29-30/2001

INHALT

Kirche in der Schweiz

Von der Volkskirche zur Esoterikmesse

von Anton Schwingruber

 

Aufbruch ­ Umbruch» ist das Thema dieser Synode<1> ­ und es ist das Thema unserer Zeit! Aber ist das so neu? War es nicht schon immer so, dass sich die Menschen im Aufbruch befanden und dabei stets einen Umbruch erlebten? Es war so. Doch in unserer Zeit ­ und das ist das Besondere an ihr ­ erfolgen Aufbruch und Umbruch mit einer ungeheuren Dynamik. Mit dem heutigen Thema entspricht die Synode der allgemeinen Befindlichkeit. Gleichzeitig bringt sie zum Ausdruck, wie wichtig es ihr ist, nicht bei der Skizzierung der Situation zu verweilen, sondern einen Schritt nach vorne zu tun. Ich will versuchen, diesem Anliegen mit meinen Ausführungen zu entsprechen.
Lassen Sie mich zwei Vorbemerkungen machen:
Der von mir gewählte Titel könnte die Vermutung nahe legen, ich würde mich einseitig nur mit der kirchlichen und religiösen Situation befassen und Fragen der Beziehung Kirche­Staat ausklammern. Das wäre ein falscher Eindruck. Ich werde mich selbstverständlich auch damit befassen.
Sie werden sich fragen, in welcher Rolle ich zu Ihnen spreche. In einer doppelten: als aktives Mitglied einer der hier vertretenen Kirchen, aber auch als Mitglied der kantonalen Regierung. Ich werde beides nicht voneinander trennen können, immer aber meine persönliche Meinung darlegen. Ich habe in keinem Teil meiner Ausführungen einen offiziellen Auftrag.

Zur Ausgangslage

Es haben die drei Landeskirchen des Kantons Luzern zu dieser Synode eingeladen. Ein erfreuliches Zeichen! Allein schon damit wird ein Stück Ökumene gelebt, wie wir sie eigentlich in diesem Kanton seit langer Zeit pflegen. Ich darf daran erinnern, dass wir in den vergangenen Jahrzehnten erfreulich wenig konfessionelle Verwerfungen zu verzeichnen hatten. Wir alle hoffen, dass dieser Geist anhält. Die heutige Synode gibt Grund zu dieser Hoffnung. Auch wenn wir als Katholiken feststellen müssen, dass Rom mit der jüngsten Erklärung der Kongregation für die Glaubenslehre keine besonders glückliche Hand bewies.
Erfreulich ist auch, dass diese Zusammenkunft gerade jetzt stattfindet. Ich darf daran erinnern, dass vor 30 Jahren die gesetzlichen Grundlagen für die Gründung der drei Landeskirchen gelegt wurden. Wir dürfen feststellen, dass sie sich bewährt haben.
In den Unterlagen zur heutigen Zusammenkunft sprechen Sie jedoch nicht nur das Thema Ökumene an. Sie weisen vielmehr darauf hin, dass die Kirchen eine «Kraft des Sauerteigs» sein müssen. Daran schliessen Sie die provokative Frage an: «...oder werden unsere Kirchen zu Museen?»
Ich möchte die Provokation fortsetzen und noch viel schärfer fragen: Sind viele Kirchen (verstanden als Bauten) nicht bereits Museen? Und brauchen wir die Kirchen (verstanden als Institutionen) überhaupt noch? Denn die Zeichen sind nicht zu übersehen. Nur als Beispiel:
Die 28-jährige Wasserspringerin Jaqueline Schneider stellte in einem Interview für ihre Person fest: «Ich bin Katholikin ohne Institution.» Sie dürfte mit dieser Feststellung nicht allein sein!

Dem Statistischen Jahrbuch 2000 der Schweiz ist zu entnehmen, dass die Landeskirchen zwar noch einen «beeindruckenden Marktanteil» halten, wie es Urs Widmer im «Tages-Anzeiger» formulierte. Doch 6,7% der Bevölkerung leben bereits ohne einen namentlich bekannten Gott. Widmer schreibt: «Nur Dialekt sprechen, den ganzen Tag fernsehen und keine Religion haben: diese Kombination wird immer häufiger.»
Und was der Ministerpräsident von Thüringen, Bernhard Vogel, vor kurzem zur Situation der Kirchen in den neuen Bundesländern sagte, trifft ­ mit anderen Vorzeichen versehen ­ wohl immer mehr auch bei uns zu: Dass nämlich sehr viele Menschen bereits in der zweiten oder gar dritten Generation keinen Kontakt mehr zu den Kirchen pflegen.

Die Volkskirche

Ausgangspunkt unseres landläufigen Kirchenverständnisses ist die so genannte «Volkskirche». Von «Volk Gottes» ist offensichtlich seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil sehr viel die Rede. Nach einem Wort des deutschen Theologen Norbert Lohfink hat die Kirche selber die «Gestalt von Welt». Wörtlich: «Die Kirche dient nicht einem Volk ­ sie ist Volk.»
Landläufig mag das etwas anders tönen. «Volkskirche» etwa im Sinne der Feststellung: Volk geht zur Kirche. Ich persönlich verstehe unter «Volkskirche» das, was ich aufgrund meiner persönlichen Erfahrung und Befindlichkeit bezüglich der Kirche und ihrer Rolle erlebt habe. Dabei verstehe ich unter «Volk» die Gesamtheit der Bevölkerung und nicht nur das «einfache Volk» ­ im Gegensatz etwa zu kirchlichen und staatlichen Würdenträgern oder zur geistigen und wirtschaftlichen Elite.
Wie sah diese «Volkskirche» in meiner Jugendzeit, in den ausgehenden fünfziger und den beginnenden sechziger Jahren aus? Als wichtigste Feststellung: In der traditionellen Gesellschaft jener Jahre war der Jahresablauf kirchlich und religiös geprägt. Die einzelnen Lebensstationen ­ von der Taufe bis zur Beerdigung ­ erlebten wir in selbstverständlicher Anbindung an die Kirche. Taufe, Erstkommunion, Firmung, Trauung, Beerdigung waren von der Kirche vorgegeben ­ egal, ob sie mich persönlich betrafen oder nur als Eingeladenen oder als Zuschauer erfassten.<2>
Der Ablauf des bürgerlichen Jahres war stark von den Bräuchen und Festen der Kirche geprägt:
Eine aktive Fastenzeit als Vorbereitung auf eine eindrückliche Karwoche mit einprägsamen Ritualen von Palmsonntag bis Ostermontag.
Allerheiligen und Allerseelen mit Totenfeier, Ablassgebet und Gräberbesuch.
Die Adventszeit mit St. Nikolaus.
Weihnachten und Dreikönige
Viele einzelne Bräuche und Feste: Tiersegnung am Tag des «Säulitoni» (17. Januar), Maria Lichtmess (2. Februar), Blasiussegen (3. Februar), St.-Agatha-Brote (5. Februar), das Fest des heiligen Josef (19. März), St. Hubertus, einer der 14 Nothelfer (3. November), St. Martin (11. November) mit dem Martini-Markt an vielen Orten und selbstverständlich die Namenstage in der eigenen Familie.
Das Kirchweihfest, verbunden mit der so genannten «Chilbi».
Viele Bittgänge und Prozessionen nach besonderen Festtagen und in der Woche von Christi Himmelfahrt. In bester Erinnerung sind mir die monatlichen Prozessionen mit dem Allerheiligsten und mit dem von den Kirchenräten getragenen Baldachin. (Heute weiss man kaum mehr, wer im Kirchenrat sitzt!)
Schliesslich die vom Staat mitgeprägten Anlässe wie Sempacher Schlachtjahrzeit sowie Eidgenössischer Dank-, Buss- und Bettag.

Die Esoterikmesse

Nicht alles, aber vieles von dem ist passé. Einiges konnte «gerettet» werden; anderes bekam ein neues Gesicht. Ich denke an die Umritte an Christi Himmelfahrt, die dank der Schönheit der Landschaft, der Freude vieler Menschen am Wandern und der Renaissance des Pferdes neues Interesse wecken.
Um gerecht zu sein: Es kam auch Neues und Gutes hinzu. Ich denke an Nachtwallfahrten, Familiengottesdienste in einem völlig neuen Rahmen, Haus- und Wohnungssegnungen, Gebets- und Bibelgruppen ­ auch für Jugendliche.
Nicht zu vergessen die karitative und soziale Leistung der Kirchen, die es nach wie vor gibt. Diese Leistung ist in vielem unscheinbar, aber auch unverzichtbar. Und auch hier gibt es viele neue Initiativen: die Gassenarbeit (auch in Luzern), das Gespräch zwischen den Generationen, der Gottesdienst der Evangelisch-reformierten Kirche für Motorradfahrer am Bözberg, die Begegnung mit Ausländerinnen und Ausländern im Rahmen unserer Pfarreien, das neue Integrationsprojekt des Katholischen Frauenbundes und vieles andere!
Aber das konnte und kann die «Volkskirche», wie wir sie alle gekannt haben, nicht retten. Auch die kirchliche Infrastruktur, die «Annex-Betriebe» der Kirchen, sind weitgehend verschwunden oder bestehen nur noch in kümmerlicher Form. Vieles wurde umgewandelt oder hat sich eine neue Zielsetzung gegeben ­ meist ausserhalb der kirchlichen Bannmeile. Ich nenne für die Katholiken:
Die «katholische Presse», die es in der früher gerühmten Weise schlichtweg nicht mehr gibt. Wichtige Organe wie «Jungmannschaft» sind schon längst eingegangen; andere wie «Mirjam» haben kürzlich die Segel gestrichen.
Vieles kann ich nur in Stichworten antippen: Volksbuchgemeinde, Vinzenzverein, Jungmannschaftsverband, Jungfrauen-Kongregationen und viele andere Vereine. (Erst kürzlich hat der «Schweiz. Katholische Turn- und Sportverband» seinen Namen abgelegt.)
Das «Kolping» musste verkauft werden; dem «Union», einst stolzer Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens von Katholisch-Luzern, erging es nicht besser.
Bei all diesen Beispielen ist der Umbruch mit Händen zu greifen. Eine Kultur, eine Tradition ist zu Ende ­ eine neue noch längst nicht in Sicht.
Da stellt sich tatsächlich die Frage, ob die Kirchen nur noch die Funktion von Museen besitzen, die man allenfalls in den Ferien besichtigt, und ob die Seelsorgerinnen und Seelsorger bloss noch den Status von Dienstleisterinnen und Dienstleistern haben, für Heirat und Taufe ­ manchmal auch in umgekehrter Reihenfolge! ­ und für die Beerdigung.
Wolfgang Brückner behauptet in seinem Beitrag zum berühmten Werk über die «Volksfrömmigkeit in der Schweiz»<3>, die öffentlichen katholischen Feste besässen bloss noch den Charakter folkloristischer Schauveranstaltungen und der evangelischen Jugendarbeit komme die blosse Funktion städtischer Sozialtherapie zu.
Was blüht, sind neue Gruppierungen, Denominationen jeder Art, Sekten usw. ­ weit ausserhalb der Kirchen:
Die Esoterikmesse des Jahres 2000 in Zürich verzeichnete innerhalb von zwei (!) Tagen 15000 Besucherinnen und Besucher.
In Deutschland soll es, gemäss Ausführungen von Hugo Stamm in seinem neuesten Werk: «Achtung Esoterik»<4>, 30000 Seelsorger der traditionellen Kirchen, aber 500000 Begleitpersonen im esoterischen Bereich geben.
Kleinanzeigen zu Beratungen füllen ganze Spalten. Ebenso die Ritualangebote ­ neuestens ein dankbares Feld für ausgetretene Kirchenmitglieder und dispensierte Priester.
Im «SonntagsBlick» vom 6. August 2000 wurde der «neuen Religion Shopping» eine ganze Beilage gewidmet. Da waren Schlagworte zu lesen wie: Die modernsten Kathedralen des Konsums. Report aus dem raffiniertesten Einkaufstempel Europas. Usw.
Ich sage das alles ohne Bewertung und ohne jede Häme. Diese Zeiterscheinungen eignen sich auch schlecht für irgendwelche Sprüche.
Es wäre aber höchst gefährlich, zu übersehen, was sich hinter dieser Entwicklung versteckt: Die Suche und das Bedürfnis der Menschen nach Lebenssinn. Im gleichen Masse, wie sich die Gesellschaft individualisiert und die Kirchen die religiösen Grundbedürfnisse nicht mehr zu befriedigen vermögen ­ aus welchen Gründen auch immer! ­ versucht jede und jeder, das Glück nach dem eigenen Geschmack zu schmieden und zu zwingen.<5>
In der Zeitschrift «Christliches Zeugnis», herausgegeben vom «Campus für Christus»<6>, heisst es: «Nicht wenige Menschen wenden sich den Formen neuer Religiosität zu, weil ihnen die traditionellen Kirchen solche Erfahrungen nicht zu vermitteln vermögen.»

Offene Fragen

Es liegt nicht an mir, den Kirchen gute Ratschläge zu erteilen. Das ist die Aufgabe dieser Synode. Aber ein paar Fragen möchte ich doch stellen. Denn was sich hier tut, kann auch einem Politiker nicht egal sein:
Zu sehr hängt von dieser Entwicklung das Verhältnis Kirche­Staat ab.
Zu sehr hängt von der Frage, wie das geistig-religiöse Umfeld morgen aussieht, die Einstellung der Bevölkerung zu vielen Problemen des Staates, der Wirtschaft und der Wissenschaften ab.
Und zu sehr hängt davon das Zusammenleben in unserem Staate ab.
Uns allen muss an einer gesunden Entwicklung der Kirchen und eines aktiven, unverkrampften religiösen Lebens der Bevölkerung sehr viel liegen.

Daher meine Fragen:

Wie können es sich die Kirchen ­ die eine mehr, die andere weniger ­ leisten, ihre Leute in einer Sprache anzureden, die längst Vergangenheit ist oder die schlicht und einfach nicht mehr verstanden wird?
Wie können es sich die Kirchen leisten, der Öffentlichkeitsarbeit, der Kommunikation nach innen und nach aussen, so wenig Beachtung zu schenken, sie so stiefmütterlich, so unprofessionell zuhandhaben? Und wenn ich von Öffentlichkeitsarbeit spreche, dann meine ich alles, was dazu gehört ­ vom Communiqué bis zum persönlichen Auftritt, von der«Kleiderordnung» bis zum ungezwungenen Kontakt.
Wie kann es sich die katholische Kirche leisten, wichtige Lebensfragen so lebensfremd zu diskutieren und zu behandeln ­ als ob es nicht auch in vielen dieser Fragen einen Wandel geben dürfte, als ob alles und jedes Dogma wäre.
Wie kann es sich die katholische Kirche leisten, auf viele ihrer besten Leute zu verzichten ­ nur weil sich diese nicht für ein Leben lang auf den Zölibat verpflichten lassen wollen?
Wie kann es sich die katholische Kirche leisten, einen gewichtigen Teil des Volkes Gottes, nämlich die Frauen, von wesentlichen Diensten auszuschliessen? Hat nicht Bischof Kurt Koch selber, als Professor an der Theologischen Fakultät in Luzern, im Sommer 1987, in einem viel beachteten Beitrag der «Schweizerischen Kirchenzeitung»<7> geschrieben: «Gemäss dieser Verheissung (gemeint ist die Verheissung in Joël 3,1­2) kommt der Heilige Geist nicht auf einzelne Erwählte und ÐAusgelosteð (= Kleriker) wie Lehrer, Könige und Priester herab. Er wird vielmehr auf das ganze Volk der Glaubenden ausgegossen und macht es zu einem Volk von Geistlichen, in dem Söhne und Töchter Propheten sind ...»
Schliesslich: Wie lange können es sich die Christen aller Konfessionen noch leisten, getrennte Wege zu gehen? Denn ich bin der Ansicht, dass uns im neuen Jahrhundert derart gewaltige Probleme erwarten, dass es unsere Pflicht ist, die Kirchenspaltung so rasch wie möglich zu überwinden.
Ich weiss, dass solche und ähnliche Fragen mit vielen anderen Fragen und mit vielen Folgeproblemen belastet sind. Doch richten wache Christen zu Recht die Anfrage an die Verantwortlichen in den Kirchen, ob nicht endlich neue Lösungen angestrebt und nicht endlich mutigere Schritte getan werden müssten.

Was soll der Staat?

Ich habe in der Einleitung vermerkt, dass vor 30 Jahren die Landeskirchen aus der Taufe gehoben worden sind. Ich kann auch darauf hinweisen, dass vor 20 Jahren, am 2. März 1980, das Schweizer Volk mit einem überwältigenden Ergebnis die «vollständige Trennung von Staat und Kirche» abgelehnt hat (1052294 Nein zu 281760 Ja). Auch werden Sie sich daran erinnern, dass erst vor wenigen Jahren die Zürcher Stimmberechtigten eine ähnliche Initiative verworfen haben.
Doch täuschen wir uns nicht: Die Frage ist damit nicht vom Tisch. Sie wird immer wieder gestellt werden. Und je mehr das Denken in Franken und Rappen zunimmt, je mehr nur noch der kommerzielle und finanzielle Erfolg zählt, je mehr der Exodus aus den Landeskirchen anhält, desto hartnäckiger wird auch diese Frage aufs Tapet gebracht.
Selbst für viele aktive Christen ­ vielleicht gerade für die aktivsten! ­ ist es ein verführerischer Gedanke, eine vollständige Trennung von Kirche und Staat herbeizuwünschen, um die Kirchen zu zwingen, sich auf ihren ureigensten Auftrag zu besinnen, auf die Option für die Armen ­ sie zu zwingen, aus ihrer Lethargie aufzuwachen, Neues zu wagen, neue Wege zu gehen.
Ein verführerischer Gedanke, ein geradezu christlicher Gedanke. Doch darf bei aller Sympathie nicht übersehen werden, was eine solche Trennung zur Folge hätte:
Die Kirchen hätten kaum mehr die Mittel, ihre Aufgaben ernsthaft wahrzunehmen. Und das würde nicht nur für karitative Werke gelten, sondern auch für andere Bereiche, für den Unterricht, die Liturgie, die Information, das Personal.
Überregionale Werke und Einrichtungen wären in höchstem Masse gefährdet, weil es auch keine reiche Zürcher oder Aargauer Kirche mehr gäbe, und auch keinen Finanzausgleich. Und weil sicher nur ein Bruchteil durch freiwillige Spenden (Opfer) kompensiert werden könnte.
Die Kirchen könnten allzu leicht in die Abhängigkeit einiger weniger geraten. Auch in der Kirche könnte dann plötzlich gelten: Wes Brot ich ess', des Lied ich sing' ...
Und was noch viel gravierender wäre: Das Gleichgewicht zwischen Kirche und Staat könnte erheblich gestört werden.
Doch werden die Kirchen dem Ruf nach Trennung von Kirche und Staat den Wind nur dann überzeugend aus den Segeln nehmen können, wenn sie sich selber nicht verführen lassen und sich nicht an Macht, Geld und Strukturen klammern, sondern immer und überall den Menschen auf der Suche nach Lebenssinn Hilfe bieten. Und wenn sie diese Hilfe nicht nur in schönen Worten pflegen, sondern durch die Tat beweisen. Dazu gibt es ja unendlich viele Möglichkeiten.
Im Interesse sowohl der Kirchen wie des Staates sage ich also: Wir müssen die heutige Beziehung nicht aufgeben; wir brauchen vielmehr ein partnerschaftliches Miteinander und Zueinander. Das setzt von beiden Seiten einiges voraus:
Zunächst und wie immer als Erstes: mehr gegenseitige Information und mehr Gelegenheit zum vertieften Gedankenaustausch.
Sodann gegenseitige Anerkennung der je eigenen Rolle und Aufgabe. Die Diskussion in der «Schweizerischen Kirchenzeitung»<8> zwischen Bischof Kurt Koch und EDK-Generalsekretär Hans Ambühl zeigt, dass hier noch einiges aufzuarbeiten und neu zu diskutieren ist.
Für den Staat nehme ich in Anspruch, dass er sich ­ anders als jede politische Partei und anders als jeder Verband, aber auch anders als die Kirchen ­ für alle Menschen auf seinem Gebiet verantwortlich wissen muss. Er muss auch für alle und nicht nur für einzelne eine «Klagemauer» bilden; er muss für alle die gleichen Gesetze und die gleiche Rechtsanwendung sicherstellen ­ und nicht nur für jene, die viel zu bezahlen imstande sind. Sonst wird der Staat käuflich.
Der Staat soll nicht ängstlich auf die unterschiedlichen Glaubensansichten starren, sondern grösstmögliche Freiheit gewähren und dafür einstehen. Die Zeiten der Ketzerei sind vorbei. Der Staat hat aber gleichzeitig darauf zu achten, dass Ausgrenzung, Intoleranz, Verachtung von Minderheiten nicht auf anderem Wege wieder salonfähig werden. Dabei bin ich mir wohl bewusst, dass es hier sehr schwierige Fragen zu klären gilt. Die Auseinandersetzung mit einzelnen Gruppierungen hat zum Teil erst begonnen. Der Staat ist verpflichtet, solche Fragen vorurteilslos zu klären. Wir alle müssen uns dafür genügend Zeit nehmen. Theologen können uns dabei gute Dienste leisten.
Beide Seiten, Staat und Kirchen, sollen auch keine Scheu haben, sich zu dem zu bekennen, was ihre Aufgabe und Überzeugung ist. So bin ich der festen Meinung, dass es weder der Gesellschaft noch dem Einzelnen noch dem Staat selber dienen würde, wenn dieser die abendländisch-christliche Tradition verleugnete.
Darum macht es Sinn, wenn der Bund auch in Zukunft den Kantonen, die Kantone dem Bund und sich gegenseitig mit dem Gruss begegnen: «Wir empfehlen Euch, getreue, liebe Eidgenossen, samt uns dem Machtschutz Gottes.»
Und es soll von uns allen ernst genommen werden, was wir erst vor gut zwei Jahren mit der Annahme der neuen Bundesverfassung bekräftigt haben: «Im Namen Gottes des Allmächtigen.»

In diesem Sinne hoffe ich, dass die Kirchen jederzeit den Weg finden, den Menschen bei ihrer Suche nach dem Lebenssinn zu helfen, dass die Kirchen ­ und das sind wir ja alle! ­ wieder vermehrt hinausgehen zu den Menschen am Arbeitsplatz, zu den Menschen im Zirkuszelt, auf dem Festplatz, im Quartier ­ wie damals, in den fünfziger Jahren, die Arbeiterpriester in Frankreich, wie eine Mutter Teresa in den Strassen Calcuttas, wie ein Bischof Genoud zu den Freiburgern am Stammtisch und so weiter.


Anmerkungen

1 Die vorliegenden Ausführungen wurden anlässlich der Ökumenischen Synode vom 9. September 2000 in Luzern als Referat vorgetragen. Regierungsrat Dr. Anton Schwingruber ist seit 1995 Wirtschaftsdirektor des Kantons Luzern. Vor dieser Zeit führte er ein Anwaltsbüro. Er ist Hauptinitiant des berühmt gewordenen Theaters «Der letzte Ketzer» im September 1999 auf der Sulzig ob Werthenstein und einer Vortragsreihe zum gleichen Thema an der Theologischen Fakultät der Universität Luzern im Wintersemester 2000/2001.

2 Hier kann ich auf die ausführliche Darstellung im «Pastoralen Orientierungsrahmen Luzern» der Katholischen Landeskirche verweisen, vor allem ab S. 6.

3 Zürich 1999, S. 14.

4 S. 32f.

5 Vgl. dazu u.a. Gottlieb Guntern, Maskentanz der Mediokratie, S. 61ff.

6 Juni 1999, S. 7.

7 Nr. 27­28/2. Juli 1987.

8 Nr. 29­30, 2000.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2001