48/2001

INHALT

Kirche in der Schweiz

"Höre und du wirst ankommen"

von Rolf Weibel

 

Im Pressegespräch, zu dem das Kloster Einsiedeln im Anschluss an den Dankgottesdienst für die glückliche Abtwahl eingeladen hatte, konnte Abt Martin Werlen noch kein «Regierungsprogramm» vorlegen. Sein Wahlspruch «Ausculta et pervenies ­ Höre und du wirst ankommen» wie seine Antworten auf ihm gestellte Fragen bringen aber klar zum Ausdruck, dass er sich in seinem Dienst als 58. Abt der Klostergemeinschaft von Einsiedeln und als Mitglied der Schweizer Bischofskonferenz vom Geist des hl. Benedikt und seiner Regel leiten lassen will, aus der benediktinischen Spiritualität heraus tätig werden will.


Abt Martin Werlen OSB, 58. Abt von Einsiedeln (Foto: Franz Kälin, Einsiedeln).

Vorbereitet wurde die Abtwahl in zwei Kapitelssitzungen, dem so genannten Murrkapitel vom 26. Oktober und dem Vorbereitungskapitel vom 9. November; dieses beschloss mit klarer Mehrheit die Amtszeitbeschränkung des zukünftigen Abtes auf 12 Jahre mit Wiederwahlmöglichkeit. Dieser Beschluss erleichterte dem Wahlkapitel vom 10. November, einen jungen Mönch zum Abt zu wählen, weil sich die Gemeinschaft so nicht auf Jahrzehnte hinaus festlegt und einem jungen Mitbruder nicht zu viel zumutet. In geheimer Wahl, an der sich alle 82 Wahlberechtigten beteiligten, wurde im vierten Wahlgang der 39-jährige Walliser P. Martin Werlen deutlich zum Nachfolger von Abt Georg Holzherr gewählt. In diesen Kapitelssitzungen, so erklärte Abt Martin Werlen am Pressegespräch, sei für die Klostergemeinschaft eine Atmosphäre spürbar gewesen, die sie gewiss nicht zuletzt dem Gebet so vieler Menschen verdanke, die diese Wahl begleitet haben. Beides, die Atmosphäre des Gebets und der deutliche Ausgang, habe ihn dazu gebracht, diese Wahl als eine Verpflichtung vor Gott und der Gemeinschaft zu verstehen und sie deshalb anzunehmen. Am 17. November hat Papst Johannes Paul II. die Wahl bestätigt.
Abt Martin wies auf zwei Besonderheiten dieses Vorgangs hin. Zum einen erfolgte diese Wahl demokratisch wie jede benediktinische Wahl, und das heisst in einer 1500-jährigen Tradition; der hl. Benedikt war überzeugt, dass in einer im Gebet versammelten Gemeinschaft Gott wirkt. Zum andern kam mit dem Beschluss der Amtszeitbeschränkung die Bereitschaft der Klostergemeinschaft zum Ausdruck, neue Wege zu gehen.
Überblickt man den Lebenslauf des neuen Abtes von Einsiedeln, versteht man den Ausspruch des kleinsten internen Klosterschülers, der zum noch nicht 40-jährigen P. Martin gesagt hat, um so viel erlebt und gemacht zu haben, müsse man mindestens 60 Jahre alt sein. P. Martin kam über den pädagogischen Bildungsweg ins Philosophie- und Theologiestudium (Chur und Einsiedeln), so dass sich das Weiterstudium in Pastoraltheologie (USA) und Psychologie (Rom) nahe gelegt hatte. Dieser Ausbildung entsprechend waren dann auch die Aufgaben, die er im Kloster zu übernehmen hatte, vor allem solche der Begleitung, der Lehrtätigkeit und der Schulentwicklung: an der Stiftsschule ist er noch Lehrer und Präfekt des Internats, an der (der Theologischen Fakultät des Pontificio Ateneo S. Anselmo in Rom affiliierten) Theologischen Schule Einsiedeln Studienpräfekt und Dozent. Aber auch ausserhalb des Klosters weiss man seine menschliche und berufliche Kompetenz zu schätzen ­ und in Kommissionen einzusetzen.
Das Benediktinische im Leben von Abt Martin ist, wie er selber ausführte, biographisch eng mit Einsiedeln verbunden. Am 29. März 1981 starb Br. Moritz Metry aus dem Wallis. Er hat verschiedenen Mitbrüdern versprochen, im Himmel dafür zu sorgen, dass wieder ein Walliser nach Einsiedeln kommt. Genau zwei Wochen später stiess Stefan Werlen zufällig zum ersten Mal auf die Benediktsregel, und ihm war klar, dass der benediktinische Weg seine Berufung ist. Weil diese Ausgabe der Benediktsregel von Abt Georg Holzherr besorgt und kommentiert worden war und er der einzige Mönch war, den Stefan Werlen zumindest dem Namen nach kannte, meldete er sich im Kloster Einsiedeln. Am 7. Oktober 1984 legte er als P. Martin seine erste Profess ab.

«Höre, mein Sohn...»

Das erste und das letzte Wort der Benediktsregel ­ «Ausculta et pervenies ­ Höre und du wirst ankommen» ­ ist nun auch der Wahlspruch von Abt Martin. Hören meint hier auf Gott hören, auf das, «was Gott uns heute sagen will: im Gebet; in den Sakramenten; in der Heiligen Schrift; in der Lesung der Väter; in jedem Mitbruder und jeder Mitschwester ­ besonders in den Jungen oder Kranken; in den Gästen; im Kritiker; in der Geschichte; in Freud und Leid». Abt Martin ist überzeugt: «All unser Tun ­ erst recht das religiöse ­ wird leer, wenn es nicht Antwort auf das Getroffensein von Gottes An-Spruch ist.»
Ankommen heisst hier bei Gott ankommen, denn «wir laufen und leben nicht einfach ins Leere, sondern auf ein Ziel hin: die ewige Gemeinschaft mit Gott. Wir dürfen unseren Lebensweg trotz aller Schwierigkeiten und Herausforderungen voller Hoffnung und Zuversicht gehen.»
Ob er denn eine progressive oder eine konservative Linie vertrete und wie er sich im Rahmen der Bischofskonferenz bei im Kirchenvolk strittigen Fragen verhalten werde, war eine unvermeidliche Frage. Die Antwort gab Abt Martin mit der Aufforderung der Benediktsregel: «Schreiten wir voran auf den Wegen des Herrn!» Das Vorangehen sei progressiv, die Wege, auf denen gegangen werde, müssten im Hören auf Gott gegangen werden, allerdings auch im Hören auf das, was Gott uns heute sagt. So habe auch die Erste Einsiedler Jugendwallfahrt, an der er als Mitinitiator und Mitorganisator beteiligt war, traditionelle Elemente der Einsiedler Wallfahrt aktualisiert. Bei strittigen Fragen sei es zudem wichtig, auf jene zu hören, die eine andere Meinung vertreten. In diesem Zusammenhang betonte Abt Martin, die Klostergemeinschaft von Einsiedeln sei nicht polarisiert und es gebe keine einander gegenüber stehende Lager, wofür er im übrigen dankbar sei.
Ob sich die Gemeinschaft verspreche, ein junger Abt würde auf den Nachwuchs anziehend wirken, antwortete Abt Martin entschieden, Gott verlange vom Mönch nicht, für Nachwuchs zu sorgen, sondern seine Berufung zu leben. Das Wesentliche sei, dass jeder Mensch seine Berufung erkenne und ihr folge. Selbstverständlich freue sich die Gemeinschaft über jeden Einzelnen, der eintritt.
Nach seiner Wahl hat Abt Martin der Klostergemeinschaft erklärt, er habe Angst vor der Verantwortung, weil sie auch Macht bedeute und Machtmissbrauch auch im Kloster möglich sei; er wolle sich für das Wohl derer einsetzen, für die er Verantwortung trage, und er bat die Gemeinschaft, ihn dabei kritisch zu begleiten. Auch wenn die Begriffe in diesem Zusammenhang nicht üblich sind, legen sie sich hier doch nahe: Qualitätskontrolle und Qualitätssicherung. Die Benediktsregel ist dafür eine hervorragende Hilfe; dass sie heute mit komplexen Situationen vermittelt werden muss, das hat Abt Martin schon in verschiedenen Arbeitsbereichen erfahren und in mehreren Aufsätzen erwogen. Auf dem neuen Arbeits- und Verantwortungsbereich begleitet ihn das Gebet gewiss auch vieler unserer Leser und Leserinnen.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2001