4/2001

INHALT

Theologie

Kontextuelle Bibelhermeneutik

von Rolf Weibel

 

Am Dies Academicus der Universität Bern promovierte die Evangelisch-Theologische Fakultät den Japaner Seiichi Yagi und den Nigerianer Justin Ukpong zu Ehrendoktoren, während die Hans-Sigrist-Stiftung der Costaricanerin Elsa Tamez ihren Wissenschaftspreis verlieh. Mit diesen drei Fachpersonen für Neutestamentliche Wissenschaft veranstaltete die Fakultät am Vorabend ihrer Berner Ehrung ein Symposium zum Thema «Kontextuelle Bibelhermeneutik», das zugleich das Jahreskolloquium der Schweizerischen Theologischen Gesellschaft war. Nach einer historisch-theologischen Stadtführung unter dem Titel «Die Bibel in Bern» mit dem Berner Kirchengeschichtler Rudolf Dellsberger beschloss das ekklesiologische Referat von J. Robert Wright die Tagung.<1>

Ein christlich-buddhistischer Dialog

Die kontextuelle Bibelhermeneutik geht von der konkreten Lebenswelt aus, die sie über die Bibellektüre kritisch wahrnimmt und deshalb auch auf Veränderung hin bedenkt. Prof. Seiichi Yagi liest die Bibel im japanischen Kontext, indem er vom Neuen Testament her in einen Dialog mit dem Zen-Buddhismus tritt. Dabei geht er von Sizuteru Ueda, einem Philosophen der Kyotoschule, aus, der einen Gedanken von Martin Heidegger mit einem Gedanken des Begründers der Kyotoschule, Kitaro Nishidas, verbindet. Für Heidegger ist der Mensch in der Welt, für Nishidas durchdringen sich die Individuen gegenseitig im Topos der unendlichen Offenheit; für Ueda ist «der Mensch in der Welt» im Topos. Yagis christliche Interpretation ersetzt «Topos» durch «Gott»: «der Mensch in der Welt» ist «in Gott».
Anschliessend ordnete Seiichi Yagi die Wörter: Mensch, Welt, Topos bzw. Gott und die Kategorien «in der Welt sein» und «im Topos bzw. in Gott sein» einander so zu, dass zwischen dem Zen-Buddhismus und der transzendierenden Theologie des Neuen Testaments Entsprechungen wahrnehmbar wurden. Wie der Titel des Vortrags ­ «Ego und Selbst im Neuen Testament und im Zen» ­ versprach, stellte er diese Entsprechung besonders in Bezug auf das Selbstverständnis heraus. Für beide Seiten lasse sich das Ego als «der Mensch in der Welt» bezeichnen und das Selbst als «der Mensch im Topos bzw. in Gott»; der Mensch als ganzer, als Ego-Selbst, ist dann «Ðder Mensch in der Weltð im Topos bzw. in Gott».

Afrikanische Inkulturation

Für Prof. Justin Ukpong geht es bei der kontextuellen Bibelhermeneutik im afrikanischen Kontext hauptsächlich um die Inkulturation der biblischen Botschaft, wie es auch der Titel seines Vortrages ankündigte: «Inculturation hermeneutics: An African approach to reading the Bible». Inkulturation meint dabei das Bestreben, afrikanische Kultur und christliche Botschaft so miteinander in Verbindung zu bringen, dass das Wort Gottes in der afrikanischen Gesellschaft lebendig werden kann. Die «Hermeneutik der Inkulturation» versucht deshalb, eine Gemeinschaft von einfachen Menschen in ihrem sozio-kulturellen Kontext zum Subjekt der Auslegung der Bibel zu machen.
Charakteristisch für diese Methode ist, dass sie beim Interpretationsprozess den konzeptuellen Bezugsrahmen des Volkes ­ und nicht der Eliten ­ einsetzt. Ferner geht sie von einem ganzheitlichen Verständnis von Kultur aus, wonach säkulare und religiöse Themen in einer Gesellschaft als auf einander bezogen betrachtet werden und sich ideologiekritische Fragen aus dem Prozess des Bibellesens ergeben. Diese Methode erleichtert das «Lesen mit» einfachen Menschen.
Der kontextuelle Charakter dieses Lesens setzt ihm anderseits Grenzen: ein solches Lesen ist nicht universal, sondern partikulär; dabei sind nicht alle Aspekte zugleich zugänglich; es wird zudem zu anderen Dingen in der Aussenwelt in Beziehung gesetzt, und es ist vermittelt. Doch wird die Bibel auf diese Weise zu einer Guten Botschaft im Leben, im täglichen Leben, im Leben des Volkes ­ und nicht als Literatur gelesen, sondern als spiritueller und moralischer Führer anerkannt. Dabei sei es wichtig, die persönliche Bedingtheit zu übersteigen und die Widersprüche zwischen befreienden und unterdrückenden Momenten zu reflektieren, bzw. zwischen einer lebensförderlichen und einer lebenshinderlichen Lektüre zu unterscheiden, und kreativ zu nutzen. Auf jeden Fall sollen die Fragen zur Sprache gebracht werden, die das Volk hat.

Exegese und Poesie

Die «Abwesenheit», den Mangel einerseits an Mitteln für den täglichen Bedarf und anderseits an Hoffnung im Lateinamerika der 1990er Jahre fasste Prof. Elsa Tamez in die Metapher «Himmel ohne Sterne», bedeutet für sie Bibelhermeneutik im lateinamerikanischen Kontext doch: «Die Bibel unter einem Himmel ohne Sterne lesen» («Reading the Bible under a sky without stars»). Weil sich in der Bibel Licht und Schatten finden, geht es dabei darum, Denken, Einstellung und Praxis Erhellendes zu suchen und dabei vom wirklichen Leben auszugehen. Dieses wird in unterschiedlichen Kontexten gelebt, in denen sich ebenfalls Licht findet, das den Text erhellen kann. Dabei wird bewusst für die Ausgeschlossenen Partei ergriffen. Neben einer Hermeneutik der Armen gibt es neue «Konstellationen» von aufgehenden Sternen mit besonderen Gesichtern: Frauen, indigene Völker, Lateinamerikaner afrikanischer Herkunft.
«Die Suche nach Sternen», führte Prof. Tamez weiter aus, erfolgt auf drei Ebenen. Auf der akademischen Ebene wird der Text methodisch streng gelesen ­ neuerdings auch rezeptionsästhetisch («reception criticism»). Auf der mittleren Ebene der pastoral Tätigen wird der Text ebenfalls mit einer gewissen akademischen Strenge gelesen, die Bibelstudien müssten indes verbreitet und methodische Aspekte der Re-Lektüre («re-reading») erwogen werden können; nur so könnten weite Kreise christlicher Basisgemeinschaften erreicht werden. Die dritte Ebene, die Graswurzel-Ebene, bilden diese Gemeinschaften selber. Unter Anleitung eines akademisch oder pastoral Tätigen entdecken sie den Sinn biblischer Texte wieder.
Neben der «Abwesenheit», der Folge «eines Himmels ohne Sterne», darf dank der immer noch wachsenden Bibelbewegung und dank des Enthusiasmus der akademisch Tätigen, die sich selbst in die «Sternenjagd» eingeschaltet haben, von Helligkeit gesprochen werden, schloss Prof. Tamez zuversichtlich.
Die Referate, die in Kleingruppen und anschliessend auf einem Podium mit der Referentin und den Referenten sowie Vertreterinnen und Vertretern der Kleingruppen diskutiert werden konnten, blieben stark formal, während die den zweiten Tag eröffnenden Textarbeiten zur lukanischen Erzählung von der Geburt Christi die vorgestellten Methoden stärker veranschaulichten. Diese Kurzreferate wurden unter Anleitung der Referentin und der Referenten in Workshops diskutiert, während das abschliessende Podiumsgespräch Gelegenheit zu Rückfragen an die überseeischen Gäste bot.

Konkretionen

Prof. Tamez wählte als Element des lateinamerikanischen Kontextes das bedrängende Problem der Gewalt, der eine Kultur des Friedens entgegengesetzt werden müsse. Vorbild dafür ist Jesus als der wahre Friedensbringer; er bringt die Erfüllung der messianischen Verheissungen, den schalom, gegen die vom Imperium Romanum erzwungene Pax Romana, unter deren Folgen die Menschen auch in Palästina zu leiden hatten. Prof. Yagi zeigte Konvergenzen und Divergenzen zwischen der buddhistischen Erzählung der Pilgerfahrt eines Jungen zur Erleuchtung und der lukanischen Geburtserzählung auf. Dabei stellte er als das gegenüber dem Buddhismus unterscheidend Christliche die Geschichte bzw. das Geschichtsverständnis heraus. Dass er von einem kulturellen Element des japanischen Kontextes ausgegangen ist, begründete er mit dem Sachverhalt, dass 90% der japanischen Bevölkerung dem Mittelstand angehören. Anders in Nigeria, wo 80% der Bevölkerung der Unterschicht (lower class) angehören. In diesem Kontext ist für Prof. Ukpong bei der Lektüre des biblischen Textes die erkenntnisleitende Frage: «Welche Hoffnung vermittelt das Weihnachtsevangelium für die armen Massen Afrikas?» So liest er die Texte, in denen die Erhöhung der Niedrigen und die Erniedrigung der Hohen an- und ausgesagt ist, als Hoffnungstexte.
Ein besonderes Anliegen ist ihm dabei, die Bibel gemeinschaftlich, in Gruppen zu lesen und die Kompetenz der einfachen Leute ernst zu nehmen; ihnen die Bibel zugänglich zu machen, sei eine wichtige Aufgabe der akademisch Tätigen. Wichtig wäre zudem die Verbindung von Bibelgruppen ­ eine Art von Bundesschluss ­ als Möglichkeit des Austauschs über Länder und Kontinente hinweg. Im lateinamerikanischen Kontext ist für Prof. Tamez der kulturelle Dialog mit den indigenen Philosophien mehr ein Desiderat als eine wahrgenommene Möglichkeit; die Not des Volkes macht eine «befreiungstheologische» Hermeneutik dringlicher. In Situationen der Erschöpfung legen sich für Prof. Tamez Symbole nahe ­ woraus sich eine Verschränkung von Exegese und Poesie ergibt.
«Kontextuelle Hermeneutik» gibt es aber nicht erst, seit die Bibel im «Welthorizont» bzw. in überseeischen Kontexten gelesen wird. Was kontextuell im europäischen oder nordamerikanischen Kulturraum heissen könnte, müsste mit der Reflexion der Kontextgebundenheit der akademischen Theologie beginnen und wohl auch mit der Anerkennung, dass die Ressourcen unterschiedlich verteilt sind.

Ein ökumenischer Schlusspunkt

Abgeschlossen wurde das Symposium bzw. Kolloquium ­ nach einer spannenden «historisch-theologischen» Stadtführung mit Prof. Rudolf Dellsberger ­ mit einem Referat, das in eine andere Welt führte, in die Welt ökumenischer Theorie und Praxis. Die anglikanische Episkopalkirche und die Evangelisch-Lutherische Kirche in den Vereinigten Staaten haben sich in den 1980er Jahren auf die Suche nach der vollen kirchlichen Gemeinschaft gemacht; diese führte 1991 zur Vereinbarung «Concordat of Agreement», die in der Folge überarbeitet und im Sommer 2000 von den nationalen Synoden der beiden Kirchen als «Called to Common Mission» angenommen wurde. Das Erstmalige an dieser Vereinbarung ist ein Brückenschlag in der Frage des kirchlichen Amtes. Einer der anglikanischen Baumeister dieser Vereinbarung, Prof. J. Robert Wright, reflektierte in diesem Referat ekklesiologische Fragen dieses ökumenischen Durchbruchs zwischen einer episkopalen und einer nicht-episkopalen Kirche.
Eingeführt wurde er von Prof. Urs von Arx, dem Dekan der Christkatholisch-Theologischen Fakultät, die im Gefolge eines Grossratsbeschlusses am 1. September 2001 ihre Eigenständigkeit verlieren, das heisst mit der bisherigen und weit grösseren Evangelisch-Theologischen Fakultät zusammen die neue «Christkatholische und Evangelische Theologische Fakultät» bilden wird.<2> Nach Meinung der politischen Behörden soll (nur) so die christkatholische Ausbildung, Lehre und Forschung an der Universität Bern längerfristig gesichert werden können. Bei diesem Entscheid wurde einseitig auf die Zahl der Studienanfänger bzw. der Absolventen des Normalstudiums abgestellt und der gesamt-altkatholischen und ökumenischen Bedeutung der Fakultät mit ihren internationalen Beziehungen nicht Rechnung getragen, obwohl die Behörden von den betroffenen Fakultäten, der Universität und anderen Theologischen Fakultäten auf diese Dimension aufmerksam gemacht worden waren. Für die Theologischen Fakultäten und die Kirchen, denen die Fakultäten Dienste nicht nur im Bereich der Ausbildung leisten, sollte dies eine Mahnung sein, sich vermehrt um die Vorstellungen der kantonalen und eidgenössischen Bildungspolitiker in Bezug auf die Zukunft der universitären Theologie in der Schweiz zu kümmern.


Anmerkungen

1 Dieses wird im Frontbeitrag vorgestellt.

2 Das letzte Jahreskolloquium der Schweizerischen Theologischen Gesellschaft hatte ausgerechnet im Rahmen des 125-Jahr-Jubiläums der Christkatholisch-Theologischen Fakultät stattgefunden!


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2001