51-52/2001 | |
INHALT | |
Theologie |
Jesus Christus ist in den Schriften des NT neben Gott die zentrale Person.
Dies ist daran zu erkennen, dass Jesus mit verschiedenen Titeln ausgezeichnet
wird, die seine Hoheit anzeigen. Er wird als Christus (Messias), Kyrios
(Herr), Sohn Davids, Sohn Gottes, Knecht Gottes, Menschensohn bezeichnet
und mit diesen und anderen Titeln in seiner einmaligen Bedeutung als Repräsentant
Gottes und Mittler des Heils herausgestellt. Von seiner christologischen
Bedeutung und Heilsfunktion sprechen Bekenntnisaussagen und hymnische Texte,
die deutlich machen, dass er der einmalig ausgezeichnete Gesandte Gottes
und die Quelle der Vergebung und des Lebens für die an ihn Glaubenden
ist.
Die folgenden Ausführungen wollen vereinfacht und kurz das Bild Jesu
Christi in fünf Schriften respektive Schriftgruppen des NT nachzeichnen.<1> Dabei geht es um Jesus Christus bei Paulus,
im ersten Petrusbrief, in der Apostelgeschichte, in den johanneischen Schriften
und in der Offenbarung des Johannes. Am Schluss soll ein Rückblick
und Ausblick den Ertrag zusammenfassend darstellen. Dabei ist nach den Gemeinsamkeiten
im Christusverständnis dieser Schriften, aber auch nach ihren unterschiedlichen
Gesichtspunkten und Akzenten zu fragen.
Ausgangspunkt der Überlegungen sind die in der gegenwärtigen
Fachdiskussion allgemein als echt anerkannten Briefe des Paulus. Die sieben
echten Paulusbriefe sind etwa in der Zeit zwischen 5062 n. Chr. entstanden.<2>
Jesus Christus steht im Zentrum paulinischer Theologie, da Gott in ihm für
die Menschen gehandelt hat und sie durch ihn zum Heil finden. Die Person
Jesu wird auch bei Paulus mit christologischen Titeln ausgezeichnet, die
seine Würde und Grösse hervorheben. Von besonderer Bedeutung sind
bei Paulus die Titel Christus, Kyrios (Herr) und Sohn Gottes.<3>
Jesus ist zunächst und am häufigsten der Christus (Christos),
der Gesalbte, der Messias der Erwartung Israels.<4>
Allerdings wird die Aufgabe des Christus nicht primär im Lichte der
vielfältigen Messiaserwartung des Frühjudentums<5>
gesehen, vielmehr wird der Titel «vom Heilsgeschehen her verstanden,
das in Tod, Auferweckung und Erhöhung Jesu sein Zentrum hat»<6>. Jesus ist in dieser Sicht nicht der
politische Befreier und Vollender Israels, sondern der gekreuzigte, auferweckte
und erhöhte Christus, der den Glaubenden aus Israel und den Völkern
Vergebung und Leben erwirkt und die endzeitliche Auferstehung verheisst.
Paulus verwendet auch oft den Titel Herr (kyrios). Mit dem Kyrios-Titel
wird Jesus als Herr in göttlicher Würde herausgestellt. Diese
Bezeichnung gewinnt ihr Gewicht auf dem Hintergrund der Praxis des frühen
Judentums, in der hebräischen Bibel aus Scheu vor dem Gottesnamen anstelle
des Namens «Jahwe» das Ersatzwort «Adon(ai)» (=
Herr) zu lesen. Die griechische Bibelübersetzung verwendete dafür
das Wort «Kyrios» (Herr).<7>
So endet der Phil-Hymnus in der Akklamation «Herr ist Jesus Christus»
(Phil 2,11). Aber auch, wo Paulus vom irdischen Jesus spricht, kann er den
Titel Kyrios gebrauchen (1 Kor 11,23; 1 Thess 2,15).<8>
Weiter verwendet Paulus auch den Titel «Sohn Gottes» für
Jesus. Der Sohnestitel findet sich in Aussagen über die Sendung in
die Welt (Röm 8,3f.; Gal 4,4f.). Gott hat Paulus seinen Sohn geoffenbart
(Gal 1,15f.). Der Titel «Sohn Gottes» ist eine Metapher aus
der Familienbeziehung und wurde auch im AT verwendet (Ex 4,22; 2 Sam 7,14;
Ps 73,15). Im NT wird dieser Titel zum Ausdruck der einmaligen und exklusiven
Beziehung Jesu zu Gott, dem Vater. Die eine und unvergleichliche Sohnschaft
Jesu wird aber zugleich «Urbild und Grund der Kindschaft der vielen
Söhne und Töchter im Geist und Glauben (2 Kor 6,18; Röm 8,14;
Gal 3,26)»<9>.
Zu beachten ist weiterhin, dass die christologischen Aussagen des Paulus
in den Koordinaten des Kreuzes, der Auferstehung, der Parusie und der Präexistenz
zu lesen sind. So bekennt Paulus mit einer sehr alten Überlieferung,
dass Christus für unsere Sünden gestorben ist nach den Schriften
(1 Kor 15,3). Zudem betont er im 1 Kor, dass Christus ganz als der Gekreuzigte
zu sehen und verkünden sei (1 Kor 2,2). Gerade der von anderen verachtete
Gekreuzigte ist für die Berufenen Gottes Kraft und Weisheit (1 Kor
1,24). Im Gal entwickelt Paulus sein Rechtfertigungsverständnis auch
im Blick auf den Gekreuzigten, der den Fluch des Kreuzestodes auf sich genommen
hat, um die Glaubenden von der Verurteilung des Gesetzes zu befreien (Gal
3,13f.; vgl. 3,1014).
Der am Kreuz gestorbene Jesus aber wurde von Gott zu neuem und endgültigem
Leben auferweckt. Dies verkündigt Paulus mit vielen Zeugen des Auferstandenen
vor und neben ihm, mit Kephas und den Zwölf, mit Jakobus und den Aposteln
(1 Kor 15,411). Paulus versteht sich selbst gerade als Apostel, weil
er den Auferstandenen gesehen hat und von ihm in den Dienst genommen wurde
(1 Kor 9,1; 15,810). Ohne die Auferweckung Jesu durch Gott wäre
die Verkündigung leer und ohne festen Grund und der Glaube nichtig
(1 Kor 15,14).
Die Auferstehung Jesu verbürgt auch die Auferstehung der an ihn Glaubenden.
Christus ist der Erste der Entschlafenen, in Christus werden auch alle lebendig
gemacht, und zwar bei seinem endzeitlichen Kommen (1 Kor 15,2023).<10>
Das endzeitliche Kommen des Christus zur Parusie ist der zukünftige
Horizont des Denkens des Apostels, und dies von seinem wohl frühesten
bis zum letzten Brief, vom 1 Thess bis zum Phil.<11>
Die Hoffnung des Paulus richtet sich auf den endzeitlich kommenden Herrn,
der die Verstorbenen in Christus auferwecken und die lebenden Glaubenden
zum bleibenden Leben umwandeln wird, zum vollendeten und ewigen Sein mit
Christus im Reich Gottes.<12> Dieser apokalyptisch
geprägte Hoffnungshorizont ist elementar für das paulinische Denken,
Paulus teilt ihn mit anderen urchristlichen Theologen, gerade auch aus dem
Judenchristentum.
Paulus spricht aber auch, angeregt durch ältere Überlieferung,
vom vorzeitlichen Sein des Christus bei Gott, von seiner Präexistenz
in göttlicher Würde und seiner Mittlerschaft bei der Schöpfung.
Die Aussage über die Sendung des Sohnes ist schon in diesem Licht zu
verstehen (Gal 4,4; Röm 8,3), der Phil-Hymnus spricht deutlicher von
der Präexistenz des Christus (Phil 2,611), während 1 Kor
8,6 von Christus als Mittler der Schöpfung an Gottes Seite handelt.
Dieser Ausgriff in die Zeit vor der Schöpfung wurde durch atl.-jüdisches
Weisheitsdenken ermöglicht, wo die Weisheit Gottes bisweilen schon
personifiziert und als Gefährtin Gottes bei der Schöpfung dargestellt
wurde (vgl. Sir 24; Spr 8,2730; Weish 8,4; 9,9).<13>
Im Mittelpunkt paulinischer Christologie stehen das Kreuz und die Auferstehung Jesu. Sie gehören wie zwei Brennpunkte des einen Heilsgeschehens zusammen, in dem Gott zu Befreiung und Erlösung der Menschen gewirkt hat. Paulus spricht in verschiedenen Vorstellungen von diesem Heilsgeschehen in Christus, um den Adressaten zu verdeutlichen, dass sie im Glauben an Christus am heilvollen Leben Gottes teilnehmen. Fünf Vorstellungstypen sollen kurz benannt werden.<14>
Bei Paulus findet sich insgesamt ein Christusverständnis mit den drei Dimensionen Präexistenz, Kreuz und Auferstehung sowie Parusie. Das Schwergewicht liegt dabei auf Kreuz und Auferstehung Jesu als dem grundlegenden Heilsgeschehen. Die an Christus Glaubenden sind gerechtfertigt und leben in der Gemeinschaft mit Christus aus der Kraft des Geistes in hoffender Zuversicht auf die endgültige Vollendung bei der Parusie des Christus.
Die grosse Mehrheit der Fachleute schreibt den 1 Petr<16>
nicht Petrus selbst zu. Der 1 Petr ist eher nach dem Tod des Petrus entstanden,
wobei als Entstehungszeitraum die Zeit zwischen 65 bis 100 n. Chr. vermutet
wird.<17> Die im Brief vertretene Theologie
und Paränese gehen auf palästinisch-urchristliche Ansätze
zurück, sie wurden von Petrus mitgeprägt, haben judenchristlich-hellenistischen
Charakter und sind am Rande auch von paulinischem Denken beeinflusst.<18>
In Entsprechung zur Situation der Adressaten, die vielfältigen Bedrängnissen
und Leiden ausgesetzt sind, steht im Zentrum der Christusverkündigung
des 1 Petr das Leiden des Christus.<19>
Bereits die atl. Propheten haben durch den Geist Christi gelenkt die Leiden
des Messias und seine nachfolgende Verherrlichung geweissagt, welche für
die Adressaten als Gnade bestimmt sind (1,1012).
Der Verfasser formuliert an drei Stellen der ersten drei Kapitel unter Aufnahme
vorgegebener Überlieferungen oder Einzelaussagen sein Christusbekenntnis
ausführlicher<20>:
In 1,1821 erinnert der Verfasser die Adressaten, dass sie von Gott
nicht durch einen vergänglichen Preis, sondern durch das kostbare Blut
Christi losgekauft wurden (V.18f.). Christi Tod am Kreuz ist der Grund der
Erlösung, er hat von sündiger Vergangenheit befreiende Wirkung
und begründet die Gemeinschaft mit Gott in seinem Bund (vgl. 1,2)<21>. Gott hat Christus aber auch auferweckt
und verherrlicht (1,21); so richtet sich die Hoffnung der Glaubenden ganz
auf Gott, der in seinem Christus am Ende der Zeiten an ihnen heilschaffend
gewirkt hat (1,20f.).
In 2,2125 nimmt der Verfasser alte Tradition auf, die stark vom Gottesknechtslied
in Jes 53 geprägt ist.<22> Er stellt
hier das Leiden des Christus unter drei Aspekten heraus<23>,
die den Brief auch insgesamt prägen: 1. Christus hat den Leidensweg
beispielhaft und vorbildlich beschritten und damit den Glaubenden einen
Weg gebahnt, den sie selbst zu gehen haben (2,2123; vgl. 4,1.13). 2.
Das Leiden des Christus ist darüber hinaus aber auch heilswirksam.
Er hat unsere Sünden in seinem Leib auf das Holz getragen, damit wir
den Sünden sterben und ganz der Gerechtigkeit leben (2,24; vgl. 1,18f.;
3,18). 3. Durch das Leiden des Messias aber werden die Adressaten zu ihm
als Hirten und Hüter ihrer Seelen bekehrt (2,25). Das Christusleiden
dient also auch der Grundlegung der Kirche.
In 3,1822 führt der Verfasser unter Aufnahme anderer Überlieferungen
das heilschaffende Leiden des Christus weiter bis zu seiner Leben schaffenden
Auferstehung im Geist und der Erhöhung zur Rechten Gottes, wobei ihm
die Engel, Mächte und Kräfte unterworfen sind. Der erhöhte
und verherrlichte Christus bewirkt in der Taufe das neue Leben der Glaubenden
(1,3.23; 3,21) und ist als lebendiger Stein Grund und Zentrum der Kirche,
der Eckstein, durch den die Glaubenden gerettet und von den Nichtglaubenden
geschieden werden (2,48).<24> Zielpunkt
des Lebens der Glaubenden aber ist die endzeitliche Offenbarung des Christus,
bei der sie endgültig an seiner Herrlichkeit teilnehmen werden (1,7.13;
4,13; 5,4).
Insgesamt ist die Christologie des 1 Petr im Gottesverständnis verankert
und dient einem soteriologischen Anliegen: Gott bewirkt am Ende der Zeiten
durch Jesus Christus das Heil der Glaubenden. Christus ist sodann der vorbildlich
Leidende, dessen Leidensweg die Glaubenden aufnehmen sollen. Durch Christus
werden die Glaubenden in die Kirche eingegliedert und ganz auf die eschatologische
Vollendung in der Teilnahme an seiner Herrlichkeit ausgerichtet. Im Vordergrund
steht die messianische Leidens- und Erlösungschristologie, die atl.-judenchristlich
bestimmt ist.<25> Christusglaube und Frömmigkeit
sind deutlich judenchristlich geprägt und werden in den Grundzügen
der Verkündigung des Petrus entsprechen, wie gerade auch Gemeinsamkeiten
mit Petrusreden der Apg vermuten lassen.<26>
Die Apg ist eine Darstellung der nachösterlichen Christusverkündigung
in historischer und theologischer Absicht, die nach verbreiteter Anschauung
um 90 n. Chr. entstanden ist. In ihr geht es um die Zeugenschaft der Apostel,
des Paulus und aller anderen Verkünder für Christus, und dies
von Jerusalem bis an das Ende der Erde (1,8). Am Schluss verkündet
Paulus in Rom das Reich Gottes und Jesus Christus, den Herrn (28, 23.31).
Die grosse Bedeutung des verkündigten Jesus kommt in einer langen Reihe
von Hoheitsbezeichnungen zum Ausdruck, die Jesus beigelegt werden. Folgende
Titel finden sich in der Apg: Christus (Gottes), Knecht Gottes, Heiliger
und Gerechter, Anführer, Retter, Herr, Sohn Gottes, Menschensohn. Ausserdem
ist von der Davidssohnschaft Jesu die Rede und wird vom Propheten wie Mose
im Blick auf ihn gesprochen.<27> Dabei
stehen zahlenmässig die Titel Christus und Herr im Vordergrund. Im
Vergleich zum Lk tritt der Christustitel noch stärker hervor, er wird
besonders im Zusammenhang des Schriftbeweises für das Leiden-Müssen
des Messias verwendet.<28>
Das Leiden des Messias ist schriftgemäss und entspricht dem göttlichen
Heilsplan, ja es ist notwendig (2,23; 3,18; 17,3; 26, 23; vgl. Lk 24, 26.46).<29> Dennoch heben die Kontrastaussagen über
die Tötung Jesu durch seine Gegner und die Auferweckung des Getöteten
durch Gott auch die Schuld der Gegner des Gekreuzigten hervor. Zugleich
wird ihnen aber auch die Vergebung der Schuld angesagt, wenn sie sich bekehren
und das Zeugnis der Verkünder annehmen. Die eben angesprochene so genannte
Kontrastformel findet sich mehrfach in der Apg, sie begegnet in fünf
Missionspredigten des Petrus. Sie spricht 1. von der Unheilstat der Juden
(«Ihr habt ihn getötet»), 2. von der Heilstat Gottes («Gott
hat ihn auferweckt») und 3. vom Aufruf zur Umkehr (2,23f.38; 3,1315.
19; 4,10f. [3. nur implizit]; 5,30f; 10,3943 [3. nur implizit]; vgl.
weiter auch die Paulusrede 13,2730.38f. [3. nur implizit]). Diese Formel
ist sehr alt und geht auf die früheste Jesusverkündigung in Jerusalem
zurück.<30> Da die Kontrastformel
in der Apg fast einhellig in den Petrusreden zu finden ist, vermute ich,
dass sie auch von Petrus in seiner frühen Jerusalemer Verkündigung
benutzt wurde und er an ihrer Prägung mindestens mitbeteiligt war.
Der endzeitliche Horizont der Christusverkündigung wird punktuell dort
fassbar, wo die Apg Christus als kommenden Richter verkündigt. Die
Apg betont weiter die soteriologische Bedeutung des Christus. Durch die
Umkehr angesichts des Handelns Gottes in Christus, im Glauben an Christus,
an seinen Namen<31>, werden allen die
Sünden vergeben, sie finden zum Heil und zur Rettung (2,38; 3,19; 5,31;
10,43; 13,38; 22,16; 26,18). Dies gilt zuerst den Glaubenden aus Israel,
dann auch denen aus den Völkern; es wird sowohl von Petrus wie von
Paulus in ihrer Verkündigung herausgestellt, wenn auch teils etwas
anders akzentuiert. Die Taufe als Initiationsritus dient insbesondere auch
der Vermittlung der Sündenvergebung im Glauben an Jesus Christus (2,38;
22,16). Auf diesem Hintergrund wird auch betont, dass Jesus der Heilbringer
schlechthin, ja der einzige ist, in dem das Leben zu finden ist (4,11f.).
Der Titel Retter/Erlöser (so{te{r) wird von daher auch konsequent je
einmal von Petrus und Paulus verwendet (5,31; 13,23).<32>
Die Vorstellung von der stellvertretenden Sühne durch das Sterben
Jesu findet sich nur vereinzelt im Doppelwerk des Lukas (Lk 22,19f.; Apg
20,28).<33> Aber an den meisten Stellen,
wo von Rettung und Heil im Doppelwerk gesprochen wird, sind diese durch
das Wirken Jesu selbst und sein gesamtes Verkünden, Leben, Sterben
und Auferstehen vermittelt. Die Vermittlung des Heils in Christus wird also
nicht primär an einem Punkt festgemacht, nämlich dem Kreuzestod,
sondern im Ganzen des Lebens, Leidens, Sterbens und der Erhöhung Jesu
verankert. Jesu Leben und Weg bis zu seiner Erhöhung gelten insgesamt
als Heilsgeschehen, das den Glaubenden das Leben vermittelt.<34>
Kurz ist noch darauf zu verweisen, dass besonders in den Petrusreden der
Apg im NT sonst wenig verbreitete judenchristliche christologische Vorstellungen
auftreten. Nach ihnen ist Jesus als Heiliger und Gerechter der Knecht Gottes,
der durch das Leiden zur Herrlichkeit gelangt und für die Glaubenden
Anführer zum Leben und zum Heil wird (3,1315.26; 4,27.30; 5,31;
7,52; 22,14). Diese christologischen Aussagen sind sehr alt, sie werden
in die Anfangszeit der Verkündigung zurückreichen und sind wohl
von Petrus mitgeprägt.
Bei den Petrusreden ist generell besonders zu beachten, dass die Zusagen
des Heils im Glauben an Christus zunächst Israel, dann aber auch den
Völkern gelten, und dass die Aussagen tendenziell zunehmend universalistischer
formuliert werden (vgl. 2,36.39; 3,19f.; 4,1012; 5,31; 10,3436.42f.;
15,711).
Insgesamt wird in der Apg die Schriftgemässheit und Notwendigkeit des
Leidens Christi betont und das Leiden als Weg zu seiner Herrlichkeit gesehen.
Die soteriologische Bedeutung der Christologie wird akzentuiert, aber nicht
im Kreuz Jesu lokalisiert, sondern auf das umfassende Ganze des Wirkens,
Leidens und der Erhöhung Christi bezogen. Christus ist der einzige
und universale Heilbringer für Juden und Heiden. Dennoch ist die Christologie
des Doppelwerks ganz theozentrisch orientiert. Jesus ist Gott im Blick auf
seine heilsgeschichtliche Funktion untergeordnet; Gott ist der Initiator
des gesamten Heilswerkes.<35>
Die Apg dient als Schrift der Öffnung der Verkündigung Christi
zu den Völkern. Aber sie legitimiert diesen Schritt gerade gegenüber
judenchristlichen Anliegen und Standpunkten. Von daher ist es auch nicht
so erstaunlich, dass ihre Christologie weitgehend judenchristlich geprägt
ist<36> und in ihr noch sehr alte, judenchristliche
Titel verwendet werden.
Die Johannesbriefe und das Joh sind nach verbreiteter Meinung etwa um
90 bis 100 n. Chr. entstanden. Sie sind an einen Verband von Gemeinden gerichtet,
der durch die Verkündigung des johanneischen Kreises geprägt wurde,
in jüngster Zeit aber durch eine Spaltung der Anhänger in eine
tiefe Krise gestürzt wurde (1 Joh 2,18f.). Ein wohl einflussreicher
Teil von Glaubenden hat sich vom Bekenntnis zu Christus und zum Sohn Gottes,
der im Fleisch gekommen ist, getrennt und die Gemeindeglieder nachhaltig
verunsichert (1 Joh 2,22f.; 4,2f.; 2 Joh 7).
In dieser Situation schreibt ein wichtiger theologischer Vertreter der johanneischen
Überlieferung drei Briefe und das Joh<37>,
um die Gemeindeglieder im Glauben an Jesus Christus neu zu begründen
und sie vor dem Abfall vom Christusbekenntnis zu bewahren. In dieser Lage
ist es verständlich, dass die Verkündigung der Briefe und des
Evangeliums ganz auf das christologische Bekenntnis konzentriert ist. Das
Joh unterscheidet sich von den Synoptikern gerade auch darin, «dass
Christus zur Mitte der Verkündigung geworden ist. Der johanneische
Christus verkündigt sich selbst. Er ist Subjekt und Objekt der Verkündigung.»<38>
So erklärt sich auch die an und für sich erstaunliche Feststellung,
dass Jesus bereits im ersten Kap. des Joh mit einer Fülle von christologischen
Titeln ausgezeichnet wird. Jesus ist der Logos, das Wort schlechthin, das
aus der Präexistenz Fleisch geworden ist (1,13.10.14). Er ist
der Einzige vom Vater (1,14), und dies in seiner Eigenschaft als dessen
alleiniger Offenbarer (1,18).<39> Er ist
der Christus/Messias (1,20.25.41), der Prophet (1,21.25), das Lamm Gottes
(1,29.36), der Sohn Gottes (1,34.49), der Rabbi/Lehrer (1,38), der Sohn
Josefs aus Nazaret, über den Mose im Gesetz und die Propheten geschrieben
haben (1,45), der König Israels (1,49) und der Menschensohn (1,51).<40> Später wird Jesus im Joh noch als
der Retter der Welt (4,42), der Heilige Gottes (6,69) und Kyrios/Herr (6,23.68
u.ö.) bezeichnet, ja am Schluss der Jerusalemer Erscheinungserzählungen
bekennt ihn Thomas gar als «mein Herr und mein Gott» (20,28).
Diese breite Palette der Hoheitsbezeichnungen Jesu soll die Adressaten gleich
von Anfang an auf das Christusbekenntnis lenken, sie sollen in das Bekenntnis
der erstberufenen Jünger einstimmen und in diesem Akt der Zustimmung
zu Jüngern und Jüngerinnen des Messias Jesus werden. Jeder Hoheitstitel
hat durchaus noch seine eigene Bedeutung und Aussage. Dennoch umschreiben
sie gerade zusammen und miteinander die christologische Würde Jesu
angemessen. Die verschiedenen Titel interpretieren, ergänzen und verdeutlichen
einander gegenseitig, so dass sie die göttliche Würde Jesu am
Beginn des Evangeliums umfassend zur Geltung bringen.<41>
An dieser Stelle ist es nicht möglich, auf die einzelnen Hoheitstitel
einzugehen; nur die drei im Joh wohl gewichtigsten Hoheitsaussagen sollen
ganz kurz erläutert werden. Mit der Christus/Messias-Aussage ist die
frühjüdische Erwartung eines endzeitlichen Befreiers und Vollenders
des Volkes Gottes angesprochen. Der Täufer weist für sich diesen
Titel zurück (1,20; 3,28) und verweist seine Jünger und alle auf
den Grösseren, auf Jesus (1,1936; 3,2226). Jesus entspricht
zwar nicht in allem den Vorstellungen der jüdischen Erwartung (7,14f.27;
12,34), bezeichnet sich aber gegenüber der Samariterin doch selbst
als Christus (4,25f.) und wird als solcher auch durch seine Wundertaten
ausgewiesen (7,31). Das ganze Joh will zum Bekenntnis zu Christus hinführen,
zum Glauben an den Messias und Sohn Gottes, in dem das Leben zu finden ist
(11,27 u. bes. 20,31).
Das Bekenntnis zu Jesus als Sohn Gottes wird im Joh mehrfach ausgesprochen
(1,34.49; 11,27). Auch Jesus selbst spricht vom Sohn Gottes, meistens aber
absolut von dem Sohn und dessen Verhältnis zum Vater. Gott hat seinen
einzigen Sohn in die Welt gesandt und hingegeben, damit alle, die an ihn
glauben, das ewige Leben finden (3,1618.35f.). Der Sohn tut das Werk
des Vaters, der ihm alles übergeben hat. Leben, Verkündigung und
Wundertaten des Sohnes dienen der Verherrlichung Gottes, so dass im Sohn
der Vater gesehen werden kann (14,9; vgl. 12,45). Die Wirkeinheit von Vater
und Sohn kann zur Aussage gesteigert werden: «Ich und der Vater sind
eins» (10,30). Der Sohn offenbart als Gesandter Gottes den Vater,
der in ihm seine Liebe kundtut.
Wie bei den Synoptikern spricht auch im Joh Jesus allein vom Menschensohn.
Dieser ist von Dan 7,13 her als himmlische Hoheitsgestalt und Repräsentant
des Volkes Gottes zu sehen. Nach dem Joh ist gerade der irdische Jesus der
Menschensohn (vgl. bes. 9,3538). Dieser Menschensohn ist aus der himmlischen
Existenz auf die Erde hinabgestiegen (3,13) und wird wieder an seinem Ort
hinaufsteigen (6,62). Der Weg der Erhöhung und Verherrlichung des Menschensohnes
führt über das Kreuz, von wo aus er alle zu sich zieht und ihnen
ewiges Leben spendet (3,14f.; 8,28; 12,23f.; 13,31; vgl. 12,3234).<42>
Die Sohnes- und Menschensohnaussagen des Joh zeigten schon an, dass der
irdische Jesus ganz im Licht seiner Sendung von Gott und seiner Rückkehr
zum Vater gesehen werden muss. Er ist der präexistente Logos, durch
den alles geworden ist, der Fleisch geworden ist und so als einziger Kunde
von Gott gebracht, den Vater und den Sohn offenbart hat. Er hat das Werk
getan, das ihm der Vater aufgetragen hat, und es gerade in der Erhöhung
und Verherrlichung am Kreuz vollendet (19,2830).<43>
Der gekreuzigte Christus ist die Quelle des Heils und ewigen Lebens, aus
der alle Glaubenden leben und sind.
Die Christologie des Joh hat insgesamt eine grundegende Vertiefung durch
Präexistenz, Sendung vom Vater und Rückkehr zu ihm und den einmaligen
Offenbarungsanspruch des Sohnes erfahren. Dennoch ist sie ganz soteriologisch
ausgerichtet. Sie dient dem ewigen Leben der Glaubenden in dieser Weltzeit
und darüber hinaus, sie gewinnen die Fülle des Lebens im Glauben
an den Messias und Sohn Gottes (20,31).
Diese soteriologische Ausrichtung der Christologie soll abschliessend noch
kurz durch die siebenfache Ich-bin-Selbstaussage Jesu beleuchtet werden,
die sich nur im Joh findet. Jesus sagt im Joh von sich: Ich bin das Brot
(6,35.41.48.51), das Licht (8,12), die Tür (10,7.9), der Hirt (10,11.14),
die Auferstehung und das Leben (11,25), der Weg, die Wahrheit und das Leben
(14,6), der Weinstock (15,1.5). Diese hoheitlichen Selbstaussagen sind atl.
vorgeprägt und zugleich breiter verständlich. Sie sprechen von
Jesu einzigartigem Heilsanspruch, von Sättigung, Licht und Leben, die
nur er spenden kann, und von der Integration in den Heilsbereich des Volkes
Gottes, für das er sich hingibt und das bleibende Früchte aus
der Gemeinschaft mit ihm in Liebe wirkt (Hirt, Weinstock).<44>
Die Offb ist nach vorherrschender Auffassung in den neunziger Jahren
des ersten Jahrhunderts von einem Propheten mit Namen Johannes verfasst
worden. Johannes schreibt an sieben Gemeinden Kleinasiens, die ihm bekannt
sind und die er mit einer ganz atl.-judenchristlich geprägten Botschaft
in apokalyptischem Gewand konfrontiert. Seine Hoheitsbezeichnungen für
Jesus stammen denn auch ganz aus atl.-judenchristlicher Überlieferung<45>: Löwe aus dem Stamm Juda, Spross
aus der Wurzel Davids (5,5; 22,16), leuchtender Morgenstern (22,16). Der
Christustitel erscheint siebenmal und wird im Zusammenhang von Christi Herrschaft
und Reich in seiner messianischen Qualität wahrgenommen (11,15; 12,10;
20,4.6). Kyrios/Herr wird bevorzugt für Gott gebraucht, bisweilen aber
auch für Jesus, so im Gebetsruf: «Komm, Herr Jesus» (22,20).
Am häufigsten aber wird Lamm als christologischer Titel verwendet (vgl.
unten).<46>
Christus ist nach der Offb Gott zugeordnet, der über den Zeiten steht
und alles in Händen hat, der in der verbleibenden Geschichte am Volk
Gottes und den Menschen aber in ihm handelt. Christus wird beiläufig
wohl schon als Mittler der Schöpfung vorgestellt, als «der Anfang
der Schöpfung Gottes» (3,14)<47>;
das entscheidende Werk aber vollzieht er im Auftrag Gottes am Ende der Zeiten.
Dabei wird das irdische Wirken des Christus nur knapp erwähnt und ganz
in seinem heilschaffenden Tod für die Glaubenden zusammengefasst. Sein
Sterben ist Ausdruck der liebenden Hingabe und erwirkt den Glaubenden Befreiung
aus der versklavenden Todesmacht der Sünde. Sie werden durch ihn in
königliche und priesterliche Würde vor Gott eingesetzt (1,5f.)
und sollen diese in der himmlischen Herrschaft mit dem Messias ausüben
und dereinst vollendet im irdischen Jerusalem verkosten. Christus ist durch
Tod und Auferstehung von Gott erhöht und an seiner Seite zum Mitregenten
eingesetzt worden. Gott hat ihm, dem Menschensohnähnlichen, «Herrschaft,
Würde und Königtum» übergeben, so dass ihm alle Völker
dienen müssen (vgl. Dan 7,13f.). Als Menschensohnähnlicher erscheint
er Johannes und beauftragt ihn zum Schreiben seines prophetischen Buches
(1,920). Als solcher ist er auch in alle Macht über die Gemeinden
eingesetzt, als solcher wird er auch das Gericht Gottes über die Erde
vollstrecken (1,7; 14,1416) und die antichristliche Weltmacht und ihre
Verbündeten besiegen (19,1121). Als das vom Tod gezeichnete, aber
auch aus ihm erhöhte und in Vollmacht eingesetzte Lamm (arnion) empfängt
Christus von Gott das Buch mit den sieben Siegeln (Kap. 5). Mit diesem christologischen
Leittitel der Offb, der 28-mal verwendet wird, wird er als der ausgezeichnet,
der von Gott zur Vollstreckung des endzeitlichen Geschichtsplanes bestimmt
ist. Im Auftrag Gottes und an dessen Stelle wird das Lamm die endzeitlichen
Geschehnisse auslösen und durchführen, die Feinde Gottes und seines
Volkes besiegen und die Getreuen zur Vollendung führen. Er wird die
Seinen vorweg aus der Gewalt des Todes befreien und sie an der himmlischen
Herrschaft des tausendjährigen Messiasreiches teilnehmen lassen (20,46).
Der Monotheismus Israels und der frühjüdischen Apokalyptik wird
durch diese hoheitsvolle Christologie der Offb kaum grundsätzlich gesprengt.
Christus handelt deutlich im Auftrag, aus der Vollmacht und in Funktion
des thronenden Gottes, so dass man von einer funktionalen Christologie sprechen
kann. Zugleich wird aber in der Offb auch hervorgehoben, dass Christus in
Abhängigkeit von Gott auch göttliche Würde zukommt. Gott
hat ihn zum Mitregenten auf seinen Thron erhoben und ihm seine Macht übertragen.
Deshalb trägt er in der Offb auch Titel, die primär Gott zukommen,
nun aber in Abhängigkeit von Gott auch den Messias in seiner Hoheit
würdigen: Auch Christus ist Alpha und Omega, der Erste und der Letzte,
Anfang und Ende (22,13; 1,17; 2,8; für Gott 1,8; 21,6), er ist der
Heilige und Wahrhaftige (3,7; ähnlich 19,11; für Gott 6,10), der
Herr (11,8; 14,13; 22, 20f.; sonst überwiegend für Gott 1,8; 4,8;
11,17 u.a.) und führt die jüdische Gottesbezeichnung König
der Könige und Herr der Herren (17,14; 19,16; vgl. 1,5). Kap. 5 wird
Christus in seiner göttlichen Würde und Hoheit gepriesen und am
Schluss als Lamm zusammen mit dem Thronenden von allen Geschöpfen gefeiert
(5,13). Auch im himmlischen Tempel (7,9.10) und im neuen Jerusalem ist das
Lamm zusammen mit Gott Zentrum des Lebens und Heils (21,22.23; 22,1.3).
Bleibt der Monotheismus Israels wohl grundsätzlich gewahrt, so ist
von Gott und seinem Wirken doch nur zusammen mit seinem Christus angemessen
zu sprechen, dem von Gott her Würde und Hoheit zukommt und der dessen
Werk der Erlösung und Vollendung vollzieht. Es ist zu beachten, dass
bei aller Profilierung Christi als Vollstrecker des Geschichtsplanes Gottes
und seines Gerichts über die nichtglaubende Menschenwelt dieser doch
ganz Retter und Befreier der Glaubenden in Gegenwart und Zukunft bleibt.<48>
Wir haben uns mit den christologischen Vorstellungen von fünf Schriften
respektive Schriftgruppen des NT befasst und wollen abschliessend noch ganz
kurz eine Bilanz ziehen. Dabei müssen wir uns auf diese fünf Zeugen
beschränken und können nur bisweilen exemplarisch über sie
hinausweisen. Zunächst ist auf folgende grundlegende Gemeinsamkeiten
im Christusverständnis hinzuweisen: Jesus wird überall mit verschiedenen
Titeln ausgezeichnet, die seine Würde und Hoheit anzeigen. Allen erwähnten
Schriften gemeinsam sind die Titel Christus und Herr. Die Christusaussage
ist in allen Schriften soteriologisch orientiert, durch sie wird den Glaubenden
Heil und Leben in der Gegenwart zugesprochen, welche sich in der Zukunft
vollenden. Das Heil der Glaubenden gründet in Kreuz und/oder Auferstehung
des Christus und wird im endzeitlichen Kommen Christi vollendet. Der endzeitliche
Horizont der Christusverkündigung ist überall gegeben, er wird
aber teils verschieden akzentuiert. Der Blick nach vorn in das vorzeitliche
Sein des Christus bei Gott erfolgt in unterschiedlicher Stärke und
kann auch ganz entfallen, er hat nicht dasselbe Gewicht wie die Orientierung
der Christologie in die absolute Zukunft. Gemeinsam ist allen behandelten
Zeugen die theozentrische Verankerung der Christologie im Handeln Gottes.
Gott wirkt in Christus sein endzeitliches Heilswerk, das die an Christus
Glaubenden erlöst und befreit und sie dem Heilsbereich Gottes zuordnet,
in dem sie für immer leben sollen. Christus ist einerseits Gott zugeordnet
und ihm auch untergeordnet, er ist die Person, durch welche Gott sich offenbart
und das Heil der Glaubenden wirkt. Christus wird aber gleichzeitig auch
dem Heilsbereich Gottes einmalig nahe beigeordnet, um als sein Stellvertreter
und Mittler das Werk der Erlösung zu vollziehen und die Glaubenden
mit dem Leben Gottes zu beschenken.
Weiterhin ist auch auf eine Reihe von Unterschieden in der Christusverkündigung
der besprochenen Schriften hinzuweisen. Zuvor wurde bereits auf die Vielfalt
christologischer Titel hingewiesen, die sich zum Teil auch unterscheiden.
Selbst der wichtige Sohnestitel ist beispielsweise nicht in allen besprochenen
Schriften belegt. Er ist in Paulusbriefen von Bedeutung und prägt das
joh. Schrifttum ganz nachhaltig, in der Apg und in der Offb aber tritt er
ganz in den Hintergrund<49> und ist im
1 Petr überhaupt nicht vorhanden. Einzelne ntl. Schriften können
den Glauben an Jesus also auch ohne die Sohnesaussage verkünden, während
sie in anderen durchaus zentral ist. Die ntl. Christologie steht und fällt
also nicht mit einem bestimmten Titel; die Zuordnung der jeweiligen Hoheitsaussagen
insgesamt und die Aussagen über das Heilshandeln Christi überhaupt
sind wichtiger als ein einzelner Titel. Auch das Kreuz Jesu wird in einzelnen
Schriften teils in etwas anderem Licht gesehen. Bei Paulus gehört es
als grundlegendes Heilsgeschehen zur Mitte der Verkündigung. In der
Apg ist es notwendig und schriftgemäss, besonders aber auch Werk der
Gegner Jesu, Heilsbedeutung kommt ihm nur im Gesamten des Wirkens, Leidens
und Auferstehens Jesu zu. Nach dem 1 Petr hat das Kreuz auch Heilsbedeutung,
ein besonderer Akzent aber liegt hier auf der Vorbildlichkeit des Leidens
Christi für den Lebensweg der Glaubenden.<50>
Das endzeitliche Kommen des Christus wird teils auch mit unterschiedlichen
Akzenten vorgestellt. Es bildet einen gewichtigen Bezugspunkt im theologischen
Denken des Paulus, des 1 Petr und der Offb. Das Joh legt demgegenüber
das Schwergewicht auf die Gegenwart des Heils in Christus. Dennoch bleibt
der futurische Horizont nicht ganz ausgeblendet, und er wird in den Joh-Briefen
deutlicher greifbar (vgl. Joh 14,2f.; 1 Joh 2,28; 3,2).<51>
Die Vorstellung von der Präexistenz Christi ist bei Paulus mehrfach
belegt, und sie bestimmt das Joh durch den Prolog (1,118) nachhaltig.
Im Joh wird sie weiter bestärkt durch die häufig wiederholte Sendungsaussage
vom Vater und die Vorstellung vom Abstieg und Aufstieg des Menschensohnes.
So gewinnt die Präexistenz im Joh insgesamt hohe Bedeutung. Im 1 Petr
und der Offb wird sie nur verhalten angedeutet (vgl. 1 Petr 1,20; Offb 3,14),
während sie die Apg und andere Schriften nicht kennen. Sie hat ntl.
insgesamt nicht das Gewicht der Orientierung der Christologie auf die Zukunft
des Kommens und die endgültige Befreiung in Christus. Dennoch beschreibt
die Präexistenzvorstellung die Dimension des Heils, die Christus gebracht
hat, in dem alle Weisheit Gottes, «die seit der Schöpfung heilschaffend
wirkt», endgültig wohnt und den Glaubenden angeboten wird.<52>
Abschliessend wollen wir noch kurz nach Gründen der erwähnten
Unterschiede oder verschiedenen Akzente in der Christusverkündigung
fragen. Sie werden teils auf unterschiedliche theologische Schwerpunkte
der Verfasser der einzelnen Schriften/Schriftgruppen zurückzuführen
sein. Die Verfasser der ntl. Schriften gehören teils unterschiedlichen
Strömungen des Urchristentums an und sind auch teils durch verschiedene
Überlieferungen geprägt. Mindestens ebenso gewichtig scheint mir
allerdings der unterschiedliche Stand und die besondere Problemlage der
durch die jeweilige Schrift anvisierten Gemeinde(n) zu sein. Der Verfasser
entwickelt seine Christologie gerade auch im Blick auf die besondere Problematik
der Adressaten, um ihnen aus der Mitte des theologischen Denkens hilfreich
und zukunftsweisend beizustehen. Die Person Christi und ihr Heilswerk soll
im grundlegenden Einklang mit der christologischen Überlieferung der
Frühzeit so zur Geltung kommen, dass die Adressaten im Glauben an ihn
Vergebung, Leben und Zukunft finden.
Der Schweizer Theologe Peter Dschulnigg hat an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum den Lehrstuhl für Neues Testament inne.
1 Die Ausführungen wurden zuerst als Referat bei einer Veranstaltung des Katholischen Bildungswerkes Arnsberg-Sundern am 12.3.1998 vorgetragen.
2 Die kritische Forschung wertet die folgenden sieben Briefe als authentische Schreiben des Apostels Paulus: 1 Thess, 1/2 Kor, Gal, Röm, Phil, Phlm. Zu diesen und weiteren Einleitungsfragen ist die Einleitungsliteratur in das NT zu beachten, so besonders U. Schnelle, Einleitung in das Neue Testament, (UTB 1830), Göttingen 1994.
3 Vgl. zu den folgenden Ausführungen weiter K. H. Schelkle, Paulus. Leben Briefe Theologie, (EdF 152), Darmstadt 21988, 180185; L. Goppelt, Theologie des Neuen Testaments, (UTB 850), hrsg. v. J. Roloff, Göttingen 31985 (Nachdruck), 393414.
4 F. Hahn, EWNT III 1156, zählt ca. 271 Stellen mit Christus in den echten Paulusbriefen.
5 Zur Messiaserwartung des Frühjudentums vgl. weiter F. Hahn, EWNT III, 11501153; P. Dschulnigg, Messiaserwartung und Messiasbekenntnis, in: SKZ 165 (1997) 318325, hier 319322.
6 So F. Hahn, EWNT III, 1159.
7 Vgl. dazu K. H. Schelkle, Paulus (s. Anm. 3) 182.
8 Vgl. dazu weiter J. A. Fitzmyer, EWNT II, 817f. Mit dem Kyrios-Titel wird Jesus Gott gleichgestellt, aber nicht mit ihm identifiziert.
9 So K. H. Schelkle, Paulus (s. Anm. 3) 184.
10 Vgl. dazu weiter P. Dschulnigg, Reich Gottes und Auferstehung der Toten. Die Sicht von Jesus und Paulus, in: Radikaler Ernstfall, hrsg. v. K. Koch, Luzern u. Stuttgart 1990, 148165, hier 158f.
11 Im 1 Thess (entstanden um 50 n. Chr.) spricht Paulus von der Parusie des Kyrios (1 Thess 2,19; 3,13; 4,15; 5,23), im Phil (entstanden um 62 n. Chr.) vom Tag Christi (Phil 1,6.10; 2,16).
12 Vgl. 1 Thess 4,16f.; 1 Kor 15,23f. 5055; Phil 3,20f.
13 Vgl. dazu weiter K. H. Schelkle, Paulus (s. Anm. 3) 179f.; E. Schweizer, TRE XVI (1987) 680f.
14 Vgl. zu den folgenden Ausführungen J. Becker, Paulus. Der Apostel der Völker, Tübingen 1989, 432437; E. Lohse, Grundriss der neutestamentlichen Theologie, (ThW 5,1), Stuttgart u.a. 41989, 8183.
15 Vgl. zur Rechtfertigung weiter E. Schweizer, TRE XVI (1987) 688f.; J. Gnilka, Theologie des Neuen Testaments, (HThK.S5), Freiburg u.a. 1994, 7889.
16 Vgl. zu den folgenden Ausführungen P. Dschulnigg, Aspekte und Hintergrund der Theologie des 1. Petrusbriefes, in: ThGl 84 (1994) 318329, hier 326f.; ders., Petrus im Neuen Testament, Stuttgart 1996, 179f.; R. Metzner, Die Rezeption des Matthäusevangeliums im 1. Petrusbrief. Studien zum traditionsgeschichtlichen und theologischen Einfluss des 1. Evangeliums auf den 1. Petrusbrief, (WUNT 2. Reihe: 74), Tübingen 1995, 187195.
17 Vgl. dazu P. Dschulnigg, Petrus (s. Anm. 16) 172174.
18 Vgl. O. Knoch, Der Erste und Zweite Petrusbrief. Der Judasbrief, (RNT), Regensburg 1990, 24; P. Dschulnigg, Petrus (s. Anm. 16) 175.
19 (path{emata/Leiden) steht 1,11; 4,13; 5,1 im Zusammenhang mit Christus, pasch{om/leiden steht 2,21.23; 3,18; 4,1 im Zusammenhang mit Christus.
20 Vgl. L. Goppelt, Theologie (s. Anm. 3) 507.
21 Vgl. P. Dschulnigg, Aspekte des Kirchenverständnisses im 1. Petrusbrief, in: Kirche sein. Nachkonziliare Theologie im Dienst der Kirchenreform (FS H. J. Pottmeyer), hrsg. v. W. Geerlings u. M. Seckler, Freiburg u.a. 1994, 2127, hier 22; J. Gnilka, Theologie (s. Anm. 15) 430f.
22 Im Christuslied 2,2125 werden mehrfach Aussagen aus Jes 53 über den Gottesknecht aufgenommen: in V.22 Jes 53,9; in V.24 Jes 53,4.11f.; 53,5; in V.25 Jes 53,6.
23 Im Christuslied 2,2125 wird das Ausgangsbekenntnis «Christus hat für uns gelitten» (V.21) unter den Aspekten des vorbildlichen (V.2123) wie des heilswirksamen Leidens und Sterbens (V.24) im Blick auf die Glaubenden als Volk Gottes entfaltet (V.25). Vgl. zu den ersten zwei Aspekten L. Goppelt, Der Erste Petrusbrief, hrsg. v. F. Hahn, (KEK 12.1), Göttingen 1978, 205.
24 Vgl. P. Dschulnigg, Aspekte des Kirchenverständnisses (s. Anm. 21) 2224; ders., Petrus (s. Anm. 16) 181.
25 Die Sohnes-Christologie fehlt im 1 Petr; vgl. auch J. Gnilka, Theologie (s. Anm. 15) 431, Anm. 25.
26 Vgl. neben der Gottesknechtschristologie das Leiden, die Auferstehung und Erhöhung des Christus sowie sein endzeitliches Kommen als Horizont. Im 1 Petr ist das Leiden des Christus stark betont, wozu auch die Knecht-Gottes-Aussage gehört; dazu P. Dschulnigg, Petrus (s. Anm. 16) 180, Anm. 33.
27 Vgl. zu den Titeln und Stellen G. Schneider, Die Apostelgeschichte. 1. Teil, (HThK 5.1), Freiburg u.a. 1980, 333; J. Gnilka, Theologie (s. Anm. 15) 208f. (zum Sohn Gottes).
28 Vgl. G. Schneider, Apostelgeschichte (s. Anm. 27) 333; G. Strecker, Theologie des Neuen Testaments, hrsg. v. F. W. Horn, (GLB), Berlin u. New York 1996, 423f.
29 Vgl. W. Radl, Das Lukas-Evangelium, (EdF 261), Darmstadt 1988, 86.
30 Vgl. dazu J. Roloff, Die Apostelgeschichte, (NTD 5), Göttingen u. Zürich 21988, 4951; L. Schenke, Die Urgemeinde. Geschichtliche und theologische Entwicklung, Stuttgart u.a. 1990, 24f. (Schenke spricht nur von den ersten beiden Elementen der Formel).
31 Zum Namen vgl. J. Gnilka, Theologie (s. Anm. 15) 208: «Das Wirken des Namens ist die spezifisch lukanische Darstellungsform der Präsenz des erhöhten Christus.»
32 Vgl. auch G. Strecker, Theologie (s. Anm. 28) 425.
33 Vgl. dazu A. Weiser, Theologie des Neuen Testaments II. Die Theologie der Evangelien, (KStTh 8), Stuttgart u.a. 1993, 145; anders K. Berger, Theologiegeschichte des Urchristentums. Theologie des Neuen Testaments, (UTB.WG), Tübingen u. Basel 1994, 701.
34 Vgl. dazu weiter A. Weiser, Theologie (s. Anm. 33) 144147; J. Gnilka, Theologie (s. Anm. 15) 205f.; P. Dschulnigg, Der Tod Jesu am Kreuz im Licht der Evangelien, in: «Scandalum Crucis» (Theologie im Kontakt 5), hrsg. v. G. Lange, Bochum 1997, 6588, hier 79 (mit Anm. 59). 81.
35 Vgl. dazu G. Schneider, Apostelgeschichte (s. Anm. 27) 334.
36 Nach J. Gnilka, Theologie (s. Anm. 15) 207f., kann das Christusbild des lukanischen Doppelwerks «als ganz und gar jüdisch gekennzeichnet werden». Vgl. dazu weiter auch G. Strecker, Theologie (s. Anm. 28) 423f.425.
37 Andere Ausleger/Auslegerinnen denken teils auch an unterschiedliche Verfasser aus derselben johanneischen Schule. Zu der hier vertretenen Ansicht vgl. besonders E. Ruckstuhl/P. Dschulnigg, Stilkritik und Verfasserfrage im Johannesevangelium. Die johanneischen Sprachmerkmale auf dem Hintergrund des Neuen Testaments und des zeitgenössischen hellenistischen Schrifttums (NTOA 17), Fribourg/Göttingen 1991.
38 So J. Gnilka, Theologie (s. Anm. 15) 246.
39 Vgl. J. A. Fitzmyer, EWNT II, 1083.
40 Vgl. zu den Titeln in Joh 1 E. Lohse, Grundriss (s. Anm. 14) 129; weiter P. Dschulnigg, Die Berufung der Jünger Joh 1,3551 im Rahmen des vierten Evangeliums, in: FZPhTh 36 (1989) 427447, hier 437447.
41 Vgl. P. Dschulnigg, Berufung (s. Anm. 40) 445447.
42 Vgl. zu diesen drei Titeln weiter P. Dschulnigg, Berufung (s. Anm. 40) 439445; E. Lohse, Grundriss (s. Anm. 14) 129f.; G. Strecker, Theologie (s. Anm. 28) 509511.
43 Vgl. zur Bedeutung des Todes Jesu im Joh weiter P. Dschulnigg, Tod (s. Anm. 34) 8286.
44 Vgl. zu den Ich-bin-Worten weiter E. Lohse, Grundriss (s. Anm. 14) 130f.; G. Strecker, Theologie (s. Anm. 28) 511f.; J. Gnilka, Theologie (s. Anm. 15) 247254.
45 Vgl. dazu J. Gnilka, Theologie (s. Anm. 15) 413; G. Strecker, Theologie (s. Anm. 28) 553.
46 Vgl. zu den Ausführungen zu den christologischen Titeln J. Gnilka, Theologie (s. Anm. 15) 413.
47 Vgl. P. Dschulnigg, Schöpfung im Licht des Neuen Testaments. Neutestamentliche Schöpfungsaussagen und ihre Funktion (Mt, Apg, Kol, Offb), in: FZPhTh 40 (1993) 125145, hier 139.
48 Vgl. zur Christologie der Offb weiter E. Lohse, Die Offenbarung des Johannes, (NTD 11), Göttingen 31971, 116f; U.B. Müller, Die Offenbarung des Johannes, (ÖTBK 19), Gütersloh/Würzburg 1984, 5557; J. Gnilka, Theologie (s. Anm. 15) 410414; G. Strecker, Theologie (s. Anm. 28) 549556.
49 Der Sohnestitel findet sich in der Apg nur zweimal (Apg 9,20; 13,33), in der Offb nur einmal (Offb 2,18).
50 Vgl. anders dann der Jak und Jud, wo der Tod Jesu und dessen Heilswirkung nicht erwähnt werden. In beiden Schriften ist die Christologie stark futurisch-apokalyptisch orientiert.
51 Vgl. dazu weiter U. Schnelle, Einleitung (s. Anm. 2) 579f. 530.532.
52 Vgl. E. Schweizer, TRE XVI (1987) 681.