43/2001 | |
INHALT | |
Theologie |
Die altkatholischen Kirchen Deutschlands, Österreichs, Hollands
und nun auch der Schweiz (christkatholische Kirche) haben Frauen zu Priesterinnen
geweiht. Zur vorangehenden Prüfung des Problems wurden praktisch nur
Befürworter der Frauenordination beigezogen. Dem war auch so bei den
beiden orthodox-altkatholischen Konsultationen 1996. Die dabei gehaltenen
Referate und die abschliessenden gemeinsamen Überlegungen wurden publiziert
in der Internationalen Kirchlichen Zeitschrift.<1>
Prof. Barbara Hallensleben hat diese in der Freiburger Zeitschrift für
Philosophie und Theologie<2> rezensiert
und dabei geschrieben: «Die eigentliche Frage, die beide Tagungen
ausgespart haben, lautet, ob die Geschlechterdifferenz gemäss einer
theologischen Anthropologie eine Entsprechung in der Symbolik der kirchlichen
Dienste findet.» Sowohl zu diesen Konsultationen wie zu weiteren Publikationen
äusserte ich mich in einem Artikel der Internationalen Kirchlichen
Zeitschrift, der mit dem Titel «Vergessene Fragen zur Frauenordination»
spät erschienen ist.<3> Darin stelle
ich folgende Überlegungen an über den Glaubenssinn dessen, dass
der Mensch als Mann und Frau Mensch ist.
Als ich vor 20 Jahren begann, die Unterrichtskinder abstrakt zeichnen zu
lassen, entdeckte ich, dass, wenn die Aufgabe lautete, Gott und Mensch zu
zeichnen, sich darin das momentane Verhältnis des Kindes zu seinen
Eltern zeigt, ob die Mutter oder der Vater wichtiger sei und anderes. Ich
liess dann auch Erwachsene derart zeichnen und konnte dasselbe beobachten.
Die Zeichner wussten meistens nicht, dass ich noch diese andere Aussage
lesen konnte. Der übergeschlechtliche Gott hat das Geschlecht
in zwei Polen erschaffen, offenbar auch als ein Gefäss für den
Glauben an ihn. Es ist übrigens häufig so, dass ein Kind einmal
eine starke Mutterbeziehung darstellt und später eine Vaterbeziehung.
Gott kann je nach den Umständen verschieden erfahren werden. Ich habe
auch Zeichnungen gesehen, die eine ausgeglichene Elternbeziehung bezeugen,
aber nie eine, in der das Elternbild nicht merkbar gewesen wäre.
Von der eschatologischen Ausrichtung her fällt vielleicht auch ein
Licht auf die Betonung der Weihe nur von Männern, was wir kaum wahrnehmen,
wenn wir fragen «Was ist ein Mann, was ist eine Frau?», sondern
danach fragen, wie auf einen Menschen ein Mann und wie eine Frau wirkt.
Nach dieser Wirkung fragt Herwig Aldenhoven: «Hat es dann (sc. weil
jeder Mensch in sich weibliche und männliche Elemente in individuell
unterschiedlichem Mischverhältnis trägt) überhaupt einen
Sinn, von Ðweiblichð und Ðmännlichð zu reden? Ja, und
zwar aus zwei Gründen. Einerseits, weil bei aller Verschiedenheit der
Zuteilung die Verschiedenheit von Ðweiblichð und Ðmännlichð
als solche für das menschliche Seelenleben von grösster Bedeutung
ist. Andererseits, weil es in der frühesten, aber gerade entscheidend
prägenden Lebensphase jedes Menschen die verschiedenen Erfahrungen
von Mutter und Vater gibt, wo Ðweiblichð und Ðmännlichð
nicht auswechselbar sind, und zwar unabhängig von der individuellen
Mischung der beiden Anteile bei Mutter und Vater. Aufgrund dieser Erfahrungen
ruft eine Frau unabhängig von ihrem persönlichen Anteil von ÐWeiblichkeitð
und ÐMännlichkeitð in den meisten Fällen Ðweiblicheð
und ein Mann ebenso Ðmännlicheð Assoziationen hervor. Man kann
dies die Symbolwirkung von Mann und Frau nennen. Bei der Mutter erfährt
der Mensch ganz am Anfang seines Lebens, vor allem während der Schwangerschaft,
das Einssein und die Geborgenheit. Der Vater dagegen kommt im Vergleich
zur Mutter später dazu als der Ðandereð, mit dem das Kind nie
so eins war wie mit der Mutter, an dem es daher mehr die Erfahrung des Andersseins,
des Gegenübers, des Herausgeführtwerdens aus dem Einssein und
damit auch des Weitergeführtwerdens macht.»
Etwas später lesen wir: «Im Sinn des Schöpfungsglaubens
geht nicht nur die Verschiedenheit von Mann und Frau, sondern in den
erwähnten Grenzen auch die zwischen Ðmännlichð und
Ðweiblichð auf Gott den Schöpfer zurück.» Es ist
deshalb nur konsequent, dass sie uns auch im Glauben an den Heil schaffenden
Gott begegnet. Sowohl die Erfahrung von Einssein und Geborgenheit als auch
die Erfahrung des «Anderen», des «Gegenüberstehenden»
und «Weiterführenden» hat einen ganz engen Bezug zur christlich
verstandenen Gotteserfahrung. Hier ist das Heil immer ein Herausgeführtwerden
durch Gott, der uns als der andere gegenübersteht (vermutlich würde
Aldenhoven zustimmen, wenn hier die eschatologische Perspektive eingebracht
würde).
Die Kräfte, bei der Einführung der Frauenordination die Grundfragen
fern zu halten, stammen nicht vom Trend des modernen Feminismus, sondern
zusammen mit diesem von einem Wandel der Gotteserfahrung her. Dieser Wandel
wirkt wie ein Wildbach, beeindruckend, aber noch unkontrolliert alles mit
sich reissend. Seit ca. 1800 die Französische Revolution mag
als Symptom genommen werden wird Gott zunehmend in weiblichen Bildern
erfahren, und dementsprechend erscheinen auch seine Gesandten und Repräsentanten.
Die früher als männlich empfundenen himmlischen Heerscharen mit
ihren Waffen bewahrten jahrhundertelang ihre männliche Erscheinung
trotz des Bemühens von Kirchenvätern um ihre Asexualität.
Nun aber mutierten sie zu Mädchen. Man fragt sich, wieso es so lange
dauerte, bis als ihre Darsteller auch Mädchen ministrieren durften...
Und augenfällig ist wohl jedermann, wie die Jesusbilder seit der erwähnten
Wende immer jungfräulicher aussehen. Eine positive Nebenerscheinung
dieser Entwicklung ist dies, dass die Darstellung von Gottvater als altem
Mann immer seltener wurde.
Wäre der Glaube an den Gott, auf den wir getauft sind, der in sich
Gemeinschaft ist, die nicht nur aus Relationen besteht, sondern da jede
der drei Personen auch in sich anders ist und auf die andern verschieden
wirkt, lebendiger, so würde wohl das Einpersonenpfarramt sich von selbst
neu entfalten, so würde wohl auch der Gedanke auf fruchtbaren Boden
fallen, dass die Diakonin, die nach dem altkatholischen Weiheritus gemäss
altkirchlicher Vorgabe in besonderer Beziehung zum Heiligen Geist gesehen
wird, als Vertreterin der Gemeinde, des Tempels des Heiligen Geistes, bei
dieser stehen würde im Gegenüber zu den Amtsträgern, die
in unterschiedlicher Weise Christus repräsentieren, den
Christus, der als Bräutigam der Kirche ihr zugewandt ist und als Haupt
der Kirche in deren Namen vor den Vater tritt. Diese Amtsträger sind
nicht Christus. Sie repräsentieren ihn. Die Diakonin stellt aber dar,
was sie ist, und machte, nach dem erwähnten Gedanken auch der Gemeinde
bewusst, was sie ist: Gefäss des Heiligen Geistes.
1 IKZ 88 (1998) Heft 2.
2 FZThPh 46 (1999).
3 IKZ 90 (2000) Heft 2, S. 107122.