26/2001 | |
INHALT | |
Kirche in der Schweiz |
Wer die gelebte römisch-katholische Kirche, diese konkrete Kirche
in einem bestimmten geographischen Raum und zu einer bestimmten Zeit beschreiben
will, kommt nicht umhin, ihre Gestalt wahrzunehmen, ihre verschiedenen Aspekte
kritisch zu unterscheiden und auch wertend zu benennen.
Als Katholische Kirche wird so in der Regel jene Wirklichkeit verstanden,
die in dieser Welt als Gesellschaft verfasst und geordnet ist, «die
vom Nachfolger Petri und von den Bischöfen in Gemeinschaft mit ihm
geleitet wird»; jene komplexe Wirklichkeit also, in der «die
einzige Kirche Christi» verwirklicht ist und die zugleich eine «mit
hierarchischen Organen ausgestattete Gesellschaft» ist und also aus
menschlichem und göttlichem Element zusammenwächst.<1>
Von der Katholischen Kirche zu unterscheiden ist der Katholizismus. Den
Personen und der Sache nach ist der Katholizismus mit dieser Kirche verschränkt,
er umfasst aber auch all jene geistigen, kulturellen, gesellschaftlichen
und politischen Lebensäusserungen der Kirchenmitglieder, die theologisch
nicht zwingend sind, die also weder zum Unverzichtbaren der Kirche gehören
noch deren notwendige geschichtliche Ausprägung sind. So gibt es je
nach geographischem Raum, bestimmter Zeit und gegebenem sozio-kulturellem
Kontext unterschiedliche Katholizismen; so gibt es einen italienischen oder
amerikanischen Katholizismus, einen sozialen oder politischen Katholizismus,
einen Katholizismus des 19. oder des 20. Jahrhunderts. Sie alle sind mehr
oder weniger gelungene Konkretionen des katholischen Christentums.
Weil die Kirche zugleich heilig und stets der Reinigung bedürftig ist
und immerfort den Weg der Busse und Erneuerung geht,<2>
ist sie auf Kritik angewiesen. Auch und noch mehr als die Kirche bedarf
der Katholizismus der Erneuerung und damit der Kritik; denn er umfasst jene
Erscheinungsformen des katholischen Christentums, die zeitbedingt und zufällig
sind. Wenn zudem unterschieden wird «zwischen dem, was die Christen
als Einzelne oder im Verbund im eigenen Namen als Staatsbürger, die
von ihrem christlichen Gewissen geleitet werden, und dem, was sie im Namen
der Kirche zusammen mit ihren Hirten tun»,<3>
dann ist die Möglichkeit nicht nur für ein vielfältiges,
sondern durchaus auch kontroverses politisches, soziales und kulturelles
Handeln der Katholiken und Katholikinnen gegeben<4>
und damit auch die Notwendigkeit zu kritischer Wahrnehmung auch in der Form
innerkatholischer Kritik.
Innerkatholische Kritik richtet sich einerseits gegen Verzerrungsformen
des Menschlichen im Raum des katholischen Christentums und anderseits gegen
Vereinseitigungsformen des Katholischen. Wo Kritik auf eine Reform von Verhaltensweisen,
Verhältnissen und Institutionen abzielt, nimmt sie Mass an einer idealen
Form. Im katholischen Zusammenhang kann diese massgebliche Form ein bestimmtes
Verständnis von Kirche bzw. katholischem Christentum sein, es kann
aber auch ein bestimmtes Verständnis von Menschlichkeit sein: sei es
das Idealbild eines selber denkenden und verantwortlich handelnden Erwachsenen,
sei es die Idealvorstellung eines solidarischen Umgangs der Menschen miteinander.
Auch diese Idealvorstellungen sind nicht zeitlos, sondern stehen in einem
ursächlichen Zusammenhang mit der jeweiligen Zeit, so dass eine Auseinandersetzung
um Ideal und Wirklichkeit im offenen Gespräch, im Diskurs geführt
werden muss.
«Irrtum, Dummheit, Schuld, Charakterfehler und Neurose als die
wesentlichen Verzerrungsformen des Menschlichen sind aus dem Raum des Christentums
in keiner Weise ausgeschlossen.» Das Gesamt dieser oft bis zur Karikatur
entstellten Erscheinungsformen des Katholischen bezeichnet Albert Görres
im Handbuch der Pastoraltheologie, das unmittelbar nach dem Zweiten Vatikanischen
Konzil erschienen ist, als das «Katholizistische».<5>
Seine Ausführungen bieten eine umfassende «Pathologie des katholischen
Christentums», was allein schon die Überschriften der Paragraphen
dieses Kapitels zeigen: Ursprünge möglicher Entstellungen, Das
konkrete Erscheinungsbild der katholizistischen Fehlhaltungen, Pathologie
des Gewissens, Fehlhaltungen bei der Übernahme von Freiheit und Bindung,
Spiritualismus und Geschlechtsmoral, Das Grundübel und Möglichkeiten
seiner Überwindung. Dabei scheut sich Albert Görres nicht, Klartext
zu schreiben; so macht er auf «Gefahren des Vulgärkatholizismus»
aufmerksam, beklagt «die katholizistische Unwahrhaftigkeit»
und macht das Wesen und Unwesen des Katholizistischen darin fest, «die
von Gott verfügte Wirklichkeit einer materiellen Schöpfung und
Geschichte mit ihrer Freiheit, Offenheit und Unsicherheit, mit ihrer komplexen
Vielfalt, Unverfügbarkeit und Unvollkommenheit, mit ihren Prüfungen
und Gefahren nicht dankbar annehmen zu können»<6>.
In der psychologischen und psychotherapeutischen Erfahrung zeigte sich Albert
Görres, der an der Universität München den entsprechenden
Lehrstuhl inne hatte, «dass ein Steckenbleiben in einem infantilen
Bereich als einem Gewissensersatz auch bei solchen Katholiken nicht selten
ist, die in ihrer sonstigen Charakterentwicklung Infantilismen überwunden
haben. Es fehlt ihnen oft der Mut, selbst ein sittliches Urteil zu bilden
und zu verantworten.»<7> Deshalb
vermutete er auch, «dass in katholischen Familien besonderer Wert
auf ein Ðbraves Kindð gelegt und schon sehr früh die natürliche
Spontaneität eingeschränkt wird»<8>.
Manches von dem, was Albert Görres beklagt, hat sich zum Guten verändert,
und er selber hat schon in seinem Beitrag auf erste gute Auswirkungen des
Zweiten Vatikanischen Konzils hinweisen können. Andere Kritikpunkte
sind nach dem Urteil von Fachleuten nach wie vor aktuell, nicht zuletzt
ein bestimmter Infantilismus, dem der an der Universität Salzburg wirkende
Religionspädagoge Anton A. Bucher in einer neueren Veröffentlichung
kritisch nachspürt.<9> Sein Anliegen
ist, das religiöse Kindsein in seiner deutlich gewordenen Zwiespältigkeit
aufzuzeigen. Zum einen nimmt er sich religiöse Bildkomplexe, die es
Heranwachsenden verwehren können und verwehren, auch im Glauben erwachsen
und mündig zu werden, kritisch vor; zum andern zeigt er auf, dass zu
einem ganzheitlichen Vollzug von Religiosität kindliche Komponenten
wesentlich gehören. So plädiert Anton A. Bucher für ein Christentum,
«in dem es nicht nur möglich, sondern gewünscht wird, aus
der Kinderstube hinauszutreten und erwachsen zu werden, ohne aber diejenigen
Fähigkeiten zu verlieren, um derentwillen Kinder zu beneiden sind»<10>. Als Religionspädagoge bedenkt Anton
A. Bucher besonders auch den Beitrag der Erziehung. So stehen für ihn
die infantilisierenden Bilder im Kontext einer Erziehung, die autokratisch
war und vielfach noch ist, wozu er als Beleg unter anderem die Nr.
870 des Weges von Josemaría Escrivá de Balaguer y Albás
zitiert: «Suche nicht, ein Erwachsener zu sein.»
Auch wenn man in der katholischen Kirche ohne weiteres sagen darf, die
Spiritualität von Josemaría Escrivá de Balaguer y Albás
wurzle im Integralismus,<11> wird es weithin
als unannehmbar empfunden, wenn seine Gründung das Opus Dei
als «katholische Sekte» bezeichnet wird. «Sektenähnliche
Strukturen» werden ihm aber wie mehreren anderen Gemeinschaften
und Bewegungen innerhalb der katholischen Kirche von verschiedenen
Seiten vorgeworfen.
Dies hat den Beauftragten der Französischen Bischofskonferenz für
Sektenfragen (Service national «Pastorale, sectes et nouvelles croyances»)
veranlasst, die Thematik «Katholische Kirche und Sekten» im
Anschluss an die erste Lesung eines Sektengesetzes durch die Nationalversammlung
umfassend darzustellen. Seine Ausführungen<12>
zeigen auf, dass sich ein Sektengesetz gegen in einer laizistischen Gesellschaft
unverstandene, aber nicht zu beanstandende religiöse Praktiken richten
könnte, und dass die geltenden Gesetze genügen, um sich gegen
sektiererische Missbräuche gerichtlich wehren zu können. Anderseits
räumt er ein, dass es in kirchlich anerkannten Gemeinschaften sektiererische
Abwege geben kann; Opfer von binnenkirchlichen sektiererischen Abweichungen
könnten sich dann aber auch mit Hilfe des kirchlichen Rechts wehren.
Besonders bemerkenswert und beherzigenswert! sind seine Kriterien
zur Unterscheidung möglicher sektiererischer Abweichungen, die «sektiererische
Tendenzen» in der Kirche zu identifizieren und zwischen den Gruppen
zu unterscheiden helfen können.
«1. Wie funktioniert die Macht? Wer hat sie inne? Wer hat sie an den Leiter übertragen? Auf welchem Gebiet übt er seine Macht aus (schliesst dies das ÐForum internumð ein)? Wird die Ausübung der Macht kontrolliert und wie? Die sektiererische Abweichung ist die Unterdrückung.
2. Wie wird das Wissen weitergegeben? Wer besitzt in der Gruppe die Information? Welcher Platz wird dem Wort des/der Einzelnen eingeräumt? Hat nur der Leiter das ÐWissenð? Hat die Gruppe die Sicherheit, gegenüber jedermann immer Recht zu haben, fühlt sie sich mit der Sendung betraut, alle anderen Gruppen (in der Kirche zum Beispiel) belehren zu müssen? Die Abweichungen heissen Selbstgefälligkeit und Indoktrination.
3. Wie wird Hab und Gut verwaltet? Woher kommt das Geld, wer kontrolliert es und wer erhält es? Wird der Anhänger mit den nötigen Mitteln ausgestattet, wenn er die Gruppe verlässt? Die Abweichung heisst Ausbeutung.
4. Wie werden die Beziehungen gelebt: in der Gruppe (freier Austausch zwischen den Mitgliedern und Respekt vor den Unterschieden) und mit anderen Gruppen (kirchlichen zum Beispiel)? Glaubt sie, sich selber zu genügen, und ist sie auf ihre Entwicklung zentriert? Die Abweichung heisst Abgeschlossenheit.»<13>
Sich an diesen Kriterien zu messen, dürfte für jede Gruppe
selbst für solche nicht religiöser Art wie für
jede kirchliche Gemeinschaft empfehlenswert sein. Mit diesen Kriterien bleibt
die Fragestellung auf der Ebene von Ethik und Recht; das Urteil richtet
sich gegebenenfalls gegen problematische Praktiken, gegen Verzerrungsformen
des Menschlichen auf dem religiösen Feld und im Raum der Kirche.
Sobald es um Inhalte des religiösen Glaubens und gegebenenfalls um
Vereinseitigungsformen des Christlichen bzw. des Katholischen geht, trifft
die Fragestellung auf hohe Sensibilitäten und ein kritisches Urteil
meist auf schroffe Ablehnung. Wenn laizistische Anti-Sekten-Gruppen eine
feste Glaubensüberzeugung kurzerhand als Fundamentalismus abtun, ist
das auch verständlich. Wenn anderseits eine religiöse Gruppe oder
eine kirchliche Gemeinschaft kritische Rückfragen nur abwehrt, setzt
sie sich damit dem Verdacht sektiererischer «Selbstgefälligkeit»
aus.
Kritische Rückfragen müssen vor allem Gruppen und Gemeinschaften
gewärtigen, die ein Profil mit neuen Elementen aufweisen und es
verständlicherweise auch besonders pflegen. Dabei könnten
sie wie ihre Kritiker vermutlich von Gruppen und Gemeinschaften mit altbekannten
Profilen lernen. Eine franziskanische Gemeinschaft zum Beispiel kann sich
an einer bewährten Spiritualität ausrichten, und es wird ihr niemand
vorwerfen, nicht oder nicht auch noch ignatianisch zu sein, wenn sie nur
nicht das franziskanische Profil als das für alle einzig Mögliche
hinstellt und entsprechend dafür wirbt.
Bewegungen und Gemeinschaften jüngeren Datums hatten noch nicht die
Möglichkeit, ihre Profile und Spiritualitäten einer langen Bewährungsprobe
auszusetzen und dabei lernend zu überarbeiten. Zudem lässt sich
von franziskanischer und ignatianischer und anderen Spiritualitäten
nur aus der grossen historischen Distanz sine ira et studio reden.
Um den unübersichtlichen Kosmos der neuen Bewegungen, Gruppen und Gemeinschaften
vielleicht ist er aber mehr Chaos als Kosmos gedanklich strukturieren
zu können, lässt sich das Phänomen der transkonfessionellen
Bewegungen mit Erkenntnisgewinn als Raster einsetzen. In der zweiten Hälfte
des 20. Jahrhunderts sind in Kirchen mit verschiedener konfessioneller Tradition
gleiche oder vergleichbare Einstellungen und Tendenzen aufgetreten und Bewegungen
entstanden, die «gemeinsame allgemeine Ziele bejahen und verfolgen
und ähnliche theologische oder strukturelle Spannungspunkte im Verhältnis
zu ihren jeweiligen Kirchen aufweisen»<14>
und die deshalb als «transkonfessionelle» oder, weil ihre Wurzeln
in Bewegungen und Tendenzen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts zurückreichen,
als «neue transkonfessionelle Bewegungen» bezeichnet werden.
Von besonderer Bedeutung sind inzwischen fünf Bewegungen geworden:
1. Die «konservative» Bewegung: Diese Bewegung setzt sich für die von der Tradition angebotenen Glaubenssätze und Institutionen ein. Auf evangelischer Seite sind es jene, die gegen eine so genannte liberale Theologie für eine verbindliche bzw. orthodoxe evangelische Gestalt des Glaubens eintreten, also die Evangelikalen; auf katholischer Seite sind es jene, die in analoger Weise gegen einen Traditionsverlust für eine Gestalt des Glaubens und der Frömmigkeit eintreten, die ihre Kontinuität mit der Tradition (zumal des 19. und frühen 20. Jahrhunderts) klar erkennen lassen. In Analogie zum Begriff «evangelikal» nannte ich sie schon vor einem Jahrzehnt «katholikal».<15>
2. Die religiös-soziale Bewegung: Diese Bewegung hat eine wichtige schweizerische Wurzel, den von Hermann Kutter angestossenen und von Leonhard Ragaz geprägten religiösen Sozialismus, der zu einer der drei kirchlichen Richtungen im Schweizer Protestantismus wurde. Neue Impulse erhielt diese Bewegung in den 1960er Jahren von den Christen für den Sozialismus. Am Leben erhalten wird der Religiöse Sozialismus in der Schweiz heute vor allem von der Religiös-Sozialistischen Vereinigung der Deutschschweiz.
3. Die Frauenkirche: Damit ist jene vielfältige Bewegung auf den Begriff gebracht, die der Feminismus in verschiedenen Kirchen ausgelöst hat und die in allen Bereichen ihre Auswirkungen hat, von der Theologie bis zur Liturgie.
4. Die kommunitäre Bewegung: Ein neuer Sinn für ein Leben in verbindlicher Gemeinschaft hat zur Gründung nicht nur von Taizé geführt, sondern zur Gründung von vielen und verschiedenartigen Kommunitäten in verschiedenen Kirchen.
5. Die charismatische Bewegung: Diese Bewegung hat ihre Vorgeschichte in der amerikanischen Erweckungsbewegung und Pfingstbewegung und ist heute eine Kraft in praktisch allen Kirchen und von besonderer Stärke in der Dritten Welt.
Betrachtet man den Katholizismus im deutschsprachigen Raum insgesamt,
kann man mit dem Religionssoziologen Karl Gabriel drei Grundströmungen
ausmachen, die zugleich drei alternative Szenarien künftiger Entwicklung
sind.<16> Eine erste Strömung verharrt
gegen eine «Modernisierung» oder «Liberalisierung»,
was immer darunter genau zu verstehen ist, in einem als überzeitlich
gedachten konfessionellen Milieu oder zieht sich dahin zurück. Konträr
dazu lebt eine zweite Strömung gegen ein volkskirchliches Christentum
bzw. einen volkskirchlichen Katholizismus ein entschiedenes Christentum
in basiskirchlichen Gruppen. Eine dritte Strömung öffnet sich
der modernen Lebenswelt und will einen «über Prozesse des Konflikts
und Dialogs verbundenen pluralen Katholizismus»<17>.
Es ist weiter nicht erstaunlich, dass manche der neuen religiösen bzw.
geistlichen Bewegungen, Gruppen und Gemeinschaften der ersten Strömung
zugerechnet werden können und auch zugerechnet werden, weil von beiden
religiös fundierte Antworten auf die Aporien der Moderne gegeben werden.
Ob diese Antworten auch schlüssig und zukunftsfähig sind, müsste
sich in der denkerischen Auseinandersetzung erweisen; und ob die alternativen
Wege im komplexen Alltag besser taugen als die eines pluralen Katholizismus,
müsste die gelebte Wirklichkeit zeigen. Mit Recht wird dem pluralen
Katholizismus von den alternativen Strömungen vorgehalten, er ufere
zu postmoderner Beliebigkeit aus, in ihm fänden nicht nur überzeugte
Gläubige ihren Ort, sondern auch Menschen, die dem Christentum bzw.
Katholizismus nur noch kulturell und der Kirche nur noch finanziell verbunden
seien.
So ist auch der Schweizer Katholizismus nicht nur vielfältig, sondern
voller Widersprüche. Er weist nicht nur komplementäre, einander
ergänzende, sondern auch alternative, einander ausschliessende Momente
auf. Dieses Konfliktpotential wird indes nicht wirklich thematisiert, so
dass mit den widersprüchlichen Positionen auch nicht konstruktiv umgegangen
werden kann. Die fundamentalen Gegensätze zeigen sich dann beispielsweise,
wenn einzelne Gläubige oder Gruppen Gleichgesinnter in einem theologischen
oder kirchenpolitischen Streit Partei ergreifen. Die überstandenen
Churer Wirren sind dafür ein Paradebeispiel; ausgestanden sind die
in ihnen zu Tage getretenen Gegensätze nämlich noch nicht. Konstruktiv
bearbeitet werden können diese Gegensätze indes nur mit einer
Haltung, die Dialog, Konkurrenz und Protest umfasst.
Im ökumenischen Gespräch sind die Kirchen dabei, zwischen unversöhnlichen
Kirchen trennenden Gegensätzen und versöhnlichen
versöhnten Verschiedenheiten unterscheiden zu lernen. Aus gerechtfertigter
Angst vor Proselytismus Werbung mit unlauteren Mitteln wird
in aller Regel auf Konkurrenz und aus Respekt vor der Überzeugung der
anderen auf Protest verzichtet. Im binnenkirchlichen Dialog oder Streit
ist die Ausgangslage eine andere. Der Wechsel von einer Gruppierung
zur anderen erfolgt in der gleichen «Familie», so dass eine
Abwerbung, erfolgt sie nur mit lauteren Mitteln, bzw. ein Gruppenwechsel,
erfolgt er nur aus guten Gründen, schwerlich zu beanstanden sein dürften.
Heikler wird es mit dem Protest, der eine stärkere Widerrede bzw. ein
stärkerer Einspruch ist als die Kritik. Verzerrungsformen des Menschlichen
vom «Katholizistischen» bis zu manchen «sektiererischen
Abweichungen» wie Vereinseitigungsformen des Christlichen bzw.
des Katholischen sind als solche frag- und kritikwürdig. Darüber
hinaus geben sie Grund zu Protest, wenn sie Menschen in ihren Lebens-, Erlebens-
und Handlungsmöglichkeiten einschränken. Ein theologisch einseitiges
Gottesbild darf und muss kritisiert werden. Werden in einer religiösen
Gruppe mit Hilfe eines einseitiges Gottesbildes Menschen zu Skrupulanten
gemacht oder auch nur ein angelegtes Skrupulantentum befördert, ist
im Namen nicht nur der Humanität, sondern auch einer gesunden Lehre
Protest angesagt.<18>
Solange es sich um Einzelfälle handelt, sind es Fälle für
das seelsorgliche Einzelgespräch. Sind Angehörige beunruhigt,
wenden sie sich nicht selten an die Sektenberatung, ist ein Partner, eine
Partnerin betroffen, bekommt die Eheberatung damit zu tun. Für spektakuläre
Fälle interessieren sich die Medien. Nicht erst in diesem Fall beginnen
Beratungsstellen Material über die involvierten Gruppen zu sammeln
und in deren Schrifttum problematische Lehren und Anhaltspunkte für
problematische Praktiken zu suchen. Das alles wird zu kritischen Darstellungen
verarbeitet und bei Gelegenheit im Zeitalter des Internet schon bald
einmal veröffentlicht. Die nicht seltene Kritik solcher Darstellungen
von Seiten der Dargestellten kann verschiedene Gründe haben. Der häufigste
Grund dürfte der in der Sache liegende Unterschied zwischen der Selbst-
oder Eigen- und der Fremdwahrnehmung sein. Was zum Beispiel von einem Mitglied
einer Gruppe als Beheimatung bezeichnet wird, kann von einem Beobachter
seien es Angehörige oder ein Berater, eine Beraterin als
Abhängigkeit wahrgenommen werden. Anderseits ist die Wahrnehmung des
Beobachters, auch wenn er sich um (wissenschaftliche) Objektivität
und Fairness bemüht, wie in allen hermeneutischen Prozessen von einem
Vorverständnis geleitet. So macht es einen Unterschied, ob der Beobachter
ein aufklärerisch kritisches Verhältnis zur Religion hat oder
ob er selber einen religiösen Sinn hat. Sodann ist erheblich, ob er
eher von einer liberalen, aufklärungskompatiblen als von einer konservativen,
orthodoxen Theologie geprägt ist. Dazu kommt, dass die Beurteilung
einer Bewegung oder Gruppierung nicht nur auf Grund von schriftlichen Quellen
vorgenommen wird, sondern auch Beobachtungen und Zeugnisse von Betroffenen
wie Ausgetretenen einbezieht und zudem stark auf die beraterische Erfahrung
abstellt. Die kirchlichen wie säkularen Informationsstellen, aber auch
Sektenspezialisten bei säkularen Medien sind nämlich auch Beratungsstellen
bzw. beraterisch tätig.
So ist weiter nicht erstaunlich, dass Teile der ersten umfassenden Darstellung
der «Neuen Gruppierungen im Schweizer Katholizismus»<19> ins Kreuzfeuer der Kritik geraten sind. Von
Seiten der professionellen reformierten Kirchen-, Religions- und Sektenkunde
wird dieser katholischen Darstellung vorgeworfen, sie sei mit den Bewegungen
innerhalb der eigenen Kirche zu unkritisch umgegangen.<20>
Von Seiten einiger kritisierter Bewegungen wird ihnen vorgeworfen, ihre
Kritik sei unbegründet.
Von einem Kritiker wird die Nomenklatur herausgestellt und der Begriff «katholikal»
als «Unwort» mit dem Argument zurückgewiesen, die so bezeichneten
Bewegungen seien nicht «katholikal», sondern schlicht katholisch.<21> Nun bestreitet der Begriff «katholikal»
das Katholisch-Sein dieser Bewegungen gar nicht, sondern besagt nur, dass
es von einer besonderen Art ist. Er besagt näherhin, dass diese Bewegungen
in ähnlicher genauer: analoger Weise katholisch sind wie
die evangelikalen evangelisch sind. Bei evangelikalen Christen ist eine
Neigung festzustellen, ihre Art des Evangelisch-Seins als die einzig richtige
zu halten und nur sich und Ihresgleichen zu meinen, wenn sie von Christen
sprechen und schreiben. Neigen «katholikale» Katholiken etwa
in analoger Weise dazu, nur sich und Ihresgleichen zu meinen, wenn sie katholisch
sagen und schreiben?
Die Vielfalt der Kirchenbilder und die Vielgestaltigkeit der Glaubenswege
ist auch im Schweizer Katholizismus eine Realität. Diese Vielfalt ist
ein Reichtum, der gefährdet wird, wenn eine theologische oder kirchenpolitische
Position gegen eine andere vorschnell protestiert und polemisiert. Ist eine
theologische oder kirchenpolitische Position überzeugt, eine bessere
Alternative anbieten zu können, darf und soll sie mit den andern konkurrieren
wie die Vertreter und Vertreterinnen der unterschiedlichen klassischen
Spiritualitäten gelernt haben, zu konkurrieren, miteinander um die
Wette zu laufen. Der Reichtum wird aber auch gefährdet, wenn die kritische
Prüfung und Selbstprüfung unterlassen wird. «Prüft
aber alles, und nehmt nur an, was gut ist» (1 Thess 5,21).
1 Zweites Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen gentium, Nr. 8.
2 Ebd.
3 Zweites Vatikanisches Konzil, Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute, Nr. 76.
4 Vgl. Hans Maier, Katholizismus, in: LThK 5 (Freiburg i.Br. 31996) 1368ff.
5 Albert Görres, Pathologie des katholischen Christentums, in: Handbuch der Pastoraltheologie. Praktische Theologie der Kirche in ihrer Gegenwart, Band II/1. Herausgegeben von Franz Xaver Arnold, Karl Rahner, Viktor Schurr, Leonhard M. Weber, Freiburg i.Br. 1966, 277343, Zitat 286f.
6 AaO. 339.
7 AaO. 315.
8 AaO. 312.
9 Anton A. Bucher, Braucht Mutter Kirche brave Kinder? Religiöse Reifung contra kirchliche Infantilisierung, Kösel Verlag, München 1997, 240 S.
10 AaO. 16.
11 LThK3 3, 882f.
12 L'Église catholique et les sectes, in: SNOP no 1086, 15 janvier 2001, p.1621.
13 AaO. 21.
14 Neue transkonfessionelle Bewegungen und die Kirchen. Stellungnahme des Instituts für ökumenische Forschung, Strassburg, Nr. 6, in: Neue transkonfessionelle Bewegungen, (Ökumenische Dokumentation III), Frankfurt a.M. 1976, 11.
15 Rolf Weibel, Katholizismus: Kirche oder Sekte?, in: Zeitschrift für Schweizerische Kirchengeschichte 85 (1991) 249266. Im Unterschied zu «evangelikal» wird «katholikal» allerdings weder als Selbstbezeichnung verwendet noch als Fremdbezeichnung akzeptiert.
16 Karl Gabriel, Christentum zwischen Tradition und Postmoderne, Freiburg i.Br. 1992.
17 AaO. 196.
18 Zum Zusammenhang der Gesundheit mit unserem Thema vgl. Richard Friedli, Suchbewegung. Definition von «Sekte». Das Kriterium «GesundheitKrankheit», in: Civitas 5/6, 1999, Mai/Juni, 8590.
19 Herausgeber: Schweizerisches Pastoralsoziologisches Institut (SPI) und Schweizerische Katholische Arbeitsgruppe «Neue Religiöse Bewegungen» (NRB), NZN Buchverlag, Zürich 2000.
20 Georg Schmid, Friedlich und harmlos, (Das theologische Buch), in: Reformierte Presse 17/2001 vom 27. April und SKZ 18/2001 vom 3. Mai.
21 Martin Meier-Schnüriger in: Schweizerische Katholische Wochenzeitung 6/2001 vom 9. Februar.
Im Frühling lud der Ausschuss der Laientheologen und -theologinnen
im Bistum Basel ein zur diesjährigen Tagung unter dem Titel «Ermächtigt
weiter Auf dem Weg zu neuen Strukturen». Leider musste die Tagung,
wie schon im vergangenen Jahr, auch diesmal wegen zu weniger Anmeldungen
abgesagt werden.
Damit stellt sich für die Ausschussmitglieder die Frage nach der Zukunft
ihrer Arbeit. Bisher diente die jährliche Tagung neben der thematischen
Auseinandersetzung auch der Erneuerung des Mandats für ihre Arbeit.
Nachdem dieses nun zwei Mal nicht erneuert werden konnte, versteht sich
der Ausschuss nicht mehr als Vertretung «der» Laientheologen
und -theologinnen des Bistums Basel.
Der Ausschuss ruft deshalb die Laientheologinnen und -theologen dazu auf,
ihm Vorstellungen über die zukünftige Interessensvertretung im
Bistum mitzuteilen. So ist bereits vorgeschlagen worden, einen Kreis interessierter
Theologinnen und Theologen zu gründen, dessen Tätigkeit die Beobachtung
und Analyse von Entwicklungen auf Bistums- und Weltkirchenebene sein könnte
sowie gegebenenfalls Stellungnahmen zu aktuellen Fragen. Über weitere
Ideen und Anregungen würden sich die Ausschussmitglieder natürlich
sehr freuen. Sie treffen sich ein weiteres Mal am 7. September 2001, um
die eingegangenen Vorschläge zu diskutieren und über das weitere
Vorgehen zu entscheiden. Gedanken hierzu sollen deshalb bitte bis spätestens
am 5. September an die Adresse des Sprechers geschickt werden.<1>
Das Anliegen der letzten durchgeführten Tagung, die Einrichtung einer
Frauenbeauftragtenstelle im Bistum Basel, kann derzeit ebenfalls nicht weiterverfolgt
werden. Die Ausarbeitung eines entsprechenden Antrags, der auf der diesjährigen
Tagung diskutiert und verabschiedet werden sollte, hatte Regula Strobel,
Bildungsstelle Frauenarbeit Biel, übernommen. Falls jemand Interesse
an der Weiterverfolgung dieses Anliegens hat, möge er/sie sich bitte
mit Regula Strobel in Verbindung setzen.
Mit diesem Aufruf verbindet sich die Hoffnung, dass in anderen bestehenden
oder noch zu findenden Gefässen die Anliegen der Laientheologen und
-theologinnen gut aufgehoben sind.
1 Jürgen Heinze, Haltingerstrasse 97, 4057 Basel, Telefon 061-6924844, E-Mail juergen.heinze@freesurf.ch