41/2001 | |
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Kirche in der Schweiz |
Vom 15. Mai bis 20. Oktober 2002 findet im Raum der Drei Seen die nächste
Landesausstellung der Schweiz statt. Landesausstellungen haben eine gewisse
Tradition: 1939, am Vorabend des Krieges, fand in Zürich die «Landi»
statt. 1964 organisierte man in Lausanne eine Expo 64. Im Sinne dieser grossen
Landesausstellungen wurde die Expo.01 konzipiert. Verschiedene Schwierigkeiten
bei der Planung und Finanzierung haben dazu geführt, dass die Expo
verschoben werden musste und nun im nächsten Jahr stattfindet. Nach
dem Willen der Planer soll es keine Leistungsschau der Schweizer (Wirtschaft)
werden, sondern ein Raum der Imagi-Nation, der erlaubt, ein Bild der Zukunft
zu entwickeln.
Die Expo findet nicht an einem, sondern an vier Standorten statt. Eine mobile
Arteplage, ein Schiff, symbolisiert einen fünften Standort. Biel (Kanton
Bern), Neuchâtel (Kanton Neuchâtel), Yverdon (Kanton Vaud) und
Murten (Kanton Freiburg) sind die festen Standorte; die Arteplage mobile
wird vom Kanton Jura betreut.
Ausstellungen, die von der Künstlerischen Direktion zusammen mit Partnern
entwickelt werden, bilden den festen Kern der Ausstellung; Events, Theateraufführungen
und/oder Thementage sollen Höhepunkte im Programm bieten.
Getragen wird das Engagement der Kirchen vom Verein ESE.02. (Églises
de Suisse à l'Expo.02 [ESE.02]). Der Verein hat den Zweck, an der
Landesausstellung «die Gegenwart und das Zeugnis der Kirchen zu sichern
und seine Mitgliedkirchen bei den Organisatoren der Expo.02 zu vertreten»
(Statuten).
ESE wurde am 17. Dezember 1996 gegründet. Zur Mitgliedschaft haben
sich praktisch alle christlichen Kirchen entschlossen; neben den Reformierten,
Katholiken und Christkatholiken sind die evangelischen Freikirchen wie auch
die orthodoxen Kirchen der Schweiz dabei. Die Geschlossenheit der christlichen
Kirchen im Verein ESE ist damit bisher einzigartig.
Ein erstes Projekt, das die vierzehn Mitgliedkirchen gemeinsam erarbeitet
hatten, lehnte die damalige Expo-Leitung ab. Ein zweiter Anlauf gemeinsam
mit der Künstlerischen Leitung der Ausstellung wurde unternommen. Dann
folgte der Entscheid, die Expo zu verschieben. Das gab Raum, neue Wege zu
suchen, damit die Kirchen doch noch an der Landesausstellung präsent
sind.
Inzwischen sind die Projekte entwickelt und in der Realisierungsphase. Drei
Aktivitäten sind im Rahmen der Expo.02 geplant: Eine Ausstellung «Un
ange passe», die während der gesamten Expodauer in Murten zu
sehen sein wird, sowie zwei Thementage: An Pfingsten (19. Mai 2002) und
am Eidgenössischen Bettag (15. September 2002) gestalten die Kirchen
zwei Tage, die im Rahmen des Expo-Programmes stattfinden.
Die Ausstellung benutzt an drei Standorten grosse Plattformen, die in die
Seen hinausgebaut werden (die Arteplages; Arteplage ist ein Kunstwort, «plage»
heisst der Strand, Arteplage etwa: Künstlicher Strand). Neben diesen
Arteplages befinden sich auch kirchliche Räume. Die Expo.02 findet
mittten in den Städten statt. Die Kirchgemeinden der Standorte haben
sich deshalb zusammengeschlossen, um auf die Expo und die vielen Gäste
zu reagieren.
Dieses lokalen Vereine (OPEN.02 genannt) organisieren verschiedene Programmpunkte.
Sei es, dass sie einen Ort der Stille anbieten oder Unterkünfte für
Gruppen aus Kirchgemeinden anderer Regionen der Schweiz. Der Verein «Schweizer
Kirchen an der Expo.02» hat eine Informations- und Koordinationsaufgabe
übernommen, damit die verschiedenen Angebote sich möglichst nicht
konkurrenzieren.
«Un ange passe» ist ein gemeinsames Projekt der Künstlerischen
Direktion der Expo.02 und der Schweizer Kirchen (ESE.02). Die Entwicklung
des Projektes liegt seit Oktober 1998 in der Hand einer Arbeitsgruppe, die
sich zusammensetzt aus dem Autor des Projektes, Gabriel de Montmollin, Danielle
Nanchen seitens der Expo.02 sowie Thérèse Meyer, Nationalrätin,
Daniel Alexander und Edmond Moret, beide Pfarrer, und Georg Schubert, Geschäftsführer,
seitens des Vereins ESE.02. An der Finanzierung des Projektes, dessen Kostenaufwand
mit rund fünf Millionen Franken beziffert wird, beteiligen sich die
Kirchen mit einem Beitrag von einer Million Franken.
Die Grundidee ist: Vielen Menschen genügt es nicht, ihre materiellen
Bedürfnisse zu stillen. Offenbar bekommt das Leben seinen Sinn durch
etwas, was tiefer liegt. Wir erfahren, dass der Fortschritt entscheidende
Fragen offen lässt: Warum das alles? Warum Glück, warum Ungerechtigkeit
und Tod, warum Liebe? Warum ... Gott? Alles ist im Fluss alles wandelt
sich. In allem radikalen Wandel lässt sich jedoch bleibende Wahrheit
in Bruchstücken erkennen. Das rufen die Religionen, und im Besonderen
die christliche, immer wieder in Erinnerung. Sie tun das im heutigen Umfeld
und versuchen, es in heute verständlichen Bildern auszudrücken:
dass Gott spricht, bevor der Mensch antwortet, dass Natur mehr ist als die
Summe von chemischen und physikalischen Kreisläufen, dass die Würde,
die einem einzigen Menschen wieder geschenkt wird, vorausahnen lässt,
dass der ganzen Welt eine Zukunft des Friedens zugesagt ist, dass der Tod
in sich das Versprechen eines neuen Morgens birgt...
Die Schweizer Kirchen und die Expo.02 möchten mit dem Projekt «Un
ange passe» Künstlerinnen und Künstlern Gelegenheit geben,
Fragen und Antworten zu suchen zu den grossen Themen des Lebens und des
Glaubens. Mit religiösen Symbolen wie dem Engel und den 7 Himmeln weisen
sie auf den weiten Horizont des Geheimnisses hin, das sich hinter dem verbirgt,
was als gegeben erscheint.
Auf der Arteplage Murten werden 7 Räume eingerichtet, 7 Himmel, die
je ein religiöses, christliches Grundthema behandeln wie Wort, Teilen,
Gebet oder Leben nach dem Tod. Diese Orte laden die Besucherinnen und Besucher
ein, aufzuatmen, innezuhalten, zu staunen, sich zu freuen, Mut zu fassen,
nachzudenken, neu zu denken, umzudenken oder weiterzugehen. 7 Himmel entlang
des Murtensees, gestaltet vom Büro Jean Nouvel, das verantwortlich
zeichnet für die ganze Arteplage in Murten. 7 zeitgenössische
Installationen von Kunstschaffenden mit nationalem und internationalem Ruf.
7 Themen des Lebens und des Glaubens: Schöpfung, Segen, Wort, Leben
nach dem Tod, Beziehungen und Austausch, Gute Nachricht, Wunder.
Sieben Räume sind diesem Projekt zugeordnet. Die sieben Orte werden
dargestellt als Himmel, die sich über die Erde wölben. Der Himmel
steht im Einklang mit der traditionellen Sicht des Engels und ist zudem
eine weit verbreitete Metapher für den Sitz Gottes. Er ist ein Archetyp
der kindlichen metaphysischen Vorstellungswelt; und die heutige Begeisterung
für die Astrophysik zeigt, dass er nach wie vor zentral ist für
Fragen nach dem Sinn des Lebens. Auch die Zahl 7 ist von grosser symbolischer
Bedeutung. Sie drückt die Ganzheit und Vollkommenheit aus, ist aber
auch noch in dem Ausdruck «im siebten Himmel» als Bezeichnung
von Ekstase oder Erfüllung gegenwärtig.
Im Übrigen soll die Architektur und Form des Himmels erlauben, die
Grundidee des Projektes deutlich zu machen. Es handelt sich nicht darum,
eine spirituelle Welt aufzuzeigen, die abgehoben oder losgelöst von
der menschlichen Wirklichkeit ist, sondern im Gegenteil aufzuzeigen, dass
es auch in den dunklen Momenten noch etwas blauen Himmel und Licht gibt,
Zeichen der Hoffnung. Das ist es, was die Religionen allgemein, die christliche
aber ganz besonders betonen, die die Offenbarung des Lichtes ankündigt,
eine Offenbarung, die die Sicht der Welt verändert. Es geht deshalb
nicht darum, der religiösen Welt von heute einen Spiegel vorzuhalten,
sondern darum, im Licht einer Ausstellung von verschiedenen Themen den Blickwinkel
zu ändern.
Formal sind die sieben Himmel als Gewölbe (nicht als Kuppeln) konzipiert.
Sie haben eine Grundfläche von 5 m u 7 m und sind 5 m hoch. Jeder Himmel
ist durch einen Künstler oder eine Künstlerin mit seinen und ihren
eigenen Stilmitteln und jeweils einer Thematik gestaltet.
Das Projekt lebt davon, dass sich die sieben Himmel ergänzen. Keiner
deckt das Ganze ab. Alle gehören zusammen. So kann der Besucher in
jedem Himmel etwas anderes erleben oder auch tun. Kann er den einen Himmel
betreten, ja auf dem Kunstwerk spazieren, kann er den andern nur von aussen
betrachten. Lädt ein Himmel ein, mit dem Wasser zu spielen, es zu trinken
und sich zu erfrischen, fordert ein anderer Himmel zum Nachdenken und Fragen
heraus. Die Autoren hoffen, dass der eine Himmel nachdenklich stimmt und
der andere einem zum Lachen bringt und so die Besucher ganzheitlich angesprochen
werden.
Der Himmel der guten Nachricht stellt die Ergebnisse einer Umfrage aus,
die Anfang September 2001 startete. Die Autoren suchen Antworten auf die
Frage «Wer bist Du für Gott?». Ein Umfrageinstitut sucht
tausend Antworten. Diese Antworten bilden den Grundstock, der während
der Expo.02 gezeigt werden kann. Gleichzeitig sollen die Besucher animiert
werden, ihre Antwort handschriftlich auf einem Bildschirm zu notieren. Jede
Antwort kann gross an die Wand projiziert werden.
Der Himmel des Wunders zeigt einen wichtigen Aspekt des Evangeliums: die
Umkehrung der Werte: die Ersten werden die Letzten sein und die Armen selig.
Der beauftragte Künstler stellt eine kleine Figur eines hässlichen
Menschen in die Mitte des Raumes. Sie soll zeigen, dass jede und jeder Zugang
hat. Sie steht auf dem Kopf und symbolisiert so, dass nichts beim Alten
bleibt.
Sieben naturgrosse geschnitzte Holzesel stehen im Himmel der Schöpfung.
Sie schreien wie die ganze Schöpfung noch seufzt und heute noch schreit
in der Erwartung von Gottes Herrlichkeit.
Der Himmel des Wortes lädt den Besucher und die Besucherin ein, sich
Gedanken über die Bedeutung von vier Wörtern zu machen: Salz,
Erde, Licht, Welt. Was bedeuten sie? Welches ist ihr Ursprung? An was knüpfen
sie an? Texte illustrieren diese Worte, die aus den beiden Versen des Evangeliums
stammen: Ich bin das Licht der Welt, Ihr seid das Salz der Erde.
Im Himmel des Austausches und der Beziehungen werden auch andere Religionen
vertreten sein. Die Künstlerin hat Objekte aus allen grossen Traditionen
gesammelt und erzählt mit diesen Geschichten. Dabei ist es ihr wichtig,
dass die Religionen nicht vermischt werden; sie möchte keine neue Einheitsreligion
schaffen, sondern respektvoll Geschichten von Religionen erzählen.
Der Himmel des überwundenen Todes ist das schwierigste Projekt, es
soll das Unfassbare, das Unsichtbare sichtbar machen. Das Projekt befindet
sich momentan noch in der Entwicklungsphase.
Der Himmel des Segens stellt sechs Hände dar, aus denen Wasser als
Symbol des Segens fliesst. Das fliessende Wasser sammelt sich in der Mitte
des Raumes und fliesst in den See.
Die Autoren haben als eines der wesentlichen Ziele formuliert, dass Menschen
ins Fragen kommen. Kann dieses Ziel erreicht werden, sollen auch Menschen
da sein, die Rede und Antwort stehen, wenn bei Besuchenden Fragen geweckt
werden. Die Betreuung und Aufsicht der Himmel soll deshalb über einen
reinen «Museumswärter-Dienst» hinaus gehen. Gleichzeitig
garantiert dieses Personal die Sicherheit der Kunstwerke während der
Öffnungszeiten und die Betreuung allfälliger technischer Installationen.
Für diese Betreuungsaufgaben werden die christlichen Gemeinden und
Gemeinschaften der Schweiz um ihre Mithilfe gebeten. Die Autoren rechnen
mit etwa 14 Freiwilligen und zwei Angestellten pro Tag für die Betreuungsaufgaben.
Pfingsten (19. Mai 2002) ist der Tag des «Chorfestes». Ungefähr
100 Chöre und Musikgruppen aus dem Raum der Kirchen, unterstützt
von Mimen, sollen vier Tage nach der Eröffnung der Expo.02, am Pfingstsonntag,
auftreten. Sie repräsentieren eine bunte Vielfalt musikalischer Traditionen.
Da kommt vielleicht der Gospelchor einer Mittellandgemeinde oder der gregorianische
Chor eines Klosters, ein fetziger Teenager-Chor singt, die Brassband der
Heilsarmee spielt, ein russischer Chor tritt mit liturgischer Musik auf
oder ein Jodlerchor bringt ein Stück aus der Jodlermesse. Die Chöre
werden von Personen begleitet, die den Besuchern Informationen zum Gesang
der Gruppe abgeben. Predigten soll es an diesem Tag keine geben. Den Menschen
wird ein «Hosensackgebet» abgegeben: ein Taschentuch, bedruckt
mit Worten, Gedanken usw., die ein moderner Mensch zum Beten brauchen kann.
Den Tag schliesst eine gemeinsame Vesperfeier.
Am Bettag (15. September 2002) sollen unter dem Titel «Menschen hinterlassen
Spuren» die verborgenen kleinen Taten, der Akt der Nächstenliebe,
der Solidarität im Kleinen dargestellt werden. Die modernen Werke der
Barmherzigkeit die Dinge, die in der Schweiz «einem meiner geringsten
Brüder und Schwestern» getan werden sollen im Mittelpunkt
des Bettagsevents stehen. Der Bettagsevent möchte vielfältige
Begegnungen ermöglichen: Berühmte Menschen unserer Zeit begegnen
Menschen, die nicht so im Rampenlicht stehen, die aber im sozial-diakonischen
Bereich etwas Innovatives und Bewundernswertes erreicht haben. Die Seelsorgerin
einer AIDS-Klinik der ersten Stunde, ein Gassenarbeiter im Drogenmilieu,
die Initiatorin eines interkulturellen Sozialprojekts, das die Situation
von Migranten verbessert, treffen auf Menschen, die in Sport, Kultur oder
Politik Grosses bewirkt haben. Aber auch Begegnungen der Besucherinnen und
Besucher untereinander. Durch Schauspieler und Schauspielerinnen könnten
die Besucher animiert werden, selbst zu überlegen, wo sie Spuren hinterlassen
haben, und diese grösseren oder kleineren Ereignisse festhalten. Ausstellungswände
zu innovativen Sozialprojekten, Podiumsgespräche zu sozialethischem
Handeln, ein Gestaltungsprojekt «Die Taten der Barmherzigkeit heute
im Jahre 2002 was würde das heissen?» runden das
Thema ab.
Die Arbeit im Verein ESE.02 unter den verschiedenen Kirchen fordert viel Gespräch und Zeit. Es ist nicht einfach, sich auf Projekte zu einigen. Nicht alle Kirchen können alle Projekte mittragen; so sind einzelne Freikirchen aus dem Projekt «Un ange passe» ausgestiegen. Weil sie bei den anderen Projekten aber mittragen, sind sie im Verein geblieben. Die Projekte der Kirchen richten sich zunächst an den «durchschnittlichen» Expo-Besucher. Viele haben keinen besonders intensiven Kontakt mehr zur Kirche. Gleichzeitig sollen aber Menschen, die sich zur Kirchen halten, wiederfinden, was ihnen wichtig und teuer ist. Das ist eine Gratwanderung. Ob sie gelingt, zeigt erst der «Ernstfall».<1>
1 Informationen: ESE.02, Schweizer Kirchen an der Expo.02, Geschäftstelle, Montmirail, 2075 Thielle, Telefon 032-7569030, Fax 032-7569039, E-Mail info@ese-02.ch, Internet www.ese-02.ch