignat, Brunnen

Genau einen Tag vor seinem 92. Geburtstag hat unser priesterlicher Mitbruder sein Leben in die Hände des Schöpfers zurückgelegt. Er hat die Ernte einer langen geradlinigen Treue im Kleinen und im Grossen eingebracht. Wir dürfen die Stationen seines Lebens kurz festhalten.
Heinrich Haag war als das zweite Kind seiner Eltern Johann Haag und Caroline geb. Müller am 20. Februar 1908 im Glarnerland geboren. Seine Schwester Clara war drei Jahre älter; sein Bruder Eugen folgte im Jahr 1915. Beide sind ihm im Tod vorausgegangen. Der Vater Johann Haag diente bei der SBB als Zugführer. Das bedingte erst einen Umzug der Familie nach Zürich, wo Heinrich die Primarschule besuchte. Als er dreizehn Jahre alt war, nahm die Familie Wohnsitz in Richterswil und der junge Heinrich begann seine Studienjahre in Einsiedeln; er schloss sie 1927 mit der Matura ab. Einsiedeln blieb zeitlebens die Heimat seines Herzens. Nach drei Jahren Priesterseminar in Chur durfte er im Sommer 1930 in Richterswil Primiz feiern.
1931 begann er am Kollegium Maria Hilf in Schwyz seine Lehrtätigkeit. Und Heinrich Haag hielt unverdrossen durch, 45 Jahre lang, bis 1976. Wenn ich diese Zeit seines Wirkens charakterisieren soll, fallen mir zwei Stichworte ein: Heinrich Haag, der Musiker ­ Heinrich Haag, der Gütige.
Musik war seine Stärke, sein ganzes Engagement, seine Freude ­ und auch die unsere. Die Orgelbank in der Kollegiumskirche war sein Ort, den man sich ohne ihn fast nicht mehr vorstellen konnte. Da hat er mit grossem Können die Feierlichkeit des Gottesdienstes erhöht, aber auch Schüler, die sich ihm anvertrauten, im Orgelspiel unterrichtet. Und wenn irgendein geselliges Fest fällig war, hat er am Klavier in die Tasten gegriffen. Musikalisch hat er auch ausserhalb des Kollegiums gewirkt. Seine Dienste für die Kirchenmusik waren auch in der Pfarrei Seewen und im Frauenkloster St. Peter gefragt.
Das andere Charakteristikum: Heinrich Haag, der Gütige... seine aufrichtige Güte ohne Falsch haben seine Kollegen und Vorgesetzten immer wieder erfahren dürfen. Er war immer bereit, andern Freude zu machen. Dafür hatten auch die Schüler ein Gespür; allerdings wusste jugendliche Unreife diese Güte oft wenig mit disziplinierter Aufmerksamkeit zu belohnen. Enttäuschen liess er sich nicht; er gab sich ungebrochen, sorgfältig und gewissenhaft Mühe, in der Schule das Beste zu geben. Jedenfalls das Andenken an einen edlen, gütigen Menschen durfte jeder Schüler mit ins Leben nehmen. Und Heinrich Haag blieb mit allen verbunden. Bis in die letzten Jahre hinein erstaunte er immer wieder durch sein Personengedächtnis. Die grösste Freude bereiteten ihm die Einladungen zu Klassentreffen Ehemaliger; ihnen hat er immer gerne Folge geleistet, solange es seine körperlichen Kräfte noch irgendwie zuliessen.
Das Kollegium zu verlassen, fiel ihm nach 45 Dienstjahren schwer, aber er übernahm gerne noch eine altersgemässe Tätigkeit in Brunnen als Betagtenseelsorger. Seine Schwester Clara betreute die ersten Jahre den Haushalt, solange bis das fortschreitende Alter die Übersiedlung ins Alterswohnheim nahe legte. Das war nun letzte Station. 1992 konnte er seine seelsorgliche Aufgabe an Pfarrer Karl Schuler weitergeben. Diesen seinen Nachfolger hat er noch siebzehn Monate überlebt.
Die Kräfte unseres lieben Heinrich Haag wurden die letzten Jahre zusehends schwächer, die Beine wollten ihn nicht mehr tragen, aber auch die Fähigkeit, eine Situation geistig zu erfassen, erlitt Einbussen. Eine spezifische Krankheit oder Schmerzen scheint er nicht gehabt zu haben. Solange es ging, konnte er in der Kapelle mit einem Mitbruder konzelebrieren. Die letzten Monate war auch dies nicht mehr möglich. Noch konnte man ihm die heilige Kommunion ins Zimmer bringen. Schliesslich nahm seine Schwäche so überhand, dass man ein lautloses Sterben befürchten musste. Am 19.Februar 2000 erlosch er, schlummerte friedlich hinüber ins unverhüllte Licht Gottes. Nun ruht er auf dem Friedhof bei der Kirche Ingenbohl, als erster in der neu angelegten Priestergrabstätte. Wir bewahren das Andenken an einen gütigen Mitbruder und seine vorbildlich gewissenhafte Treue.

Josef Trütsch


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2001