49/2001 | |
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Theologie |
Mit dem Dies academicus der Universität Luzern vom 21. November
wurde das erste Studienjahr mit drei Fakultäten eröffnet. Im Zentrum
der Feier standen die Verleihung akademischer Ehrungen durch die Theologische
und die Geisteswissenschaftliche Fakultät sowie die Reden von Rektor
Markus Ries, Bildungsdirektor Ulrich Fässler und einer Vertreterin
der Studierenden, Ruth Scherrer.
Die Theologische Fakultät verlieh den Ehrendoktortitel an Robert J.
Schreiter C.PP.S. mit der Begründung: «Seine bahnbrechenden Arbeiten
zum Ansatz und zur Methode kontextueller Theologie haben den Sinn für
den Zusammenhang zwischen lokaler Verankerung und globaler Ausrichtung der
biblisch-christlichen Botschaft entscheidend geschärft. Er hat richtungsweisende
Untersuchungen zur interkulturellen Kommunikation, zum interreligiösen
Dialog und zur Theologie der Mission in einer kulturüberschreitenden
Perspektive vorgelegt, welche die anderen unbedingt anerkennt und ihnen
darum die Gottesbotschaft zutraut und zumutet. Damit geht sein Eintreten
für eine Theologie und Praxis der Versöhnung einher.
Als theologischer Forscher und Lehrer, Autor und Berater entfaltet er eine
unermüdliche Tätigkeit, die ihn immer wieder auf alle fünf
Kontinente führt. In zahlreichen weltkirchlichen, interkulturellen
und interreligiösen Gremien wirkt er als Vordenker und Vermittler.
An der Catholic Theological Union in Chicago, weltweit und wiederholt auch
in Luzern lässt er Studierende und Lehrende teilhaben an seinem immensen
Wissen, seiner interkulturellen Kompetenz sowie an seiner Spiritualität
der Solidarität und Hoffnung.»
Für die Theologische Fakultät der Universität Luzern war
das letzte Studienjahr in mehrfacher Hinsicht ein Aufbaujahr. Im Gefolge
des am 1. Oktober 2000 in Kraft getretenen Universitätsgesetzes mussten
ein Leitbild, ein neues Reglement, eine neue Promotionsordnung und eine
neue Studienordnung erarbeitet werden; diese führt als erste Katholische
Theologische Fakultät in Europa das Bologna-Modell zusammen mit dem
ECTS ein, worüber wir noch eigens berichten werden. Ferner konnten
fünf vakante Professuren wieder besetzt werden: Monika Jakobs für
Religionspädagogik/Katechetik, Rafael Ferber für Philosophie,
Verena Lenzen für Judaistik und Theologie sowie Wolfgang Müller
OP für Dogmatik. Diese neuen Professorinnen und Professoren wird der
Dekan, Prof. Edmund Arens, an dieser Stelle noch vorstellen. Seine Begrüssung
zur Antrittsvorlesung des Philosophieprofessors Rafael Färber hat der
Fundamentaltheologe Edmund Arens als Gelegenheit wahrgenommen, die folgenden
Erwägungen zum Verhältnis von Philosophie und Theologie anzustellen.
Esel sind grosse Philosophen, sie stehen stundenlang auf demselben Platz,
sehen ins Leere und denken nach.» Der das gesagt hat, ist selbstverständlich
kein Philosoph. Es ist der deutsche alt Bundeskanzler Helmut Schmidt. Von
einem Philosophen, dem Leib- und Magendenker von Helmut Schmidt, stammt
das Wort: «Während die Philosophen noch streiten, ob die Welt
überhaupt existiert, richten wir sie zugrunde.» Karl Popper hat
sich so ausgelassen. Mit beiden Aussagen wird ein deutlicher Wahrheitsanspruch
erhoben. Wie wir von Popper wissen, unterliegt er dem Fallibilitätsprinzip.
Beide Aussagen indizieren eine heutzutage vielfach bezeugte Evidenz; sie
signalisieren sogar einen weithin geteilten Konsens. Philosophie gilt als
eine brotlose Kunst, als asinische (eselhafte) Betätigung, ein weltfremdes,
nutzloses Unterfangen. Philosophie gilt als verzichtbar: insbesondere in
Lehrplänen und in Studienordnungen. In einer Gesellschaft, welche sich
zusehends vom Primat und Diktat der Ökonomie bestimmen lässt,
ist allenfalls Raum für ein paar ebenso alerte wie omnipräsente
Medienphilosophen, welche den schönen Schein und das marktkonforme
Design absegnen.
Dagegen wage ich zu behaupten: Philosophie, seriöse Philosophie, methodisch
reflektierte, auf die Bedingungen ihrer Möglichkeit befragte, wie auf
die Voraussetzungen und Möglichkeiten ihrer Praxis bedachte Philosophie
ist unverzichtbar. Aus Anlass der Antrittsvorlesung von Rafael Ferber als
ordentlicher Professor für Philosophie an der Theologischen Fakultät
der Universität Luzern erlaube ich mir, darauf zu bestehen: Philosophie
ist unverzichtbar für die Theologie, für die Wissenschaft,
für die Gesellschaft.
Für die wissenschaftliche Theologie ist ein gründliches und genaues
Studium der Philosophie schlechterdings unverzichtbar. Wie will jemand Biblische
Hermeneutik betreiben, ohne die Grundpositionen der philosophischen Hermeneutik
zu kennen, ohne sich durch Schleiermacher, Dilthey, Heidegger, Gadamer,
Ricoeur oder Apel hindurch gearbeitet zu haben, um dann im Gespräch
und in Auseinandersetzung mit diesen Positionen zu bedenken, wie die fremde
Botschaft heute zu verstehen und auszulegen, zu kommunizieren und zu applizieren
ist?
Wie will jemand systematisch-theologisch von Gott reden, ohne die Grundpositionen
philosophischer Theologie von Aristoteles bis Levinas zu studieren, ohne
die philosophische Religionskritik von Heraklit bis Carnap wenigstens in
ihren Grundzügen zu kennen? Und wie will jemand Praktische Theologie
treiben, welche sich nicht in blosser Pastoraltechnologie und hemdsärmeliger
Managementkunde erschöpft, ohne mit der philosophischen Reflexion auf
die Grundstrukturen menschlicher Praxis vertraut zu sein, wie sie von Aristoteles
bis Hannah Arendt und Jürgen Habermas reflektiert worden sind und werden?
Philosophie ist für die Theologie schlechterdings unverzichtbar. Papst
Johannes Paul II. hat das in seiner aufregenden Enzyklika «Fides et
Ratio» aus dem Jahre 1998 glasklar zum Ausdruck gebracht. Ich zitiere:
«In Wirklichkeit hat die Theologie immer den philosophischen Beitrag
gebraucht. Sie braucht ihn auch weiterhin. Da die theologische Arbeit ein
Werk der kritischen Vernunft im Lichte des Glaubens ist, ist für sie
bei ihrem ganzen Forschen eine in begrifflicher und argumentativer Hinsicht
erzogene und ausgebildete Vernunft Voraussetzung und Forderung. Darüber
hinaus braucht die Theologie die Philosophie als Gesprächspartnerin,
um die Verständlichkeit und allgemeingültige Wahrheit ihrer Aussagen
festzustellen» (Nr. 77). Dies trifft, wie der Papst zu Recht festhält,
nicht nur für die antike und mittelalterliche Theologie zu, sondern
zählt zugleich zu den «aktuellen Forderungen und Aufgaben»
(Kap. VII). Johannes Paul richtet an die zeitgenössische Philosophie
dabei drei brisante Forderungen: sie müsse 1. «vor allem ihre
Weisheitsdimension wiederentdecken, die in der Suche nach dem letzten und
umfassenden Sinn des Lebens besteht» (Nr. 81). Sie müsse 2. eine
«Überprüfung der Fähigkeit des Menschen (vornehmen),
zur Erkenntnis der Wahrheit zu gelangen» (Nr. 82). Und drittens sagt
der promovierte Philosoph Karol Wojtyla: «Erforderlich ist eine Philosophie
von wahrhaft metaphysischer Tragweite; sie muss imstande sein, das empirisch
Gegebene zu transzendieren, um bei ihrer Suche nach der Wahrheit zu etwas
Absolutem, Letztem und Grundlegendem zu gelangen» (Nr. 83).
Wer durch das Fegefeuer der analytischen Sprach- und Erkenntniskritik gegangen
ist, wird hier zurückhaltender formulieren und sich nicht so leicht
die Finger verbrennen. Festzuhalten bleibt indes und darauf kommt
es an: Theologie ohne Philosophie ist blind. Ist aber andererseits Philosophie
ohne Theologie leer? Die meisten heutigen Philosophinnen und Philosophen
werden hier quasi unisono widersprechen. Aber ob eine Philosophie, welche
sich von jeder Art von theologischen Fragestellungen willentlich abschneidet,
sich nicht vorsätzlich eines nicht bloss semantischen, sondern auch
argumentativen Potenzials beraubt, das habe ich meine philosophischen Lehrer
Karl-Otto Apel und Jürgen Habermas Dutzende Male gefragt. Nach Habermas'
sensationeller Frankfurter Friedenspreisrede von Mitte Oktober dürfte
diese Frage jedenfalls überdeutlich im Raum stehen. Damit dürfte
der Meisterdenker der gegenwärtigen Aufklärung deutlich gemacht
haben: Glauben und Wissen sind nicht einfach unversöhnliche Antipoden,
von denen dem einen Pol die Zukunft gehört, während der andere
obsolet geworden ist. Beide sind auf den produktiven Streit miteinander
angewiesen, in dem es vor allem darum geht, sich über die elementaren
Fragen menschlichen Lebens und Überlebens zu verständigen. Es
geht um Verständigung über humane Praxis im Zeitalter der technologischen
Reproduktion und womöglich auch Produktion der «menschlichen
Natur».
Was Habermas in Frankfurt an die Adresse seiner Zunft sowie der Wissenschaft
gesagt hat, das hat mit anderen Worten vor über 500 Jahren der Sachselner
Mystiker und Politikberater Niklaus von Flüe so formuliert: «Zieh
den Zaun nicht zu eng.» Ein wahrlich prophetischer Beitrag zum «Streit
der Fakultäten».
Die vornehmste und zugleich dringlichste Aufgabe der Philosophie ist
die Kritik. In Zeiten, wo alles «instant» und «online»
daherkommen soll, schafft die Philosophie kritische Distanz. Sie gibt dem
Denken entgegen dem businessbetonten Zeitgeist Tiefe und Weitblick. Wenn
das Gespräch das Movens der Philosophie ist, ist die Kritik ihre Kurbelwelle.
Neuzeitliche Philosophie, das können Sie nicht nur bei Kant, sondern
auch bei Foucault lesen, ist per se Kritik. Sie nimmt ihren Anfang mit einer
«critique de la méthode». Sie beinhaltet und ist in ihrem
Kern zunächst einmal Erkenntniskritik, Vernunftkritik. Mit dem «linguistic
turn» wird sie zur Sprach- und Wissenschaftskritik, welche sich als
kritische Klärung der Voraussetzungen und Grenzen syntaktisch bzw.
semantisch sinnvoller Sätze sowie pragmatisch wirksamer Sprachhandlungen
versteht. Neuzeitliche Philosophie beinhaltet zugleich eine Kulturkritik
und, wo sie die idealistische Philosophie materialistisch vom Kopf auf die
Füsse stellt, Gesellschafts- und Ideologiekritik. Was aus meiner durch
die Kritische Theorie der Frankfurter Schule wesentlich mitgeformten Perspektive
dringlich ist, das ist eine Kritik nicht nur des Warenfetischismus, sondern
auch des zunehmenden Marketingfetischismus. Was passiert, «if marketing
prevails over matter», wenn das Design über das Sein triumphiert,
können Sie über der Eingangstüre unserer Universität
unschwer ablesen.
Rafael Ferber ist ein Denker des Seins, nicht des Designs. Er ist ein Denker,
welcher aus dem reichen Fundus der zweieinhalbtausendjährigen Tradition
abendländischer Philosophie schöpft. Er ist auf der einen Seite
Mitherausgeber der «International Preplatonic Studies» und auf
der andern ein Kenner von Wittgenstein. Er ist Spezialist für antike
Philosophie und vertraut mit den neuesten Fragestellungen zum Leib-Seele-Problem.
Wer wissen will, wie man auf 200 Seiten ebenso kompetent wie eloquent in
die philosophischen Grundbegriffe Sprache, Erkenntnis, Wahrheit, Gut und
Sein einführt, greife zu seinem Bestseller «Philosophische Grundbegriffe».
Er liegt inzwischen in sechster Auflage vor. Das Buch beginnt für ein
philosophisches Werk geradezu erfrischend, nämlich so:
«Sie haben wahrscheinlich schon vor dem Fernsehapparat gesessen und
auf den Bildschirm geschaut. Sie sahen Landschaften, Tiere, Menschen und
Konsumgüter. Sie hörten Nachrichten, Berichte und Werbeslogans.
Und meist gingen Sie davon aus, dass das, was Sie sahen, und hörten,
wirklich sei. Doch ist das, was Sie sahen und hörten, wirklich? Wenn
ja, ist es die ganze Wirklichkeit? Schliesslich, was ist überhaupt
wirklich?» (S. 10). Wahrlich Fragen, welche eher Karol Wojtyla als
Karl Popper umtreiben.
Der Dekan der Theologischen Fakultät der Universität Luzern, Edmund Arens, ist Professor für Fundamentaltheologie.
Zur feierlichen Eröffnung des Studienjahres 2001/2002 der Theologischen Hochschule Chur (THC) konnte ihr Rektor, Prof. Franz Annen, weit über 100 Personen begrüssen, namentlich den Grosskanzler der THC, Bischof Amédée Grab, sowie Regierungsrat Dr. Claudio Lardi und den Abt von Disentis, Daniel Schönbächler. Rektor Franz Annen eröffnete den Abend mit einem Rückblick auf das vergangene Jahr; daran schloss sich der Festvortrag von Prof. Theodor Schneider, Mainz, zum Thema «Auf dem Weg zur Eucharistiegemeinschaft? Erwägungen aus römisch-katholischer Sicht» an.
Nachdem am 13. Januar 2000 die Schliessung der Hochschule auf Sommer
2001 ins Auge gefasst wurde, konnte dank dem grossen Einsatz vieler Persönlichkeiten
und Institutionen der GAU vermieden werden. Wie ein Phönix aus der
Asche erhob sich die THC wieder und gab mit der Eröffnung des neuen
Studienjahres ein kräftiges Lebenszeichen von sich.
In seinem Tour d'Horizon dankte der Rektor den beiden demissionierenden
Professoren Hubert Dobiosch und Alois Schifferle für ihren langjährigen
Einsatz. Gleichzeitig begrüsste er die neuen Professoren, den Pastoraltheologen
Hermann Kochanek SVD und den Alttestamentler Michael Fieger.<1>
Ab dem Sommersemester 2002 wird der Moraltheologe Albert-Peter Rethmann
seine Lehrtätigkeit aufnehmen; bis dahin wird er vom bestbekannten
Münchner Ethiker Johannes Gründel vertreten.<2>
Speziell erwähnte der Rektor den langjährigen Professor der Kirchengeschichte,
Albert Gasser, der zum Honorarprofessor ernannt wurde<3>
und wieder lehrt.
Nachdem das Professorenkollegium ergänzt ist, richtet man sein Augenmerk
nun auf die studentische Seite. 20 Studierende, davon immerhin sechs im
ersten Kurs, sind ein Lichtblick, aber natürlich wären mehr wünschenswert,
und daran muss gearbeitet werden.
Schon vor einem Jahr war klar, dass der Lehrbetrieb der THC weitergeführt
wird.<4> Auf zwei Ebenen, der der Finanzen
und der der Konzepte, wurde intensiv gearbeitet und konnten erste Früchte
geerntet werden. Der Rektor verwies darauf, dass dank Sammelaktionen, Spenden
und Beiträgen öffentlicher und kirchlicher Institutionen das nötige
Geld zusammengebracht wurde, um den Betrieb der THC weiterzuführen.
Um die finanzielle Basis der THC langfristig zu sichern, soll in der so
genannten «Biberbrugger Konferenz» das Gespräch mit den
katholischen Landeskirchen der Bistumskantone aufgenommen werden. Es ist
zu hoffen, dass es gelingt, allen bewusst zu machen, wie wichtig eine qualifizierte
Ausbildungsstätte für eine gute Zukunft des Bistums ist. Auf staatlicher
Ebene hat der Grosse Rat des Kantons Graubünden ein markantes Zeichen
gesetzt. Am 11. Oktober 2001 überwies er mit 61 zu 1 Stimmen die Motion
Suenderhauf, die für die THC Betriebs- und Standortbeiträge vorsieht.
Mit dem Evangelischen Kirchenrat Graubündens hat das Gespräch
über Synergien im Aus- und Weiterbildungsbereich begonnen.
Neben den Bemühungen um die Finanzen ist auch die Arbeit am neuen Ausbildungskonzept
weitergegangen. Der Beschluss des Bischofsrates vom 29. Juni 2000 gab das
Leitbild vor: pastorale Ausrichtung der Ausbildung bei Wahrung der akademischen
Qualität. Eine Experten-Kommission unter Leitung von Weihbischof Dr.
Peter Henrici erarbeitete Vorschläge für die konkrete Umsetzung
dieses Leitbildes. Ihre «Empfehlungen zur Weiterentwicklung der THC»
wurden sowohl vom Bischofsrat wie auch vom Priesterrat gutgeheissen. Auch
die römische Studienkongregation unterstützt die darin vorgesehenen
Massnahmen.
Forschung und Lehre an der THC sollen auch weiterhin ihr bekannt hohes Niveau
beibehalten. Darüber hinaus soll sich die Ausbildung nachdrücklich
an den Erfordernissen der Seelsorge orientieren. Herzstück der neuen
Ausrichtung und Markenzeichen der THC soll das neu zu errichtende Pastoralinstitut
werden, dessen Eröffnung für das Studienjahr 2002/03 vorgesehen
ist.<5>
Im Festvortrag trug Prof. Theodor Schneider zum Thema «Auf dem Weg zur Eucharistiegemeinschaft?» Erwägungen aus römisch-katholischer Sicht vor. War die römisch-katholische Kirche gegenüber allen ökumenischen Bemühungen des 20. Jahrhunderts zunächst ablehnend eingestellt, so brachte das 2. Vatikanum eine völlige Umkehr des Denkens. Das Konzil betrachtete die Wiederherstellung der Einheit aller Christen als eine seiner Hauptaufgaben. Wir sind also auf dem Weg, aber noch nicht am Ziel, wie der Referent betonte. Ein zentrales Element, nämlich die Eucharistiegemeinschaft, griff er heraus und legte dar, wie viel sich in den letzten 40 Jahren diesbezüglich getan hat. Er schöpfte dabei aus eigenen Erfahrungen, da er seit vielen Jahren Mitglied des so genannten «Paderborner Kreises» ist, der sich in offiziellem Auftrag mit den Ursprüngen der Spaltung im 16. Jahrhundert befasst. Die Ergebnisse wurden 1986 im Buch «Lehrverurteilungen kirchentrennend?» veröffentlicht.
Der Referent beleuchtete zunächst die Verständigung über
die eucharistische «Realpräsenz». Die Positionen des Thomas
von Aquin, Luthers und Calvins wurden miteinander verglichen und dabei festgestellt,
dass alle drei Theologen versuchten, das Geheimnis der Gegenwart Christi
in der Eucharistie auszusagen, allerdings in unterschiedlichen Ansätzen,
die im 16. Jahrhundert nicht zu vermitteln waren. Alle drei Theorien haben
ihre Stärken und Schwächen, aber keine kann ausschliessliche Geltung
beanspruchen und die andere als häretisch verurteilen. Der Referent
zog daraus das folgende Fazit: «Angesichts dieser gemeinsamen Glaubensüberzeugung
von der wahren und wirklichen Gegenwart des Herrn in der Eucharistie sind
die verbleibenden ... unterschiedlichen Akzentuierungen ... nicht mehr als
kirchentrennend zu bezeichnen.»
Dasselbe gilt nun für viele vielleicht überraschend
auch für den Opfercharakter der Messe. Wenn man die Schärfe der
damaligen Auseinandersetzung in Betracht zieht, erscheint es fast unglaublich,
dass auch über den Opfercharakter des Abendmahls eine gemeinsame Aussage
gelungen ist. Das Ergebnis liegt in einem 1983 veröffentlichten Buch
vor: «Das Opfer Jesu Christi und seine Gegenwart in der Kirche. Klärungen
zum Opfercharakter des Herrenmahls». Der Referent fasste die Grundgedanken
folgendermassen zusammen: Das Selbstopfer Jesu Christi ist einzigartig.
Die Eucharistie repräsentiert die Wirklichkeit des Kreuzesopfers in
der Weise des Gedächtnisses, als Wirksamwerden des einen sühnenden
Opfers Jesu Christi in der konkreten christlichen Gemeinde. Opfer der Kirche
kann die Eucharistie insofern genannt werden, als auch die Christen am Schicksal
Jesu Christi teilhaben, weil sie ja in und aus Christus leben. Das sichtbare
Zeichen für die Hingabe Jesu Christi in der Eucharistie ist das Mahl.
Als Fazit dieser Überlegungen darf festgehalten werden: «Die
ÐMessopferkontroverseð und ihr kirchentrennender Charakter ist damit
überholt.» Der Referent betonte allerdings, dieser Durchbruch
sei von den hauptamtlichen Verkündigern wie auch im Kreis der Fachtheologen
wenig wahrgenommen worden.
Kritiker bemängelten, solche Übereinkünfte beträfen
nur Randfragen. Aber in mehrjährigen Prozessen ist es gelungen, auch
in zentralen Fragen zu einer Verständigung zu kommen. An erster Stelle
nannte der Referent die «Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre»
des Lutherischen Weltbundes und der römisch-katholischen Kirche vom
31. Oktober 1999, ein Meilenstein auf dem Weg der Ökumene. Ein Grunddissens
des 16. Jahrhunderts wurde damit überwunden: Wir glauben gemeinsam
aufgrund der Verkündigung des Neuen Testaments, dass wir vom barmherzigen
Gott nicht aufgrund von Leistungen gerecht gesprochen werden, sondern allein
aufgrund seiner Gnade. Dass eine namhafte Gruppe deutscher lutherischer
Theologen diese Verständigung ablehnt ist bedauerlich, auf die Dauer
dürfte sie sich aber durchsetzen.
Auch im Problembereich Schrift und Überlieferung konnte eine Verständigung
erreicht werden, wie die Veröffentlichung «Verbindliches Zeugnis»
(Bände 13, 19921998) zeigt. «Sola scriptura»
evangelischerseits und «Schrift und Tradition» katholischerseits
sind durchaus kompatibel. Der Referent zitierte aus dem dritten Band: «Die
evangelische Theologie erläutert das Prinzip Ðsola scripturað
... als auf die richtende und rettende Botschaft selber zielend und weist
ein rein formales Verständnis des ÐSchriftprinzipsð ... als
Missverständnis zurück. Die katholische Theologie erläutert
die Aussage ÐSchrift und Traditionð so, dass das massgebende Wort
Gottes allein im Zeugnis der Heiligen Schrift gegeben ist und Tradition
als Vollzug lebendiger Überlieferung dieses Evangeliums ... zu beschreiben
ist. Wenn damit die Positionen im Wesentlichen getroffen ... sind ..., besteht
zwischen den Kirchen trotz unterschiedlicher Formulierungen Übereinstimmung
in der Sache.»
Hat die Theologie damit ihre Hausaufgaben gemacht? Sind wir auf dem Weg
zur Eucharistiegemeinschaft ein Stück weitergekommen? Zweifellos. Aber
nötig ist auch, dass sich bei den Verantwortlichen in der Kirchenleitung
und im Empfinden und Leben der Christen in den Gemeinden der Durchblick
einstellt, wenn wir vorankommen wollen.
Zwei grosse Hindernisse erschweren weiterhin den Weg zur vollen Eucharistiegemeinschaft,
nämlich die Amtsfrage und das Kirchenverständnis.
Seit Jahrzehnten wird um die Amtsfrage gestritten. Kontrovers auch
innerevangelisch ist schon die Beurteilung des Verhältnisses
von ordiniertem zum allgemeinen Priestertum. Erwächst die Ordination
aus dem allen gemeinsamen Taufpriestertum, ist sie also menschlichen Rechts,
oder ist sie als solche eine göttliche Stiftung? Noch entscheidender
ist die Frage der bischöflichen Handauflegung, die in den Kirchen des
«katholischen Typs» also bei etwa 9 von 10 der Christen
üblich ist, bei den meisten reformatorischen Kirchen aber nicht.
Da nach katholischem Verständnis das Bischofsamt unaufgebbar ist, besteht
in dieser dornigen Frage ein Dissens, der nicht so leicht aus der Welt zu
schaffen ist.
Aber auch das Kirchenverständnis wird kontrovers diskutiert. Der reformierte
Theologe Klauspeter Blaser beklagt den fehlenden «sensus ecclesiae»
in seiner Kirche, die Skepsis gegenüber der Institution Kirche. Es
besteht seit je die Neigung zur nur im Glauben fassbaren, unsichtbaren Kirche,
während auf katholischer Seite die Ortskirchen bei einer zentral geleiteten,
weltweiten Kirche eher zu kurz kommen. Die Wiederherstellung einer sichtbaren
Kircheneinheit trotz gewisser Verständigungsversuche dürfte
sich als sehr schwierig herausstellen, zumal manche hier sogar den Grunddissens
zwischen katholischer und evangelischer Kirche sehen. Das unterschiedliche
Verständnis der Kirchenstruktur hat auch Auswirkungen auf die Eucharistie.
Gemäss katholischer Lehre ist die gemeinsame Feier der Eucharistie
zentraler Lebensvollzug der Kirche. Die evangelische Frömmigkeit betont
stattdessen den einzelnen Christen, seine persönliche Gläubigkeit,
seinen Christusbezug und das Abendmahl wird immer noch eher nebenher gefeiert.
Zum Schluss seiner Ausführungen, die optimistisch begannen, aber
nüchtern ausklangen, richtete der Referent Wünsche an Protestanten
und Katholiken. Bei den Reformationskirchen wünschte er sich eine regelmässige
sonntägliche Abendmahlsfeier und einen sorgfältigeren Umgang mit
übriggebliebenen Gaben, die andächtig konsumiert werden sollten.
Bei seiner eigenen Kirche mahnte er eine grosszügigere eucharistische
Gastfreundschaft an, etwa im Sinne der kanadischen Bischofskonferenz, die
ein «aufrichtiges geistliches Bedürfnis» für den Kommunionempfang
als hinreichend ansieht. In überraschend scharfen Worten geisselte
er die «Tabernakelkommunion». Er mahnte an, dass die Gabenbereitung
ein wichtiger Teil der Eucharistiefeier sei. Das Brot für die Gläubigen
sollte nach vorn gebracht werden, damit wir es verwandelt zurückgeschenkt
bekommen. Deshalb sei es nicht sinnvoll, die bei einer früheren Eucharistiefeier
konsekrierten Hostien aus dem Tabernakel zu holen. Zumal auf diese Weise
die Vorgabe des eigentlichen Mahlherrn, Christus, der das Brot nahm, den
Lobpreis sprach, das Brot brach und es den Jüngern reichte (Mk 14,22),
nicht aufgenommen werde. Wünschenswert sei auch die Austeilung der
Kommunion in beiden Gestalten, was aufgrund der Rechtslage im deutschsprachigen
Raum grundsätzlich in allen Messfeiern möglich sei.
«Sprechen wir Christen eine Sprache?» fragte sich der Referent.
Er beklagte den Mangel an Selbstkritik und den fehlenden Mut zur Rückkehr
zu den Wurzeln. Und wenn offizielle kirchliche Dokumente nur die jeweils
eigene binnenkirchliche Sehweise spiegeln, so sei das der ökumenischen
Verständigung keinesfalls förderlich. Er schloss mit dem Satz:
«Nicht der Drang nach Versöhnung bedarf der Begründung und
Legitimation, sondern das weitere eigensinnige Beharren auf dem Bestehen
der Spaltung und auf scheinbaren Argumenten zu ihrer Rechtfertigung!»
Zum Schluss dankte der Grosskanzler der THC, Bischof Amédée Grab, allen, die sich für das Weiterbestehen der THC eingesetzt haben. Die neuen Initiativen geben Anlass zu tiefer Hoffnung und sind bedeutungsvoll für die Zukunft. Ebenso verdankte er die Ausführungen von Prof. Schneider, die er als wichtig erachte. Gerade in diesem Hause werde die Ökumene beispielhaft gelebt, in dem angehende orthodoxe und katholische Theologen gemeinsam studieren. In der Ökumene ist man vielerorts weitergekommen. Dass aber die Bischöfe an der ökumenischen Eiszeit schuld seien, wie man ihnen manchmal vorwerfe, könne er so nicht stehen lassen. Natürlich könnten sie nicht alles gutheissen, was geschehe, aber sie förderten die Ökumene nach Kräften. Er wünsche sich lebendige Kirchen, überzeugende Gemeinschaften, die mit Hilfe der Vorsehung die Kraft des Glaubens in eine Welt tragen, die sich in einem schwierigen Zustand befindet.
Der Theologe Martin Stieger ist Bibliothekar der Theologischen Hochschule Chur.
1 Siehe SKZ 36/2001.
2 Siehe SKZ 44/2001.
3 Siehe SKZ 36/2001.
4 Siehe SKZ 35/2000.
5 Siehe SKZ 39/2001.