15-16/2001 | |
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Theologie |
Theologen, die aus dem Kreis um Heidegger entstammen, haben gerne einen
Vergleich gebraucht: Die Interpretation der christlichen Botschaft sei mit
der Aufführung eines Konzertstückes vergleichbar. Sinn und Gehalt
des Gemeinten werde immer erst durch die jeweilige Aufführung zum Ereignis.
Dieser Vergleich beeindruckt! Diesen Vergleich aber einmal gegen den Strich
gelesen, erlaubt doch die Fragestellung, wie sich eigentlich Musik und Theologie
zueinander verhalten.
Theologie ist primär an das Wort gebunden, Musik dagegen ist «sprachlos».
Über Theologie und Literatur, Theologie und bildende Kunst, Theologie
und Architektur ist man gewohnt zu sprechen. Die Frage nach der Verhältnisbestimmung
von Musik und Theologie spielt eher ein Mauerblümchendasein, wurde
doch nicht zuletzt in der Liturgie der katholischen Kirche das Musikalische
nur als Appendix des Wortes betrachtet!
Die Verhältnisbestimmung von Theologie und Musik, der hier nachgegangen
werden soll, stellt ein komplexes Unternehmen dar. Einerseits muss die Grundfrage
verhandelt werden, wie Musik zu verstehen sei. Andererseits ist zu fragen,
wie sich Theologie in ihrem expliziten Wortcharakter zur Musik verhält.
Im Folgenden soll ein phänomenologischer Zugang zur Frage nach der
Verhältnisbestimmung beider gewählt werden.
Wo Menschen zusammenleben, wird gesungen oder musiziert. Musik ist dem
Menschen eigen. Sie bleibt ein identifikatorisches Instrument menschlicher
Kommunikation und Interaktion. Singen und Musizieren in der Kirche, speziell
in ihrer Liturgie, sind Ausformungen dieses allgemeinen Verhaltens. Die
Musik ist immer kontextuell in die jeweilige raum-zeitlich bedingte soziokulturelle
Situation eingebunden. Singen und Musizieren sind tonal, rhythmisch und
dynamisch geprägt. Sie werden primär nicht mit dem Verstand rezipiert,
sondern emotional erfasst. Musik ist letztlich ein dialogales Geschehen;
Empfänger und Adressaten müssen sich aufeinander einstellen können.
«Voraussetzung dafür ist, dass der ÐSonanzð des Musizierenden
(seiner Empfindungs- und Ausdruckskapazität) die Fähigkeit zur
ÐRe-Sonanzð beim Hörer entspricht, und zwar hinsichtlich der
Tonsprache und der Emotionsebene.»<1>
Der Mensch bedient sich der Musik für seine symbolische Auseinandersetzung
mit der Umwelt; die Musik in Ritus und Liturgie bezeugt diesen Grundzug.
Die Musik versteht sich sowohl als Prozess wie als Ergebnis von Handlungen,
durch die Töne, Klänge, Geräusche oder Bewegungen kreativ
erzeugt, wahrgenommen, geordnet, überliefert und bewertet werden. Musik
als ästhetisches Kunstwerk einer kulturspezifischen Kommunikations-,
Interaktions- und Integrationsform gibt Erfahrungen von existenzieller Bedeutung
wieder, die sich einem exklusiven rationalen Verstehen entziehen. Sie manifestieren
sich im ganzheitlichen Verhalten und wollen mitgeteilt werden. Musik ist
eine universale Kommunikationsform; Musik und Sprache stehen in einem Korrelationsverhältnis.<2>
Der Wirksamkeit der Musik können wir Menschen uns nicht entziehen,
deswegen bleibt Musik dem öffentlich-gesellschaftlichen Leben zugeordnet.
Sie unterliegt nicht nur den funktionalen und nützlichen Beschäftigungen
menschlichen Lebens, sondern bildet mit Spiel und Tanz ein unverzichtbares
Element für Fest und Feier. Die phänomenologische Analyse macht
einsichtig, weshalb Musik in Kult, Ritual und Religion beheimatet ist. Musik
ist eine vom Kult emanzipierte Kunst und stellt damit eine autonome Wirklichkeit
dar. Dem religionsphänomenologischen Aspekt soll hier nicht nachgegangen
werden, sondern nur die christliche Betrachtung kurz erörtert werden.
Kennen das Neue Testament und die Alte Kirche der Musik gegenüber eine gewisse Zurückhaltung, da sie auch in den heidnischen Religionen vorkommt, so wird doch sehr bald vom geisterfüllten Lobpreis Gottes und seiner Heilstaten im Licht des Christusereignisses gesprochen. Neutestamentlich betrachtet kann das Musikalische unter einem christologischen und ekklesiologischen Pol betrachtet werden:
Musik als anthropologische Grösse ist ein Symbol der Gott-Fähigkeit und Gott-Begeisterung des Menschen. Der Mensch als capax infiniti kann sich durch das Realsymbol «Musik» das Geoffenbarte symbolisieren. Denn die Musik in all ihren Bezügen kann Transzendentales und göttliche Manifestationen, die in der Geschichte ergangen sind, versinnbildlichen. So schreibt Thomas von Aquin, dass Gott nicht des Lobes der Menschen bedürfe, das Lob der Stimme sei aber deswegen notwendig, weil die Affekte für Gott erregt würden. Je nach Klang verschiedener Melodien werde die Seele des Menschen auf verschiedene Weise disponiert. Johann Sebastian Bach versteht wie Martin Luther Musik als die «domina et gubernatrix affectum humanorum» und zielt in seinem Schaffen auf durch Musik initiierte Gemütsbewegungen ab, die den Menschen ganzheitlich für die leisen und kräftigen Rufe Gottes aufschliessen.
Musik im Gottesdienst («musica sacra») kann aufgrund der
phänomenologischen Analyse der Musik nicht als verzierendes Beiwerk
verstanden werden, sondern muss als integraler Bestandteil des liturgischen
Vollzugs verstanden werden. Das II. Vatikanum hat diese Sichtweise gesamtkirchlich
rezipiert, wenn es das Singen und Musizieren als Ausdruck der tätigen
Teilnahme des Volkes Gottes umschreibt, hierbei geht das Konzil explizit
von den anthropologischen Daten der Musik aus.<3>
Musik wie Singen als Symbol der GottMensch-Beziehung ist ebenfalls
in die theologische Erkenntnislehre zu integrieren. Spricht man klassischerweise
von den «loci proprii» der Theologie (Hl. Schrift, Überlieferung,
...) und den «loci alieni» (menschliche Vernunft, Philosophie,
Geschichte), so kann, in einem geschichtlich-dynamischen Verständnis
der jüdisch-christlichen Offenbarung, die Musik ebenfalls als Bestandteil
der «loci alieni» gesehen werden. Hier sind Versuche seitens
der Theologen (P. Tillich, O. Söhngen, K. Kurzschenkel, H. de la Motte-Haber
und andere mehr) zu nennen, die sich theologisch dem Phänomen der Musik
nähern. Andererseits sind hier zeitgenössische Musiker zu nennen,
die die Heilsgeheimnisse der jüdisch-christlichen Offenbarung seitens
der Musik zu symbolisieren suchen und dadurch neue Erfahrungsräume
erschliessen (Olivier Messien, Krzysztof Penderecki und andere mehr). Hier
reihen sich auch die Produktionen des Neuen Geistlichen Liedes ein, die
zur Verlebendigung und Aktualisierung der Kirchenmusik beitragen.
Auch andere theologische Disziplinen beschäftigen sich mit dem Phänomen
der Musik. Während die Liturgiewissenschaft sich mit der «musica
sacra» beschäftigt, die Hymnologie ein interdisziplinäres
Unterfangen darstellt, an der neben der Theologie auch die Humanwissenschaften
beteiligt sind, erörtert beispielsweise die Pastoraltheologie Musik
als therapeutisches Mittel der Seel- und Heilssorge.
Der Dominikaner Wolfgang W. Müller ist Privatdozent und Lehrstuhlvertreter für Dogmatik an der Theologischen Fakultät der Universität Luzern.
1 Ph. Harnoncourt, in: GDK, 3, Regensburg 1987, 135.
2 Auf diesen Sachverhalt spielt die Oper Capriccio von R. Strauss an: Flamand, der Musiker, und Olivier, der Dichter, sind beide in dieselbe Gräfin verliebt. Jeder streitet mit seiner Kunst um die Gunst der Gräfin. Welche Kunst besitzt höheren Rang? So fragt sich die umworbene Gräfin: «Sind es Worte, die mein Herz bewegen, oder sind es Töne, die stärker sprechen?».
3 Vgl. SC 30, 112121. Im Gesang der Liturgie spielen Musik und Wort zusammen, hier knüpft das Konzil (vgl. SC 112) an Augustinus an, wenn er schreibt: «Wer jubiliert, spricht keine Worte, sondern es ist ein Gesang der Freude ohne Worte; es ist die Stimme des in Freude aufgelösten Herzens, das soviel wie möglich den Affekt auszudrücken versucht, wenn es auch den Sinn nicht versteht.»