51-52/2001

INHALT

Theologie

Jesus Christus im vielfältigen Zeugnis des Neuen Testaments

von Peter Dschulnigg

 

Jesus Christus ist in den Schriften des NT neben Gott die zentrale Person. Dies ist daran zu erkennen, dass Jesus mit verschiedenen Titeln ausgezeichnet wird, die seine Hoheit anzeigen. Er wird als Christus (Messias), Kyrios (Herr), Sohn Davids, Sohn Gottes, Knecht Gottes, Menschensohn bezeichnet und mit diesen und anderen Titeln in seiner einmaligen Bedeutung als Repräsentant Gottes und Mittler des Heils herausgestellt. Von seiner christologischen Bedeutung und Heilsfunktion sprechen Bekenntnisaussagen und hymnische Texte, die deutlich machen, dass er der einmalig ausgezeichnete Gesandte Gottes und die Quelle der Vergebung und des Lebens für die an ihn Glaubenden ist.
Die folgenden Ausführungen wollen vereinfacht und kurz das Bild Jesu Christi in fünf Schriften respektive Schriftgruppen des NT nachzeichnen.<1> Dabei geht es um Jesus Christus bei Paulus, im ersten Petrusbrief, in der Apostelgeschichte, in den johanneischen Schriften und in der Offenbarung des Johannes. Am Schluss soll ein Rückblick und Ausblick den Ertrag zusammenfassend darstellen. Dabei ist nach den Gemeinsamkeiten im Christusverständnis dieser Schriften, aber auch nach ihren unterschiedlichen Gesichtspunkten und Akzenten zu fragen.

1. Paulus: Der gekreuzigte, auferstandene und endzeitlich kommende Christus

Ausgangspunkt der Überlegungen sind die in der gegenwärtigen Fachdiskussion allgemein als echt anerkannten Briefe des Paulus. Die sieben echten Paulusbriefe sind etwa in der Zeit zwischen 50­62 n. Chr. entstanden.<2>
Jesus Christus steht im Zentrum paulinischer Theologie, da Gott in ihm für die Menschen gehandelt hat und sie durch ihn zum Heil finden. Die Person Jesu wird auch bei Paulus mit christologischen Titeln ausgezeichnet, die seine Würde und Grösse hervorheben. Von besonderer Bedeutung sind bei Paulus die Titel Christus, Kyrios (Herr) und Sohn Gottes.<3>
Jesus ist zunächst und am häufigsten der Christus (Christos), der Gesalbte, der Messias der Erwartung Israels.<4> Allerdings wird die Aufgabe des Christus nicht primär im Lichte der vielfältigen Messiaserwartung des Frühjudentums<5> gesehen, vielmehr wird der Titel «vom Heilsgeschehen her verstanden, das in Tod, Auferweckung und Erhöhung Jesu sein Zentrum hat»<6>. Jesus ist in dieser Sicht nicht der politische Befreier und Vollender Israels, sondern der gekreuzigte, auferweckte und erhöhte Christus, der den Glaubenden aus Israel und den Völkern Vergebung und Leben erwirkt und die endzeitliche Auferstehung verheisst.
Paulus verwendet auch oft den Titel Herr (kyrios). Mit dem Kyrios-Titel wird Jesus als Herr in göttlicher Würde herausgestellt. Diese Bezeichnung gewinnt ihr Gewicht auf dem Hintergrund der Praxis des frühen Judentums, in der hebräischen Bibel aus Scheu vor dem Gottesnamen anstelle des Namens «Jahwe» das Ersatzwort «Adon(ai)» (= Herr) zu lesen. Die griechische Bibelübersetzung verwendete dafür das Wort «Kyrios» (Herr).<7> So endet der Phil-Hymnus in der Akklamation «Herr ist Jesus Christus» (Phil 2,11). Aber auch, wo Paulus vom irdischen Jesus spricht, kann er den Titel Kyrios gebrauchen (1 Kor 11,23; 1 Thess 2,15).<8>
Weiter verwendet Paulus auch den Titel «Sohn Gottes» für Jesus. Der Sohnestitel findet sich in Aussagen über die Sendung in die Welt (Röm 8,3f.; Gal 4,4f.). Gott hat Paulus seinen Sohn geoffenbart (Gal 1,15f.). Der Titel «Sohn Gottes» ist eine Metapher aus der Familienbeziehung und wurde auch im AT verwendet (Ex 4,22; 2 Sam 7,14; Ps 73,15). Im NT wird dieser Titel zum Ausdruck der einmaligen und exklusiven Beziehung Jesu zu Gott, dem Vater. Die eine und unvergleichliche Sohnschaft Jesu wird aber zugleich «Urbild und Grund der Kindschaft der vielen Söhne und Töchter im Geist und Glauben (2 Kor 6,18; Röm 8,14; Gal 3,26)»<9>.
Zu beachten ist weiterhin, dass die christologischen Aussagen des Paulus in den Koordinaten des Kreuzes, der Auferstehung, der Parusie und der Präexistenz zu lesen sind. So bekennt Paulus mit einer sehr alten Überlieferung, dass Christus für unsere Sünden gestorben ist nach den Schriften (1 Kor 15,3). Zudem betont er im 1 Kor, dass Christus ganz als der Gekreuzigte zu sehen und verkünden sei (1 Kor 2,2). Gerade der von anderen verachtete Gekreuzigte ist für die Berufenen Gottes Kraft und Weisheit (1 Kor 1,24). Im Gal entwickelt Paulus sein Rechtfertigungsverständnis auch im Blick auf den Gekreuzigten, der den Fluch des Kreuzestodes auf sich genommen hat, um die Glaubenden von der Verurteilung des Gesetzes zu befreien (Gal 3,13f.; vgl. 3,10­14).
Der am Kreuz gestorbene Jesus aber wurde von Gott zu neuem und endgültigem Leben auferweckt. Dies verkündigt Paulus mit vielen Zeugen des Auferstandenen vor und neben ihm, mit Kephas und den Zwölf, mit Jakobus und den Aposteln (1 Kor 15,4­11). Paulus versteht sich selbst gerade als Apostel, weil er den Auferstandenen gesehen hat und von ihm in den Dienst genommen wurde (1 Kor 9,1; 15,8­10). Ohne die Auferweckung Jesu durch Gott wäre die Verkündigung leer und ohne festen Grund und der Glaube nichtig (1 Kor 15,14).
Die Auferstehung Jesu verbürgt auch die Auferstehung der an ihn Glaubenden. Christus ist der Erste der Entschlafenen, in Christus werden auch alle lebendig gemacht, und zwar bei seinem endzeitlichen Kommen (1 Kor 15,20­23).<10>
Das endzeitliche Kommen des Christus zur Parusie ist der zukünftige Horizont des Denkens des Apostels, und dies von seinem wohl frühesten bis zum letzten Brief, vom 1 Thess bis zum Phil.<11> Die Hoffnung des Paulus richtet sich auf den endzeitlich kommenden Herrn, der die Verstorbenen in Christus auferwecken und die lebenden Glaubenden zum bleibenden Leben umwandeln wird, zum vollendeten und ewigen Sein mit Christus im Reich Gottes.<12> Dieser apokalyptisch geprägte Hoffnungshorizont ist elementar für das paulinische Denken, Paulus teilt ihn mit anderen urchristlichen Theologen, gerade auch aus dem Judenchristentum.
Paulus spricht aber auch, angeregt durch ältere Überlieferung, vom vorzeitlichen Sein des Christus bei Gott, von seiner Präexistenz in göttlicher Würde und seiner Mittlerschaft bei der Schöpfung. Die Aussage über die Sendung des Sohnes ist schon in diesem Licht zu verstehen (Gal 4,4; Röm 8,3), der Phil-Hymnus spricht deutlicher von der Präexistenz des Christus (Phil 2,6­11), während 1 Kor 8,6 von Christus als Mittler der Schöpfung an Gottes Seite handelt. Dieser Ausgriff in die Zeit vor der Schöpfung wurde durch atl.-jüdisches Weisheitsdenken ermöglicht, wo die Weisheit Gottes bisweilen schon personifiziert und als Gefährtin Gottes bei der Schöpfung dargestellt wurde (vgl. Sir 24; Spr 8,27­30; Weish 8,4; 9,9).<13>

Das Heilsgeschehen

Im Mittelpunkt paulinischer Christologie stehen das Kreuz und die Auferstehung Jesu. Sie gehören wie zwei Brennpunkte des einen Heilsgeschehens zusammen, in dem Gott zu Befreiung und Erlösung der Menschen gewirkt hat. Paulus spricht in verschiedenen Vorstellungen von diesem Heilsgeschehen in Christus, um den Adressaten zu verdeutlichen, dass sie im Glauben an Christus am heilvollen Leben Gottes teilnehmen. Fünf Vorstellungstypen sollen kurz benannt werden.<14>

  1. Versöhnung: Von Versöhnung spricht Paulus 2 Kor 5,14­6,2 und Röm 5,1­11. Gott bietet die Versöhnung in Christus an und überwindet so die Feindschaft der Menschen in Sünde gegen ihn. Gott selbst also überwindet die Feindschaft durch Versöhnung. Er ist nicht Empfänger der Versöhnung, sondern hat in Christus die Welt mit sich versöhnt.
  2. Befreiung: Hier wird ein Zustand der Unterdrückung oder Versklavung der zu befreienden Menschen vorausgesetzt. Dabei kann an die Knechtschaft unter Sünde und Tod gedacht werden (Röm 5,21; 1 Kor 15,25f.). Christus befreit aus der Knechtschaft zur Sohnschaft (Röm 8,15) oder Freiheit (Gal 4,31­5,1).
  3. Stellvertretung: Der gewöhnliche Gedanke der Stellvertretung findet sich z.B. 1 Thess 5,10: «Er ist für uns gestorben, damit wir... mit ihm leben.» Eine inklusive Stellvertretung ist bei Personen gegeben, welche ein ganzes Geschlecht repräsentieren, so beispielsweise in der Aussage 1 Kor 15,22: «Denn wie in Adam alle sterben, so werden auch in Christus alle lebendig gemacht werden.»
  4. Sühne: Auch für die Vorstellung von Sühne und Sühneopfer ist der Stellvertretungsgedanke wichtig, er bezieht sich nun aber auf den Bereich des kultischen Geschehens. Dabei erwirkt kultische Sühne durch Opfer Aufhebung der Schuld oder des Unheils. Paulus nimmt Röm 3,24­26; 5,9; 8,3 die Sühnevorstellung auf. So kann er zeigen, dass Christus durch seinen Tod die Folgen der Sünde beseitigt.
  5. Rechtfertigung: Hier wird das erlösende Handeln des Christus in der Analogie eines Gerichtsaktes gesehen. Im Kreuz wird das endzeitliche Gericht vorweggenommen; Christus erwirkt stellvertretend die Vergebung, der Sündlose stirbt anstelle der Sünder und bewirkt ihr Leben. In diesem Akt der Gnade gegenüber den Schuldigen erweist Gott seine Gerechtigkeit, seine Bundestreue. Sie kann allein im vorbehaltlosen Glauben ergriffen werden und erwirkt den Glaubenden das Heil, in dem sie stehen und sind (vgl. Gal 2,16; 3,10­14; Röm 3,21­26). Die Rechtfertigung aus Glauben ohne Werke des Gesetzes dient Paulus besonders auch zum Aufweis, dass die Glaubenden aus den Völkern ohne Beschneidung und umfassende Befolgung des Gesetzes das Leben in Christus finden. Sie legitimiert die beschneidungsfreie Mission unter den Völkern.<15>

Bei Paulus findet sich insgesamt ein Christusverständnis mit den drei Dimensionen Präexistenz, Kreuz und Auferstehung sowie Parusie. Das Schwergewicht liegt dabei auf Kreuz und Auferstehung Jesu als dem grundlegenden Heilsgeschehen. Die an Christus Glaubenden sind gerechtfertigt und leben in der Gemeinschaft mit Christus aus der Kraft des Geistes in hoffender Zuversicht auf die endgültige Vollendung bei der Parusie des Christus.

2. 1 Petr: Der vorbildlich leidende, befreiende und durch die Auferstehung verherrlichte Christus

Die grosse Mehrheit der Fachleute schreibt den 1 Petr<16> nicht Petrus selbst zu. Der 1 Petr ist eher nach dem Tod des Petrus entstanden, wobei als Entstehungszeitraum die Zeit zwischen 65 bis 100 n. Chr. vermutet wird.<17> Die im Brief vertretene Theologie und Paränese gehen auf palästinisch-urchristliche Ansätze zurück, sie wurden von Petrus mitgeprägt, haben judenchristlich-hellenistischen Charakter und sind am Rande auch von paulinischem Denken beeinflusst.<18>
In Entsprechung zur Situation der Adressaten, die vielfältigen Bedrängnissen und Leiden ausgesetzt sind, steht im Zentrum der Christusverkündigung des 1 Petr das Leiden des Christus.<19> Bereits die atl. Propheten haben durch den Geist Christi gelenkt die Leiden des Messias und seine nachfolgende Verherrlichung geweissagt, welche für die Adressaten als Gnade bestimmt sind (1,10­12).
Der Verfasser formuliert an drei Stellen der ersten drei Kapitel unter Aufnahme vorgegebener Überlieferungen oder Einzelaussagen sein Christusbekenntnis ausführlicher<20>:
In 1,18­21 erinnert der Verfasser die Adressaten, dass sie von Gott nicht durch einen vergänglichen Preis, sondern durch das kostbare Blut Christi losgekauft wurden (V.18f.). Christi Tod am Kreuz ist der Grund der Erlösung, er hat von sündiger Vergangenheit befreiende Wirkung und begründet die Gemeinschaft mit Gott in seinem Bund (vgl. 1,2)<21>. Gott hat Christus aber auch auferweckt und verherrlicht (1,21); so richtet sich die Hoffnung der Glaubenden ganz auf Gott, der in seinem Christus am Ende der Zeiten an ihnen heilschaffend gewirkt hat (1,20f.).
In 2,21­25 nimmt der Verfasser alte Tradition auf, die stark vom Gottesknechtslied in Jes 53 geprägt ist.<22> Er stellt hier das Leiden des Christus unter drei Aspekten heraus<23>, die den Brief auch insgesamt prägen: 1. Christus hat den Leidensweg beispielhaft und vorbildlich beschritten und damit den Glaubenden einen Weg gebahnt, den sie selbst zu gehen haben (2,21­23; vgl. 4,1.13). 2. Das Leiden des Christus ist darüber hinaus aber auch heilswirksam. Er hat unsere Sünden in seinem Leib auf das Holz getragen, damit wir den Sünden sterben und ganz der Gerechtigkeit leben (2,24; vgl. 1,18f.; 3,18). 3. Durch das Leiden des Messias aber werden die Adressaten zu ihm als Hirten und Hüter ihrer Seelen bekehrt (2,25). Das Christusleiden dient also auch der Grundlegung der Kirche.
In 3,18­22 führt der Verfasser unter Aufnahme anderer Überlieferungen das heilschaffende Leiden des Christus weiter bis zu seiner Leben schaffenden Auferstehung im Geist und der Erhöhung zur Rechten Gottes, wobei ihm die Engel, Mächte und Kräfte unterworfen sind. Der erhöhte und verherrlichte Christus bewirkt in der Taufe das neue Leben der Glaubenden (1,3.23; 3,21) und ist als lebendiger Stein Grund und Zentrum der Kirche, der Eckstein, durch den die Glaubenden gerettet und von den Nichtglaubenden geschieden werden (2,4­8).<24> Zielpunkt des Lebens der Glaubenden aber ist die endzeitliche Offenbarung des Christus, bei der sie endgültig an seiner Herrlichkeit teilnehmen werden (1,7.13; 4,13; 5,4).
Insgesamt ist die Christologie des 1 Petr im Gottesverständnis verankert und dient einem soteriologischen Anliegen: Gott bewirkt am Ende der Zeiten durch Jesus Christus das Heil der Glaubenden. Christus ist sodann der vorbildlich Leidende, dessen Leidensweg die Glaubenden aufnehmen sollen. Durch Christus werden die Glaubenden in die Kirche eingegliedert und ganz auf die eschatologische Vollendung in der Teilnahme an seiner Herrlichkeit ausgerichtet. Im Vordergrund steht die messianische Leidens- und Erlösungschristologie, die atl.-judenchristlich bestimmt ist.<25> Christusglaube und Frömmigkeit sind deutlich judenchristlich geprägt und werden in den Grundzügen der Verkündigung des Petrus entsprechen, wie gerade auch Gemeinsamkeiten mit Petrusreden der Apg vermuten lassen.<26>

3. Apg: Der leidende Christus, der Anführer zum Leben und Retter

Die Apg ist eine Darstellung der nachösterlichen Christusverkündigung in historischer und theologischer Absicht, die nach verbreiteter Anschauung um 90 n. Chr. entstanden ist. In ihr geht es um die Zeugenschaft der Apostel, des Paulus und aller anderen Verkünder für Christus, und dies von Jerusalem bis an das Ende der Erde (1,8). Am Schluss verkündet Paulus in Rom das Reich Gottes und Jesus Christus, den Herrn (28, 23.31).
Die grosse Bedeutung des verkündigten Jesus kommt in einer langen Reihe von Hoheitsbezeichnungen zum Ausdruck, die Jesus beigelegt werden. Folgende Titel finden sich in der Apg: Christus (Gottes), Knecht Gottes, Heiliger und Gerechter, Anführer, Retter, Herr, Sohn Gottes, Menschensohn. Ausserdem ist von der Davidssohnschaft Jesu die Rede und wird vom Propheten wie Mose im Blick auf ihn gesprochen.<27> Dabei stehen zahlenmässig die Titel Christus und Herr im Vordergrund. Im Vergleich zum Lk tritt der Christustitel noch stärker hervor, er wird besonders im Zusammenhang des Schriftbeweises für das Leiden-Müssen des Messias verwendet.<28>
Das Leiden des Messias ist schriftgemäss und entspricht dem göttlichen Heilsplan, ja es ist notwendig (2,23; 3,18; 17,3; 26, 23; vgl. Lk 24, 26.46).<29> Dennoch heben die Kontrastaussagen über die Tötung Jesu durch seine Gegner und die Auferweckung des Getöteten durch Gott auch die Schuld der Gegner des Gekreuzigten hervor. Zugleich wird ihnen aber auch die Vergebung der Schuld angesagt, wenn sie sich bekehren und das Zeugnis der Verkünder annehmen. Die eben angesprochene so genannte Kontrastformel findet sich mehrfach in der Apg, sie begegnet in fünf Missionspredigten des Petrus. Sie spricht 1. von der Unheilstat der Juden («Ihr habt ihn getötet»), 2. von der Heilstat Gottes («Gott hat ihn auferweckt») und 3. vom Aufruf zur Umkehr (2,23f.38; 3,13­15. 19; 4,10f. [3. nur implizit]; 5,30f; 10,39­43 [3. nur implizit]; vgl. weiter auch die Paulusrede 13,27­30.38f. [3. nur implizit]). Diese Formel ist sehr alt und geht auf die früheste Jesusverkündigung in Jerusalem zurück.<30> Da die Kontrastformel in der Apg fast einhellig in den Petrusreden zu finden ist, vermute ich, dass sie auch von Petrus in seiner frühen Jerusalemer Verkündigung benutzt wurde und er an ihrer Prägung mindestens mitbeteiligt war.
Der endzeitliche Horizont der Christusverkündigung wird punktuell dort fassbar, wo die Apg Christus als kommenden Richter verkündigt. Die Apg betont weiter die soteriologische Bedeutung des Christus. Durch die Umkehr angesichts des Handelns Gottes in Christus, im Glauben an Christus, an seinen Namen<31>, werden allen die Sünden vergeben, sie finden zum Heil und zur Rettung (2,38; 3,19; 5,31; 10,43; 13,38; 22,16; 26,18). Dies gilt zuerst den Glaubenden aus Israel, dann auch denen aus den Völkern; es wird sowohl von Petrus wie von Paulus in ihrer Verkündigung herausgestellt, wenn auch teils etwas anders akzentuiert. Die Taufe als Initiationsritus dient insbesondere auch der Vermittlung der Sündenvergebung im Glauben an Jesus Christus (2,38; 22,16). Auf diesem Hintergrund wird auch betont, dass Jesus der Heilbringer schlechthin, ja der einzige ist, in dem das Leben zu finden ist (4,11f.). Der Titel Retter/Erlöser (so{te{r) wird von daher auch konsequent je einmal von Petrus und Paulus verwendet (5,31; 13,23).<32>

Leben und Weg insgesamt

Die Vorstellung von der stellvertretenden Sühne durch das Sterben Jesu findet sich nur vereinzelt im Doppelwerk des Lukas (Lk 22,19f.; Apg 20,28).<33> Aber an den meisten Stellen, wo von Rettung und Heil im Doppelwerk gesprochen wird, sind diese durch das Wirken Jesu selbst und sein gesamtes Verkünden, Leben, Sterben und Auferstehen vermittelt. Die Vermittlung des Heils in Christus wird also nicht primär an einem Punkt festgemacht, nämlich dem Kreuzestod, sondern im Ganzen des Lebens, Leidens, Sterbens und der Erhöhung Jesu verankert. Jesu Leben und Weg bis zu seiner Erhöhung gelten insgesamt als Heilsgeschehen, das den Glaubenden das Leben vermittelt.<34>
Kurz ist noch darauf zu verweisen, dass besonders in den Petrusreden der Apg im NT sonst wenig verbreitete judenchristliche christologische Vorstellungen auftreten. Nach ihnen ist Jesus als Heiliger und Gerechter der Knecht Gottes, der durch das Leiden zur Herrlichkeit gelangt und für die Glaubenden Anführer zum Leben und zum Heil wird (3,13­15.26; 4,27.30; 5,31; 7,52; 22,14). Diese christologischen Aussagen sind sehr alt, sie werden in die Anfangszeit der Verkündigung zurückreichen und sind wohl von Petrus mitgeprägt.
Bei den Petrusreden ist generell besonders zu beachten, dass die Zusagen des Heils im Glauben an Christus zunächst Israel, dann aber auch den Völkern gelten, und dass die Aussagen tendenziell zunehmend universalistischer formuliert werden (vgl. 2,36.39; 3,19f.; 4,10­12; 5,31; 10,34­36.42f.; 15,7­11).
Insgesamt wird in der Apg die Schriftgemässheit und Notwendigkeit des Leidens Christi betont und das Leiden als Weg zu seiner Herrlichkeit gesehen. Die soteriologische Bedeutung der Christologie wird akzentuiert, aber nicht im Kreuz Jesu lokalisiert, sondern auf das umfassende Ganze des Wirkens, Leidens und der Erhöhung Christi bezogen. Christus ist der einzige und universale Heilbringer für Juden und Heiden. Dennoch ist die Christologie des Doppelwerks ganz theozentrisch orientiert. Jesus ist Gott im Blick auf seine heilsgeschichtliche Funktion untergeordnet; Gott ist der Initiator des gesamten Heilswerkes.<35>
Die Apg dient als Schrift der Öffnung der Verkündigung Christi zu den Völkern. Aber sie legitimiert diesen Schritt gerade gegenüber judenchristlichen Anliegen und Standpunkten. Von daher ist es auch nicht so erstaunlich, dass ihre Christologie weitgehend judenchristlich geprägt ist<36> und in ihr noch sehr alte, judenchristliche Titel verwendet werden.

4. Joh und Joh-Briefe: Der vom Vater gesandte Sohn als Offenbarer und Quelle ewigen Lebens

Die Johannesbriefe und das Joh sind nach verbreiteter Meinung etwa um 90 bis 100 n. Chr. entstanden. Sie sind an einen Verband von Gemeinden gerichtet, der durch die Verkündigung des johanneischen Kreises geprägt wurde, in jüngster Zeit aber durch eine Spaltung der Anhänger in eine tiefe Krise gestürzt wurde (1 Joh 2,18f.). Ein wohl einflussreicher Teil von Glaubenden hat sich vom Bekenntnis zu Christus und zum Sohn Gottes, der im Fleisch gekommen ist, getrennt und die Gemeindeglieder nachhaltig verunsichert (1 Joh 2,22f.; 4,2f.; 2 Joh 7).
In dieser Situation schreibt ein wichtiger theologischer Vertreter der johanneischen Überlieferung drei Briefe und das Joh<37>, um die Gemeindeglieder im Glauben an Jesus Christus neu zu begründen und sie vor dem Abfall vom Christusbekenntnis zu bewahren. In dieser Lage ist es verständlich, dass die Verkündigung der Briefe und des Evangeliums ganz auf das christologische Bekenntnis konzentriert ist. Das Joh unterscheidet sich von den Synoptikern gerade auch darin, «dass Christus zur Mitte der Verkündigung geworden ist. Der johanneische Christus verkündigt sich selbst. Er ist Subjekt und Objekt der Verkündigung.»<38>
So erklärt sich auch die an und für sich erstaunliche Feststellung, dass Jesus bereits im ersten Kap. des Joh mit einer Fülle von christologischen Titeln ausgezeichnet wird. Jesus ist der Logos, das Wort schlechthin, das aus der Präexistenz Fleisch geworden ist (1,1­3.10.14). Er ist der Einzige vom Vater (1,14), und dies in seiner Eigenschaft als dessen alleiniger Offenbarer (1,18).<39> Er ist der Christus/Messias (1,20.25.41), der Prophet (1,21.25), das Lamm Gottes (1,29.36), der Sohn Gottes (1,34.49), der Rabbi/Lehrer (1,38), der Sohn Josefs aus Nazaret, über den Mose im Gesetz und die Propheten geschrieben haben (1,45), der König Israels (1,49) und der Menschensohn (1,51).<40> Später wird Jesus im Joh noch als der Retter der Welt (4,42), der Heilige Gottes (6,69) und Kyrios/Herr (6,23.68 u.ö.) bezeichnet, ja am Schluss der Jerusalemer Erscheinungserzählungen bekennt ihn Thomas gar als «mein Herr und mein Gott» (20,28).
Diese breite Palette der Hoheitsbezeichnungen Jesu soll die Adressaten gleich von Anfang an auf das Christusbekenntnis lenken, sie sollen in das Bekenntnis der erstberufenen Jünger einstimmen und in diesem Akt der Zustimmung zu Jüngern und Jüngerinnen des Messias Jesus werden. Jeder Hoheitstitel hat durchaus noch seine eigene Bedeutung und Aussage. Dennoch umschreiben sie gerade zusammen und miteinander die christologische Würde Jesu angemessen. Die verschiedenen Titel interpretieren, ergänzen und verdeutlichen einander gegenseitig, so dass sie die göttliche Würde Jesu am Beginn des Evangeliums umfassend zur Geltung bringen.<41>

Hoheitslied

An dieser Stelle ist es nicht möglich, auf die einzelnen Hoheitstitel einzugehen; nur die drei im Joh wohl gewichtigsten Hoheitsaussagen sollen ganz kurz erläutert werden. Mit der Christus/Messias-Aussage ist die frühjüdische Erwartung eines endzeitlichen Befreiers und Vollenders des Volkes Gottes angesprochen. Der Täufer weist für sich diesen Titel zurück (1,20; 3,28) und verweist seine Jünger und alle auf den Grösseren, auf Jesus (1,19­36; 3,22­26). Jesus entspricht zwar nicht in allem den Vorstellungen der jüdischen Erwartung (7,14f.27; 12,34), bezeichnet sich aber gegenüber der Samariterin doch selbst als Christus (4,25f.) und wird als solcher auch durch seine Wundertaten ausgewiesen (7,31). Das ganze Joh will zum Bekenntnis zu Christus hinführen, zum Glauben an den Messias und Sohn Gottes, in dem das Leben zu finden ist (11,27 u. bes. 20,31).
Das Bekenntnis zu Jesus als Sohn Gottes wird im Joh mehrfach ausgesprochen (1,34.49; 11,27). Auch Jesus selbst spricht vom Sohn Gottes, meistens aber absolut von dem Sohn und dessen Verhältnis zum Vater. Gott hat seinen einzigen Sohn in die Welt gesandt und hingegeben, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben finden (3,16­18.35f.). Der Sohn tut das Werk des Vaters, der ihm alles übergeben hat. Leben, Verkündigung und Wundertaten des Sohnes dienen der Verherrlichung Gottes, so dass im Sohn der Vater gesehen werden kann (14,9; vgl. 12,45). Die Wirkeinheit von Vater und Sohn kann zur Aussage gesteigert werden: «Ich und der Vater sind eins» (10,30). Der Sohn offenbart als Gesandter Gottes den Vater, der in ihm seine Liebe kundtut.
Wie bei den Synoptikern spricht auch im Joh Jesus allein vom Menschensohn. Dieser ist von Dan 7,13 her als himmlische Hoheitsgestalt und Repräsentant des Volkes Gottes zu sehen. Nach dem Joh ist gerade der irdische Jesus der Menschensohn (vgl. bes. 9,35­38). Dieser Menschensohn ist aus der himmlischen Existenz auf die Erde hinabgestiegen (3,13) und wird wieder an seinem Ort hinaufsteigen (6,62). Der Weg der Erhöhung und Verherrlichung des Menschensohnes führt über das Kreuz, von wo aus er alle zu sich zieht und ihnen ewiges Leben spendet (3,14f.; 8,28; 12,23f.; 13,31; vgl. 12,32­34).<42>
Die Sohnes- und Menschensohnaussagen des Joh zeigten schon an, dass der irdische Jesus ganz im Licht seiner Sendung von Gott und seiner Rückkehr zum Vater gesehen werden muss. Er ist der präexistente Logos, durch den alles geworden ist, der Fleisch geworden ist und so als einziger Kunde von Gott gebracht, den Vater und den Sohn offenbart hat. Er hat das Werk getan, das ihm der Vater aufgetragen hat, und es gerade in der Erhöhung und Verherrlichung am Kreuz vollendet (19,28­30).<43> Der gekreuzigte Christus ist die Quelle des Heils und ewigen Lebens, aus der alle Glaubenden leben und sind.
Die Christologie des Joh hat insgesamt eine grundegende Vertiefung durch Präexistenz, Sendung vom Vater und Rückkehr zu ihm und den einmaligen Offenbarungsanspruch des Sohnes erfahren. Dennoch ist sie ganz soteriologisch ausgerichtet. Sie dient dem ewigen Leben der Glaubenden in dieser Weltzeit und darüber hinaus, sie gewinnen die Fülle des Lebens im Glauben an den Messias und Sohn Gottes (20,31).
Diese soteriologische Ausrichtung der Christologie soll abschliessend noch kurz durch die siebenfache Ich-bin-Selbstaussage Jesu beleuchtet werden, die sich nur im Joh findet. Jesus sagt im Joh von sich: Ich bin das Brot (6,35.41.48.51), das Licht (8,12), die Tür (10,7.9), der Hirt (10,11.14), die Auferstehung und das Leben (11,25), der Weg, die Wahrheit und das Leben (14,6), der Weinstock (15,1.5). Diese hoheitlichen Selbstaussagen sind atl. vorgeprägt und zugleich breiter verständlich. Sie sprechen von Jesu einzigartigem Heilsanspruch, von Sättigung, Licht und Leben, die nur er spenden kann, und von der Integration in den Heilsbereich des Volkes Gottes, für das er sich hingibt und das bleibende Früchte aus der Gemeinschaft mit ihm in Liebe wirkt (Hirt, Weinstock).<44>

5. Offb: Das geschlachtete Lamm als Vollstrecker des endzeitlichen Geschichtsplanes Gottes

Die Offb ist nach vorherrschender Auffassung in den neunziger Jahren des ersten Jahrhunderts von einem Propheten mit Namen Johannes verfasst worden. Johannes schreibt an sieben Gemeinden Kleinasiens, die ihm bekannt sind und die er mit einer ganz atl.-judenchristlich geprägten Botschaft in apokalyptischem Gewand konfrontiert. Seine Hoheitsbezeichnungen für Jesus stammen denn auch ganz aus atl.-judenchristlicher Überlieferung<45>: Löwe aus dem Stamm Juda, Spross aus der Wurzel Davids (5,5; 22,16), leuchtender Morgenstern (22,16). Der Christustitel erscheint siebenmal und wird im Zusammenhang von Christi Herrschaft und Reich in seiner messianischen Qualität wahrgenommen (11,15; 12,10; 20,4.6). Kyrios/Herr wird bevorzugt für Gott gebraucht, bisweilen aber auch für Jesus, so im Gebetsruf: «Komm, Herr Jesus» (22,20). Am häufigsten aber wird Lamm als christologischer Titel verwendet (vgl. unten).<46>
Christus ist nach der Offb Gott zugeordnet, der über den Zeiten steht und alles in Händen hat, der in der verbleibenden Geschichte am Volk Gottes und den Menschen aber in ihm handelt. Christus wird beiläufig wohl schon als Mittler der Schöpfung vorgestellt, als «der Anfang der Schöpfung Gottes» (3,14)<47>; das entscheidende Werk aber vollzieht er im Auftrag Gottes am Ende der Zeiten. Dabei wird das irdische Wirken des Christus nur knapp erwähnt und ganz in seinem heilschaffenden Tod für die Glaubenden zusammengefasst. Sein Sterben ist Ausdruck der liebenden Hingabe und erwirkt den Glaubenden Befreiung aus der versklavenden Todesmacht der Sünde. Sie werden durch ihn in königliche und priesterliche Würde vor Gott eingesetzt (1,5f.) und sollen diese in der himmlischen Herrschaft mit dem Messias ausüben und dereinst vollendet im irdischen Jerusalem verkosten. Christus ist durch Tod und Auferstehung von Gott erhöht und an seiner Seite zum Mitregenten eingesetzt worden. Gott hat ihm, dem Menschensohnähnlichen, «Herrschaft, Würde und Königtum» übergeben, so dass ihm alle Völker dienen müssen (vgl. Dan 7,13f.). Als Menschensohnähnlicher erscheint er Johannes und beauftragt ihn zum Schreiben seines prophetischen Buches (1,9­20). Als solcher ist er auch in alle Macht über die Gemeinden eingesetzt, als solcher wird er auch das Gericht Gottes über die Erde vollstrecken (1,7; 14,14­16) und die antichristliche Weltmacht und ihre Verbündeten besiegen (19,11­21). Als das vom Tod gezeichnete, aber auch aus ihm erhöhte und in Vollmacht eingesetzte Lamm (arnion) empfängt Christus von Gott das Buch mit den sieben Siegeln (Kap. 5). Mit diesem christologischen Leittitel der Offb, der 28-mal verwendet wird, wird er als der ausgezeichnet, der von Gott zur Vollstreckung des endzeitlichen Geschichtsplanes bestimmt ist. Im Auftrag Gottes und an dessen Stelle wird das Lamm die endzeitlichen Geschehnisse auslösen und durchführen, die Feinde Gottes und seines Volkes besiegen und die Getreuen zur Vollendung führen. Er wird die Seinen vorweg aus der Gewalt des Todes befreien und sie an der himmlischen Herrschaft des tausendjährigen Messiasreiches teilnehmen lassen (20,4­6).
Der Monotheismus Israels und der frühjüdischen Apokalyptik wird durch diese hoheitsvolle Christologie der Offb kaum grundsätzlich gesprengt. Christus handelt deutlich im Auftrag, aus der Vollmacht und in Funktion des thronenden Gottes, so dass man von einer funktionalen Christologie sprechen kann. Zugleich wird aber in der Offb auch hervorgehoben, dass Christus in Abhängigkeit von Gott auch göttliche Würde zukommt. Gott hat ihn zum Mitregenten auf seinen Thron erhoben und ihm seine Macht übertragen. Deshalb trägt er in der Offb auch Titel, die primär Gott zukommen, nun aber in Abhängigkeit von Gott auch den Messias in seiner Hoheit würdigen: Auch Christus ist Alpha und Omega, der Erste und der Letzte, Anfang und Ende (22,13; 1,17; 2,8; für Gott 1,8; 21,6), er ist der Heilige und Wahrhaftige (3,7; ähnlich 19,11; für Gott 6,10), der Herr (11,8; 14,13; 22, 20f.; sonst überwiegend für Gott 1,8; 4,8; 11,17 u.a.) und führt die jüdische Gottesbezeichnung König der Könige und Herr der Herren (17,14; 19,16; vgl. 1,5). Kap. 5 wird Christus in seiner göttlichen Würde und Hoheit gepriesen und am Schluss als Lamm zusammen mit dem Thronenden von allen Geschöpfen gefeiert (5,13). Auch im himmlischen Tempel (7,9.10) und im neuen Jerusalem ist das Lamm zusammen mit Gott Zentrum des Lebens und Heils (21,22.23; 22,1.3).
Bleibt der Monotheismus Israels wohl grundsätzlich gewahrt, so ist von Gott und seinem Wirken doch nur zusammen mit seinem Christus angemessen zu sprechen, dem von Gott her Würde und Hoheit zukommt und der dessen Werk der Erlösung und Vollendung vollzieht. Es ist zu beachten, dass bei aller Profilierung Christi als Vollstrecker des Geschichtsplanes Gottes und seines Gerichts über die nichtglaubende Menschenwelt dieser doch ganz Retter und Befreier der Glaubenden in Gegenwart und Zukunft bleibt.<48>

6. Rückblick und Ausblick

Wir haben uns mit den christologischen Vorstellungen von fünf Schriften respektive Schriftgruppen des NT befasst und wollen abschliessend noch ganz kurz eine Bilanz ziehen. Dabei müssen wir uns auf diese fünf Zeugen beschränken und können nur bisweilen exemplarisch über sie hinausweisen. Zunächst ist auf folgende grundlegende Gemeinsamkeiten im Christusverständnis hinzuweisen: Jesus wird überall mit verschiedenen Titeln ausgezeichnet, die seine Würde und Hoheit anzeigen. Allen erwähnten Schriften gemeinsam sind die Titel Christus und Herr. Die Christusaussage ist in allen Schriften soteriologisch orientiert, durch sie wird den Glaubenden Heil und Leben in der Gegenwart zugesprochen, welche sich in der Zukunft vollenden. Das Heil der Glaubenden gründet in Kreuz und/oder Auferstehung des Christus und wird im endzeitlichen Kommen Christi vollendet. Der endzeitliche Horizont der Christusverkündigung ist überall gegeben, er wird aber teils verschieden akzentuiert. Der Blick nach vorn in das vorzeitliche Sein des Christus bei Gott erfolgt in unterschiedlicher Stärke und kann auch ganz entfallen, er hat nicht dasselbe Gewicht wie die Orientierung der Christologie in die absolute Zukunft. Gemeinsam ist allen behandelten Zeugen die theozentrische Verankerung der Christologie im Handeln Gottes. Gott wirkt in Christus sein endzeitliches Heilswerk, das die an Christus Glaubenden erlöst und befreit und sie dem Heilsbereich Gottes zuordnet, in dem sie für immer leben sollen. Christus ist einerseits Gott zugeordnet und ihm auch untergeordnet, er ist die Person, durch welche Gott sich offenbart und das Heil der Glaubenden wirkt. Christus wird aber gleichzeitig auch dem Heilsbereich Gottes einmalig nahe beigeordnet, um als sein Stellvertreter und Mittler das Werk der Erlösung zu vollziehen und die Glaubenden mit dem Leben Gottes zu beschenken.
Weiterhin ist auch auf eine Reihe von Unterschieden in der Christusverkündigung der besprochenen Schriften hinzuweisen. Zuvor wurde bereits auf die Vielfalt christologischer Titel hingewiesen, die sich zum Teil auch unterscheiden. Selbst der wichtige Sohnestitel ist beispielsweise nicht in allen besprochenen Schriften belegt. Er ist in Paulusbriefen von Bedeutung und prägt das joh. Schrifttum ganz nachhaltig, in der Apg und in der Offb aber tritt er ganz in den Hintergrund<49> und ist im 1 Petr überhaupt nicht vorhanden. Einzelne ntl. Schriften können den Glauben an Jesus also auch ohne die Sohnesaussage verkünden, während sie in anderen durchaus zentral ist. Die ntl. Christologie steht und fällt also nicht mit einem bestimmten Titel; die Zuordnung der jeweiligen Hoheitsaussagen insgesamt und die Aussagen über das Heilshandeln Christi überhaupt sind wichtiger als ein einzelner Titel. Auch das Kreuz Jesu wird in einzelnen Schriften teils in etwas anderem Licht gesehen. Bei Paulus gehört es als grundlegendes Heilsgeschehen zur Mitte der Verkündigung. In der Apg ist es notwendig und schriftgemäss, besonders aber auch Werk der Gegner Jesu, Heilsbedeutung kommt ihm nur im Gesamten des Wirkens, Leidens und Auferstehens Jesu zu. Nach dem 1 Petr hat das Kreuz auch Heilsbedeutung, ein besonderer Akzent aber liegt hier auf der Vorbildlichkeit des Leidens Christi für den Lebensweg der Glaubenden.<50>
Das endzeitliche Kommen des Christus wird teils auch mit unterschiedlichen Akzenten vorgestellt. Es bildet einen gewichtigen Bezugspunkt im theologischen Denken des Paulus, des 1 Petr und der Offb. Das Joh legt demgegenüber das Schwergewicht auf die Gegenwart des Heils in Christus. Dennoch bleibt der futurische Horizont nicht ganz ausgeblendet, und er wird in den Joh-Briefen deutlicher greifbar (vgl. Joh 14,2f.; 1 Joh 2,28; 3,2).<51>
Die Vorstellung von der Präexistenz Christi ist bei Paulus mehrfach belegt, und sie bestimmt das Joh durch den Prolog (1,1­18) nachhaltig. Im Joh wird sie weiter bestärkt durch die häufig wiederholte Sendungsaussage vom Vater und die Vorstellung vom Abstieg und Aufstieg des Menschensohnes. So gewinnt die Präexistenz im Joh insgesamt hohe Bedeutung. Im 1 Petr und der Offb wird sie nur verhalten angedeutet (vgl. 1 Petr 1,20; Offb 3,14), während sie die Apg und andere Schriften nicht kennen. Sie hat ntl. insgesamt nicht das Gewicht der Orientierung der Christologie auf die Zukunft des Kommens und die endgültige Befreiung in Christus. Dennoch beschreibt die Präexistenzvorstellung die Dimension des Heils, die Christus gebracht hat, in dem alle Weisheit Gottes, «die seit der Schöpfung heilschaffend wirkt», endgültig wohnt und den Glaubenden angeboten wird.<52>
Abschliessend wollen wir noch kurz nach Gründen der erwähnten Unterschiede oder verschiedenen Akzente in der Christusverkündigung fragen. Sie werden teils auf unterschiedliche theologische Schwerpunkte der Verfasser der einzelnen Schriften/Schriftgruppen zurückzuführen sein. Die Verfasser der ntl. Schriften gehören teils unterschiedlichen Strömungen des Urchristentums an und sind auch teils durch verschiedene Überlieferungen geprägt. Mindestens ebenso gewichtig scheint mir allerdings der unterschiedliche Stand und die besondere Problemlage der durch die jeweilige Schrift anvisierten Gemeinde(n) zu sein. Der Verfasser entwickelt seine Christologie gerade auch im Blick auf die besondere Problematik der Adressaten, um ihnen aus der Mitte des theologischen Denkens hilfreich und zukunftsweisend beizustehen. Die Person Christi und ihr Heilswerk soll im grundlegenden Einklang mit der christologischen Überlieferung der Frühzeit so zur Geltung kommen, dass die Adressaten im Glauben an ihn Vergebung, Leben und Zukunft finden.

 

Der Schweizer Theologe Peter Dschulnigg hat an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum den Lehrstuhl für Neues Testament inne.


Anmerkungen

1 Die Ausführungen wurden zuerst als Referat bei einer Veranstaltung des Katholischen Bildungswerkes Arnsberg-Sundern am 12.3.1998 vorgetragen.

2 Die kritische Forschung wertet die folgenden sieben Briefe als authentische Schreiben des Apostels Paulus: 1 Thess, 1/2 Kor, Gal, Röm, Phil, Phlm. Zu diesen und weiteren Einleitungsfragen ist die Einleitungsliteratur in das NT zu beachten, so besonders U. Schnelle, Einleitung in das Neue Testament, (UTB 1830), Göttingen 1994.

3 Vgl. zu den folgenden Ausführungen weiter K. H. Schelkle, Paulus. Leben ­ Briefe ­ Theologie, (EdF 152), Darmstadt 21988, 180­185; L. Goppelt, Theologie des Neuen Testaments, (UTB 850), hrsg. v. J. Roloff, Göttingen 31985 (Nachdruck), 393­414.

4 F. Hahn, EWNT III 1156, zählt ca. 271 Stellen mit Christus in den echten Paulusbriefen.

5 Zur Messiaserwartung des Frühjudentums vgl. weiter F. Hahn, EWNT III, 1150­1153; P. Dschulnigg, Messiaserwartung und Messiasbekenntnis, in: SKZ 165 (1997) 318­325, hier 319­322.

6 So F. Hahn, EWNT III, 1159.

7 Vgl. dazu K. H. Schelkle, Paulus (s. Anm. 3) 182.

8 Vgl. dazu weiter J. A. Fitzmyer, EWNT II, 817f. Mit dem Kyrios-Titel wird Jesus Gott gleichgestellt, aber nicht mit ihm identifiziert.

9 So K. H. Schelkle, Paulus (s. Anm. 3) 184.

10 Vgl. dazu weiter P. Dschulnigg, Reich Gottes und Auferstehung der Toten. Die Sicht von Jesus und Paulus, in: Radikaler Ernstfall, hrsg. v. K. Koch, Luzern u. Stuttgart 1990, 148­165, hier 158f.

11 Im 1 Thess (entstanden um 50 n. Chr.) spricht Paulus von der Parusie des Kyrios (1 Thess 2,19; 3,13; 4,15; 5,23), im Phil (entstanden um 62 n. Chr.) vom Tag Christi (Phil 1,6.10; 2,16).

12 Vgl. 1 Thess 4,16f.; 1 Kor 15,23f. 50­55; Phil 3,20f.

13 Vgl. dazu weiter K. H. Schelkle, Paulus (s. Anm. 3) 179f.; E. Schweizer, TRE XVI (1987) 680f.

14 Vgl. zu den folgenden Ausführungen J. Becker, Paulus. Der Apostel der Völker, Tübingen 1989, 432­437; E. Lohse, Grundriss der neutestamentlichen Theologie, (ThW 5,1), Stuttgart u.a. 41989, 81­83.

15 Vgl. zur Rechtfertigung weiter E. Schweizer, TRE XVI (1987) 688f.; J. Gnilka, Theologie des Neuen Testaments, (HThK.S5), Freiburg u.a. 1994, 78­89.

16 Vgl. zu den folgenden Ausführungen P. Dschulnigg, Aspekte und Hintergrund der Theologie des 1. Petrusbriefes, in: ThGl 84 (1994) 318­329, hier 326f.; ders., Petrus im Neuen Testament, Stuttgart 1996, 179f.; R. Metzner, Die Rezeption des Matthäusevangeliums im 1. Petrusbrief. Studien zum traditionsgeschichtlichen und theologischen Einfluss des 1. Evangeliums auf den 1. Petrusbrief, (WUNT 2. Reihe: 74), Tübingen 1995, 187­195.

17 Vgl. dazu P. Dschulnigg, Petrus (s. Anm. 16) 172­174.

18 Vgl. O. Knoch, Der Erste und Zweite Petrusbrief. Der Judasbrief, (RNT), Regensburg 1990, 24; P. Dschulnigg, Petrus (s. Anm. 16) 175.

19 (path{emata/Leiden) steht 1,11; 4,13; 5,1 im Zusammenhang mit Christus, pasch{om/leiden steht 2,21.23; 3,18; 4,1 im Zusammenhang mit Christus.

20 Vgl. L. Goppelt, Theologie (s. Anm. 3) 507.

21 Vgl. P. Dschulnigg, Aspekte des Kirchenverständnisses im 1. Petrusbrief, in: Kirche sein. Nachkonziliare Theologie im Dienst der Kirchenreform (FS H. J. Pottmeyer), hrsg. v. W. Geerlings u. M. Seckler, Freiburg u.a. 1994, 21­27, hier 22; J. Gnilka, Theologie (s. Anm. 15) 430f.

22 Im Christuslied 2,21­25 werden mehrfach Aussagen aus Jes 53 über den Gottesknecht aufgenommen: in V.22 Jes 53,9; in V.24 Jes 53,4.11f.; 53,5; in V.25 Jes 53,6.

23 Im Christuslied 2,21­25 wird das Ausgangsbekenntnis «Christus hat für uns gelitten» (V.21) unter den Aspekten des vorbildlichen (V.21­23) wie des heilswirksamen Leidens und Sterbens (V.24) im Blick auf die Glaubenden als Volk Gottes entfaltet (V.25). Vgl. zu den ersten zwei Aspekten L. Goppelt, Der Erste Petrusbrief, hrsg. v. F. Hahn, (KEK 12.1), Göttingen 1978, 205.

24 Vgl. P. Dschulnigg, Aspekte des Kirchenverständnisses (s. Anm. 21) 22­24; ders., Petrus (s. Anm. 16) 181.

25 Die Sohnes-Christologie fehlt im 1 Petr; vgl. auch J. Gnilka, Theologie (s. Anm. 15) 431, Anm. 25.

26 Vgl. neben der Gottesknechtschristologie das Leiden, die Auferstehung und Erhöhung des Christus sowie sein endzeitliches Kommen als Horizont. Im 1 Petr ist das Leiden des Christus stark betont, wozu auch die Knecht-Gottes-Aussage gehört; dazu P. Dschulnigg, Petrus (s. Anm. 16) 180, Anm. 33.

27 Vgl. zu den Titeln und Stellen G. Schneider, Die Apostelgeschichte. 1. Teil, (HThK 5.1), Freiburg u.a. 1980, 333; J. Gnilka, Theologie (s. Anm. 15) 208f. (zum Sohn Gottes).

28 Vgl. G. Schneider, Apostelgeschichte (s. Anm. 27) 333; G. Strecker, Theologie des Neuen Testaments, hrsg. v. F. W. Horn, (GLB), Berlin u. New York 1996, 423f.

29 Vgl. W. Radl, Das Lukas-Evangelium, (EdF 261), Darmstadt 1988, 86.

30 Vgl. dazu J. Roloff, Die Apostelgeschichte, (NTD 5), Göttingen u. Zürich 21988, 49­51; L. Schenke, Die Urgemeinde. Geschichtliche und theologische Entwicklung, Stuttgart u.a. 1990, 24f. (Schenke spricht nur von den ersten beiden Elementen der Formel).

31 Zum Namen vgl. J. Gnilka, Theologie (s. Anm. 15) 208: «Das Wirken des Namens ist die spezifisch lukanische Darstellungsform der Präsenz des erhöhten Christus.»

32 Vgl. auch G. Strecker, Theologie (s. Anm. 28) 425.

33 Vgl. dazu A. Weiser, Theologie des Neuen Testaments II. Die Theologie der Evangelien, (KStTh 8), Stuttgart u.a. 1993, 145; anders K. Berger, Theologiegeschichte des Urchristentums. Theologie des Neuen Testaments, (UTB.WG), Tübingen u. Basel 1994, 701.

34 Vgl. dazu weiter A. Weiser, Theologie (s. Anm. 33) 144­147; J. Gnilka, Theologie (s. Anm. 15) 205f.; P. Dschulnigg, Der Tod Jesu am Kreuz im Licht der Evangelien, in: «Scandalum Crucis» (Theologie im Kontakt 5), hrsg. v. G. Lange, Bochum 1997, 65­88, hier 79 (mit Anm. 59). 81.

35 Vgl. dazu G. Schneider, Apostelgeschichte (s. Anm. 27) 334.

36 Nach J. Gnilka, Theologie (s. Anm. 15) 207f., kann das Christusbild des lukanischen Doppelwerks «als ganz und gar jüdisch gekennzeichnet werden». Vgl. dazu weiter auch G. Strecker, Theologie (s. Anm. 28) 423f.425.

37 Andere Ausleger/Auslegerinnen denken teils auch an unterschiedliche Verfasser aus derselben johanneischen Schule. Zu der hier vertretenen Ansicht vgl. besonders E. Ruckstuhl/P. Dschulnigg, Stilkritik und Verfasserfrage im Johannesevangelium. Die johanneischen Sprachmerkmale auf dem Hintergrund des Neuen Testaments und des zeitgenössischen hellenistischen Schrifttums (NTOA 17), Fribourg/Göttingen 1991.

38 So J. Gnilka, Theologie (s. Anm. 15) 246.

39 Vgl. J. A. Fitzmyer, EWNT II, 1083.

40 Vgl. zu den Titeln in Joh 1 E. Lohse, Grundriss (s. Anm. 14) 129; weiter P. Dschulnigg, Die Berufung der Jünger Joh 1,35­51 im Rahmen des vierten Evangeliums, in: FZPhTh 36 (1989) 427­447, hier 437­447.

41 Vgl. P. Dschulnigg, Berufung (s. Anm. 40) 445­447.

42 Vgl. zu diesen drei Titeln weiter P. Dschulnigg, Berufung (s. Anm. 40) 439­445; E. Lohse, Grundriss (s. Anm. 14) 129f.; G. Strecker, Theologie (s. Anm. 28) 509­511.

43 Vgl. zur Bedeutung des Todes Jesu im Joh weiter P. Dschulnigg, Tod (s. Anm. 34) 82­86.

44 Vgl. zu den Ich-bin-Worten weiter E. Lohse, Grundriss (s. Anm. 14) 130f.; G. Strecker, Theologie (s. Anm. 28) 511f.; J. Gnilka, Theologie (s. Anm. 15) 247­254.

45 Vgl. dazu J. Gnilka, Theologie (s. Anm. 15) 413; G. Strecker, Theologie (s. Anm. 28) 553.

46 Vgl. zu den Ausführungen zu den christologischen Titeln J. Gnilka, Theologie (s. Anm. 15) 413.

47 Vgl. P. Dschulnigg, Schöpfung im Licht des Neuen Testaments. Neutestamentliche Schöpfungsaussagen und ihre Funktion (Mt, Apg, Kol, Offb), in: FZPhTh 40 (1993) 125­145, hier 139.

48 Vgl. zur Christologie der Offb weiter E. Lohse, Die Offenbarung des Johannes, (NTD 11), Göttingen 31971, 116f; U.B. Müller, Die Offenbarung des Johannes, (ÖTBK 19), Gütersloh/Würzburg 1984, 55­57; J. Gnilka, Theologie (s. Anm. 15) 410­414; G. Strecker, Theologie (s. Anm. 28) 549­556.

49 Der Sohnestitel findet sich in der Apg nur zweimal (Apg 9,20; 13,33), in der Offb nur einmal (Offb 2,18).

50 Vgl. anders dann der Jak und Jud, wo der Tod Jesu und dessen Heilswirkung nicht erwähnt werden. In beiden Schriften ist die Christologie stark futurisch-apokalyptisch orientiert.

51 Vgl. dazu weiter U. Schnelle, Einleitung (s. Anm. 2) 579f. 530.532.

52 Vgl. E. Schweizer, TRE XVI (1987) 681.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2001