24/2001 | |
INHALT | |
Kirche in der Schweiz |
Von Christi Himmelfahrt bis Samstag vor dem Welttag der Sozialen Kommunikationsmittel
tagte in Bern die zweite «Tagsatzung im Bistum Basel», rund
hundertfünfzig Männer und Frauen: Priester, Ordensleute und Laien,
von den Dekanaten, der Bistumsleitung, Ordensgemeinschaften, Institutionen
und Organisationen Delegierte, aber auch nur aus persönlichem Interesse
Teilnehmende. Anders als die erste Tagsatzung, die unter dem Stichwort «Macht
und Ohnmacht» mit gegen vierhundert Teilnehmenden 1998 in Luzern durchgeführt
worden war, wurde die Nacharbeit diesmal durch die Einrichtung einer auf
zwei Jahre befristeten Geschäftsstelle «Nachhaltigkeit Tagsatzung
2001» vorbereitet und durch die Wahl der Tagungsmethodik von vornherein
angelegt. Auf einem langen, von einer professionellen Moderation begleiteten
Weg in der strukturierten Grossgruppe und dann im «Open Space»
kam diese Tagsatzung zu einer Reihe von Projektskizzen, das heisst zu Plänen,
wie die als wichtig eingeschätzten Themen über die Tagsatzung
hinaus von Teilnehmenden selber mit weiteren Interessierten bearbeitet werden
könnten.
Inhaltlich vorgegeben wurde zunächst nur das Leitwort «hOffen
sein Vivre l´Éspérance» und die Methode:
aus einem offenen, aber geführten Gespräch, in dem unter anderem
alle Meinungen gleichwertig sind, sollen Projektskizzen hervorgehen. Dieses
Vorgehen führte unter anderem dazu, dass in den Gruppen über die
Bistumsleitung geklagt oder geschimpft werden konnte, dass die beteiligten
Mitglieder der Bistumsleitung im Gruppengespräch ihre Sicht einbringen
konnten, beim Austausch der Gruppenergebnisse im Plenum jedoch so wenig
Stellung nehmen konnten wie die übrigen Teilnehmenden. Dass Bischof
Kurt Koch am Schluss der Tagsatzung deshalb nach geeigneten Strukturen für
die Kommunikation zwischen der Bistumsleitung und den Bistumsangehörigen
verlangte, hat seinen Grund in der Arbeitsmethode dieser zweiten Tagsatzung
und ist durchaus nachvollziehbar.
Der Weg der an der Tagsatzung Teilnehmenden begann bei ihnen selber,
ging es beim ersten Schritt doch darum, «die Sicht von allen»
einzubringen, in der Kleingruppe, der jede und jeder nach einem Zufallsverfahren
zugeteilt wurde, die positiven und negativen Erlebnisse im Zusammenhang
mit der offenen Mitgestaltung von Gesellschaft und Kirche zusammenzutragen
und darüber in der Grossgruppe zu berichten.
Den Übergang zum zweiten Schritt erfolgte mit einer Interaktion mit
dem Playback-Theater Zürich, das Momente des Zusammengetragenen theatralisch
darstellte. Der zweite Schritt vermittelte sodann mit drei so genannten
Kick-Off-Referaten «die Sicht von aussen». In sehr persönlicher
Weise schilderte Pia Seiler ihren Weg mit der Kirche, vom sehr katholischen
Elternhaus in die Schmollecke, weil ihr die Kirche mit ihren moralischen
Vorgaben nicht mehr Heimat war, zurück in den Trost der Rituale dank
Menschen, die im Dienst dieser Kirche stehen. Gilberto Bestetti von der
Missione Cattolica in Bern kritisierte die gesellschaftliche Einschätzung
des Menschen, wonach sich sein Wert nach seiner Wertschöpfung bemisst;
er kritisierte auch die starke Organisation und Struktur der Kirche aus
der Sorge heraus, die Spiritualität würde verloren gehen und die
Priester würden ihr Kerngeschäft, nämlich die Spiritualität,
vernachlässigen. Das Kurzreferat von Michael Krüggeler war eher
sachlich, auch wenn er vom Janusgesicht der offenen Gesellschaft ausging,
insofern sie einerseits mehr Freiheit zur Gestaltung des individuellen Lebens,
anderseits aber auch mehr Abhängigkeit und Unsicherheit bietet. Diese
Offenheit ist auch der Kontext einer offenen Kirche, die damit einer dreifachen
Herausforderung gegenüber gestellt ist: Distanz zur Kirche, die Pluralisierung
und Individualisierung. Seine Erläuterungen dieser dreifachen Herausforderung
fasste Michael Krüggeler in drei Thesen zusammen: 1. «Eine Kirche,
die offen ist für die Menschen, kann keine institutionelle Macht mehr
ausüben. Die Kirche kann nur mehr durch ihre Menschenfreundlichkeit
überzeugen. Jeder Anklang an religiöse Kontrolle in der kirchlichen
Praxis ist zu vermeiden.» 2. «Eine Kirche, die offen ist für
die Anderen, ist in ihrer ganzen Praxis verwiesen auf die Form des Dialogs.
Dialoge machen deutlich, dass ich den Anderen und die Andere in ihrer Andersheit
anerkennen kann und muss. Dialoge sind als Chance zu begreifen: zur Formulierung
der Identität der einzelnen Menschen und der Kirche.» 3. «Eine
Kirche, die offen ist für jeden einzelnen Menschen, braucht einen grundlegenden
Perspektivenwechsel: Nicht mehr die Menschen sind auf die Kirche angewiesen,
sondern die Kirche ist auf die Menschen angewiesen. Die Kirche braucht die
Einstimmung individueller Erfahrungen in die Praxis des Glaubens als seine
je eigene und eigenwillige Realisierung.»
Diese drei Referate waren sodann in den neu zusammengestellten Kleingruppen
unter dem Gesichtspunkt einer Gemeinsamkeit bzw. Unterschiedlichkeit ihrer
Botschaft zu diskutieren. Der Austausch in der Grossgruppe hinterliess den
Eindruck, die Verschränkung von Wirklichkeitssinn und Spiritualität
müsse in der Kirche ein wichtiges Thema werden.
Abgeschlossen wurde der Tag mit einer spielerischen Reflexion mit dem Playback-Theater,
wobei allerdings die Darbietungen der Truppe weit spannender waren als die
Vorgaben der Teilnehmenden.
In den ersten drei Schritten des zweiten Tages wurde das gleichsam Mitgebrachte
in wiederum wechselnd zusammengesetzten Kleingruppen mit anschliessenden
Berichterstattungen in der Grossgruppe ausgebreitet und in eine Auslegeordnung
gebracht. Zunächst ging es darum, ausgehend von einem mitgebrachten
Gegenstand das anzusprechen, was jede und jeder Teilnehmende als für
die gesellschaftliche und kirchliche Entwicklung typisch ansieht. Erfragt
waren damit Trends, die auf uns einwirken; berichtet wurde dann aber eher
über Betroffenheiten.
Anschliessend war eine Sichtung der festgehaltenen Anforderungen und Entwicklungen
hinsichtlich zunächst Ängsten und Befürchtungen und sodann
Hoffnungen und Erwartungen vorzunehmen. Die aufgelisteten Ängste und
Befürchtungen einerseits sowie die aufgelisteten Ansprüche, Hoffnungen
und Erwartungen anderseits wurden sodann mit Markierungspunkten positioniert.
Auf der Liste der Ängste stand die Befürchtung zuoberst, die Kirche
würde die Zeichen der Zeit nicht erkennen, die Kluft zwischen Kirchenleitung
und Kirchenvolk werde grösser, der Sterbeprozess der Kirche werde verdrängt
und die Konfliktkultur sei ungenügend. Auf der Liste der Hoffnungen
standen die Erwartungen zuoberst, die Vollberechtigung der Frauen in der
Kirche würde erreicht und es würden neue Kriterien für die
Ordination eingeführt. Zog man nicht den Begriff, sondern die Sache
mit ihren vielfältigen Aspekten in Betracht, schaffte es die Solidarität
an die Spitze.
Mit den anschliessenden drei Schritten kam die Tagsatzung ihrem Ziel sichtlich
näher. Zunächst ging es darum, ein Wunschbild der Kirche im Jahre
2005 zu entwerfen ohne dabei die Möglichkeit seiner Verwirklichung
zu bedenken; Massnahmen könnten nämlich erst geplant werden, wenn
über die Zukunft Konsens bestehe. Diese Wunschbilder waren dem Plenum
in Form von Interviews vorzustellen, in denen erklärt wurde, was im
Jahre 2005 alles gut läuft und wie es dazu gekommen ist. Im Blick auf
das, «was wir anpacken wollen», waren die Themen herauszukristallisieren,
welche allen ein Anliegen sind. So wurden in den unverändert zusammengesetzten
Kleingruppen Elemente bzw. Themen heraus gearbeitet, die in allen Interviews
vorkamen, und die drei bis fünf für am wichtigsten gehaltenen
der Grossgruppe mitgeteilt.
Schliesslich wurde in fortan freier Tischordnung zunächst am Auftrag
gearbeitet, die Themen aufzubereiten und unter der Rücksicht «wie
wir das anpacken wollen» einer Bearbeitung zugänglich zu machen.
In über zwanzig themenbezogenen Gruppen wurde überlegt, wie sich
das jeweilige Thema im einzelnen als Problem stellt und wie ein möglicher
Auftrag zur Bearbeitung dieser Problemstellung lauten könnte. Darüber
erstellte jede Gruppe ein Protokollblatt.
Diese Protokollblätter wurden vervielfältigt und den Teilnehmenden
am dritten Tag mit dem Auftrag zur «Verdichtung/Zusammenlegung/Ergänzung»
ausgehändigt, indem in den Kleingruppen zu überlegen war, welche
Themen allenfalls zusammengehören und welche Themen allenfalls zusätzlich
zu bearbeiten wären. Das Ergebnis war eine Reihe von Themen, die zu
Projekten hätten entwickelt werden können.
Ob sich zu einem Thema Teilnehmende zusammenfanden, um eine Projektskizze
zu erarbeiten, war so ein Vorentscheid über die Nachhaltigkeit bzw.
Nacharbeit. So wurden zwölf Projektskizzen ausgearbeitet und dem Plenum
präsentiert. Für die Weiterarbeit an einigen Projekten haben sich
Teilnehmende bereits so verpflichtet, dass sie erste Folgetreffen vereinbaren
konnten; andere Projekte sind eher Vorschläge an Gremien oder Pfarreien,
und bei wiederum anderen wurde nicht deutlich, ob und wie eine Weiterarbeit
an die Hand genommen werden soll. Sobald die Projekte von der «Nachhaltigkeitsgruppe»
formal bereinigt sein werden, werden wir in diesen Spalten darüber
genauer informieren können.<1>
Nach der Präsentation der Projektskizzen wurde von der Moderation «den
leisen Stimmen, die gerne überhört werden», und der Leitung
der Tagsatzung Susi Günther-Luz und Paul Jeannerat das
Wort zum Abschluss erteilt. In diesem Zusammenhang sprach Bischof Kurt Koch
sein Dankeswort an die an der Tagsatzung Beteiligten; er halte es nicht
für selbstverständlich, drei Tage für eine solche Veranstaltung
einzusetzen. Der Diözesanbischof zeigte sich von der Vielfalt der Überlegungen
beeindruckt und vom dabei zum Tragen gekommenen Gleichgewicht zwischen strukturellen,
politischen und spirituellen Aspekten erfreut. Anderseits bedauerte er,
dass die Kommunikation zwischen der Bistumsleitung und den an der Tagsatzung
Teilnehmenden keinen strukturellen Ort hatte; so müsse die Bistumsleitung
für die Kommunikation zwischen ihr und den Bistumsangehörigen
neue Gefässe suchen. Immerhin verstehe sich die Tagsatzung als Beitrag
zum diözesanen Projekt «Als Getaufte leben. Aufbruch des Bistums
Basel ins 3. Jahrtausend» und sie sei auch ein wesentliches Element
dieses Projekts.
In der Homilie des Schlussgottesdienstes zum Tagsatzungsaspekt der Rechenschaft
von der christlichen Hoffnung ging Bischof Kurt Koch von der von Clodovis
Boff festgestellten gesellschaftlichen und kirchlichen Müdigkeit Europas
aus; in kirchlicher Hinsicht zeigt sich dem Bischof von Basel diese Müdigkeit
darin, dass das Christentum zwischen Säkularismus und Fundamentalismus
hin- und hergerissen ist, was auch in den Grabenkämpfen zwischen Progressisten
und Traditionalisten zum Ausdruck komme. Müde geworden sei Europa,
aber nicht Gott-vergessen und schon gar nicht Gott-verlassen. So seien in
der heutigen Gesellschaft und Kirche auch viele hoffnungsvolle Aufbrüche
wahrzunehmen. «In der Kirche erblicke ich persönlich das schönste
Hoffnungszeichen in der grossen Zahl von engagierten Laien, die sich für
die Zukunft der Kirche verantwortlich fühlen und viel Kraft und Energie
in das gegenwärtige Leben der Kirche investieren. Wenn man einen kurzen
Seitenblick in die Kirchengeschichte wirft, kann man sogar feststellen,
dass diese Zahl noch selten so gross gewesen ist wie heute. Dies erfüllt
auch mich mit Freude und Genugtuung und nährt Hoffnung.»
Diese Aufbrüche seien indes nicht der tiefste Grund der christlichen
Hoffnung; christliche Hoffnung sei immer und zutiefst Hoffnung auf Gott
und sein Kommen und sie gründe im Bekenntnis zum Auferweckten und in
der Anteilhabe an seiner Auferstehung in unserer Taufe. Deshalb blicke sie
immer über den Tod hinaus. «Aber diese Hoffnung auf das neue
Leben, das über den Tod hinausreicht und uns in der Taufe schon geschenkt
ist, wirft ihr Licht bereits auf unser jetziges Leben. Solche Hoffnung kommt
unserem Leben zugute und verändert es. Solche Hoffnung ermöglicht
vor allem Solidarität und erschliesst zugleich den grössten Radius
zwischenmenschlicher Solidarität. Denn Solidarität ist nur dann
in ihrer ganzen und universalen Tragweite ernstgenommen, wenn sie die Solidarität
unter den Lebenden auch auf die Solidarität mit den Toten hin aufschliesst.»
Abschliessend mahnte Bischof Kurt Koch, auch die Fortsetzung der biblischen
Aufforderung zur Rechenschaft von der Hoffnung zu bedenken: «Aber
antwortet bescheiden und ehrfürchtig; denn ihr habt ein reines Gewissen»
(1 Petr 3,15). Unter den pluralistischen Bedingungen der Gegenwart werde
das Christentum hierzulande immer spürbarer Diasporakirche werden und
sein; und in einer säkularisierten Gesellschaft müsse die Kirche
dem Menschen erstens auch eine säkularisierte Antwort geben, und diese
liege schlicht im Zeugnis.
Die Rechenschaft über die christliche Hoffnung erfordere zweitens,
vor allem das eigenes Gewissen zu erforschen. «Dazu gehört, dass
wir uns Rechenschaft darüber geben, dass sich zu Jesus Christus bekennen
immer auch heisst Partei zu ergreifen für ihn in öffentlichen
und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen. Christliches Bekennen der Hoffnung
bedeutet deshalb immer auch ein Abstandnehmen von dem, was unserer Gemeinschaft
mit Christus entgegensteht und von ihr wegführt... Die Rechenschaft
der Hoffnung, die uns erfüllt, will jedenfalls praktisch werden in
unserem Leben durch ein überzeugtes Engagement für den Frieden
gegen den Krieg, für Gerechtigkeit gegen Unterdrückung und für
das Gottesrecht auf Leben von der Empfängnis bis zum Tode gegen den
erodierenden Zerfall der Menschenrechte.»
Bischof Kurt Koch schloss mit der Aufforderung: «Bleiben wir offen
für die Herausforderungen der heutigen Zeit und geben wir demütig
und selbstbewusst Rechenschaft von der Hoffnung, die uns erfüllt, in
der Praxis der Liebe, die es verdient, ÐHoffnung in Aktionð genannt
zu werden.»
1 Kontakte vermittelt die Geschäftsstelle «Nachhaltigkeit Tagsatzung 2001» Vreni Moser im RomeroHaus, Kreuzbuchstrasse 44, 6006Luzern, Telefon 041-3720950, Fax 041-372 09 52, E-Mail nachsatzung@tic.ch (Dienstag und Donnerstag 9 bis 12 Uhr).
Das Ende August 1998 in vielen Pfarreien gestartete Bistumsprojekt «He!
Was glaubst Du?» ging in die dritte Phase. Nach dem Sehen und Urteilen
wurde Mitte Mai in der Kathedrale St. Gallen mit einem Gottesdienst und
einem anschliessenden Bratwurst-Imbiss der Übergang zum Handeln mit
Open End gefeiert. «Mit der Frage ÐHe! Was glaubst du?ð haben
wir in einer Zeit der Orientierungslosigkeit und des Wertemangels die Menschen
an einem Punkt angesprochen, an dem ein grosses Bedürfnis nach Austausch
besteht. Das geht aus den Ergebnissen deutlich hervor. Glauben ist nicht
mehr ein von der Kirche verordneter Inhalt, sondern ein lebendiger Prozess
mündiger Subjekte. Auf dieser Ebene wollen die Christinnen und Christen
von der Kirche abgeholt werden.»
Diese Aussage stammt von Damian Kaeser-Casutt, Leiter der Arbeitsstelle
kirchliche Jugendarbeit des Dekanates St. Gallen (akj). Er ist das jüngste
Mitglied der fünfköpfigen Arbeitsgruppe, die das Dialog-Projekt
seit Herbst 1997 vorbereitet, dazu in den verschiedensten Gruppierungen
animiert und es auch intensiv mit starkem persönlichen Engagement begleitet
hat. Die Pfarreien und die mitmachenden Gruppierungen haben den dritten
Teil für den Projekt-Ordner erhalten. Er enthält die Zusammenfassung
und eine Analyse der Rückmeldungen aus der Phase des Urteilens. Die
Arbeitsgruppe konnte mit Freude feststellen, dass viele Seelsorgende, Pfarreiräte
und in verschiedenen Gruppen Engagierte sich sehr ernsthaft mit ihrem Leben,
ihrem Glauben und mit ihrer Arbeit in der Pfarrei auseinandergesetzt haben.
Die im Ordner mitgelieferten Handlungsimpulse sollen nun helfen, sich für
die nahe Zukunft überschaubare Ziele zu setzen oder auf dem eingeschlagenen
Weg Schritt für Schritt weiterzugehen.
«Die Kirche wurde mit dem Bistumsprojekt nicht neu erfunden, aber es wurde vielerorts ein Akzent gesetzt gegen die Resignation.» Davon überzeugt ist Josef Manser, Pfarrer in Speicher-Trogen-Wald und Präsident der Arbeitsgruppe. Die Gespräche über den Glauben und Glaubenserfahrungen, nach welchen übrigens eine grosse Sehnsucht spürbar geworden ist, zeigten «Glaube ist der Rede wert». Viele Menschen leben auch heute aus der Verankerung im Glauben. Heute aber, so Josef Manser, genügt es nicht mehr, dass «Profis» inhaltliche Glaubenspäcklein von oben nach unten weitergeben. Das Volk Gottes will nicht einfach versorgt werden, die einzelnen Mitglieder vor allem jene, die sich ihrer persönlichen Verantwortung für die Glaubensgemeinschaft bewusst geworden sind wollen als eigenständige Persönlichkeiten ernst genommen werden. Die Erfahrungen mit dem Bistumsprojekt könnten daher zu einem Modell heutiger Glaubensverkündigung werden.
Das Bistumsprojekt hat über eine längere Periode verschiedenste Menschen verbunden. «Das gemeinsame Nachdenken über das Wesentliche und Bleibende in unserer Glaubensgemeinschaft ist eine entscheidende Grundlage für den Wandel der Kirche in einer veränderten Welt», fasst Bischofsvikar Markus Büchel als weiteres Mitglied der Arbeitsgruppe seine Erfahrungen mit dem Bistumsprojekt zusammen. Die Verbindlichkeit erhielt es dadurch, dass jeder neue Schritt von Bischof Ivo Fürer selber mitgetragen und mitverantwortet wurde. Dies gewähre auch, dass «die geleistete Arbeit und die vielen Anregungen jetzt in der Pastoralplanung des Bistums sorgfältig beachtet werden». Vorbildlich zeigt das Projekt auf, wie neue Aufgaben angegangen werden können: «Dialog und Einander-Ernstnehmen müssen die kirchliche Arbeit prägen.»
Es gab Seelsorgende, die Mühe hatten, sich auf das Projekt einzulassen oder es über längere Zeit weiterzuführen. Vielleicht lassen sie sich aufgrund der vielen positiven Echos doch noch anstecken. Der Ordner mit den Arbeitsunterlagen behält seinen Wert als gutes Instrument für die pastorale Arbeit. Franz Kreissl, Pastoralassistent im Seelsorgeverband Ebnat-Kappel/Neu St. Johann und Sekretär der Arbeitsgruppe, möchte jedenfalls mit grosser Lust in seiner Arbeit weiterhin dialogisch vorgehen. Er ist überzeugt, dass «der Dialog ein Charakteristikum der Christen sein wird, weil er die Einzelnen und die Gemeinschaft, die Tradition und den Augenblick ernst nimmt, auch wenn er anstrengend sein kann».
Lisbeth Ebneter-Fässler, Appenzell, die als Delegierte des diözesanen Seelsorgerates in der Arbeitsgruppe mitwirkte und sich dabei unter den Profis sehr wohl fühlte, hofft, dass es «mit Sorgfalt und Achtung zu neuen Aufbrüchen im Handeln kommt». Sie ist davon überzeugt, dass in jenen Gemeinschaftserlebnissen die Zukunft der Pfarreien liegt, bei denen der und die Einzelne sich engagieren und Verantwortung für den andern tragen, bei denen Anteil am Leben des andern genommen wird und der und die andere ermutigt und gestärkt werden.
Nicht im Büro, sondern öffentlich in der Kathedrale St. Gallen
hat Bischof Ivo Fürer von Pfarrer Josef Manser den seit 1998 immer
wieder ergänzten Ordner entgegengenommen. Zeugen waren Seelsorgerinnen
und Seelsorger, waren Ordensleute, Vertreterinnen und Vertreter von bischöflichen
Beratungsgremien, waren Frauen und Männer, die am Bistumsprojekt mitgearbeitet
haben und es weiterhin tun. Als «mittlerer Senior» spüre
er, sagte Bischof Ivo, dass sein Weg in die Tiefe des Glaubens nie abgeschlossen
sei, dass er immer wieder am Anfang stehe, dass er immer wieder neu sehen
und urteilen müsse, um dann handeln zu können. Der Ordner ist
Symbol für den Auftrag an die Bistumsleitung, im Sinn und Geist des
Dialogprojektes «He! Was glaubst Du?» in die Zukunft zu gehen,
die Anregungen und Wünsche von der Basis Schritt für Schritt umzusetzen
und bei allen Entscheidungen im Auge zu behalten.
Die Arbeitsgruppe hat sich mittlerweile aufgelöst. Ihre wertvolle Arbeit
wurde in der Kathedrale mit Applaus verdankt.
Rosmarie Früh ist Informationsbeauftragte des Bistums und des Katholischen Konfessionsteils des Kantons St.Gallen.
Das in einer Auflage von 60000 Exemplaren von der St. Galler Bistumsleitung
herausgegebene Faltblatt mit dem Titel «Einladung zu befreitem Leben»
und der Säntis-Silhouette im Hintergrund präsentiert sich auf
den ersten Blick wie ein Werbeprospekt für die Ostschweiz. Auf den
zweiten Blick entpuppt es sich als «aamächelige» Einladung
zum Nachdenken und zum Gespräch sowie als Impulsgeber.
Die «Einladung» ist das Abschiedsgeschenk der Arbeitsgruppe,
die das Bistumsprojekt «He! Was glaubst Du?» vorbereitet und
begleitet hat, und gleichzeitig ist sie das Startgeschenk des Bistums für
die Weiterarbeit. Pfarreien, die auf die letzte Seite ihren Stempel drücken,
bezeugen damit ihre Bereitschaft, Menschen mit ihren Fragen nicht allein
zu lassen. Arbeitsgruppe und Bistumsleitung wünschen, dass die an keinen
Termin gebundene «Einladung» persönlich weitergegeben und
nicht einfach verschickt wird wie irgendeine Einladung zu einer Hauptversammlung.
Dieser Wunsch schliesst nicht aus, dass sie als Visitenkarte der Pfarrei
und des Bistums in den Schriftenständen der Kirchen und Pfarreizentren
aufliegt.
Das Ende als Anfang: Die Arbeitsgruppe «Diözesanes Projekt»
schliesst mit Erscheinen des 3. Teils für den Projektordner ihren Auftrag
ab. So wird deutlich und bewusst: die so genannte 3. Phase, das «Handeln»,
muss wirklich Anliegen und Aufgabe aller Seelsorgenden und engagierten Glaubenden
sein oder werden.
Alle sind eingeladen: Bischof, Seelsorgende auf allen Ebenen, diözesane
und pfarreiliche Räte, ja eigentlich alle Glaubenden sind eingeladen,
die vielen Impulse und Anregungen aufzunehmen.
Ziele setzen und nicht aus den Augen verlieren: Schritt für Schritt
wird es notwendig sein, sich kurz-, mittel- und langfristige Ziele zu setzen
und alles zu unternehmen, was für ihr Erreichen hilfreich ist.
Die eigenen Kräfte kennen: Dabei gilt es, von einer realistischen Einschätzung
der eigenen Kräfte auszugehen. Denn selbst leicht erreichbar erscheinende
Ziele können unerreichbar werden, wenn sie in einer Fülle zu hoher
Ziele untergehen oder die Handelnden sich zu viel zumuten. Hilfreich kann
es sein, eins nach dem anderen zu tun und mit dem anzufangen, was am meisten
Freude macht.
Weiterarbeit auch im Bistum: Die Anliegen, die sich an das Bistum
als Ganzes richten, werden in der Pastoralplanung des Ordinariates und der
diözesanen Räte aufgenommen und weiter bearbeitet. Auch hier wird
nicht alles auf einmal verändert oder gelöst werden können.
Manche sehr einleuchtende Forderung wird in der Umsetzung Jahre kontinuierlicher
Arbeit brauchen und viel Geduld erfordern.
Suchet zuerst das Reich Gottes... dann wird euch alles andere dazugegeben
(vgl. Mt 25,33). Unser Handeln als Christinnen und Christen kommt immer
von Gott her und verweist letztlich auch auf ihn. Dieses Wissen ermöglicht
uns ein entschiedenes und vertrauensvolles Handeln, das die Vorläufigkeit
und Begrenztheit unseres Tuns nicht vergisst und offen ist für Überraschendes
und Neues.