29-30/2001 | |
INHALT | |
Kirche in der Schweiz |
Aufbruch Umbruch» ist das Thema dieser Synode<1>
und es ist das Thema unserer Zeit! Aber ist das so neu? War es nicht
schon immer so, dass sich die Menschen im Aufbruch befanden und dabei stets
einen Umbruch erlebten? Es war so. Doch in unserer Zeit und das ist
das Besondere an ihr erfolgen Aufbruch und Umbruch mit einer ungeheuren
Dynamik. Mit dem heutigen Thema entspricht die Synode der allgemeinen Befindlichkeit.
Gleichzeitig bringt sie zum Ausdruck, wie wichtig es ihr ist, nicht bei
der Skizzierung der Situation zu verweilen, sondern einen Schritt nach vorne
zu tun. Ich will versuchen, diesem Anliegen mit meinen Ausführungen
zu entsprechen.
Lassen Sie mich zwei Vorbemerkungen machen:
Der von mir gewählte Titel könnte die Vermutung nahe legen, ich
würde mich einseitig nur mit der kirchlichen und religiösen Situation
befassen und Fragen der Beziehung KircheStaat ausklammern. Das wäre
ein falscher Eindruck. Ich werde mich selbstverständlich auch damit
befassen.
Sie werden sich fragen, in welcher Rolle ich zu Ihnen spreche. In einer
doppelten: als aktives Mitglied einer der hier vertretenen Kirchen, aber
auch als Mitglied der kantonalen Regierung. Ich werde beides nicht voneinander
trennen können, immer aber meine persönliche Meinung darlegen.
Ich habe in keinem Teil meiner Ausführungen einen offiziellen Auftrag.
Es haben die drei Landeskirchen des Kantons Luzern zu dieser Synode eingeladen.
Ein erfreuliches Zeichen! Allein schon damit wird ein Stück Ökumene
gelebt, wie wir sie eigentlich in diesem Kanton seit langer Zeit pflegen.
Ich darf daran erinnern, dass wir in den vergangenen Jahrzehnten erfreulich
wenig konfessionelle Verwerfungen zu verzeichnen hatten. Wir alle hoffen,
dass dieser Geist anhält. Die heutige Synode gibt Grund zu dieser Hoffnung.
Auch wenn wir als Katholiken feststellen müssen, dass Rom mit der jüngsten
Erklärung der Kongregation für die Glaubenslehre keine besonders
glückliche Hand bewies.
Erfreulich ist auch, dass diese Zusammenkunft gerade jetzt stattfindet.
Ich darf daran erinnern, dass vor 30 Jahren die gesetzlichen Grundlagen
für die Gründung der drei Landeskirchen gelegt wurden. Wir dürfen
feststellen, dass sie sich bewährt haben.
In den Unterlagen zur heutigen Zusammenkunft sprechen Sie jedoch nicht nur
das Thema Ökumene an. Sie weisen vielmehr darauf hin, dass die Kirchen
eine «Kraft des Sauerteigs» sein müssen. Daran schliessen
Sie die provokative Frage an: «...oder werden unsere Kirchen zu Museen?»
Ich möchte die Provokation fortsetzen und noch viel schärfer fragen:
Sind viele Kirchen (verstanden als Bauten) nicht bereits Museen? Und brauchen
wir die Kirchen (verstanden als Institutionen) überhaupt noch? Denn
die Zeichen sind nicht zu übersehen. Nur als Beispiel:
Die 28-jährige Wasserspringerin Jaqueline Schneider stellte in einem
Interview für ihre Person fest: «Ich bin Katholikin ohne Institution.»
Sie dürfte mit dieser Feststellung nicht allein sein!
Dem Statistischen Jahrbuch 2000 der Schweiz ist zu entnehmen, dass die
Landeskirchen zwar noch einen «beeindruckenden Marktanteil»
halten, wie es Urs Widmer im «Tages-Anzeiger» formulierte. Doch
6,7% der Bevölkerung leben bereits ohne einen namentlich bekannten
Gott. Widmer schreibt: «Nur Dialekt sprechen, den ganzen Tag fernsehen
und keine Religion haben: diese Kombination wird immer häufiger.»
Und was der Ministerpräsident von Thüringen, Bernhard Vogel, vor
kurzem zur Situation der Kirchen in den neuen Bundesländern sagte,
trifft mit anderen Vorzeichen versehen wohl immer mehr auch
bei uns zu: Dass nämlich sehr viele Menschen bereits in der zweiten
oder gar dritten Generation keinen Kontakt mehr zu den Kirchen pflegen.
Ausgangspunkt unseres landläufigen Kirchenverständnisses ist
die so genannte «Volkskirche». Von «Volk Gottes»
ist offensichtlich seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil sehr viel die Rede.
Nach einem Wort des deutschen Theologen Norbert Lohfink hat die Kirche selber
die «Gestalt von Welt». Wörtlich: «Die Kirche dient
nicht einem Volk sie ist Volk.»
Landläufig mag das etwas anders tönen. «Volkskirche»
etwa im Sinne der Feststellung: Volk geht zur Kirche. Ich persönlich
verstehe unter «Volkskirche» das, was ich aufgrund meiner persönlichen
Erfahrung und Befindlichkeit bezüglich der Kirche und ihrer Rolle erlebt
habe. Dabei verstehe ich unter «Volk» die Gesamtheit der Bevölkerung
und nicht nur das «einfache Volk» im Gegensatz etwa zu
kirchlichen und staatlichen Würdenträgern oder zur geistigen und
wirtschaftlichen Elite.
Wie sah diese «Volkskirche» in meiner Jugendzeit, in den ausgehenden
fünfziger und den beginnenden sechziger Jahren aus? Als wichtigste
Feststellung: In der traditionellen Gesellschaft jener Jahre war der Jahresablauf
kirchlich und religiös geprägt. Die einzelnen Lebensstationen
von der Taufe bis zur Beerdigung erlebten wir in selbstverständlicher
Anbindung an die Kirche. Taufe, Erstkommunion, Firmung, Trauung, Beerdigung
waren von der Kirche vorgegeben egal, ob sie mich persönlich
betrafen oder nur als Eingeladenen oder als Zuschauer erfassten.<2>
Der Ablauf des bürgerlichen Jahres war stark von den Bräuchen
und Festen der Kirche geprägt:
Eine aktive Fastenzeit als Vorbereitung auf eine eindrückliche Karwoche
mit einprägsamen Ritualen von Palmsonntag bis Ostermontag.
Allerheiligen und Allerseelen mit Totenfeier, Ablassgebet und Gräberbesuch.
Die Adventszeit mit St. Nikolaus.
Weihnachten und Dreikönige
Viele einzelne Bräuche und Feste: Tiersegnung am Tag des «Säulitoni»
(17. Januar), Maria Lichtmess (2. Februar), Blasiussegen (3. Februar), St.-Agatha-Brote
(5. Februar), das Fest des heiligen Josef (19. März), St. Hubertus,
einer der 14 Nothelfer (3. November), St. Martin (11. November) mit dem
Martini-Markt an vielen Orten und selbstverständlich die Namenstage
in der eigenen Familie.
Das Kirchweihfest, verbunden mit der so genannten «Chilbi».
Viele Bittgänge und Prozessionen nach besonderen Festtagen und in der
Woche von Christi Himmelfahrt. In bester Erinnerung sind mir die monatlichen
Prozessionen mit dem Allerheiligsten und mit dem von den Kirchenräten
getragenen Baldachin. (Heute weiss man kaum mehr, wer im Kirchenrat sitzt!)
Schliesslich die vom Staat mitgeprägten Anlässe wie Sempacher
Schlachtjahrzeit sowie Eidgenössischer Dank-, Buss- und Bettag.
Nicht alles, aber vieles von dem ist passé. Einiges konnte «gerettet»
werden; anderes bekam ein neues Gesicht. Ich denke an die Umritte an Christi
Himmelfahrt, die dank der Schönheit der Landschaft, der Freude vieler
Menschen am Wandern und der Renaissance des Pferdes neues Interesse wecken.
Um gerecht zu sein: Es kam auch Neues und Gutes hinzu. Ich denke an Nachtwallfahrten,
Familiengottesdienste in einem völlig neuen Rahmen, Haus- und Wohnungssegnungen,
Gebets- und Bibelgruppen auch für Jugendliche.
Nicht zu vergessen die karitative und soziale Leistung der Kirchen, die
es nach wie vor gibt. Diese Leistung ist in vielem unscheinbar, aber auch
unverzichtbar. Und auch hier gibt es viele neue Initiativen: die Gassenarbeit
(auch in Luzern), das Gespräch zwischen den Generationen, der Gottesdienst
der Evangelisch-reformierten Kirche für Motorradfahrer am Bözberg,
die Begegnung mit Ausländerinnen und Ausländern im Rahmen unserer
Pfarreien, das neue Integrationsprojekt des Katholischen Frauenbundes und
vieles andere!
Aber das konnte und kann die «Volkskirche», wie wir sie alle
gekannt haben, nicht retten. Auch die kirchliche Infrastruktur, die «Annex-Betriebe»
der Kirchen, sind weitgehend verschwunden oder bestehen nur noch in kümmerlicher
Form. Vieles wurde umgewandelt oder hat sich eine neue Zielsetzung gegeben
meist ausserhalb der kirchlichen Bannmeile. Ich nenne für die
Katholiken:
Die «katholische Presse», die es in der früher gerühmten
Weise schlichtweg nicht mehr gibt. Wichtige Organe wie «Jungmannschaft»
sind schon längst eingegangen; andere wie «Mirjam» haben
kürzlich die Segel gestrichen.
Vieles kann ich nur in Stichworten antippen: Volksbuchgemeinde, Vinzenzverein,
Jungmannschaftsverband, Jungfrauen-Kongregationen und viele andere Vereine.
(Erst kürzlich hat der «Schweiz. Katholische Turn- und Sportverband»
seinen Namen abgelegt.)
Das «Kolping» musste verkauft werden; dem «Union»,
einst stolzer Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens von Katholisch-Luzern,
erging es nicht besser.
Bei all diesen Beispielen ist der Umbruch mit Händen zu greifen. Eine
Kultur, eine Tradition ist zu Ende eine neue noch längst nicht
in Sicht.
Da stellt sich tatsächlich die Frage, ob die Kirchen nur noch die Funktion
von Museen besitzen, die man allenfalls in den Ferien besichtigt, und ob
die Seelsorgerinnen und Seelsorger bloss noch den Status von Dienstleisterinnen
und Dienstleistern haben, für Heirat und Taufe manchmal auch
in umgekehrter Reihenfolge! und für die Beerdigung.
Wolfgang Brückner behauptet in seinem Beitrag zum berühmten Werk
über die «Volksfrömmigkeit in der Schweiz»<3>, die öffentlichen katholischen Feste besässen
bloss noch den Charakter folkloristischer Schauveranstaltungen und der evangelischen
Jugendarbeit komme die blosse Funktion städtischer Sozialtherapie zu.
Was blüht, sind neue Gruppierungen, Denominationen jeder Art, Sekten
usw. weit ausserhalb der Kirchen:
Die Esoterikmesse des Jahres 2000 in Zürich verzeichnete innerhalb
von zwei (!) Tagen 15000 Besucherinnen und Besucher.
In Deutschland soll es, gemäss Ausführungen von Hugo Stamm in
seinem neuesten Werk: «Achtung Esoterik»<4>,
30000 Seelsorger der traditionellen Kirchen, aber 500000 Begleitpersonen
im esoterischen Bereich geben.
Kleinanzeigen zu Beratungen füllen ganze Spalten. Ebenso die Ritualangebote
neuestens ein dankbares Feld für ausgetretene Kirchenmitglieder
und dispensierte Priester.
Im «SonntagsBlick» vom 6. August 2000 wurde der «neuen
Religion Shopping» eine ganze Beilage gewidmet. Da waren Schlagworte
zu lesen wie: Die modernsten Kathedralen des Konsums. Report aus dem raffiniertesten
Einkaufstempel Europas. Usw.
Ich sage das alles ohne Bewertung und ohne jede Häme. Diese Zeiterscheinungen
eignen sich auch schlecht für irgendwelche Sprüche.
Es wäre aber höchst gefährlich, zu übersehen, was sich
hinter dieser Entwicklung versteckt: Die Suche und das Bedürfnis der
Menschen nach Lebenssinn. Im gleichen Masse, wie sich die Gesellschaft individualisiert
und die Kirchen die religiösen Grundbedürfnisse nicht mehr zu
befriedigen vermögen aus welchen Gründen auch immer!
versucht jede und jeder, das Glück nach dem eigenen Geschmack zu schmieden
und zu zwingen.<5>
In der Zeitschrift «Christliches Zeugnis», herausgegeben vom
«Campus für Christus»<6>,
heisst es: «Nicht wenige Menschen wenden sich den Formen neuer Religiosität
zu, weil ihnen die traditionellen Kirchen solche Erfahrungen nicht zu vermitteln
vermögen.»
Es liegt nicht an mir, den Kirchen gute Ratschläge zu erteilen.
Das ist die Aufgabe dieser Synode. Aber ein paar Fragen möchte ich
doch stellen. Denn was sich hier tut, kann auch einem Politiker nicht egal
sein:
Zu sehr hängt von dieser Entwicklung das Verhältnis KircheStaat
ab.
Zu sehr hängt von der Frage, wie das geistig-religiöse Umfeld
morgen aussieht, die Einstellung der Bevölkerung zu vielen Problemen
des Staates, der Wirtschaft und der Wissenschaften ab.
Und zu sehr hängt davon das Zusammenleben in unserem Staate ab.
Uns allen muss an einer gesunden Entwicklung der Kirchen und eines aktiven,
unverkrampften religiösen Lebens der Bevölkerung sehr viel liegen.
Daher meine Fragen:
Wie können es sich die Kirchen die eine mehr, die andere weniger
leisten, ihre Leute in einer Sprache anzureden, die längst Vergangenheit
ist oder die schlicht und einfach nicht mehr verstanden wird?
Wie können es sich die Kirchen leisten, der Öffentlichkeitsarbeit,
der Kommunikation nach innen und nach aussen, so wenig Beachtung zu schenken,
sie so stiefmütterlich, so unprofessionell zuhandhaben? Und wenn ich
von Öffentlichkeitsarbeit spreche, dann meine ich alles, was dazu gehört
vom Communiqué bis zum persönlichen Auftritt, von der«Kleiderordnung»
bis zum ungezwungenen Kontakt.
Wie kann es sich die katholische Kirche leisten, wichtige Lebensfragen so
lebensfremd zu diskutieren und zu behandeln als ob es nicht auch in
vielen dieser Fragen einen Wandel geben dürfte, als ob alles und jedes
Dogma wäre.
Wie kann es sich die katholische Kirche leisten, auf viele ihrer besten
Leute zu verzichten nur weil sich diese nicht für ein Leben lang
auf den Zölibat verpflichten lassen wollen?
Wie kann es sich die katholische Kirche leisten, einen gewichtigen Teil
des Volkes Gottes, nämlich die Frauen, von wesentlichen Diensten auszuschliessen?
Hat nicht Bischof Kurt Koch selber, als Professor an der Theologischen Fakultät
in Luzern, im Sommer 1987, in einem viel beachteten Beitrag der «Schweizerischen
Kirchenzeitung»<7> geschrieben: «Gemäss
dieser Verheissung (gemeint ist die Verheissung in Joël 3,12)
kommt der Heilige Geist nicht auf einzelne Erwählte und ÐAusgelosteð
(= Kleriker) wie Lehrer, Könige und Priester herab. Er wird vielmehr
auf das ganze Volk der Glaubenden ausgegossen und macht es zu einem Volk
von Geistlichen, in dem Söhne und Töchter Propheten sind ...»
Schliesslich: Wie lange können es sich die Christen aller Konfessionen
noch leisten, getrennte Wege zu gehen? Denn ich bin der Ansicht, dass uns
im neuen Jahrhundert derart gewaltige Probleme erwarten, dass es unsere
Pflicht ist, die Kirchenspaltung so rasch wie möglich zu überwinden.
Ich weiss, dass solche und ähnliche Fragen mit vielen anderen Fragen
und mit vielen Folgeproblemen belastet sind. Doch richten wache Christen
zu Recht die Anfrage an die Verantwortlichen in den Kirchen, ob nicht endlich
neue Lösungen angestrebt und nicht endlich mutigere Schritte getan
werden müssten.
Ich habe in der Einleitung vermerkt, dass vor 30 Jahren die Landeskirchen
aus der Taufe gehoben worden sind. Ich kann auch darauf hinweisen, dass
vor 20 Jahren, am 2. März 1980, das Schweizer Volk mit einem überwältigenden
Ergebnis die «vollständige Trennung von Staat und Kirche»
abgelehnt hat (1052294 Nein zu 281760 Ja). Auch werden Sie sich daran erinnern,
dass erst vor wenigen Jahren die Zürcher Stimmberechtigten eine ähnliche
Initiative verworfen haben.
Doch täuschen wir uns nicht: Die Frage ist damit nicht vom Tisch. Sie
wird immer wieder gestellt werden. Und je mehr das Denken in Franken und
Rappen zunimmt, je mehr nur noch der kommerzielle und finanzielle Erfolg
zählt, je mehr der Exodus aus den Landeskirchen anhält, desto
hartnäckiger wird auch diese Frage aufs Tapet gebracht.
Selbst für viele aktive Christen vielleicht gerade für die
aktivsten! ist es ein verführerischer Gedanke, eine vollständige
Trennung von Kirche und Staat herbeizuwünschen, um die Kirchen zu zwingen,
sich auf ihren ureigensten Auftrag zu besinnen, auf die Option für
die Armen sie zu zwingen, aus ihrer Lethargie aufzuwachen, Neues zu
wagen, neue Wege zu gehen.
Ein verführerischer Gedanke, ein geradezu christlicher Gedanke. Doch
darf bei aller Sympathie nicht übersehen werden, was eine solche Trennung
zur Folge hätte:
Die Kirchen hätten kaum mehr die Mittel, ihre Aufgaben ernsthaft wahrzunehmen.
Und das würde nicht nur für karitative Werke gelten, sondern auch
für andere Bereiche, für den Unterricht, die Liturgie, die Information,
das Personal.
Überregionale Werke und Einrichtungen wären in höchstem Masse
gefährdet, weil es auch keine reiche Zürcher oder Aargauer Kirche
mehr gäbe, und auch keinen Finanzausgleich. Und weil sicher nur ein
Bruchteil durch freiwillige Spenden (Opfer) kompensiert werden könnte.
Die Kirchen könnten allzu leicht in die Abhängigkeit einiger weniger
geraten. Auch in der Kirche könnte dann plötzlich gelten: Wes
Brot ich ess', des Lied ich sing' ...
Und was noch viel gravierender wäre: Das Gleichgewicht zwischen Kirche
und Staat könnte erheblich gestört werden.
Doch werden die Kirchen dem Ruf nach Trennung von Kirche und Staat den Wind
nur dann überzeugend aus den Segeln nehmen können, wenn sie sich
selber nicht verführen lassen und sich nicht an Macht, Geld und Strukturen
klammern, sondern immer und überall den Menschen auf der Suche nach
Lebenssinn Hilfe bieten. Und wenn sie diese Hilfe nicht nur in schönen
Worten pflegen, sondern durch die Tat beweisen. Dazu gibt es ja unendlich
viele Möglichkeiten.
Im Interesse sowohl der Kirchen wie des Staates sage ich also: Wir müssen
die heutige Beziehung nicht aufgeben; wir brauchen vielmehr ein partnerschaftliches
Miteinander und Zueinander. Das setzt von beiden Seiten einiges voraus:
Zunächst und wie immer als Erstes: mehr gegenseitige Information und
mehr Gelegenheit zum vertieften Gedankenaustausch.
Sodann gegenseitige Anerkennung der je eigenen Rolle und Aufgabe. Die Diskussion
in der «Schweizerischen Kirchenzeitung»<8>
zwischen Bischof Kurt Koch und EDK-Generalsekretär Hans Ambühl
zeigt, dass hier noch einiges aufzuarbeiten und neu zu diskutieren ist.
Für den Staat nehme ich in Anspruch, dass er sich anders als
jede politische Partei und anders als jeder Verband, aber auch anders als
die Kirchen für alle Menschen auf seinem Gebiet verantwortlich
wissen muss. Er muss auch für alle und nicht nur für einzelne
eine «Klagemauer» bilden; er muss für alle die gleichen
Gesetze und die gleiche Rechtsanwendung sicherstellen und nicht nur
für jene, die viel zu bezahlen imstande sind. Sonst wird der Staat
käuflich.
Der Staat soll nicht ängstlich auf die unterschiedlichen Glaubensansichten
starren, sondern grösstmögliche Freiheit gewähren und dafür
einstehen. Die Zeiten der Ketzerei sind vorbei. Der Staat hat aber gleichzeitig
darauf zu achten, dass Ausgrenzung, Intoleranz, Verachtung von Minderheiten
nicht auf anderem Wege wieder salonfähig werden. Dabei bin ich mir
wohl bewusst, dass es hier sehr schwierige Fragen zu klären gilt. Die
Auseinandersetzung mit einzelnen Gruppierungen hat zum Teil erst begonnen.
Der Staat ist verpflichtet, solche Fragen vorurteilslos zu klären.
Wir alle müssen uns dafür genügend Zeit nehmen. Theologen
können uns dabei gute Dienste leisten.
Beide Seiten, Staat und Kirchen, sollen auch keine Scheu haben, sich zu
dem zu bekennen, was ihre Aufgabe und Überzeugung ist. So bin ich der
festen Meinung, dass es weder der Gesellschaft noch dem Einzelnen noch dem
Staat selber dienen würde, wenn dieser die abendländisch-christliche
Tradition verleugnete.
Darum macht es Sinn, wenn der Bund auch in Zukunft den Kantonen, die Kantone
dem Bund und sich gegenseitig mit dem Gruss begegnen: «Wir empfehlen
Euch, getreue, liebe Eidgenossen, samt uns dem Machtschutz Gottes.»
Und es soll von uns allen ernst genommen werden, was wir erst vor gut zwei
Jahren mit der Annahme der neuen Bundesverfassung bekräftigt haben:
«Im Namen Gottes des Allmächtigen.»
In diesem Sinne hoffe ich, dass die Kirchen jederzeit den Weg finden, den Menschen bei ihrer Suche nach dem Lebenssinn zu helfen, dass die Kirchen und das sind wir ja alle! wieder vermehrt hinausgehen zu den Menschen am Arbeitsplatz, zu den Menschen im Zirkuszelt, auf dem Festplatz, im Quartier wie damals, in den fünfziger Jahren, die Arbeiterpriester in Frankreich, wie eine Mutter Teresa in den Strassen Calcuttas, wie ein Bischof Genoud zu den Freiburgern am Stammtisch und so weiter.
1 Die vorliegenden Ausführungen wurden anlässlich der Ökumenischen Synode vom 9. September 2000 in Luzern als Referat vorgetragen. Regierungsrat Dr. Anton Schwingruber ist seit 1995 Wirtschaftsdirektor des Kantons Luzern. Vor dieser Zeit führte er ein Anwaltsbüro. Er ist Hauptinitiant des berühmt gewordenen Theaters «Der letzte Ketzer» im September 1999 auf der Sulzig ob Werthenstein und einer Vortragsreihe zum gleichen Thema an der Theologischen Fakultät der Universität Luzern im Wintersemester 2000/2001.
2 Hier kann ich auf die ausführliche Darstellung im «Pastoralen Orientierungsrahmen Luzern» der Katholischen Landeskirche verweisen, vor allem ab S. 6.
3 Zürich 1999, S. 14.
4 S. 32f.
5 Vgl. dazu u.a. Gottlieb Guntern, Maskentanz der Mediokratie, S. 61ff.
6 Juni 1999, S. 7.
7 Nr. 2728/2. Juli 1987.
8 Nr. 2930, 2000.